Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 43 Bei Eröffnung der Sitzung um halb 11 Uhr vormittags hielt der Präsident Adolf B ö'h m dem, erst kürzlich verstorbenen Mitgliede des inneröst. DK., Hugo Eben, einen warm empfundenen Nachruf, in welchem er dessen Verdienste als NF.-Kommissär des innerösterr. Distriktes hervorhob. ■ Vor Eingang in die Tagesordnung wurde die politische Situation eingehend besprochen und ein diesbezüglicher Brief des EAC. verlesen. Hierauf erstattete der Präsident den Bericht über die Tätigkeit des ZK. seit der letzten im Juni d. J. stattgefundenen Sitzung. In <Jer Budgetdebatte wurden dem ZB. die Beträge der DK. bis zum nächsten Zionistentag bewilligt. Ueber Antrag Dr. "Margulies wurde (beschlossen, daß die Zahlung der rückständigen Beiträge innerhalb 14 Tagen zu erfolgen habe. ln der darauf folgenden Diskussion über den nächsten westösterreichischen Parteitag wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Der w e s t ö s t. Zionistentag findet am 24. und 25.Dezem b er d. J. in Brünn statt. Das ZB. wird beauftragt, sofort die Einberufung und die n.otwendigen Vorbereitungen zu veranlassen. ln der folgenden, mehrstündigen Beratung, die am Nachmittage fortgesetzt wurde und an der sich sämtliche Anwesenden beteiligten, wurden über Antrag Dr. Emil M a r g u 1 i e s folgende Resolutionen gefaßt: 1. Das Zentralkomitee hält-es für notwendig, daß das Statut der westösterreichischen Organisation in Anpassung an die Bestimmungen des am X. Kongreß beschlo.ssenen Parteistatuts um ge wand eit werde, wobei die Befugnisse des Zentralkomitees im Sinne der Bestimmungen dieses Statuts auszugestalten und zu erweitern sind. 2. Das Zentralkomitee schlägt vor:' Dem Zionistentag für Westösterreich ist eine Resolution zu unterbreiten, wonach die jüdischpolitische Betätigung im Einvernehmen mit dem „Jüdischen Nationalverein für Oesterreich“ zu erfolgen habe. Zur Herstellung 'dieses Einvernehmens ist ,eine Vermittlungsinstanz zu nominieren. Der erste. Beschluß würde mit 6 gegen 2 Stimmen, der zweite mit 6 Stimm'en und einer Stimmenenthaltung gefaßt. Dfer Vertreter des m äh r.-s chi es. DK. meldete ein Minoritätsvotum an, wonach' die bestehende Organisationsform beizubehalten und das Zentralkomitee von Wien nach Prag zu verlegen sei. Mit der Ausarbeitung des neuen Statuts im Sinne der gefaßten Beschlüsse wurde Dr. 'Emil Margulies beauftragt. Schließlich1 wurden folgende am Zionistentage neben dem Organisationsreferate zu erstattende Referate festgesetzt: „Palästina- und Kulturarbeit“ (Böhm), der „Jüdische Nationalfond“ (Dr. Zweig), die „Lage nach dem X. Kongreß“ (Dr. Margulies), „National-politische Aufgaben der Juden in Österreich“ (Dr. Ehrlich). Am Schlüsse der Sitzung teilte der Präsident Adolf Böhm mit, daß das Engere Aktionskomitee sich am westösterreichischen Parteitage Vertreten lassen 'wird (und gab dem Wunsche Ausdruck, daß diese Tagung zur weiteren Festigung und Kräftigung der westösterreichischen •Organisation .beitragen möge. Mitteilungen des i.-ö. D.-K. Innerösterreichischer Distriktstag. Das zion. Zentralbüro für Westösterreich teilt uns mit, daß dem III. Zionistentag ein Statut vorgelegt wird, das eine Aenderung der bestehenden Organisationsform des westösterr. Distriktsverbandes bezweckt. Der Entwurf dieses Statuts wird uns' in 14 Tagen zugehen. Da der außerordentliche Distriktstag nur zu dem Behufe von uns einberufen wurde, um die Stellung des i.-ö. Distriktes zur Neuregelung ddr Organisation zu präzisieren und die Beratungen auf Grund des Elaborats des neu zu schaffenden Statuts erfolgen können, sehen wir uns veran-- laßt, den Termin des a.To. Distriktstages neuerlich zu verlegen. Ort und Zeit werden in der nächsten Nummer'der „jüd. Zeitung“ bekanntgegeben. Delegiertenwahlen für den III. westösterr. Zio- nistentag. Gemäß einer Weisung des zion. Zentnalbüros, sind die Wahlen für den -III. westösterr. Zionistentag entsprechend den in dieser Nummer verlautbarten Bestimmungen durch die Vereinsleiter in den einzelnen Organisationen vor« zunehmen. Indem das i.-ö. D.-K. hiemit die Delegiertenwahlen für den III. Zionistentag ausschreibt; setzt es den Termin für die Vornahme der Wahlen bis zum 1. Dezember d. J. fest. Die Wahlresultate müssen bis zu diesem Zeitpunkt dem i.-ö. D.-K. bekanntgegeben werden. Vom Budapests? Ghetto. Ein Mitarbeiter des „Neuen pol. Volksbl.“ in Budapest schildert das Leben und Treiben im Trödlerquartier (Josefsstadt) .und schreibt unter anderem: Weit draußen in der Josefstadt, wo Verarmte ihr letztes Möbelstück zum Trödler bringen, damit es ein anderer Armer in sein Kämmerlein trage, wogt,ein reges, trauriges Leben. Es liegt etwas Friedhof-Stimmung auf diesem täglichen Jahrmarktam Teleki-ter, die Gesichter sind matt und blaß; mit gekrümmtem Rücken gehen sie einher, diese Shylok- und Christusgestalten. Der Judenplatz hier hat ein ganz anderes Gepräge, als die Judenviertel in den großen Städten Mittel- und' Nordeuropas. Das Ghetto in Amsterdam zum Beispiel zeigt über seinem Schmutz und Elend einen' feinen poetischen Zug der Nächstenliebe, der Zärtlichkeit zur Familie, der weihevollen Anhänglichkeit zum Unsichtbaren, der seinem Volke eine lange, lange Buße auf erlegte, wegen Sünden, durch welche ihre Väter das heilige Land entweiht hatten. Wie ein Leidender, der sich zwischen Hoffnung und Verzweiflung, befindet, hat das Volk im: Ghettofür jedes eitle Ding den Sinn verloren. Dort gibt : es keine Klassenunterschiede, keine Selbstüberhebung. Den wirklichen Großen wird ein Denkmal gesetzt, nicht aufgedrungen.' In einem Buch, in einer Gedenktafel oder in einer 'Standsäule, denn figurale Bild-. hauerkunst .war bei den Israeliten von altersher verpönt gewesen. So steht im „Jodenbretstraat“ für ewige Zeiten das Denkmal des großen holländischen Philantrophen Wertheim und selbst im Zimmer des jüdischen Kanalarbeiters findet man das Bild Spinozas neben dem des Lassalle und des Gesetzgebers Moses.. Das Ghetto am Teleki-ter aber hat nur widrigtrauriges an sich. Zunächst begab ich mich zu ihrem Rabbiner, der gleichsam ihr Richter, Verwaltungschef und gütiger Ratgeber ist, den die Bigotten (sie sind es fast alle) als Wunderrabbi verehren. Er heißt Salamon Wolf Adler, er ist jetzt in den besten Jahren, zwischen vierzig und fünfzig; sein Antlitz mit dem blonden, feinen Bart ist vertrauenserweckend, aus seinen Augen strömt Gutmütigkeit. Rings um ihn herum alte Bücher in Lederband. Ein grauer Mann ist zu Besuch da und will Bescheid, was für Handwerk er seiner verwitweten Tochter lernen lasse. Der Rabbi schlägt die Perückenmacherei vor, doch dieses Gewerbe erfordert eine Handfertigkeit, die große, langwährende Uebung benötigt;' wovon lebt man aber inzwischen? „Vom Vertrauen auf - Gott“, sagte entschieden der Rabbi. „Sie ist bis jetzt nicht Hungers gestorben, sie wird es auch während der Lehrzeit nicht. — Hätten wir das wahre Gottvertrauen, dann würden Wunder geschehen, wie in alter Zeit.“ Doch er sieht es dem Gast an, daß diesen eine kleine Brieftasche mit Banknoten leichter von den Sorgen befreien könnte, als das höchste Gottvertrauen. Der Alte will sich verabschieden, um ihm aber die trüben Gedanken zu verscheuchen, gibt ihm der Rabbi eine launige Anekdote von Gott -und Satan mit auf den Weg. Der Alte geht und .ich komme an die Reihe. Meine Fragen beantwortet - er in bestimmter Form, und nicht, wie es zu erwarten wäre, in- Fragesätzen. Der Rabbi gibt eine kurze Darstellung des neuen Ghettos. „Es sind die Ärmsten der galizischen, bukovinischen und lithauischen Judenbevölkerüng, diese Angesiedelten, um und auf dem Teleki-ter. Sie sind unwissend, leider auch nicht religiös. Sie leben isoliert; verkehren und raufen nur untereinander. 4—5000 Juden gibt es hier in etwa fünfzig Separationen. Denn sobald ein Streit unter ihnen entsteht, dann ist es erste Sache der „Secesionisten“, eine neue Religionsvereinigung zu stiften, die selbstverständlich viel besser dem Könige aller Könige gefällt, als diejenige, * aus deren Mitte sie sich losgemacht.“ •Ich bemerkte, vielleicht sei das fanatischreligiöse Leben bei diesen Armen ein Narkotikum, was ja zum Vergessenmachen des Elends gehört, und keinesfalls so schädlich ist, wie zum Beispiel Alkohol. / „Die Mittel zur Betäubung sind verschieden. Auch Kunst, Wissenschaft, Familienliebe, Ehrgeiz, Stammesliebe, können einen über die Alltagssorgen erheben. Man kann arm und redlich sein; man muß nicht unbedingt denaturierten Spiritus trinken, wenn man auch dem Alkohol ergeben ist. Muß man denn unbedingt sinnlos fanatisch sein, wenn man ein guter Jude 'sein will?“ So sprach der „Wunderrabbi“. Man muß nicht sinnlos fanatisch sein, um ein guter Jude zu heißen .... Nun komme ich in ^eine „Klaus“. Das ist ein ziemlich geräumiges Zimmer an der Ecke der Karpfenstein-utcza' und ist Tempel, Vortragssaal und Kasino zugleich. Sie führt den vielversprechenden Narnen „Ohel Torah“ ■ („Das Zelt der Wissenschaft“) und ist natürlich das Gegenteil all dessen, was man mit Wissenschaft bezeichnet. Von biblischen oder talmudischen Kenntnissen ist keine Spur da, aus einer Antologie talmudischer Märchen und solchen aus der späteren Literatur, gesammelt unter dem Titel „En Jakob“ („Das Auge Jakobs“) wird zeitweise vorgetfagen;':,aber jes wird fast - niemals angehört.. Denn in den Köpfen der Gelehrten der Klaus summt noch der Handel auf, der Börse am Teleki-ter; der Magen fordert seine Rechte und da ist die Phantasie gelähmt. Ich finde den Temgeldiener da, , der gleichsam das geistige Oberhaupt dieses sonderbaren Klubs ist. Er ist ein älterer Mann mit sehr bescheidenen Ansprüchen. Bart und Haare zu pflegen, findet er nicht für notwendig und aus. seinem Bekleidungsinventar fehlt das Sacktuch* ganz. Aermel .und Zipfel des Kaftans ersetzen es. Mißtrauisch und fragelustig, wie er SChon ist, richtet er die Frage an mich : „Sind Sie, nicht wahr, von der linken Partei?“ Ohne jedoch die Antwort abzuwarten, fällt mir der kleine Mann ins Wort: „Nicht nur Sie und Jhresgleichen sind von der Linken, auch' die in der Königsgasse sind keine „ehrlichen“ Juden. Sie tragen lange Bärte, halten aber das Kreuz darunter verborgen. Sie „schnorren“ den König an und verlangen Auszeichnungen von ihm. Man hat vom König nichts zu verlangen, man soll nur von einem größeren Herrn, von Gott, eine Gefälligkeit erbitten, und zwar, daß er unseren König noch eine vlanje Zeit gesund und mit gütiger Zuneigung für uns Juden erhalte. Man muß bitten, der Messias soll noch unter .seiner Regierung kommen, aber. Auszeichnungen zu pumpen, hat man nicht das gute Recht. Hat Koppel Reich (der vor kurzem mit dem Titel eines königlichen Rates ausgezeichnete orthodoxe Rabbiner) Verdienste, dann hat er, sie Gott gegenüber und soll auch von ihm das Honorar .dafür verlangen, aber von Franz Josef? Wie kommt'er zu ihm?“ Er'sprach diese Worte mit heftiger Emotion und ich sah Freiheitssinn, Bescheidenheit und Gottergebenjieit in des kleinen Mannes sonderbaren Rede. ' Oder ist die Rede vielleicht gar nicht sn sonderbar?