Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44; ' - Dr. Natan Löwenstein, der moralische Urheber der Drohobyczer Mordtaten, kandidiert wieder. Er und sein Komplize Feuerstein strecken die blutbefleckten Hände nach dem Drohobyczer Mandate aus, und was das traurigste ist: ausgenommen die Zionisten findet sich im ganzen Lande niemand, der dagegen seine Stimme erheben, der den frechen Mordbuben entgegentreten würde. Im Gegenteil; die „bessere“ Gesellschaft fraternisiert mit diesen Leuten; Löwens'tein' gilt noch immer als Zierde des Judentums. Feuerstein bewegt sich frei in den Gassen von Drohobycz und ist Präsident der dortigen Kultusgemeinde. Was sind die Schweinereien der Wertheims in Berlin W im Vergleich zu den Verbrechen der galizischen Geldjuden 1? Die RnerhenniG] Cc? Wehen Nationalität an den östepreichifchen Roch- Ichulen. Zu dieser Frage wird uns aus Czernowitz berichtet: Vorige Woche erschien im Rektorate unserer Universität eine Abordnung der jüdischen Studentenschaft, bestehend aus den Vertretern aller jüdischen Studentenkorporationen, sowie der Finkenschaft, um die seit lange erstrebten Forderungen der jüdischen Studentenschaft hinsichtlich der Anerkennung ihrer Nationalität mit allem Nachdrucke geltend zu machen. Der Sprecher der Abordnung, Herr cand. phil. Bretschneider („Zephirah“) verwies auf den seit vielen Jahren geführten Kampf der jüdischen Studenten um die Anerkennung ihrer Nationalität und auf die Benachteiligung gegenüber den andersnationalen Kommilitonen. Die jüdischen Studenten werden als ein gewissermaßen willenloses Pendent irgend einer der anderen nationalen Gemeinschaften beigegeben und so eines unverbrüchlichen Rechtes, als Angehörige ihres Volkes zu gelten, beraubt. Obwohl auf. diesen von der jüdischen Studentenschaft als demütigend und nicht länger erträglich empfundenen Zustand hingewiesen worden ist,_ uncjl.,di^..^ktad^mischep Behörden zu wiederholten Malen über die Forderungen der jüdischen Studentenschaft unterrichtet worden sind, ist diesen bisher in keiner Weise entsprochen worden. Selbst mit der Gepflogenheit, die jüdisch eNationalität im Rektoratsbe'richte auszuweisen, ist im Vorjahre gebrochen worden. Die Beseitigung dieses Zugeständnisses, das zwar den Wünschen der jüdischen Studenten fernhalten. Da eraber nicht wußte, wo der Jude hinauswill, schwieg er diplomatisch. Der alte Buchbinder wartete die Antwort nicht ab, sondern setzte seine Rede mit fester und voller Stimme fort: „Nun, wenn Sie zu Tanzunterhaltungen gehen und. auch Ihren Kummer haben, so dürfte es Ihnen bekannt sein, daß die Menschen zum Tanze, zum Vergnügen sich zusammenfinden, und nach dem Tanze wieder auseinandergehen, als ob nichts gewesen., wäre. Wenn aber Menschen wegen eines Kummers Zusammenkommen, wenn sie zu gemeinsamer Klage sich versammeln, dann ists kein bloßes Nichts. Dann wird der eine, dem anderen zum Brüder, dann ist ihr Kummer ein gemeinsamer Mantel. Und ich sage Ihnen, mein Bester, daß ich in dieser Stadt mehr traurige als vergnügliche Dinge gesehen habe, und daß dieser Mattel schon sehr groß ist. Ach, wie groß ist er!,. . . Alle bedeckt er und auch die Juden!“ Er wandte sich [und blickte hinter sich durchs Fenster. „Mein guter Herr Mendel“, sagte der Uhrmacher mit erhobener Stimme, „man kann so und so sagen, doch jeder Jude will nur das Geld . . .“ Der alte Buchbinder ließ ihn nicht zu Ende sprechen, sondern erhob nur die Hand und machte mit ihr eine Bewegung, als ob er ein zudringliches Insekt verscheuchen wollte. „Reden S|e nicht solchen Unsinn! So etwas sagen nur dumme Menschen. Wenn dem Juden das Geld wirklich über alles geht, so hätte ihm JÜDISCHE ZEITUNG nicht im entferntesten Rechnung trug, ist als eine lediglich gegen die jüdische Studentenschaft gerichtete Maßnahme empfunden worden, und hat eine bedenkliche Unruhe unter dieser hervorgerufen, worauf die Führer der Studentenschaft rechtzeitig hinzuweisen für nötig und nützlich halten. Die zu wiederholten Malen erhobene Forderung nach unbedingter Anerkennung der jüdischen Nationalität wird mit allem Nachdrucke und mit dem Hinweis gestellt, daß das geduldige Zuwarten der jüdischen Studentenschaft sein Ende erreicht hat und dieselbe entschlossen ist, mit allen von der Sachlage geforderten Mitteln die Erfüllung ihrer Wünsche durchzusetzen. Der Rektor Professor Dr. Saghin, nahm die Ausführungen des Redners zur Kenntnis und erklärte, von der Berechtigung der Forderungen überzeugt zu sein. Es müsse zugegeben werden, daß die Anerkennung der jüdischen Nationalität als eine Forderung von sittlichem Ernst und Inhalt in ihrer Berechtigung flicht in Zweifel gezogen werden könne. Der Rektor erklärte, die Angelegenheit dem akademischen Senate vorlegen zu wollen, dessen günstige Stellungnahme mit Sicherheit zu erwarten sei. ln einem demnächst zu überreichenden Memorandum sollen die Forderungen der jüdischen Studentenschaft zusammengefaßt werden. Seine Magnifizenz versicherte, es werde kein Grund zu einer Verstimmung gegeben sein, weil die befriedigende Lösung der jüdischen Nationalitätsfrage für die allernächste Zukunft erhofft werden könne. Projefit einer jüdischen Villenstadt in Palästina. Das Palästinabureau in Berlin versendet folgenden beachtenswerten Prospekt: Kerak am See (eine jüdische Villenstadt in Palästina.) Lage. An (der Stelle, wo der Jordan den Tiberias-See verläßt, bildet er eine Art Halbinsel, die sich bis zu 15 Metern über den See und über das umliegende Land erhebt. Die Halbinsel gehört zu dem Boden der Farm Kinereth. Sie ist, \yie der übrige Boden der Farm Kinereth, Eigentum des Jüdischen Nationalfonds und ist von diesem auf 98 Jahre an die Palestine Land Development Company verpachtet. Anscheinend war die Halbinsel in früherer Zeit durch einen Nebenarm des Jordan ganz vom Lande abgetrennt. Allmählich ist dieser Nebenarm zugeschwemmt und schließlich durch einen im Jahre 1910 von der Palestine Land Development Company errichteten Damm ganz abgedämmt worder liebe Gott eine oder zwei Taschen einfach in die Haut genäht. Da jedoch der liebe Gott ihm keine Tasche in die Haut genäht hat, so bedeutet das, daß dem Juden das Geld nur das sein soll, was es jedem andern ist.“ „Sein soll!“ rief der Uhrmacher triumphierend, indem er sein fettes Kinn in die Höhe hob und streichelte, „es ist aber nicht so! Da steckt eben der Haken . . .“ Mendel lächelte halb traurig, halb spöttisch. „Und ich sage Ihnen, mein Bester, dort steckt kein Haken, dort gähnt ein Loch. Ach, und was für ein’ Loch!“ Er wurde ernst und schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. „Meinen Sie mein Guter, daß ich das Loch nicht sehe? Ich sehe es wohl. Daß es entstehen konnte, ist schlimm; daß es aber bis jetzt noch nicht verstopft wurde, ist noch schlimmer. In dies Loch fällt viel Kraft hinein und verwandelt sich in Schwäche. Und viel Vernunft fällt hinein und wird zur Dummheit, und viel Güte fällt hinein und wird zur Bosheit. . . Wollen Sie mir glauben, dieses Loch haben nicht die Juden zuerst aufgerissen. Nun, daß sie später daran rissen, das weiß ich und leugne es auch nicht und behaupte nicht, daß es nicht so war! Doch, vor allem aber haben dieses Loch jene geschaffen, die nicht daran glauben, daß alle Menschen von einem Gotte geschaffen wurden.“ Er legt die Finger aufeinander, als ob er Schnupftabak nähme, streckt den Daumen vor, Seite 3 den, so daß aus dem alten Flußbett fruchtbares Ackerland geworden ist. Geschichte. Auf dieser Halbinsel stand in der Zeit, als der jüdische Staat noch existierte, die befestigte Stadt T a r i c h ä a, die in römischer Zeit zerstört wurde. Aber ihre Spuren sind nicht verloren. Der Lauf ihrer Festungswälle ist noch heute gut zu verfolgen. Die ganze Halbinsel ist mit Trümmern von behauenen Bausteinen übersät, und an vielen Stellen zeigen sich noch wohlerhaltene Fundamente von Gebäuden. Reste von Säulen sind ringsum zerstreut; auch mächtige Quadersteine aus Basalt, in der Mitte durchbohrt, die einmal als Wasserleitungsrohre dienten und frisches Quellwasser aus dem Wadi Fedschas hierher brachten, zeugen durch ihre virtuose, bis heute unnachahmliche Bearbeitung des harten Basaltgesteines von dem was einst hier war. Landschaftliche Reize. In ganz Palästina gibt es vielleicht keinen Ort von so eigenartigem landschaftlichen Reiz wie diese Halbinsel Kerak. Ist an sich schon das gewaltige Wasserbecken des Tiberias-Sees in dem von Natur wasserarmen Lande ein Naturschauspicl, das durch seine wunderbaren Farben und die von Wellen, Nachen und Wasservögeln belebte Oberfläche den Sinn stets von neuem gefangen nimmt, so ist die hohe Halbinsel am Ufer des Sees wiederum wohl der schönste Punkt am See. Man genießt einen ungehinderten Ausblick über die ganze Fläche des Sees von Semach im Süden bis nach Tapcha und Kapernaum im Norden und von da schweift der Blick ungehindert weiter bis zur Kette des Hermon, dessen Gipfel, bis in den Hochsommer hinein mit Schnee bedeckt, greifbar deutlich zu sehen sind. Auf der östlichen Seite des Sees, der an dieser Stelle etwa zwei Kilometer breit ist, erheben sich die zerklüfteten Berge des Dscholan, die abends bis in die kleinsten Risse und Fältchen zu überschauen sind, wenn die Sonne auf der gegenüberliegenden Seite hinter der hohen Jordanterasse untergeht und magische Lichtspiele auf Berg und Himmel zaubert. Nach Süden folgt der Blick dem Jordan von der Stelle, wo er aus dem Sec austritt, landeinwärts. In gewundenem Lande rauscht der Fluß mit starkem Gefälle, oft kleine " Kaskaden bildend, in seinem tiefen Bette und staut sich an den noch gut erhaltenen Pfeilern der Römerbrücke, die in alter Zeit auf vielen großen Bogen den Fluß überspannte. Verbindungen. Hier oder nirgends in Palästina wäre der geeignete Platz für eine Ansiedlung reicher europäischer Juden. Die Verbindungen nach allen Richtungen sind vorum mit der Geste seinen Beweis zu unterstützen. „Das war der erste Faden, der an jener Stelle riß. Nun, so begannen die einen in ihrer Richtung zu ziehen, und die anderen wiederum in der ihren und so riß es immer weiter. Sie, Herr Nachbar, behaupten, daß für den Juden das Geld alles ist. Nun, so mag es ja sein! Aber wissen Sie, mein Bester, warum? Sie wissen es nicht? Sie meinen, weil die Juden schlau sind? Nun, da irren Sie sich! Kennen Sie die Säule in Ujazd?1) Sie lachen. Nun, wenn Sie auf die Säule große Ehren, einen großen Namen, hohe Stellungen und auch Geld legen, wird der eine wegen der Ehre, der zweite wegen der Weisheit, der dritte wegen des Ordens, der vierte wegen des Ruhmes auf die Säule klettern, und es würde sich auch einer finden, der nach dem Gelde langen würde, obwohl andere Dinge daneben liegen. Wenn man aber auf diese Säule nur Geld legen würde und nicht auch Ehre, Ruhm und Weisheit, wozu würden dann die Menschen auf die Säule klettern, wie meinen Sie, mein Bester? Werden sie nicht wegen des Geldes hinaufklettern? Und die da unten, welche nur zuschauen, werden schreien: Ach, welch ein listiges Volk ’ Nur dem Gelde klettern sie nach, Geld ist ihnen alles! Und die kleineren oder diejenigen, die *) Gemeint ist eine Säule, die bei Volksvergnügungen auf dem Ujazderfelde aufgestellt wird und auf deren Spitze verschiedene Gegenstände gelegt werden, die als Preise denjenigen zufallen, die ohne Hilfe hinaufklettern.