Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 45 (10.11.1911)
- Date
- 1911-11-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3SS8£ .nr.™rl .D.R.™ 388s ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden ■ tätlich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ■ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ■ | Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 45 Wien, Freitag, den 10. November 1911 V. Jahrgang Rundschau. Innsbruck. . Es waren bittere Tage, welche die Führer der österreichischen Sozialdemokratie anläßlich der Parteikonferenz in Innsbruck durchlebten. Sie mußten sich das Geständnis abringen, daß das so lange unterdrückte Nationalitätenproblem nunmehr auch die sozialdemokratische Partei bis in die Grundpfeiler erschüttert, und daß zufolge der Ungeschicklichkeit und Hinterhältigkeit, mit welcher die Parteileitung jede Diskussion der nationalen Frage unmöglich gemacht und Jede nationale Regung der Organisierten vergewaltigt hat, die Krise einen geradezu verhängnisvollen Charakter angenommen hat. Nicht weniger als 400.000 tschechische Arbeiter, die Kerntruppen der österreichischen Proletarier, haben sich von der Zentralpartei losgesagt. Das Hauptverdienst an diesem Ausgange gebührt den jüdischen Führern der Partei, den Herren Adler, Austerlitz, Hartmann, Diamand und Konsorten. Sie waren die Hauptschreier im Kampfe gegen die Durchführung der nationalen Autonomie innerhalb der Partei, sie waren es, die am hartnäckigsten das Dogma von der Nationslosigkeit der österreichischen Arbeiter verteidigt, jeden Einwand gegen dasselbe als Ketzerei tind Verrat niedergebrüllt haben. Es ist begreiflich, daß gerade ihnen dieses Dogma am teuersten war, daß gerade sie sich im großen Strome der absoluten Nationslosigkeit behaglich fühlten. Weil sie ihr jüdisches Volkstum abgestreift haben, sollen die Angehörigen der anderen Nationen das gleiche tun. Sie wollen keine Diskussion der nationalen Frage, weil diese schließlich auch zu Erörterungen des Volkstumes der Herren Juden in der Sozialdemokratie führen könnte, weil nationalfühlende deutsche, tschechische und polnische Arbeiter auf den Gedanken kommen könnten, das nunmehrige Verhalten der jüdischen Assi- Fleisch von ihrem Fleische, sondern Juden sind, die eigentlich in eine j.ü’dische Kurie der sozialdemokratischen Partei gehören. — Nun ist die CBombe geplatzt, die nationale Frage ist von der Tagesordnung nicht mehr weg zu kriegen. Und es ist sehr interessant, daß nunmehrige Verhalten der jüdischen Assimilanten zu beobachten. Nachdem sie eingesehen, daß ihre internationale, besser gesagt nationsfeindliche Position nicht mehr zu halten ist, sind sie flugs ins deutschnationalchauvinistische Fahrwasser hinübergesegelt. Austerlitz und Hartmann sind Patentdeutsche geworden. Austerlitz, der als Reichratskandidat in Jargonflugblättern und Jargonreden für sich arbeiten ließ, posiert den deutschen Kulturträger und Hartmann, der jüdische Renegat, ging soweit, den Tschechen das Recht auf ihr Volkstum abzusprechen und dekretierte, daß sich die tschechischen Arbeiter den deutschen assimilieren müssen! Die Herren taten so deutsch, daß den echten Deutschen dabei übel wurde und ihre Vertreter versicherten, daß sie mit den Ansichten der Austerlitze und Hartmänner absolut nichts gemein haben. Die alte internationale Lüge der Assimilationsjuden hatte eben kurze Beine, ihre neue deutschnationale Lüge hat aber noch kürzere. Es dämmert in Arbeiterkreisen. Der Tag, da auch in der Sozialdemokratie das Recht der Juden auf ihr Judentum anerkannt werden wird, da die Erkenntnis p'.atzgreifen wird, daß die sozialdemokratische Partei keine Entjudungsanstalt sein darf, dieser Tag muß bald kommen, trotz des 'Widerstandes des halb- und ganzgetauften Führerklüngels! * * * Die Nachwahlen in Galizien. Wie die Parteiblätter berichten, hat das Zionistische Zentralkomitee in Lemberg beschlossen, anläßlich der Neuwahlen in den Reichsrat in Drohobycz und Z 1 oczow keine zionistischen Kandidaturen ati;zuste’!en. Begründet wird dieser Beschluß — wenn man von einigen gezwungenen Redensarten über derzeitige mißliche Umstände, Mangel an geeigneten Kandidaten (?) u. dgl. m. absieht — nicht. Dieses Vorgehen' ist einfach unerklärlich und unverantwortlich. Es muß schon jetzt festgesie'lt werden, daß dieser Beschluß dem Empfinden der großen Majorität der jüdischen Nationalpartei zuwiderläuft.. Es wäre freudig zu begrüßen, wenn, ungeachtet dieses schädlichen Beschlusses, die Kandidierung unseres 'Programmes in Zloczow und Drohobycz noch jetzt durchgeführt würde. Sitzung des großen Rgilationsliomitees der zionistischen Organisation. Am 4. und 5. November fand in Berlin die Sitzung des großen Aktionskomitees statt. Anwesend waren die fünf Mitglieder des E. A. C., Professor Warburg, Dr. Jacobson, Doktor Hantke, Dr. Levin und Sokolow”. Vom großen A. C. waren fast sämtliche Mitglieder erschienen: Dr. Bodenheimer, Böhm, Fischer, Dr. Friedemann, B. Goldberg, Dr. Halpern, Doktor Haußmann, Idelsohn, Kann, Dr. Klee, Doktor Marmorek, Motzkin, Podlischewski, Rosoff, Rosenbaum, Schein, Simon, Stand, Tschlenow, Ussischkin, Prozessor Weizmann und Wolffsohn; die Herren Keßler, Kremenetzky und Naiditsch haben ihr Fernbleiben entschuldigt. Ferner nahmen an der Sitzung die Direktoren des J. C. T. Dr. Katzeneisohn, Cowen, und Feldstein, der Vorsitzende der Misrachi-Förderation, Doktor Franck, und Herr Bezalel Jaffe aus Palästina teil. , Der Vorsitzende, Professor Warburg, erinnert in seiner Eröffnungsansprache daran, daß dies die erste Sitzung des Aktions-Komitees nach dem Kongreß sei, die an dem Sitz der neu gewählten Leitung stattfindet. Das A. C. ehrt das Andenken des Herrn Saphir, des Subdirektors der A. P. C. und des Herrn A z ar i a durch Erheben von den Sitzen. Hierauf geben die Herren S o k o 1 o w und Dr. Jacobson einen ausführlichen Bericht über die politische Lage. Das Referat über die Palästinaarbeit erstattet Professor Warburg. Er weist in dem Bericht darauf hin, daß die prinzipiellen Richtlinien unserer Palästinaarbeit festgestellt werden müßten. Manche Tätigkeitsgebiete werden von anderen Organisationen bearbeitet, doch gibt es wiederum Spezialgebiete, denen, wir uns vorwiegend zuwenden müssen. Als erster Punkt wäre die Erforschung Palästinas zu nennen, für die jetzt von Fall zu Fall Erforschungsarbeiten angestellt werden, so oft eine Frage wirtschaftlicher Natur an uns herantritt. Die Ideen-Propaganda leisten wir hauptsächlich durch die Presse. Von größter Wichtigkeit sind Paiästinareisen unserer Gesinnungsgenossen. Unser Hauptinteresse richtet sich naturgemäß vor allem auf die Schaffung größerer agrikultureller Institutionen. Wir müssen einen Landkauf- und einen Okkupationsfonds haben. Ersteren brauchen wir, um Landkäufe durchzuführen, sobald sich Kaufmöglichkeilen bieten. Letzterer muß die Kredite gewähren, die nötig sind, um das Land sofort zu bewirtschaften. Für die Zwecke der Parzellierung haben wir die Palestine Land Development Co., die aber in ihrer Entwicklung sehr gehemmt ist, weil ihr kleines Kapital in der Farm Kinereth festliegt, und daher für diese Parzellierung größerer Ländereien auf den Kredit des J.N.F. angewiesen ist. Dieser Kredit kann aber nicht sehr hoch bemessen werden, da das eigene Kapital der Gesellschaft zu gering ist, auch fehlt es ihr an dem nötigen Okkupationsfonds. Daher muß die P. L. D. C. ganz anders gestellt und mit viel größeren Kapitalien, ausges’attet werden, um ihre hochwichtige Aufgabe durchführen zu können. Die Wichtigkeit des Agrar-Kredites ist allgemein anerkannt, wir brauchen neben dem langfristigen Agrarkredit für die ärmeren Ansiedler auch einen Betriebskredit, der nicht für lange Jahre festliegt. Von den gemeinnützigen Unternehmungen, die wir fördern müssen, ist der Bezalel, der Verband Jüdischer Frauen, sowie die geplante Gartenstadt zu nennen. Ferner gehören hierzu die ländlichen gemeinnützigen Institutionen, hauptsächlich die Siedlungsgenossenschaft. Da die Mittel des Nationalfonds großenteils bereits festliegen, so müssen wir für die vielseitigen Aufgaben der Kolonisation neue Mittel schaffen, und zwar durch Heranziehung von Privatkapital und Verkauf der Anteile der P. L. D. C. Im Anschluß an das Palästina-Referat erstattet Dr. L e v i n das Referat über die kulturellen Aufgaben. Er führt aus, daß die zionistische Organisation mit anderen Organisationen philanthropischer Natur auf dem Gebiet des Schulwesens heute nicht konkurrieren könnte. Wenn sich die zionistische Organisation aber damit befaßt, die Schulentlassene Jugend zu fördern, und durch Einrichtung von Volksuniversitäten und Fortbildungskursen im Orient Einfluß zu gewinnen, so wird sie in rascher Zeit und mit verhältnismäßig geringen Mitteln einen großen Einfluß auf die orientalische Judenheit gewinnen und sie in unserem Sinne erziehen. In Palästina selbst haben wir die wichtige Aufgabe, die Organisation der jüdischen Lehrer und die hebräische Presse zu fördern. Für 'diese großen und wichtigen Aufgaben haben wir keine Mittel, aber das E. A. C. betrachtet es als seine Aufgabe, die Mittel hierfür zu schaffen. An die beiden Referate schloß sich eine lange Debatte, die am Montag vormittag noch fortgesetzt wurde. Herr J. H. Kann führt aus, er beabsichtige nicht, prinzipiell Opposition gegen die Palästinaarbeit zu machen, doch habe er auf Grund von fachmännischen Urteilen die Ansicht gewonnen, daß manche unserer Gesellschaften nidfct kaufmännisch genug verwaltet werden, ineberon-