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Jüdische Zeitung · 1911-11-10 · 45 (10.11.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
45 (10.11.1911)
Date
1911-11-10
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 45 dere scheine ihm dies für die Oelbaumspende zuzutreffen. Professor W ä r b u r g erwidert, daß die von Herrn Kann genannten Institutionen zum Teil Privatgesellschaften seien, daß aber bei keiner Gesellschaft Grund zu Vorwürfen vorliege. Diese Punkte führen zu einer langen Debatte, an der sich sich sämtliche Mitglieder des A. C. beteiligen. Aus der Debatte geht hervor, daß das Aktions-Komitee darin übereinstimmt, daß die Gesellschaften viel Gutes leisten. Naturgemäß mußten wir erst allmählich über den Zustand des Experimentierens hinauswachsen, und manche Schwierigkeiten sind noch zu überwinden. Herr Sokolow führt in Ergänzung des Referates über die Kulturfrage aus, daß sich eine große Arbeit für die zionistische Organisation durch das Studium der Schulfrage im Orient eröffne. Dies sei eine sehr ernste und wichtige Angelegenheit und müsse Gegenstand einer sorgfältigen Enquete sein. Diese Ausführungen begegnen allgemeiner Zustimmung. Von den Beschlüssen des A. C. zur Frage der Palästinaarbeit sind folgende liervorzuheben: 1. Antrag des' E. A. C.: Bezüglich der praktischen Arbeit in Palästina ist das A. C. der Ausicht, daß alle Arbeit auf den Erwerb von Ländereien durch Privatleute und auf die Förderung unserer Parzellierungsgesellschaft, der P. L. D. C., konzentriert werden muß. Das E. A. C. wird beauftragt: 1. In allen Landesverbänden und Sonderverbänden eine energische Arbeit nach dieser Richtung hin einzuleiten; 2. den Kqngreßbeschluß wegen Erhöhung des Kapitals der P. L. D. C. auf das schleunigste durchzuführen; 3. die Agitation für den N. F. einschließlich ■seiner Nebenabteilungen (Genossenschaftsfonds, Oelbaumspende, Arbeiter-Heimstä'.tenfonds) dauernd mit allen Mitteln zu unterstützen. 2. Antrag Tschlenow: Das E. A. C. wird beauftragt, alle nötigen Maßregeln zur Schaffung eines Institutes für Agrarkredit zu treffen. 3. Antrag B ö h in : Das E. A. C. wird beauftragt, gemeinsam mit den Leitern der verschiedenen zionistischen Institutionen einen Arbeitsplan aufzustellen, in welchem jeder der Institutionen ihre bestimmten Aufgaben zugewiesen Eeuijleton. Nachdruck verboten. Mendel Gdanski. Von Marya Konopnicka. Uebersetzt aus dem Polnischen von R. M. (3. Fortsetzung.) Er sprach immer hastiger, mit leidenschaftlicher und zugleich gedämpfter Stimme, neigte sich gegen den Uhrmacher und durchdrang ihn mit glühendem Blicke. Nach einer Weile richtete er sich auf, sog den tiefen und schweren Atem in die alte Brust und sagte mit traurigem Lächeln: „So haben wir ihn schon nicht mehr Mendel genannt, sondern Jakob.“ „Kubus, komm her!“ rief er, als ob er sich erst jetzt an die Anwesenheit des Knaben erinnerte. Und als der Kleine sich vom Stuhle erhob und vor dem Uhrmacher einen Kratzfuß machte, und sich an den Großvater schmiegte, streichelte ihm der Alte den Kopf und sprach: „Kubus, das ist ein Name, den auch Sie, mein Bester, bei passender Gelegenheit einem würdigen Sohne geben können. Das ist ein solcher Name, von dem man, wie bei jenem Urteil des Königs Salomo, sagen kann: Er soll weder mir noch dir gehören. Das ist ein guter Name. Mit diesem (Namen werden wie jiuf ebener Straße die Leute von den schlechten zu den guten Zeiten wandeln, wenn einer dem andern nicht nachrechnen wird, wieviel Kinderwiegen in seinem Haus stehen. . . . Denn in diesen vielen Wiegen steckt gar viel Arbeit, und viel Hunger, und auch gar manches kleine Grab!“ „Und nicht darin liegt Weisheit, daß wenige Menschen existieren; die Hauptsache ist, daß sie, viel Gutes schaffen, besser säen, tiefer graben und mehr pflanzen. Es sollen viele Erwerden und durch den ein einheitliches und reibungsloses Zusammenarbeiten der einzelnen Leitungen der Institutionen gewährleistet wird. 4. Antrag Weizmann und M o t z k i n: Das E. A. C. wird beauftragt, für eine der nächsten Sitzungen des A. C. alles erreichbare Material über die Möglichkeiten der Einwanderung nach dem Orient zu sammeln und zu bearbeiten. (Schluß des Berichtes in der nächsten Nummer.) fiembepgep Brief. Von unserem Korrespondenten. Der Beschluß des zionistischen Zentralkomitees in Galizien bei den Ersatzwahlen in Zioczow und Drohob} cz, Wahl enthaltung zu üben, beziehungsweise sich' in Drohobycz mit der Bekämpfung Löwensteins ohne Unterstützung seines Gegenkandidaten (?) Segal, zu begnügen, ist lehrreich. Er beweist, daß am 19. Juni 1911 nicht bloß die zionistischen Kandidaten eine Niederlage erlitten haben, sondern daß auch die politische Raison arg, zugerichtet wurde. Im Leitartikel des dieswöchentlichen „Wschöd“ wird von den Repressalien der Löwenstein - Feuerstein - Clique in herzbewegenden Worten berichtet. Es wird vom Unmute nicht nur der Zionisten, sondern der gesamten Intelligenz erzählt. - An anderer Stelle wird auf die Unmöglichkeit hirigewiesen, Doktor Segal, den Gegenkandidaten Löwensteins, der ein polnischnationäles Programm vertritt, zu unterstützen. Und trotzdem befindet sich auf Seite 5 die Notiz, daß das Zentralkomitee mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse davon Abstand nehmen muß, eine eigene Kandidatur zu nominieren. Ein logisch Denkender muß aus dem Leitartikel den Schluß ziehen, daß es Gebot der Sittlichkeit, Gebot der politischen Raison ist, gegen die Clique Feuerstein und Löwenstein zu Felde; zu ziehen. Das galizische Zentralkomitee ist jedoch anderer Ansicht. werbstüchtige sein, sollen viel Vernünftiges anderen hegen. Mir'hat ein alter Bauer erzählt, daß, wenn ein Storch mehr Kinder hat, als er ernähren kann, er eins oder zwei aus dem Neste herauswirft. Sie, mein Bester, brauchen also sich darüber keine Sorgen zu machen. Auch über die Menschen ist eine Macht gesetzt, welche die Mäuler und auch die Körner an der Aehre zählt. . . .“ Er faßte seinen grauen Bart und drückte den Kleinen fester an sich: „Nun, ich heiße nicht nur Mendel, sondern auch Gdanski. Was bedeutet Gdanski? Einen Menschen oder eine Bache, die aus. Gdansk stammt? Sie verstehen, mein Bester? .... Es gibt Gdansker Schnaps, Gdansker Koffer und auch Gdansker Spinde .... Und so wie diese aus Gdansk stammen, so bin ich auch aus Gdansk. Ich bin weder Pariser, noch Wiener, noch Berliner — sondern -Gdansker. Sie, mein Lieber, behaupten, daß ich ein Fremder sei. Nun, ist das möglich? Kann ich ein fremder sein, wenn ich ein Gdansker bin? Wollen Sie das behaupten? Ist (etwa (dort -schon die Weichsel ausgetrocknet? Fahren von unserer Stadt keine Floße dorthin? Treiben denn die Barfüßler nicht mehr unsere Boote? . . . Schenken Sie all* das den Fremden? Sind Sie so freigebig? Schade, daß ich es nicht früher wußte, daß Sie so freigebig sind, ich hätte Sie sonst um die Hälfte Ihres Ladens, wenigstens um die Hälfte aller dort befindlichen Uhren gebeten . .,.“ Der Uhrmacher lachte und hielt sich die Seiten. „Was Sie nicht alles sagen! Da haben Sie mal ein Stückchen ausgeführt, das Gott selbst nicht besser hätte treffen können! Weil er aus Gdansk stammt, ist er schon ein Einheimischer! Ha! Ha!“ Der alte Jude schüttelte den Kopf und Welche Gründe sind für das Zentralkomitee bei seiner Entschließung maßgebend gewesen? Eingestandenermaßen nur folgende: Die Drohobyczer Gesinnungsgenossen sind infolge verschiedener Umstände nicht in der Lage mit aller Energie den Kampf aufzunehmen; es ist leider kein geeigneter Kandidat gewillt, der „aussichtslosen“ Wahlbewerbung seinen Namen zu geben; die politische ■ Reife der galizischen Juden ist noch nicht so weit gediehen, als daß eine Zähl - Kandidatur Verständnis finden könnte. Eine neuerliche (unausbleibliche!) Niederlage würde die ohnehin gesunkene Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse vollständig untergraben. Von den angeführten Gründen ist keiner stichhältig. Die, Drohobyczer Gesinnungsgenossen haben viel zu oft besondere Opferfreudigkeit bekundet. Es ist schwer anzunehmen, daß sie angesichts der wütenden Feuerstein-Clique untätig bleiben würden. Durch die Macht der Verhältnisse werden sie zu einer Stellungnahme gezwungen werden und ihre Haltung kann dann nur eine zionistische sein. Ebenso ist es unwahr, daß es an geeigneten Kandidaten fehle. Jeder unbescholtene 30jährige Zionist ist ein entsprechender Kandidat, denn er ist Träger des zionistischen Prögrammes. Ebenso verlehlt ist der Standpunkt, daß eine neue Niederlage katastrophal, wäre. Die Wahlenthaltung wird vielmehr in ihren Wirkungen katastrophal sein. Jeder wird mit eigem Recht sagen können, die zionistische Leitung habe sich der Situation nicht gewachsen gezeigt. * Unser politisches Kredo lehrt, dieAssimi'ation,unsere To .feindin, um jeden Preis zu bekämpfen. Durch den letzten Beschluß des galizischen Zentralkomitees hat die Assimilation. Vertrauen in sich gefunden und erhebt ihr Haupt stolzer denn je.» -Die-vjüdischnationaien aber haben das öefühl, daß sie durch diesen lächelte. Verschmitztheit leuchtete aus seinen Augen, doch sein Lächeln war bitter und bissig. „Mendel Gdanski. und Jakob Gdanski“, sagte er nach einer Weile ernst und wandte sich an seinen Enkel, als ob er ihm die Bedeutung seines Namens und seiner Familientradition zeigen wollte. „Nun, was ist dieser Mendel Gdanski? Er ist ein Jude, der in dieser Stadt geboren wurde, in dieser Stadt von seiner Arbeit lebt, in dieser Stadt die Gräber seines Vaters, seiner Mutter, seiner Frau und seiner Tochter hat. Und er selbst wird in dieser Stadt seine Gebeine'niederlegen.“ „Nun, und was ist dieser Kubus Gdanski?“ fuhr er fort, indem er den Jungen bis in die Mitte der Stube rückte. , „Der da ist ein Schüler. Er sitzt in der Schule, auf der Bank neben seinen Kameraden sitzt er, liest in Büchern, schreibt und lernt. Nun, und wozu lernt er? Er lernt, um sich Vernunft anzueignen. Wohin wird er diese Vernunft tragen, wenn er sie erworben hat? Er wird sie nach keinem fremden Orte tragen, Er wird sie nicht forttragen, um sie im Wasser zu ertränken, noch um sie im Feuer zu verbrennen, noch in der ,Erde zu vergraben., Er wird hier klug sein, in diesem Lande, in dieser Stadt seine Vernunft verwerten. All die Vernunft, welche ohne ihn da war, bleibt in diesem Lande, und es kommt noch für dies Land so viel hinzu, als Kubus besitzt. Glauben Sie, mein Bester, daß dann zu viel Vernunft im Lande, sein wird? Nun, so einen. Unsinn glauben Sie wohl selbst nicht.“ „Nun, und wenn er klug sein wird, wird ■er Dinge kennen, von denen weder ich noch Sie, mein Lieber, etwas wissen. Vielleicht wird er auch erkenneni daß alle Menschen Kinder eines Vaters sind, und daß alle Menschen einander heben sollen, wie Brüder. . . ,“

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