Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sind ungefähr 50 gewesene Studenten, Alte Herren von Verbindungen und Vereinen u. a., zusammengekommen, um über die Gründung eines Vereines oder Verbandes zu beraten. Das einberufende Komitee konnte oder mochte den Erschienenen kein Programm vorlegen, sondern begnügte sich mit der Bekanntgabe, daß ein derartiger Verein nötig wäre und gegründet werden müßte, um die Arbeitskräfte, die bei den gewesenen Studenten seit dem Tage ihres Austrittes aus der Hochschule brach liegen, der Partei nutzbar zu machen. Das war ein entschiedener Fehler; denn es ist Pflicht der Einberufer einer Versammlung, den Erschienenen mindestens das Skelett einer Debatte zu geben. Ganz einfach im Interesse der , Sache selbst, weil so und soviele unnütze Reden nicht gehalten worden wären und alle Redner mehr zum positiven Teil hätten sprechen können. Welches sind also die Aufgaben, des neugegründeten Verbandes? Unserer Meinung nach soll der Verband der Konzentrationspunkt der Intellektuellen des Zionismus sein. Er soll eine Gelegenheit bieten, mit tätigen, hervorragenden Gesinnungsgenossen in engen Kontakt zu kommen. Alle diejenigen, die nicht nur ein reges Interesse ir. Zionismus haben, sondern auch gewillt sind, dieses Interesse in eine Form zu bringen, aus der der Partei und der Idee Nutzen entspringen kann, können nun im Kreise der Verbandsmitglieder diesem ihrem Interesse Ausdruck verleihen, durch Beschäftigung mit den Problemen des Zionismus und der Partei als. solchen ihre eigenen Ansichten wirksam zur Geltung zu bringen, etwaige Fehler kritisieren, Anregungen geben und aas alles in einer zwanglosen, Vornehmen und vor allem nicht exponierenden Art. Denn man darf nicht vergessen: viele würden mehr arbeiten gönnen, iviele würden sehr gute Gedanken über die Sache äußern können. Aber es ist nicht jedermanns Sache, Zeitungsartikel zu schreiben und .in großen Versammlungen-zu sprechen. Man staunt oft, auf welch treffende und fördernde Ideen man bei persönlichen Bekannten stößt. Wenn man aber nun von ihnen verlangt, diese Ideen auch weiterzugeben, darüber zu schreiben oder einen Vortrag zu halten, so scheitert das oft und oft an dem Unvermögen, oder besser gesagt, an der Scheu des Betreffenden, öffentlich zu sprechen oder einen Artikel zu schreiben. Auf diese Weise gehen viele Kräfte verloren. Denn bis jetzt gibt es kein anderes Gebiet, tätig zu sein, 'als das der Zeitung, der Volksversammlung und der Agitation von Mann zu Mann — um nicht von den mehr äußerlichen Dingen, wie Gelder sammeln etc. zu sprechen — ein Gebiet, auf dem sich eben nicht jeder entwickeln kann, sei es seiner Abneigung wegen, sich in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu drängen, sei es ^us persönlicher Unsicherheit, öffentlich das Wort zu ergreifen. Der neugegründete Verband aber bedeutet für alle diejenigen, die sich bisher aus Scheu vor der Oeffentlichkeit, aus Abneigung vor Vereinsmeierei zurückgezogen haben, ein Forum, auf dem sie unter gleichstehenden, nicht zu zahlreichen Gesinnungsgenossen und Berufskollegen sich aussprechen können, sich selbst festigen, Anregungen empfangen und geben können. Die Verbandsabende sollen mehr das Bild einer zwanglosen Zusammenkunft, eines Klubabends bieten, als das einer „Sitzung“. Es möge zu Beginn des Abends ein oder das andere Thema von irgend einem zur Diskussion gestellt werden, über welches die, die öffentlich sprechen wollen, mit Hilfe des Präsidiums öffentlich sprechen können, diejenigen, die das nicht wollen oder können, mögen mit den ihnen Zunächstsitzenden, ihren Freunden, darüber sprechen. Dadurch wird nun etwas herbeigeführt, was von eminenter Bedeutung ist. Die^ persönliche Ausbildung und Festigung jedes einzelnen im Zionismus. Jeder im Leben stehende Akademiker bildet in einem — wenn auch kleinen Kreise von Familienangehörigen, Berufsgenossen, oder sonstigen Bekannten, einen geistigen, manchmal auch wirtschaftlichen Mittelpunkt. Seine Meinung, seine Ansichten werden leicht zur Meinung und Ansicht der umgebenden Personen. Welche Auspizien eröffnet nun die persönliche Einflußnahme! Nun ist es eben Aufgabe des neugegründeten Verbarides, alle seine Mitgliederfähig zu machen, in ihrem Kreise, der noch so eng sein mag, durch ihre persönliche Ansicht agitierend zu wirken. Es ist Pflicht eines jeden Akademikers, dem Verbände anzugehören, aber der Verband inuß es dahin bringen, daß es auch eine Ehre ist, ihm anzugehören. Er soll geistig und gesellschaftlich an erster Stelle stehen, seine Idee soll die Idee jedes einzelnen sein. Mitglied des Verbandes zionistischer Akademiker zu heißen, soll eine Garantie sein für die persönliche untadelige Gesinnungsfestigkeit und Ueberzeugungstreue des Betreffenden. Dazu ist es ja eine Vereinigung von Intellektuellen, daß [jeder Einzelne sich durchbilden kann. In diesem Verein soll es keine Mitläufer geben. Denn es ist ja da keine Arbeit für den Verein zu leisten, sondern nur Arbeit für sr'ch (als Mittel für unsere Idee). Das wäre die eine Aufgabe des Verbandes, dessen inneren Aufbau ich mir höchst einfach vorstelle. Kein Ausschuß, sondern einfach ein Präsidium, bestehend aus den vom Gesetze geforderten Stellen. Daß nun im Rahmen des Ver- Beschluß in der Entwicklung ihrer Partei um viele Jahre zurückgeworfen wurden. ,i * * * . Wie bekannt, wurden bei der letzten Reichsratswahl in Tarnopol über 700 Stimmen des zionistischen Kandidaten Adolf Stand annulliert, weil die Stimmzettel in. ruthenischer Schrift mit „Schtand“ ausgefüllt waren. Vater dieses Annullierungsgedankens war ein Moschko namens Dr. Rudolf Mantel, seines Zeichens Advokat und Allpole. Besagtem' Herrn ist Unheil widerfahren. Eine Revision der städt. Sparkasse in Tarnopol ergab nämlich, daß Dr. Mantel aut Grund seines kaum einen Wert von 100.000 K repräsentierenden Objektes eine Hypothekäranleihe von 80.000 K bei der Sparkasse bekommen hat. Es muß hinzugefügt werden, daß der Vater des Dr. Rudolf Mantel, Direktor der Sparkasse war. Außerdem ergab die Revision, daß ein gewisser W i 11 i n, Schwiegersohn einer zweiten assimilatorischen Leuchte, des Direktors Doktor Horovitz, einen Wechselkredit von 100.000 K voll .ausgenützt hat, trotzdem für die Kreditwürdigkeit dieses Herrn nichts als die furchtbare Mißwirtschaft der Direktion spricht. Da das Land Galizien für die Tarnopoler Sparkasse die Haftung trägt, wurde die Statthälterei von diesen sauberen Geschäften verständigt. Es ist daher zu erwarten, daß die Direktion über die Art, wie man mit den ersparten Groschen der Bevölkerung zu wirtschaften hat, entsprechende Belehrung erhalten wird. Der Verband der ehemaligen zionistischen Hhademiftep. Das, was seit Jahren ein oft geäußertes Bedürfnis war, ist nun endlich ins Leben getreten; das heißt, auf Initiative einiger Herfen Er zog den Knaben an sich und indem er ihn umarmte, neigte er sich zum Uhrmacher und sprach leise: „Weil er ein zartes Kind ist . . . Eine Waise . . . Mit sehr weichem Herzen . . .“ Er streichelte des Knaben Gesicht und sprach : „Geh’ Liebchen! Leg dich schlafen, morgen mußt du früh in die Schule.“ Der Kleine machte vor dem Uhrmacher seinen Kratzfuß, drückte des Großvaters Hand an die Lippen und verschwand hinter dem roten Vorhang, der die Stube von dem kleinen Alkoven trennte. Der alte Jude blinzelte, räusperte sich und fragte: „Nun, mit Verlaub, mein Bester, wer hat erzählt, daß man die Juden schlagen wird? Ich wollte vor dem Kinde nicht fragen, um cs, Gott bewahre, nicht zu erschrecken. Es ist ein sehr Zartes Kind; aber jetzt will ich Sie ohne Umschweife fragen . . .“ Er lächelte verbindlich und seine grauen Augen blickten freundlich drein. Der Uhrmacher, der durch die früheren Ausführungen des Juden ein wenig aus dem Häuschen geraten war, fühlte auf einmal wieder seine Ueberlegenheit. „Man sagt . . .“ bemerkte er nachlässig und kniff die Lippen zusammen. „Nun, und wer sägt es?“ forschte der Jude weiter, seine sammtenen Augen blickten schärfer und stechender. „Die Leute sagen’s . . .“ bemerkte der Uhrmacher in der gleichen Tonart. Plötzlich sprang der alte Jude zwei Schritte zurück. Sein Blick glühte, seine Lippen bebten und den Kopf hielt er vorn übergeneigt. ’;,Die Leute ... die Leute sagen’s?“ fragte er mit vor Zorn bebender und immer-steigender Stimme. „Die Leute? . . .“ Und nach jedem Wort beugte er sich weiter nach vorne. Der Uhrmacher blickte gleichgiltig drein, spielte mit der Uhrkette und schaukelte mit dem Fuß. Er war der Meinung, daß das Benehmen des Juden ihm gegenüber unpassend und lächerlich sei. „Worüber wundern Sie sich so?“ fragte er kalt. Inzwischen hatte sich der alte Buchbinder beruhigt. „Sie irren sich, mein Bester“, sagte er. „Das sprechen nicht die Leute, das spricht der Branntwein, das spricht die Schänke, das spricht die Bosheit und Dummheit, das spricht der schlimme Wind, der da weht.“ Er streckte die eine Hand aus und machte eine abwehrende Bewegung. „Schlafen Sie ruhig, mein Bester. Und auch ich werde ruhig schlafen und auch das Kind wird ruhig schlafen! In unserer Stadt ist viel Kummer, viel Finsternis und viel Unglück, doch so weit ist es ,mit unserer Stadt noch nicht gekommen, daß in ihr Leute wie Hunde beißen. Deswegen können Sie ganz ruhig bleiben!“ Er biß die Lippen zusammen und langte mit ernster Miene nach dem schweren Zinkleuchter, als wollte er dem Gast zur Tür hinausleuchten. Der Uhrmacher rückte vom Tische ab, warf den Havelok um, drückte den Hut, der ihm auf den Rücken herabgerutscht war, fester auf den Kopf und entfernte sich mit mit einem hingewörfenen „Gute Nacht!“. Dann wandte sich der Jude von der Tür ab , stellte den Leuchter auf den Tisch und begab sich auf den Zehen zu der Schlafkammer, schob den roten Vorhang ein wenig zur Seite und horchte. Aus dem Innern des Schlafraumes vernahm man den fieberhaften, unregelmäßigen, heiseren Atem des Kindes. "Eine kleine Lampe aus grünem Glas brannte dort auf dem Stuhle. Der Alte streifte die Pantoffel ab, ging auf das Bett zu und betrachtete unruhig und forschend das glühende Gesichtchen des Knaben. So stand er einige' Sekunden da, den Atem 'in der Brust zurückhaltend, dann seufzte er auf, ging aus dem Schlafraum hinaus, ließ sich auf einen Schemel schwer niederfallen, stützte die Hände auf die Kie und wiegte seinen grauen Kopf. Er war niedergedrückt und sah um zehn Jahre älter aus. Lautlos bewegten sich seine Lippen, schwer atmete die Brust, und die Augen waren starr auf den Fußboden gerichtet. Die dünne Kerze in dem Zinkleuchter war dem Erlöschen nahe. Am nächsten Morgen erwachte die Gasse, still und ruhig wie immer. Gdanski stand in seiner Lederschürze vor seiner Werkbank. Seine große Schere knisterte scharf auf dem Papier, die Preßschraube, bis zum letzten Kreis gedrückt, quietschte, das schmale, lange Messer blitzte in der Morgensonne. Die Papierstreifen flogen geräuschvoll nach rechts und nach links. Der alte Buchbinder arbeitete fieberhaft, hastig; seinem welken, von tiefen Runzeln durchfurchten Gesichte merkte man an, daß er die Nacht schlaflos verbracht hatte. Nachdem er den dünnen Kaffee der Nachbarin getrunken hatte, wurde ihm leichter zumute, und er füllte die kurze Pfeife, zündete sie an und ging, den Enkel zu wecken. Der Knabe hatte heute ungewöhnlich lange geschlafen. Während der Nacht hatte er sich lange im Bette herumgewälzt und jetzt schlief er tief und ruhig. Ein dünner Sonnenstrahl, der durch den zurückgezogenen Vorhang in das Schlafgemachfiel, traf seine Augen, seine Lippen und die schmale, nackte Brust; und er entzündete bald in den dunklen Haaren, bald in den langen, herabgesenkten Augenwimpern goldbraune, schimmernde Flämmchen. (Fortsetzung folgt.)