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Jüdische Zeitung · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44 züglicli. In etwa einer halben Stunde ist jetzt mittels Wagens oder Bootes die Bahnstation Semach zu erreichen, von der aus man in den komfortablen Wagen der Hedsdiasbahn binnen drei Stunden in Haifa sein kann. In der anderen Richtung bringt die Eisenbahn den Reisenden in neun Stunden nach Damaskus, der Metropole Syriens. Die Stadt Tiberias, in der die Juden die Mehrheit der Bevölkerung bilden, ist zu Wagen und zu Boot noch nicht eine Stunde entfernt. Mit der Indienststellung eines guten Motorbootes wird die Fahrtdauer nach Semach und Tiberias sich* nur noch auf eine Viertelbezw. auf eine halbe Stunde belaufen. Herzls Projekt. Wenn Theodor Herzl einst von der Errichtung einer modernen jüdischen Villenstadt am Tiberias-See geträumt und sie in „Altneuland“ so reizvoll geschildert hat, so kann kein Ort in gleichem Maße wie Kerak für die Gründung einer solchen Stadt in Frage kommen. Tiberias ist durch die Anhäufung von mehr als 10:000 Menschen auf engem Raume und durch die Armut seiner Bevölkerung für absehbare Zeit gehindert, sich zu einer modernen Stadt zu entwickeln. Kein Europäer mit höheren Kulturansprüchen könnte es in der engen und schmutzigen Stadt längere Zeit aushalten. Es bleibt also, wenn man gleichzeitig eine Eisenbahnverbindung in der Nähe haben will, für die Anlage einer Stadt nur das Seeufer zwischen Tiberias und Semach übrig, und auf dieser Strecke findet sich kein Punkt von gleich schöner Lage wie die Halbinsel Kerak. Hier könnte der Herzische Traum verwirklicht werden. Es sind dazu weder große Mittel noch besonders große Anstrengungen erforderlich. Die alten Steine würden zum großen Teil ein vorzügliches Baumaterial abgeben. Wasser zum Bau ist durch den See in unbegrenzter Menge vorhanden. Schon mit 10.000 bis 20.000 Frks. (je nach der Größe) würden sich schöne Villengebäude aufführen lassen. Größe des Terrains. Die Halbinsel ist über 200.000 Quadratmeter groß und hat für mindestens 200 Villen mit Gärten Platz. Etwa 30 Villen würden sich direkt am See auffüh'ren lassen. Man kann sich schon jetzt aüsmälen, wie schön das Landschaftsbild sich gestalten wird, wenn von dem hohen Ufer Villen und Gärten herunterschauen, wenn Treppen von den Häusern bis zum Niveau des Sees hinunterführen und kleine Nachen den Verkehr von Villa zu Villa vermitteln. Heilquellen. Die heißen Schwefelquellen bei Tiberias. die seit dem Altertum berühmt sind tiefer zu stehen kommen, die werden um so lauter schreien, je weniger sie sehen. Doch die großen Leute und die, welche auf der Höhe stehen, werden sehen, daß auf jener Säule nichts anderes liegt, und werden sich über die, welche nach dem (dort (befindlichen Gegenstände klettern, nicht wundern, und werden auch nicht schreien. Was ist auf unsere Säule gelegt? Nur Geld; deshalb laufen wir dem Gelde nach. Doch dies ist nicht das größte Uebel. Das größere Unglück besteht darin, daß zwei Säulen dastehen, und daß auf ihnen ungleiche Dinge liegen.“ „Das fehlte noch!“ lachte der Uhrmacher impertinent. „ln der Theorie übrigens“, fügte er ernster hinzu, „mögen Sie recht haben. Doch in der Praxis verhält sich die Sache anders. Ihr Juden vermehrt euch wie die Heuschrecken und bleibt doch immer ein fremdes Element. . . .“ Wieder blinzelte der alte Buchbinder nervös und kniff seine grauen Augen zusammen. „Wenn ein kluger Mensch zwei oder gar drei Steine in der Hand hat, so wirft er nur . einen dem Hund nach. Und Sie, mein Bester, haben gleich beide Steine auf den alten Juden geschleudert. . . . Doch das schadet nichts. Ich hebe den einen auf und auch den zweiten werde ich aufheben. Mein Rücken beugt sich schon von selbst zur Erde.“ Er strich' zweimal über den weißen Bart, überlegte ein wenig und sagte. „Wissen Sie mein Bester, wie ich heiße? und ihrer Heilwirkung bei Rheumatismus und anderen Leiden den Vergleich mit den bekanntesten europäischen Schwefelbädern aushalten, könnten mit Motorboot in etwa 20 Minuten erreicht werden. Das würde wahrscheinlich bald dazu Anlaß geben, auf der Halbinsel ein Sanatorium oder Hotel zu errichten, dessen Gäste die Bäder bequem benutzen könnten, ohne doch nötig zu haben, bei den Bädern selbst zu wohnen, deren Umgebung ganz reizlos ist. Aus Palästina selbst würde ein solches Sanatorium oder Hotel viele Besucher haben, und auch aus dem Auslande würde es wahrscheinlich bald Besucher heranziehen. Außer den Tiberiasbädern sind auch die heißen Quellen von El Hammi, die im Altertum sehr geschätzt und besucht waren (noch heute finden sich dort Ruinen eines großen Theaters aus römischer Zeit), von der Station Semach mit der Bahn nur eine halbe Stunde entfernt und können deshalb bequem benutzt werden. Klima. Ein frischer Wind weht fast stets vom Hermon und See herüber und macht, mit Ausnahme der. Sommermonate, den Aufenthalt trotz mancher heißen Sirokko-Tage sehr angenehm. Die Temperatur wetteifert im Winter mit der Riviera und Aegypten, da der Tiberias- See durch seine exzeptionell tiefe Lage (zirka 200 Meter unter dem Spiegel des Mittelländischen Meeres) besonders mildes Winterklima hat. Das Thermometer zeigt vom November bis März durchschnittlich 15 bis 20 Grade Celsius, um von April an auf 20 bis 25 und im Sommer bis 30 und mehr Grade zu steigen. Die Temperatur des Wassers im See . erlaubt das Baden fast während des ganzen1 Jahres. Lebensmittel,’ Durch die unmittelbare Nähe der Farmen Kinereth und Umdjuni ist die Versorgung mit frischer Milch, Butter, Geflügel, Eiern und Gemüse gewährleistet. Der See liefert beinahe das ganze f Jahr hindurch - äußerst schmackhafte Fische, .die weithin berühmt sind. Der Fischreichtum ist so außerordentlich, daß man z. B. im Jordan, dicht an seinem Ausfluß aus dem See, die Fische mit einem einzigen Netz zu Hunderten fangen kann. Sport, Sportfreunde haben durch. Angelp,,. Rudern, Segeln, Schwimmen, Jagd auf Wasservögel, Ritte und Fußwanderungen unerschöpfliche Abwechslung. Nachbarschaft von vielen jüdischen Kolonien. Die benachbarten jüdischen Kolonien Kinereth, Jemma,- Bedschen, Moria, Mesha, Melhamie, Sedschera, Medschdel bieten Gelegenheit zum Verkehr mit jüdischen Kolonisten und zur Kenntnis ihres Lebens. Aus- Nun, Ich heiße Mendel Gdanski. Mendel1) heiße ich deswegen, weil bei uns SGhon vierzehn Kinder da waren, und ich, als fünfzehnter zur Welt kam, hier, in der Altstadt, in diesem schmalen Gäßchen, gleich hinter dem .gelben Haus, wo die Apotheke ist. Sie verstehen, mein Bester? Nun, als ich dort geboren wurde, da waren bei uns schon fünfzehn Kinder, eine ganze Mandel. Deswegen heiße ich Mendel. Hätte uns unser seliger Vater ertränken sollen? Das durfte er nicht! Erstens, weil er Gott, den Herrn, ehrfürchtete und zweitens, weil er diese seine fünfzehn Kinder so liebte, daß, wenn die Mutter einen Hering brachte, er für sich nur das Köpfchen abschnitt und den ganzen Hering den Kindern gab, damit sie sich satt essen und keinen Hunger leiden. So liebte er sie.“ Er stockte. Er wurde rot und seine Augen flammten bei der Erinnerung auf. Doch bald faßte er sich und setzte mit einem Lächeln, in welchem man eine bittere Ironie bemerken konnte,, seine Rede fort. „Doch ich, Mendel, habe gesehen, daß es für ein ganzes Mandel schlecht auf der Welt ist, und darum hatte ich nur ein halbes Dutzend Kinder; und meine Tochter Lea, nun, sie hatte nur einen einzigen Sohn> und ist an dem großen Schmerze gestorben. Hätte sie weiter gelebt, und sechs Söhne gehabt, und das gesehen, was ich sehe, nun, so hätte.sie sechsmal vor Schmerzen sterben müssen.“ (Fortsetzung folgt.) 2) Mendel Mandel (15 Stück). flüge in das galiläische Bergland, in das wildromantische Jarmuktal oder in das Ostordänland, Fahrten auf dem See zum Besuche der* zahlreichen jüdischen Ruinenstätten am Ufer des Sees geben die Möglichkeit, hochinteressante Teile Palästinas kennen zu lernen. ’ ' *' Auskünfte. Alle Anfragen und Aufträge in Sachen der Parzellierung sind an das Bureau der Palestine- Land Development Company, Berlin W 15, Bleibtreustraße 31/35 zu richten. flus dem jüdischen Leben. Der Fall Metternich und die deutschen Juden. Ueber dieses Thema sprach am 16. Oktober unser Gesinnungsgenosse, Herr Rechtsanwalt 1 Klee (Berlin) in Posen. Das aktuelle Thema und die Anziehungskraft des Namens Klee trügen dazu bei, die Versammlung zu der imposantesten zu gestalten, die Posen seit Jahren zu verzeichnen hatte. Es sei — so führte der. Redner aus —i' keine angenehme Aufgabe, sich mit diesem Prozeß zu beschäftigen, der eine volle Woche lang das Interesse an den großen politischen Ereignissen der Gegenwart (Marokko, Tripolis, China) völlig in den Hintergrund: gedrängt hat. Aber weil in dieser Affäre eine Anzahl von Juden, getaufte und ungetaufte, beteiligt waren, sei es Pflicht der deutschen Juden, ungeachtet der üblen Gerüche, die dieser „Pandorabüchse“ entströmen, den Dingen ins Auge zu sehen. Es sei selbstverständlich nicht wahr, daß derartige Dinge, wie das Milieu des Hauses Wertheim, irgendwie typisch für die Juden wären. Diese antisemitische Erfindung , müsse zurückgewiesen werden. Es bestände aber in gewissen Kreisen des Großstadtjudentums die Gefahr, daß solche Dinge typisch werden könnten. Es sei dies der Fall in jenen Schichten, für die das wirtschaftliche Ringen aufgehört habe, irgend eine Rolle zu spielen und denen infolge des Fehlens jeces Zusammenhanges mit der Vergangenheit, jene innere Wurzellosigkeit anhafte die allein den Nährboden für derartige Würdelosigkeiten, wie sie der Prozeß aüTgedeckt habe, bildej die jeden ‘Respekt und jedesüGefühl für Distanz verloren hätten. Es sei nur eine lädier-; liehe, aber ungemein bezeichnende und beschämende Lapalie — jener Berliner Journalist, der eben seine Aussage beschworen habe „b e i Gott dem Allmächtigen“ und drei Sätze später unter diesem Eid erklärte: „Aber das Essen war schlecht.“ Noch seien solche Vorkommnisse Ausnahmen, aber sie predigen ernste Einkehr. Einkehr vor aßem bei den jüdischen Eltern, der heranwachsenden Generation den Respekt vor der Tradition mit auf den Lebensweg zu geben und ihnen wieder Ideale, jüdische Ideale ins Herz zu pflanzen. Scharf abzulehnen sei die Erziehungsmethode jüdischer Eltern, die darauf hinauslaufe, jede Betonung der Stammesgemeinschaft im Empfindungsleben der Kinder zu unterlassen, ja sogar sie vielfach zur Gleichgiltigkeit diesen Dingen gegenüber systematisch zu erziehen. Dies mache die Jugend dann zum Spielball wechselnder Einflüsse und öffne jedem Zufall den Weg zum Einfluß auf die Persönlichkeitsentwicklung. Hiergegen gebe es nur e i n S ch u t z m i 11 e 1 — den Zionismus. Gerade darum aber sei der Zionismus nicht nur die für die östliche Judenheit in Betracht kommende Kolonisationsbewegüng, sondern als jüdische Renaissancebewegung ' sei er gerade für die Juden der westlichen Länder "einfach unentbehrlich für ihre Persönlichkeitsehtwicklung. Die Idee Achad Haams, ein jüdisches geistiges Zentrum in Palästina zu schaffen, könne — so sympathisch sie auch sei — allein das Problem nicht lösen. Dies könne nur durch die Synthese der Theorie Achad Haams mit dem politischen Zionismus geschehen und im Herzischen Zionismus liege eo ipso auch die Verwirklichung dessen, was Achad Haams wolle. Der Zionismus wolle wieder . positive jüdische Werte schaffen, er könne, da das religiöse Band heute nicht mehr für alle ausreiche, allein alle Juden [ wieder mit der Vergangenheit und mit den

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