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Jüdische Zeitung · 1911-11-03 · 44 (3.11.1911) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
44 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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NflTJDNRL -JUDI5CHE5 OREfiN Jgg ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahine: IX., LiechtensteinstraBe 11. Telephon 12299. — Sprechstunden ■ _ tätlich,von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ” 9 Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. 9 Nr. 44 Wien, Freitag, den 3. November 1911 V. Jahrgang jüdischer Volksverein für die Leopoldstadt. Montag den 6. November, 8 Uhr abends, im Hotel Arco, II., Rotensterngasse große frei zugängliche Gegenstand: Die politische Lage und die Juden. Die jüdische Organisation. Referent: Ingenieur Robert Stricker. Die italienischen „Kulturtpajier“ als Juöenfpessep. i 'Die italienische Regierung hat nunmehr die Verbreitung von Kultur im barbarischen Tripolis ganz energisch in. die Hand genommen.'Arabische Weiber, Kinder und Greise werden nackt durch die Straßen gejagt und dann .niedergemetzelt. Kriegsgefangene werden durch systematische Entziehung aller Nahrungsmittel in ein besseres Jenseits befördert, die gefangenen und wehrlosen Bewohner von Tripolis, welche ihr Vaterland verteidigen wollen, als „Rebellen“ zu Hunderten niedergeknallt. Son - derbarerweise will nun die zivilisierte Welt, mit wenigen Ausnahmen, diese segensreiche Tätigkeit der italienischen Kulturträger absolut nicht anerkennen und ein förmlicher Regen von Entrüstungskundgebungen, Protesten und verdammenden Urteilen ergießt sich über die italienischen Machthaber. Wenn man nun bedenkt, daß die Lage der Armee selbst eine gefährliche geworden ist und die Eroberer bereits eine weidliche Tracht Prügel bezogen haben, muß man die Situation dieser Herrren als mißlich bezeichnen. Die Stimmung Europas hat auf die italienische Bevölkerung übergegriffen, man jubelt nicht mehr, man beginnt zu raisonnieren. In dieser faulen Lage sucht die Regierung nach einem Blitzableiter für den Unwillen des Volkes und hat ihn auch schon gefunden: Die Juden. In den Blättern der italienischen Regierung, vor allem aber im Blatte des Ministerpräsidenten Giolitti „Stampa“ und in der ^treng offiziösen „Popolo Romano“, wird die Entrüstung von ganz Europa als eine schwindelhafte Mache der Juden bezeichnet. Die Juden selbst werden im rüdesten antisemitischen Jargon als von der Türkei gekaufte Wucherer, als gedungene Lügner, als „eine Clique von Anhängern Arons, welche das goldene Kalb umtanzen und mit der Türkei durch Geldgeschäfte wucherischen Charakters Jüdisches Volksheim. Der Jüdische Uolftsuerain ffip öle Eeopolösfaöl gründet im Zentrum der Wiener Judenschaft ein Volftsfieim, in welchem neben anderen gemeinnützigen Institutionen, eine Volkslesehalle, Volksbibliothek und ein Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben sollen. Die Gründung dieses Volksheimes, in welchem unsere jüdischen Mitbürger Schutz ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte finden werden, in welchem auch dem Schwächsten und Ärmsten Bildungsgelegenheiten jeder Art geboten werden sollen, in welchem der verfolgte und verachtete Jude als gerngesehener Gast und Freund Stärkung seines Selbstbewußtseins erfahren wird, ist gewiß der Unterstützung aller Volksgenossen wert. Spendet für den Fonds des jüdischen Volksheimes! Dp. G. Plafdifies, Ingenieur R. Shitfiep, Dp. Cft. Uoifmami. Spenden sind bisauf weiteres an die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ zu senden. Auch Sammelbogen (Sammelblocks) sind daselbst zu beziehen. Die Eröffnung des Volksheimes, II. Stefaniestraße 12, findet Mitte November statt ... t- -■ '» Tr verbunderr'sind“' 'bezeichiTet: JDie 'Juden.' haben die ganze ausländische Presse gekauft, um Italiens Ansehen herabzusetzen. Diese und ähnliche Ausführungen müssen in Anbetracht der fieberischen Aufregung der italienischen Bevölkerung als direkte Aufforderungen zu Judenhetzen erkannt werden. Die „liberale“ italienische Regierung hat sich auf den Weg begeben, den bisher so viele reaktionäre und korrupte Regierungen und Parteien wandeln. Die russischen und rumänischen Volksbetrüger, die nationalen und christlichen Antisemiten Europas haben immer im Augenblick der höchsten Gefahr gebrüllt: „An allem sind die Juden schuld. Haut die Juden.“ Die italienischen Staatslenker tun nun das gleiche. Ob mit Aussicht auf Erfolg, auf Erlangung einer größeren Galgenfrist ist allerdings sehr fraglich. Und wenn es selbst gelingen sollte, die Aeußerungen der größten Geister Europas, die elementaren Ausbrüche des Unwillens, welche auch die antisemitische und klerikale Presse des Auslandes beherrschen, dem zurückgebliebendsten Teile der Massen als jüdischen Schwindel hinzustellen, die Juden Italiens zu schädigen, der Regierung selbst wird damit auf die Dauer nicht geholfen sein. Die Söhne Italiens werden in heiße Sandwüsten geschleppt, wo sie elendiglich zugrundegehen, das arme Volk wird ausgepreßt und ausgesaugt. Ruhm ist nicht zu holen, denn es gilt keinen heroischen Freiheitskampf, sondern lediglich einen Banditenstreich zu verüben. Die Wunden, die der Krieg dem Lande schlägt sind zu tiefe, als daß durch ein läppisches „Hep, hep“-Geschrei der allgemeine Unwille erstickt werden könnte. Ein fürchterliches Volksgericht wird bald über diese Gelegenheitsantisemiten hereinbrechen. 'Uns Jtulen bietet sich wieder die traurige Gelegenheit, über die Dauerhaftigkeit und Solidarität des „Liberalismus“ aller Abarten Betrachtungen anzustellen. Wieder ist den Gegnern der zionistischen, der nationalen, auf Selbsthilfe gerichteten Bestrebungen der Juden ein saftiges Argument in Verlust geraten. Die italienische „Toleranz“ und „Menschenfreundlichkeit“ ist in Brüche gegangen. Das Land, welches als Beweis dafür angeführt wurde, daß der Antisemitismus keine unbedingte Folge der Heimatslosigkeit der Juden sei, Italien figuriert nunmehr unter den vielen Staaten, in welchen e ine von der Regierung geförderte judenfeindliche Strömung herrscht. Glühendere Patrioten, als die Juden Italiens, fanatischere und opferwilligere Arbeiter für nationalitalienische Interessen kann man sich nicht vorstellen, und doch ist es so gekommen. Nübtöeteiligung - ein Vepfipefben. Mit Freuden habe ich den in Ihrem geschätzten Blatte Nr. 42 veröffentlichten Brief aus Lemberg begrüßt, in welchem die Frage des Verhaltens unserer Partei bei den nächsten Reichsrats-Ergänzungswahten in Drohobycz und ZIoczow angeschnitten wird. Ich unterstreiche Wort für Wort die betreffenden Ausführungen und füge noch hinzu, daß eine Abstinenz ein Verbrechen wäre. Ich gestatte mir auch, meine Begründungen anzuführen. Als im Jahre 1907 und jetzt 1911 beschlossen wurde, unser jüdisch - nationales Pro - gramm bei den Reichsratswahlen zu kandidieren und wir mit eigenen Kandidaten ins Feld zogen, da war unsere Parole: 1. Kampf gegen die verpestende Korruption der grauen, schwarzen und roten Moschkos.

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