Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438370--2685-2442385
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 43 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Misten. Das Hamburger „Isr. Familienblatt“ tritt für die Schaffung einer „Reichstaufliste“ (Amtliche Verlautbarung; aller Täuflinge im Deutschen Reiche) ein und schreibt: Es sind jetzt zehn Monate, seitdem die Berliner Gemeinde regelmäßig alle Monate eine Liste der aus dem Judentum Ausgetretenen veröffentlicht. Das dadurch geschaffene Zahlenmaterialist, obwohl es nur einen verhältnismäßig knappen Zeitraum umfaßt, dennoch recht lehrreich, f Diese authentischen Zahlen, die eine beredte Sprache reden, besagen für die größte Gemeinde des deutschen Reiches, in der ja der Abfall am stärksten grassieren soll, das Folgende: Die Zahl der Austritte in Berlin betrug inj Monat Dezember 1910 . . . 34 J» >J Januar 1911 . . . . 40 J» JJ Februar . . . . . 17 >> ft März .... . . . 16 ft fi April .... . . . 24 t t »> Mai .... . . .'22 tt V Juni . . . . . 14 >•5 jt Juli .... ft fy August . . . . . . 12 ft it September . . . 4 Die Anzahl der Austritte aus dem Judentum in Berlin, die in den ersten beiden Monaten der Publikation der Taufliste — als diese Veröffentlichungen noch nicht zur allgemeinen Kenntnis gelangten — noch durchschnittlich 37 pro Monat betrugen, gingen im Durchschnitt des folgenden Vierteljahres auf 19 pro Monat und im folgenden Vierteljahr durchschnittlich auf ca. 10 pro Monat zurück, um dann im letzten Monat sogar auf 4 zu sinken. Im Laufe von dreiviertel 'Jahren ist also die Anzahl der Austritte aus dem Judentum in Berlin um durchschnittlich 300 Prozent gefallen. Mag man immerhin annehnien, daß auf diese auffallende Erscheinung noch eine ganze Anzahl anderer, sich zum Teil der Feststellung entziehender Beweggründe ein- ■gewirkt haben, nur die spintisierende Recht- -haberei wird sich dem Zugeständnis und der ^Erkenntnis verschließen, daß auf dieses Zurückgehen der .Austritte, die Veröffentlichung -der Tauflisten vonsegensreichstem Einfluß gewesen äst. Die eklatant rückläufige Bewegung der Austritte aus dem Judentum, gerade in Berlin, wo der Boden für das Renegatentum nach der allgemeinen Meinung ja besonders günstig sein; soll, widerlegt aufs Schlagendste die Argumente ■gegen die Veröffentlichung der Tauflisten. Folgten alle Gemeinden des Deutschen Reiches ■dem von Berlin und einigen anderen Gemeinden gegebenen Beispiele, idann würde die Tauflust und die Zahl der Austritte aus dem Judentum ■sicherlich überall eine rückläufige Bewegung zeigen, wie es hier für die reichshauptstädtische Gemeinde unwiderleglich festgestellt ist. Rus dem jüdischen Leben. Die Juden in Nordamerika. Ein Bericht des nordamerikanischen Handelsdepartements enthält interessante Daten über die Juden der nordamerikanischen Republik. In den Jahren 1904—08 kamen 1,600.000 «Einwanderer nach Amerika, davon waren 403.772 Juden. Gegenwärtig gibt es in New-York sechs Stadtteile, die fast ausschließlich von Juden bewohnt werden und kurzweg als jüdische Ghetti bezeichnet werden können. Lau! einem statistischen Ausweise der Chicagoer Handelsvereinigung gibt es in dieser Stadt 50.000 Juden, die untereinander sich ausschließlich des Jargons als »Umgangssprache bedienen. In Clevelands, wo bis 1900 Juden und Italiener nur in geringer Zahl vorhanden waren, bilden diese heute einen bedeutenden Teil -der Bevölkerung. Dasselbe gilt auch von Philadelphia, Baltimore, Cincinatti und anderen Städten. Früher kamen die jüdischen Emigranten gleich den übrigen, in der Absicht nach Amerika, um daselbst eine neue Existenz zu begründen. In den (letzten 2—3 Jahren 'kamen die Juden zumeist bloß, um sich ihren bereits dort befindlichen Verwandten anzuschließen. 93 Prozent der im Jahre 1908 nach Amerika gekommenen jüdischen Einwanderern wurde die Landung deshalb gestattet, weil sie zu ihren bereits in Amerika befindlichen Familienangehörigen gekommen waren, wie z. B. Frau und Kinder zum Manne und Vater, der Vater zu seinen Kindern usw. Ueberhaupt übt die Familie auf die Juden eine große Anziehungskraft. Hinsichtlich der Berufe nahmen die Juden den wichtigsten Platz in dem Schneidergewerbe und dem Handel mit fertigen Kleidern ein. In der'letzten Zeit jedoch hat sich dieses Verhältnis stark verschoben. Heute kommt auf 100 italienische .Schneiderinnen bloß eine jüdische. Heute wird die Kleiderkonfektion zum größten Teile von Italienerinnen als Heimarbeit betrieben. Hingegen ist die Zigarettenfabrikation fast ausschließlich Heimarbeit jüdischer Mädchen und Frauen. In Cleveland ist die Hauptbeschäftigung der Juden Kleiderhandel und Zigarettenfabrikation. In Pittsburg gab es im Jahre 1909 200 jüdische Motorführer und Tramway- Kondukteure. Von 1000 aus Rußland eingewanderten Familien liegen Aeußerungen über ihr Hausbudget vor. Sie verdienen alle mit Ausnahme von fünf Familien 10—30 Dollar die Woche. Der Verdienst der Frauen in den jüdischen Familien ist sehr gering. Die jüdischen Familien bewohnen durchschnittlich vier Räume, so daß jeder Raum durchschnittlich von zwei Personen bewohnt wird. Trotz der berüchtigten Enge im unteren Ostende von New-York, das zumeist von Juden bewohnt ist, ist die Sterblichkeit daselbst keine größere, als in den geräumigeren Stadtteilen. Dieses Ergebnis ist, wie der offizielle Bericht hervorhebt, zunächst der hygienisch einwandfreien Lebensweise der Juden und dann der strengen Aufsicht der Behörden über die öffentliche Reinlichkeit zu danken. Rus Palästina. Vom Bezalel. Die Kunstgewerbeschule „Bezalel“ in Jerusalem hat Ende September ihr Geschäftsjahr geschlossen. Dieselbe hat sich ,im verflossenen Jahre in ganz außerordentlicher Weise entwickelt. Die Zahl der an der Schule beschäftigten, Arbeiter resp. Arbeiterinnen ist von 270 auf über 400 gestiegen. Die von der Anstalt engagierten neuen Lehrkräfte, die Herren Richard und Erich G o 1 d b e r g, sowie der neue Leiter des Teppich-Ateliers, haben sich auf das beste bewährt. Eine Anzahl neuer Ateliers wurde errichtet und die Erzeugnisse der bereits bestehenden Werkstätten wurden in Qualität und Geschmack bedeutend verbessert. Eine Kollektion der neuen Modelle wurde auf der im Anschluß an den zehnten Zionistenkongreß in Basel veranstalteten Ausstellung vorgeführt und fand allgemeinen Beifall. Die außerordentliche Entwicklung der Schule ist umso höher einzuschätzen, als dieselbe seinerzeit ohne irgendwelches Betriebskapital begründet wurde und der Mangel desselben die Entwicklung hätte aufhalten können. Die Schule tritt in das neue Geschäftsjahr mit zahlreichen neuen Bestellungen ein und es ist daher mit Bestimmtheit zu erwarten, daß der Arbeiterbestand demnächst eine weitere Vermehrung erfahren wird. Die jüdische Bevölkerung von Akko. Aus A k k ä (St. Jean d‘Acre), dem biblischen Akko in Galiläa wird geschrieben: Unsere aufstrebende Hafenstadt zählt etwa 180 jüdische Seelen. Die meisten Juden Akkäs sind Handwerker, namentlich die Schneider und Schuhmacher des Städtchens sind fast ausschließlich Juden. Es gibt hier auch einige jüdische Kaufleute und einen jüdischen Mühlenbesitzer. Leider haben es die Juden Akkäs bisher zu keinem geordneten Gemeinwesen gebracht. Baron Edmund Rothschild in Paris stellt für die jüdischen Armen der Stadt eine jährliche Beihilfe von 100 Frks., ferner 360 Frks. jährlich zur Anstellung eines Schächters und Kultusbeamten zur Verfügung. Der empfindlichste Mangel, der sich innerhalb der jüdischen Kolonie bemerkbar macht, ist das Fehlen einer jüdischen Schule. , Eine ganze Anzahl jüdischer Familien hat einzig und allein aus diesem Grunde Akkä verlassen und sich in Haifa' oder Beirut niedergelassen. Größtenteils besuchen die jüdischen Schulkinder die drei hier bestehenden Christliehen Volksschulen. Außerdem gibt es noch eine Regierungsschule, an der ein Jude, Herr Bchar, als Lehrer der französischen Sprache wirkt. Auch der städtische Apotheker ist ein Jude aus Aleppo. Das Lokalkomitee für „Einheit und Fortschritt“ zählt gleichfalls einen Juden, Herrn Samuel M a h r a s, zu seinen Mitgliedern. Infolge eines „Takrir“, den der Kommandant der Garnison im Haurän, Sami Pascha Alfaruki, dem Ministerium für öffentliche Arbeiten in Konstantinopel überreicht hat,' geht die Regierung mit dem Plan um, Akkä zum Hedschas- Hafen zu machen. In diesem Falle würde die in Haifa befindliche Hauptstation der Hedschasbahn nach Akkä verlegt werden, was einen großen wirtschaftlichen Aufschwung unseres Städtchens zur Folge haben müßte. Dies würde sicherlich auch zu einer bedeutenden Vermehrung der jüdischen Bevölkerung Akkäs führen. Bekanntlich geht schon jetzt der gesamte Getreideexport Galiläas und der Ebene Jesreel nach Europa'durch'die Bucht |von Akkä. Die Tätigkeit fachkundiger jüdischer Kaufleute könnte nun diesen Handelszweig einer ungeahnten Entwicklung entgegenführen und Akkä zu einem Hauptorte des syrischen Getreideausfuhrhandels machen. Sport. Wien. (Generalversammlung des S p o r t"k I u b „H a k o a h“.) Die dritte ueneralversammlung des Sportklub „Hakoah“ fand am Sonntag den 8. d. M. in Anwesenheit vieler Freunde des Klubs, sowie seiner zahlreichen Mitglieder statt. Aus dem Rechenschaftsberichte geht hervor, daß der Klub, nach wie vor auf seine eigene Hilfe angewiesen, durchaus zufriedenstellend prosperiert, an 35 Matches absolvierte, davon einen Teil in der Provinz, in Krakau, Steinamanger, Oedenburg und in Budapest gegen seinen ungarischen Bruderverein Vivo es Athlethikev Club, vor einem nach 5000 bis 6000 Personen zählenden Publikum. Der Verein, der in der Wiener Fußball- Welt über einen guten Namen verfügt, absolvierte in Wien auch einige Matches über erstklassige Wiener Teams und vermochte zwei derselben zu besiegen, seine Turnsektion versammelte im Laufe des Winters zahlreiche seiner Mitglieder beim Turnen. Auf dem Gebiete der Leichtathletik vermochte der Klub durch sein Mitglied Krieshaber beim Meeting des W. A. C. im 100 m Flachlauf den 1. Preis, im 5000 m Lauf den 2. Preis an sich zu reißen. Desgleichen setzt die Schwimmsektion mit aller Macht ein und wird das Winter-Training in Kürze aufgenommen werden usw. Bei der darauffolgenden. Neuwahl wurden ins Präsidium die Herren Doktor Fritz Löhner und Dr. Reich wieder, Herr' Dr. David Weinberger neugewählt. Kassiere wurden die Herren Spitzer und Pollitzer, Sekretäre phil. K a t z und exp. Rosenberger, Beisitzer Sträußler, Weinberger und B u r i a n, Verbandsdelegierter Brunner, Sektionsleiter für Fußball Eisler, Revisor stud. Paar. Aufnahmen in den Verein am Mittwoch und Samstag abends im Klub-Kaffee , .Jägerhof“ und am Sportplätze. *' Sportklub „Hakoah1 V -Wien. Vorletzten Sonntag hatte der Sportklub „H a k o a h“ die „Favoritner Sparta“ zum Gegner. Das Endresultat 4:4 entspricht keineswegs dem Kräfteverhältnis der beiden Mannschaften. Wenn wir die verschiedenen widrigen Umstände berücksichtigen, gegen die wir ankämpfen mußten, so müssen wir das Wettspiel unbedingt als Erfolg ansehen. Von dem elenden Zustande des Platzes und den parteiischen Urteilen des Schiedsrichters abgesehen, war die „Hakoah“ gezwungen, für drei ihrer besten Leute Ersatz einzustellen. Da besagte Spieler unentschuldigt fern geblieben waren, sah man sich -im letzten Momente genötigt, die Ersatzspieler aus der Reservemannschaft zu entnehmen, welche kurz vorher ihr Match absolviert hatte. Was die „Hakoah“ anbelangt, so können wir getrost von ihr sagen, daß sie in ihrer gegenwärtigen Zusammenstellung zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Die Seele des Angriffes ist Spitzer, der die Mannschaft immer wieder nach vorne bringt, den Flügelstürmern die Bälle ausgezeichnet vorlegt, und im gegebenen Falle durch seine raschen unvermuteten Durchbrüche das gegnerische Tor öfters in Gefahr bringt. Der Halblinke, Schönfeld, fügte sich bei seinem Debüt vortrefflich in die Mannschaft ein. Bader und Burjan sind in zahlreichen Kämpfen erprobte Spieler. Dem Linksaußen, Mahl, wäre ans Herz zu legen, seine zahlreichen Off-side-Stellungen zu vermeiden, da er dadurch viele Angriffe zerstört. In der Halfreihe verdienen neben Freund die Ersatzleute Dukes und P o 11 a k I doppeltes Lob, da sie ja zwei Wettspiele nacheinander

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.