Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438370--2683-2442383
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr.. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 korrigieren oder ob hier das Heinesche Wort gehe: „Doch es will mich schier bedünken, Daß sie alle beide.“ Jedesfalls sei hier an dieser Stelle klar und deutlich gesagt, .daß die Wählerschaft von den Herren aus beiden Lagern eine eindeutige und präzise Erledigung dieser unsere Interessen so sehr tangierenden Angelegenheit recht bald erwartet. Eine andere Frage ist es, ob aus der geschilderten Verstimmung der Wählerschaft die Herren Denk, Ganser, Engelhart und Konsorten werden Kapital schlagen können. Und da hoffen wir doch, daß diese Herren, — soweit es sich um die jüdische Wählerschaft des Bezirkes handelt — ihre Rechnung — ohne die jüdische Nationalpartei gemacht haben. Hat schon der Ausgang der letzten Reichsratswahl zu den besteh Hoffnungen für unsere Sache berechtigt, so haben uns nun die unter der intensiven und begeisterten Teilnahme der Wählerschaft geleiteten Vorarbeiten für den „Jüdischen Volksverein“ — über welche nächstens berichtet werden soll — mit der frohesten Zuversicht erfüllt, daß wir in nicht allzu ferner Zeit die gesamte jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt unserer Idee des nationalen Selbsthilfe gewonnen haben werden. Dr. Ch. W. eine. Das aktive und passive Wahlrecht zum Zionistentag ist bedingt durch den Besitz dieses Wahlrechtes zum Distriktstag des betreffenden Verbandsdistriktes» und zwar wählen 15 bis 20 Wahlberechtigte einen Delegierten, bis 50 zwei, bis 100 drei, bis 200 vier, über 200 Wahlberechtigte für jedes begonnene Hundert einen Delegierten mehr. Die Zusammenlegung mehrerer Vereine zur Vornahme der Wahl ist nicht zulässig; b) die Mitglieder des Zentralkomitees; c) je drei Mitglieder der Distrilktsleitung; d) die für Westösterreich gewählten Mitglieder des A. C.; e) die Mitglieder des E. A. C. Das zionistische Zentralbüro für West ös t er re ich: Der Präsident: Adolf Böhm. Zionistisches Zentralkomitee für Westösterreich. Kommunique betreffend die Sitzung des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich vom 22. Oktober 1911. stadt dazu ausersehen sein soll, den „deutschen“ Charakter von Wien zu wahren, wird bei gar manchem ein erstauntes Kopfschütteln hervorrufen. Und doch erscheint es vielleicht für notwendig, die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt vor dieser neuen Ausgabe des Wiener Freisinns — der Inhalt ist ja sicherlich der alte geblieben —ausdrücklich zu’ warnen. Allerdings werden wohl die neuen Freiheitsapostel mit der günstigen politischen Konjunktur in unserem Bezirke rechnen, da die bürgerliche Wählerschaft der Leopoldstädt infolge der bekannten widerlichen Vorgänge während der letzten Wahlkampagne die bisherigen Führer wohl gründlich satt hat. Man erinnert sich ja noch, daß, wie seit einer Reihe von Jahren, so auch bei den Reichsratswahlen dieses Jahres der Wählerschaft dieses Bezirkes der Liberalismus, um jeder Geschmacksrichtung gerecht zu werden, auf zweifache Art zubereitet präsentiert worden ist. Die Schätzer von alten, eingeführten Marken konnten ihn wie von altersher aus dem Cafe Fetzer als „bürgerlicher Fortschritt“ beziehen, während ihn die Liebhaber moderner Schlagworte als „freiheitlichen Sozialismus“ im benachbarten Cafe Donau ausgeschänkt erhielten. Und gerade zwischen diesen beiden so stamm- und seelenverwandten Gruppen ist, wie erinnerlich, ' im Juni ein erbitterter Bruderkampf entbrannt, in dem es von schweren persönlichen Anwürfen und Verdächtigungen auf beiden Seiten nur so regnete und der schließlich in den Tagen des höchsten Wahlfiebers — am Vortage und am Tage der Wahl — dazu führte, daß beide „Parteien“ der Wählerschaft gegenüber die Erklärung abgaben, für ihre der Gegenseite gemachten Vorwürfe vor Gericht einstehen zu wollen. Die Wählerschaft war auf die gerichtliche Austragung der Angelegenheit umsomehr gespannt, als sie ja ein begreifliches Interesse und ein gutes Recht hat, zu wissen, wie es mit der persönlichen Integrität jener Männer beschaffen ist, die ihr Vertrauen für sich beanspruchen und die politische Führerrolle im Bezirke erstreben. Nun sind seit jenen Vorgängen schon mehrere Monate vergangen und-statt, der versprochenen und von der Wählerschaft mit Spannung erwarteten Reinigung der politischen Atmosphäre ist nichts zu hören. In beiden Lagern ist es plötzlich vollkommen ruhig geworden. Mit peinlichem Erstaunen fragt sich die Wählerschaft, ob denn die damalige ,Entrüstung auf beiden Seiten nur eine gut gespielte politische Komödie war, um in letzter Stunde das Wahlglück zu Nach dem . Mittagessen kam der pomadenduftende Kanzlist, um die Akten zu holen. — „Was hört man?“ — „Alles in Ordnung, Gott schütze uns vor Schlimmem!“ entgegnete Mendel Gdanski. — „Es heißt, daß man die Juden schlagen will . . . .“ bemerkte der duftende Kanzlist mit blödem Lächeln. — „Nun, soll man schlagen, schlagen!“ erwiderte Mendel, indem er den Eindruck dieser Worte verbarg. „Wer soll sie schlagen? Vielleicht die Obrigkeit?“ — „I . . . . wieso die Obrigkeit?“ lächelte der kleine Kanzlist. — „Nun, wenn nicht die Obrigkeit, dann sei Gott gedankt!“ sagte Mendel. Beide lachten. Der junge Kanzlist aus Dummheit, der alte Jude gezwungen. Es verdroß ihn, daß dieses Gespräch in Gegenwart des Kindesvor sich ging. Unter den zusämmengezogenen Augenbrauen warf er einen Blick auf den Knaben. Der Kleine blickte den Schreiber mit seinen großen Augen unverdrossen an und erst, als er hinter der Tür war, ließ er seine dunkel gewordenen brennenden Augen auf das Buch sinken. Der alte Mendel tat, als ob er nichts merkte, und fing von neuem zu pfeifen an. Doch dieses Pfeifen hatte etwas in sich, wie ein Pfeifen, das aus einer, von großer Last gedrückten Brust hervorkommt: Der Ton wird leiser, dumpfer, schwächer und bricht mit einem? Seufzer ab ... . Es dämmerte bereits in der Stube, als sich der dicke Uhrmacher in aschgrauem Havelock — PapteisNachrichten. III. Westösterr. Zionistentag. Auf Grund des Beschlusses der am 22. d. M. in Wien abgehaltenen Sitzung des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich berufen wir hiemit im Sinne des § 10 des Organisationsstatuts einen Ordentlicher Zionistentag des Distriktsverbandes- „Westösterreich“ für Sonntag den 24. und Montag den 25. Dezember 1. J. nach Brünn ein. Ort und Zeit sowie die Tagesordnung werden rechtzeitig ibekanntgegeben. Für die vorzunehmenden Delegiertenwahlen bringen wir den Organisationen den § 9 unseres Organisationsstatutes in Erinnerung. Er lautet: § 9. Am Zionistentag nehmen teil mit Sitz und Stimme: a) Die Delegierten der in den Verbandsdistrikten bestehenden zion. Verer trägt ihn immer um diese Jahreszeit — durch die - enge Tür hereindrückte. — „Haben Sie schon die Neuigkeit gehört?“ fragte er, indem er sich auf den Rand des Tisches des Kleinen setzte. — „Nun“, erwiderte Mendel, „was sind das nur für Neuigkeiten? Sind sie gut, so werden sie auch dann gut sein, wenn sie keine Neuigkeiten mehr sind, und sind sie schlecht, wozu soll ich sie dann hören?“ — „Es heißt, daß man die Juden schlagen will“, sagte der dicke Uhrmacher, indem er mit dem Fuße wippte. Der alte Mendel blinzelte einigemale nervös und ein Zittern fuhr plötzlich über seine Lippen* Bald aber besann er sich und sagte absichtlich in gemütlichem Tone: — „Die Juden?“ Welche Juden? Die Juden, welche Diebe sind, welche Unrecht gegen Menschen tun, auf abgelegenen Wegen Mordtaten verüben, dem Armen die Haut abreißen, nun, warum denn nicht? Ich selbst will hingehen und sie schlagen!“ — „Ach wo!“ lächelte der Uhrmacher. „Alle Juden . . . .“ In Mendels grauen Augen leuchtete ein Funke auf. Doch bald senkt er die Augenlider und, als ob ihn die Sache nichts anginge, frägt er: — „Nun, weshalb sollten sie alle Juden schlagen?“ — „Wofür denn sonst? Doch dafür, weil sie Juden sind!“ — „Nun“, meinte Mendel und seine grauen Augen zwinckern, weshalb gehen sie nicht in Sonntag, den 22. d. M. fand in Wie» eine Sitzung des zion. Zentralkomitees für Westösterreich statt, an der folgende Gesinnungsgenossen teilnahmen: Der Präsident des ZK., Adolf Böhm (Wien), Vizepräsident Dr. Emil M a r g u l i e s (Leitmeritz), die ZK.-Mitglieder Dr. Otto Abe 1 es (Wien), Dr. Ludwig Singer (Prag), Fritz Löw (Proßnitz); namens der Distriktskomitees: Inneröst. Dr. I. H. Körner (Wien), Böhmen Adolf Glaser (Prag), Mähren-Schlesien Dr. Fritz Eckstein (Troppau); für die österr. Sammelstelle des Jüd. Nationalfonds Dr. Egon Zweig (Wien). Mit beratender Stimme nahmen an der Sitzung ferner teil die Mitglieder des innerösterr. DK. Doktor Arnold Kar plus, Ingenieur Rudolf Köppl, Dr. Georg Weiner, Ingenieur Julius G r o a g, Dr. Hermann Lö w (sämtliche, in Wien), Gustav Finzi, Mitglied des mähr.-schles. DK. (Troppau). Einem Teil der Beratungen wohnte der Vize-Präsident des „Jüd. Nationälvereines für Oesterreich“, Ingenieur Robert Stricker, bei. Ihr Fernbleiben hatten entschuldigt die ZK.-Mitglieder Dr. Emil Stein, Dr. Gustav Zweig, Josef S ü ß m a n d 1 und Dr. Gustav Kuh. den Wald und hauen die Birke nieder, weil sie Birke ist, oder die Tanne, weif sie Tanne ist?“ — „Ha! ha!“ lachte der Uhrmacher auf, „jeder Jud’ hat seine Ausreden! Die Tanne und die Birke gehören doch uns, sind doch in unserem Walde, auf unserem Grunde gewachsen!“ Mendel hatte die Antwort so rasch auf der Zunge bereit, daß er sich verhustete. Er neigte sich zu dem Uhrmacher und blickte ihm tief in die Augen. — „Nun, wo bin ich aufgewachsen? Auf welchem Boden bin ich entstanden? Sie, mein Bester, kennen mich wohl schon lange? Siebenundzwanzig Jahre kennen Sie mich! Bin ich hier etwa wie in eine Schänke eingekehrt? Habe ich gegessen, getrunken und nicht bezahlt? Nun, ich bin hier nicht wie in eine Schänke eingekehrt! Ich bin in der Stadt aufgewachsen, wie jene Birke im Walde! Ich habe hier ein Stückchen Brot gegessen, das ist richtig. Ich habe auch Wasser getrunken, auch das ist wahr. Aber für dieses Brot und dieses Wasser habe ich bezahlt. Womit habe ich bezahlt? Wollen Sie, mein Bester, wissen, womit ich bezahlt habe?“ Er streckte seine beiden, abgearbeiteten, mageren und sehnigen Arme aus. — „Nun“, rief er lebhaft aus, „ich habe mit diesen zehn Fingern bezahlt! Sehen Sie, mein Bester, diese Hände?“ Er neigte sich abermals herab und fuchtelte mit den mageren Händen vor dem fettglänzenden Gesichte des Uhrmachers. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.