Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 44 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 44- 2. Kampf gegen den gefährlichen Bazillus Indifferentismus, der das jüdische Denken, Wollen und Empfinden unserer Massen paralisierte und Proklamierung unserer jüdisch-nationalen Existenz. 3. Hinweis auf die verruchten Mittel, die berufene und unberufene Organe gegen unsere berechtigten Ansprüche systematisch anzuwenden nicht aufhören. 4. Erkämpfung der uns zukommenden Mandate im österreichischen Völker- Staate. Wir dachten stets bei unserer Arbeit daran, daß wenn wir auch jetzt noch durch Terror, Wahlschwindel etc. unserer erstrebten Mandate beraubt wurden, wir durch unsere Werbearbeit einen großen Teil unserer jüdischen Masse aufrütteln, auf den wahren Charakter unserer-Scheinfreunde, wie Polen, Deutschen etc. aufmerksam machen. Und wenn auch dies nicht völlig gelingen sollte, so haben wir doch unseren Brüdern den Weg zur Selbstbesinnung gebahnt; das blinde Zutrauen zu unserer korrupten Kahalsclique, diesen selbstsüchtigen Mandatsjägern, diesen ge - meinen Handlangern fremder Nationen erschüttert und so wenigstens eine verheißungsvolle Saat für die Zukunft gestreut. Nun soll sich unsere Partei bei den nächsten Ergänzungswahlen absentieren. Warum? Nicht genügende Chancen! Das wäre ein verbrecherisches Verleugnen unseres zionistischen Programmes, das, wie jedes hehre Programm, von seinen Anhängern und vor allem von seinen berufenen Vorkämpfern nie erschlaffenden Mut und eiserne Ausdauer kategorisch fordert. Nicht genügende Chancen! Und darum unsere \\olksarbeit unterbrechen, unser politisches Programm in die Tasche stekk e n! Da möchte ich fragen: Mit welcher Berechtigung und zu welchem Zwecke haben wir bei den verflossenen Reichsratswahlen eine so große Unsumme von Opfern gebracht, eine so beträchtliche Menge von Energie auch für Zählkandidaten verschwendet? Mit welchem Rechte wird uns dann seitens unserer galizischen Parteileitung aufgetragen, gegen die derzeit überall.so mäch- EeuiMn. Nachdruckverboten. Mendel Gdanski. Von Marya Konopnicka. Uebersetzt aus dem Polnischen von R. M. (2. Fortsetzung.) — „Nun, diese Hände haben das Brot und das Wasser nicht umsonst nach dem Maul geführt! Diese Hände sind krumm geworden von dem Messer, der Zange, der- Schraube, dem Hammer. Nun, mit ihnen habe ich für jeden Bissen Brot den ich. gegessen, für jedes Töpfchen Wasser das ich getrunken, bezahlt. Ich habe auch diese Augen hergegeben, die nicht mehr gut sehen wollen, diesen Rücken, der nicht mehr aufrecht sein will und diese Füße, die mich nicht mehr tragen wollen!“ Der Uhrmacher hörte gleichmütig zu, indem er mit der Uhrkette spielte. Der Jude dagegen wurde in seiner Rede immer leidenschaftlicher. „Nun, wo ist dieser mein Kaufpreis? Dieser mein Kaufpreis ist in der Schule bei den Kindern, jenen jungen Herrchen und Dämchen, welche.in den Büchern lernen und in den Heften schreiben nun. Er ist auch in der Kirche, wenn die Leute mit den Büchern 'hineinkommen. . . . Nun, er ist auch bei dem gnädigen Herrn Pfarrer, denn auch für ihn, er möge gesund leben, habe ich Bücher gebunden!“ Er nahm das Käppchen ab und fuhr dann fort : „Mein Kaufpreis ist in guten Händen!“ tigen Kahalsgrößen einen verzweifelten Kampf bei den Kultuswahlen zu führen? Ist nicht unser Kampf, der Kampf unseres zum Selbstbewußtsein erwachenden Volkes, ohne Rücksicht auf vernünftelnde Siimmungskrämerei und kaltherzige Berechnung von „Chancen“ zu führen? Ein Ab.sentieren würde eine Verhöhnung des heiligen, um die Volkssache vergossenen Blutes unserer Märtyrer inDroh o b y c z bedeuten. Es würde auch unseren Feinden zum willkommenen Beweise dienen, unseren Feinden, die behaupten, daß unsere jüdisch-nationale Politik auf dem X. Zionisten-Kongr.eß in Basel in den Hintergrund gedrängt und gering abgeschätzt wurde. Also: kein Absentieren, sondern unerschrockene Weiterführung des Kampfes. Sam. Ä. Häusler, Kossow. Lemberger Brief. - Die Konferenz, der jüdischen Sozialdemokratie war — nun erst läßt sich das feststellen — doch "nur bloße Komödie. Die jüdischen Genossen empfinden das selbst.. Eine starke Gruppe, welche von den polnischen und jüdisch-polnischen Machern dirigiert, war, verkündete, daß man sich gründlich ausspreche. Wer das jüdische Kultur- oder Sprachenproblem anschneiden wollte,. 'wurde r kurzerhand von der Tribüne gezerrt und mundtot gemacht. Ueberdies empfinden es^-die jüdischen Sozialisten als beschämend, daß die zwei sozialistischen Abgeordneten jüdischen Stammes, welche von Juden gewählt wurden,' D i a m ä n t and Liebermann, nach wie' vor als Polen gelten und der polnischen Partei angehören. Wenn die Anerkennung der jüdischen Sozialdemokratie durcli die polnischen Genossen aufrichtig gemeint wäre, so müßten sich die polnischen sozialistischen Abgeordneten für die Anerkennung der jüdischen Nationalität einsetzen. Weil das nicht der Fall ist und die jüdischen Genossen nach wie vor lediglich das Recht haben, . für die polnische : Partei zu blechen und zu' arbeiten, so ist die famose Anerkennung nichts als Schwindel gewesen. * * Zwei tragische Todesfälle — es handelt sich um jüdische Beamte — - haben Mitgefühl erweckt und die jüdische Oeffentlichkelt stutzig gemacht. Die letzte Ursache '(dieser' Todesfälle ist nämlich der in Galizien herrschende anti- „Man sagt“, bemerkte diplomatisch der Uhrmacher, „der. Jude bleibt stets Jude!“ Neue Blitze leuchteten in den Augen des alten Buchbinders auf. „Nun, was soll er denn sein? Soll er ein Deutscher "sein? Ein Franzose? . . . Vielleicht soll er ein Pferd sein? Nun, zu .einem Hunde hat man' ihn schon längst gemacht, das ist er schon!“ „Nicht darum handelt es sich!“ sagte pathetisch der Uhrmacher. „Es handelt sich darum, daß er kein Fremder sein soll!“ „Darum handelt es sich?“ entgegnete der Jude und beugt sich rücklings und wirft die Ellbogen zurück. „Nun, das hätten Sie, mein Bester, gleich zu Anfang sagen sollen! Das ist ein kluges Wort! Ich höre gern ein kluges Wort! Ein kluges Wort ist für den Menschen wie Vater und Mutter. Ich würde für ein kluges Wort eine ganze Meile laufen. " Wenn ich ein kluges Wort höre,' so mächts mich satt, wie Brot. Wäre ich ein reicher Mann, ein großer Bankier, ich würde für jedes kluge Wort einen Dukaten zahlen.. Sie, mein Bester, sagen, daß der Jude kein Fremder sein soll! Nun, ich sags auch. Warum nicht? Er soll kein Fremder sein? Wozu soll er ein Fremder sein? Wozu soll er sich fremd machen, da er doch ohnehin ein Einheimischer ist? Meinen Sie, mein Bester, daß der Regen, der herniederfällt, den Juden nicht naß macht, weil der Jude ein Fremder ist? Oder können Sie, mein Bester, glauben, daß der Wind dem Juden den Sand nicht in üie Augen bläst, weil der Jude ein Fremder semitische Geist. Infolge unausgesetzter Schikanen beging der Personalreferent der Lemberger Eisenbahndirektion Gut man Selbstmord. Aus demselben Grunde verfiel der einzige jüdische Beamte im galizischen Landesausschusse, der 29jährige Markus Sommer, in eine schwere Nervenkrankheit, von der ihn der Tod erlöste. Die Laufbahn jüdischer Beamten in Oesterreich ist ein Leidensweg; in Galizien ist sie förmliches Spießrutenlaufen. Man muß Torturen ausstehen, bis man aüfgenommen wird; und ist man in „Amt und Würden“, so wird einem das" Leben sauer genug gemacht. Gewöhnlich wird von einem jüdischen Beamten gefordert, daß er sich taufen lasse, "damit bei den christlichen Kollegen nicht „berechtigte Empörung“ über die Anstellung des Juden erregt werde. Das wurde auch vom verstorbenen Sommer in unzweideutiger Weise verlangt, nachdem er jahrelang als Praktikant auf. Stabilisierung gewartet hatte. Er befand sich niin in einem argen Dilemma: Er wollte kein Lump werden und hatte die Stelle nötig. Der Tod erlöste ihn von den Qualen. Ihm ist geholfen. Was aber sollen die vielen anderen jüdischen Praktikanten beginnen? * * ——. Die Landtangswahlreform ist noch immer nicht aus dem Stadium der unverbindlichen Beratungen und Vorschläge hinaus. .Man kann noch nicht einmal die ungefähren Umrisse des Projektes angeben. Die verschiedenen Nachrichten von einer Versöhnung zwischen I Rüthenen und Polen sind vollkommenunwahr. Ebenso ist es nicht wahr, daß die Ruthenen bezüglich der Juden irgendwelche Assimilierungsabsichten haben. Alle diesbezüglichen. Notizen in polnischen und Wiener Zeitungen sind Erfindung. Das „Lemberger Tagblatt“ veröffentlichte vergangene Woche" ein Interview ihres Wiener Korrespondenten mit dem iruthenischen Abg. Dr. Konstantin Lewicki, dem alle ziönistenfeindfichen Aeußerungen zugeschrieben wurden. Dr." Lewicki dementierte diese Gerüchte in. entschiedener Weise und erklärte ausdrücklich,, daß er als Vertreter' einer unterdrückten Nation die Bestrebungen der JüdisCh-Natiönaleri' riür guf’- heißen könne und daß die Ruthenen die zionistischen Forderungen unterstützen würden. Daraus geht hervor, daß alle Gerüchte, welche von einer Gegnerschaft zwischen Zionisten und Ruthenen zu vermelden wußten, nichts als ein plumpes Manöver der Assimilanten sind, welche bei den polnischen Herren den bereits erschütterten Glauben, die Zionisten hätten im Volke keinerlei Einfluß, erhalten wollen. ist? Oder daß der Ziegelstein, der vom DaChe fällt, den Juden meiden wird, weil er ein Fremder ist? Nun, Dann sage ich Ihnen, mein Bester, daß er Ihn nicht meiden wird,' und auch der Wind, und der Regen werden ihn nicht meiden! Schauen Sie doch mein Haar, meinen Bart an... Sie sind grau, sie sind weiß geworden ... Was bedeutet das? Das bedeutet, daß. sie verschiedene Dinge gesehen haben, sich an verschiedene Dinge erinnern. So sage ich Ihnen, daß sie große Feuer, große Brände und große Unwetter über diese Stadt hereinbrechen sahen, aber das, daß die Juden Von diesen Bränden und Unwettern verschont blieben, das haben sie nicht gesehen! Nun, wenn die Nacht über die Stadt herCinbricht, so kommt sie auch für die Juden, und auch für die Juden gibt es dann keine Sonne!“ Er atmete tief und schwer auf. „Gehen Sie zu Unterhaltungen?“ „Besuchen Sie auch Bälle?“ Der dicke Uhrmacher nickte mit dem Kopfe, schaukelte sich auf dem Tische und spielte mit der Uhrkette. Es schmeichelte ihm, daß der Buchbinder ihn für einen Mann hielt, der noch Bälle mitmacht. Mit glühenden Augen blickte der Jude in sein flaches Gesicht, mit der breiten, dicken Nase. „Und Ihre Sorgen, Ihren Kummer haben Sie auch, mein Güter?“ Der Uhrmacher zog die Augenbrauen in die Höhe und setzte eine unentschlossene Miene auf. Eigentlich wollte er sich von allen der-