Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 43 (27.10.1911)
- Date
- 1911-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Den Vortrag werden wir in unserer nächsten Nummer zum Abdruck bringen. Die Teilnahme der Versammlungsgäste an den interessanten Ausführungen Dr. Mossinsohns war eine außerordentlich rege, die sich zu enthusiastischen Beifallsäußerungen steigerte, als der Referent vor Schluß der Versammlung hebräisch sprach. Mittwoch abends sprach Prof. Mossinsohn in einem Hörsaale der Universität vor zahlreichen, zumeist zionistischen Akademikern über das Thema: „Das Äuf 1 eben der hebräischen Sprache und Kultur in P a 1 ä s t i n a“. Auch hier brachten die Zuhörer dem geschätzten Referenten lebhafte Ovationen und ihren Dank für seinen interessanten Vortrag dar. Samstag, den 28. d. M. spricht Dr. Mossinsohn im Verein „Hat’chijah“ in hebräischer Sprache. (Näheres über Ort und Zeit unter Vereinsnachrichten.) Die ft. ft. Regierung im Dienste des Beizer Uunderraftbi. In Galizien arbeitet die Regierung in holdester Eintracht mit den dunkelsten Elementen an der Niederhaltung' jeder freiheitlichen Regung. Wir konnten es schaudernd erleben, wie in Droh obycz unsere Soldaten unter das Kommando von betrunkenen Schlachzizen ä Ia Liszköwski, Mordbüben und Bordellwirten ä la Feuerstein und Steinhäuser gestellt wurden und auf Befehl dieser Strolche in die wehrlose Menge feuerten. Jetzt sind die Wahlzeiten vorüber, aber das System ist das gleiche geblieben. Wenn es gilt, freiheitliche Regungen zu ersticken, ist, die Regierung allezeit bereit, mit den ärgsten Finsterlingen zu paktieren. Die Zionisten gründen in Beiz, dem Sitze des bekannten Wunderrabbis eine jüdische Lesehalle. Natürlich besteht die Befürchtung, daß durch' dieses Institut Aufklärung verbreitet, d. h. das fromme Schwindel- und Wunder ge- Schaft darunter leiden könnte. Das paßt dem Rabbi nicht, und was dem Rabbi nicht recht ist, kann die k. k. Regierung nicht dulden. In welcher Weise sie die Geschäfte des Wuriderverschleißers besorgt, wird in der nachstehenden Interpellation der Abgeordneten Breiter, Straucher und Genossen an den Minister des Innern geschildert: Feuilleton. Nachdruck verboten. Mendel Gdanski. Von Marya Konopnicka. Uebersetzt aus dem Polnischen von R. M. (1. Fortsetzung.) Erst vorgestern ... Eigentlich ist auch vorgestern nichts geschehen. Nur daß der Kleine aus der Schule ohne Mütze schwer atmend, wie ein verfolgter Hase gelaufen jkam. Zunächst wollte er nichts ■ sagen; erst nach eindringlichen Fragen gestand er, daß ein Vagabund ihm „Jud! Jud!“ nachgerufen, und er auf der Flucht die Mütze verloren habe und sie furchtsam'liegen ließ. Eine Zorneswelle fuhr in des alten Mendel Antlitz. Er richtet sich auf, seine Gestalt wird größer, speit aus, packt den Knaben heftig am Arm, stößt ihm zum Tisch lind verzehrt schweigend das Mahl. Nach dem Essen geht er nicht in die Werkstatt zurück, füllt nicht die Pfeife und geht heftig} atmend dn der Stube lauf mnd ‘ab.-Auch 'der Kleine macht sich nicht an seine Aufgaben,' er folgt . dem Großvater mit den bangen Blicken. Nie hat er ihn so zornig gesehen. . . . — „Hör mal, du!“ — begann endlich Mendel, und stellt sich vor den Knaben hin. — „Als ich dich, einen kleinen Waisenknaben, zu mir nahm und großzog und dir auch ein Kindermädchen war und dich pflegte, nun, so habe ich dich großgezogen und gepflegt, damit du Interpellation des Abgeordneten Ernst Breiter und Genossen an Seine Exzellenz den Minister des Inn e r.n. Eine scheinbar geringfügige Angelegenheit, aber bezeichnend genug für den Geist der Verwaltung, der in Galizien herrscht. Beiz ist ein Städtchen, das abseits der Kultur liegt, nie verirrt sich dorthin - ein Strahl von Aufklärung. Die Bevölkerung, fast durchwegs Juden, lebt in einer erschreckenden Finsternis, die von keiner galizischen . Stadt überboten wird. Und nun tun sich einige junge Leute zusammen, um in dieser Hochburg des Fanatismus einen bescheidenen kulturellen Lichtstrahl hineinzubringen. Sie 'wollen eine jüdische Lesehalle begründen. Man sollte meinen, daß die Behörden eine derartige Aktion mit Freuden unterstützen werden. Aber was geschieht? Die,Statuten des Vereines mußten wohl genehmigt werden, wozu ist aber eine' konstitierende Generalversammlung da? Wenn das eine nicht hilft, muß das andere helfen. Das vorbereitende Komitee zeigt der Bezirkshauptmannschaft Sokal an, daß die Generalversammlung im Lokal eines Herrn Isak Hammer am 17. September 1911 stattfinden werde. Der Herr Bezirkshauptmann von' Sokal, Kaliniewicz, verbietet dieselbe mit der Begründung, daß das Lokal nicht geeignet ist. Natürlich hat der Bezirk sh aup tmann weder persönlich noch durch jemand das genannte Lokal untersuchen lassen. Das Komitee bestrebt sich hierauf um ein anderes Lokal, und zwar um ' das größte und schönste, das. in Beiz vorhanden ist, um den Saal des „Narodny Dom“, der, nebenbei gesagt, mehr als 1000 Leute faßt, und die Versammlung wird für den 29. Seotember angezeigt. Es ging nicht an, in diesem Lokal die Abhaltung der Generalversammlung zu verbieten, nun so verfiel man auf ein anderes Auskunftsmittel.. Der erschienene Bezirkskommissär Kautsky benützte das Eindringen eines Abgesandten der Gegner dieses' Vereines, um die Versammlung aufzulösen. Nun zeigte das Komitee zum drittenmal die Generalversammlung nach § 2 an, und zwar wieder im „Narodny Dom“, wo einige Tage früher eine ruthenische Volksversammlung und eine ruthenische Theatervorstellung stattgefünden ■ haben. Aber er erhielt die Verständigung, daß der Saal, wie amtlich festgestellt wurde (?!!), für .eine Versammlung nicht geeignet ist. Hier muß bemerkt werden, daß, der Saal 1000 Personen faßt und Zur Abhaltung: von Versammlungen und Theatervorstellungen berechtigt ist. , Das Komitee zeigte nun zum viertenmale. eine Versammlung für 20 geladene Personen auf den 29. September in demselben Saale an, und erhielt nochmals einen Bescheid,- daß amtlich noch nicht festgestellt wurde, ob schon jetzt der Saal geeignet ist. Also mit einem Worte: Das reine Komödienspiel! Nicht unerwähnt bleibe es, daß die letzte Versammlung im '„Narodny Dom“ am L September 1. J. abgehalten wurde und daß an ihr Hunderte von Personen teilgenommen hatten. Die letzte -Theatervorstellung fand am 29. August d. J. statt. Es wird also i bewußt gelogen, um die Bildung und Aufein Dummkopf bleibst? Und als ich dich lernen ließ, als ich dich in die Schule schickte, dir Bücher kaufte, so geschah es nicht, damit du ein Dummkopf bleibst! Und , wie ein Dummkopf wächst du nun heran und keine Klugheit steckt in. dir! Denn wärst du klug, du würdest dich nicht schämen, nicht weinen, nicht davonlaufen, wenn jemand dir ,Jud‘ nachruft. Und wenn du darüber weinst, -wenn du davonläufst und noch dazu eine so schöne neue Mütze verlierst, welche bare fünf Gulden weniger sechs Groschen kostet, nun so bist du. ein vollkommener Dummkopf-und diese Schulen, diese Bücher, diese Wissenschaften taugen allesamt nichts!“ Er atmete tief auf und begann von neuem: — „Nun, was ist ein Jude? Nun, was bist du für ein Jude?“ — sagte er mit gedämpfter Stimme — „du bist in dieser Stadt geboren, also bist du kein Fremder, sondern ein Einheimischer, ein Hiesiger, und du hast das Recht diese 'Stadt {zu lieben, so lange du {einen ehrlichen Lebenswandel führst! Du hast keinen Grund dich zu schämen, daß du Jude bist. Wenn du dich aber schämst, weil du ein Jude bist, wenn du dich selbst für erbärmlich hältst, weil du ein Jude bist, wie kannst du für die Stadt, in der du geboren, etwas Gutes leisten, wie kannst du sie lieben? .' . : . Nun? Er seufzte und stellte sich wieder vor den Knaben hin. Und nun betrachtete er mit einer gewissen Rührung das erschrockene Gesichtchen. Er legte die Hand auf das Köpfchen: Nr. 43 klärung in noch so bescheidenem Maße nicht aufkömmen zu lassen. Während die -Behörden aller Kronländer bestrebt sind,' die Volksbildung zu fördern, mißbraucht ein Bezirkshauptmann von Sokal seine Amtsgewalt dazu, um unter dem Deckmantel der staatlichen Autorität jede freie Regung mit verlogenen Mitteln zu unterdrücken. * Die' Gefertigten gestatten sich daher die Anfrage . „1. Ist Seine Exzellenz geneigt, sich Einblick in diese Vorkommnisse zu verschaffen? 2. Gedenkt Seine Exzellenz telegraphisch die Bezirkshauptmannschaft von Sokal anzu- weisen, daß sie der Abhaltung der Versammlung zur Gründung der Lesehalle in Beiz keine Schwierigkeiten in den Weg legt?“ Stefanyk, Staruch, Lawruk, Dr. Kost' Lewyckyj, Dr. Baczynskyj, Dr. Trylowskyj, Budzynowskyj, Folis, Dr. Cehelskyj, Petryckyj, Dr. Straucher, E. Breiter, Dr. Lahodynskyj, Dr. Petruszewycz, Onyszkewycz. Rus der Leopolöstaöt. Es ist jetztin Wien Hausse in politischen Vereinen. Tagtäglich liest man von solchen Neugründungen und; man ist erstaunt' über das plötzliche Erwachen so. vieler neuer politischer Kräfte in Wien. War doch von einem aktiven politischen ,Interesse der Bevölkerung bisher nicht, allzu Viel zu merken. Ob nicht da alte politische Firmen durch neue Namen neue Käufer für ihre verschimmelte politische Ware anzuwerben suchen? Auch wir in der Leopoldstadt sind in den letzten Tagen mit .der Gründung eines „Politisch-wirtschaftlichen Vereines“ — dies der neue Firmenname für den Wiener bürgerlichen Freisinn — beglückt worden. Wir hatten bisher bei Wahlen die ach so schwere Wahl, zwischen einem Dutzend von Kandidaten und' „Parteien“ und da kommt es -ja Wirklich -auf noch eine {Organisation gar - nicht mehr an. Diesmal scheint die Rettung der Leopoldstadt Vom -r Deutschen N a t i o n a 1 v e r b a n d aüszugehen. Besagter Verband will auf seinen Lorbeeren; die er sich in der Wahlkampagne geholt hat, nicht müßig ausruhen, und seit Wochen bemühen sich nun seihe Wiener Agenten Denk und Ganser, auch die 'Reichshauptstadt * dem „deutschen; Freisinn“ dieses Verbandes.'zuzuführen. -Auf ihrem Feldzug zur Eroberung von Wien haben sich diese Herren in'die — Leopoldstadt verirrt und im Hotel Zentral auf der Taborstraße haben sie jüngst der aufhorchenden Leopoldstädter Wählerschaft die neue Botschaft verkündet. Naive Gemüter werden zwar nicht recht verstehen können, welcher Zusammenhang zwischen der Leopoldstädter Wählerschaft und.dem „Deutschtum“ und der ^Freiheit“ .'des Deutschen Nationalverbandes besteht. Und daß' gerade die Leopoldschöne Sache! Dessen sei eingedenk-! Und jetzt geh lernen, damit du kein Dummkopf bleibst und eine neue Mütze werde ich dir schon kaufen; deswegen brauchst du nicht zu weinen. Das ist eine Dummheit!“ Der Kleine küßte dem Großvater die Hand und machte sich an die Bücher. Der alte Buchbinder aber war mehr erregt, als er dem Kinde zeigen wollte. Lange ging er in der Stube auf und ab, ohne die eilige, begonnene Arbeit zu beendigen und spie fortwährend in die Ecken, als ob, er etwas Bitteres im Munde spürte. Diese Bitterkeit hatte er auch während der Nacht nicht verdaut. Denn älter und gebeugter als sonst stand er auf. Als der Knabe den Ranzen auf die Schultern genommen und in die Schule ging,, setzte sich der Alte zum' Fenster und blickte lange und unruhig hinaus. Diese Unruhe wich auch während der Arbeit nicht von ihm. Oefter als sonst füllte er unter dem Drucke einer gewissen Erregung seine kurze Pfeife, begab sich an das Fenster -und blickte argwöhnisch in die ihm so gut und so lange bekannte Gasse. Und unter dem Einfluss? dieser Erregung schien ihm ihre Bewegung, ihre Stimmen, ihr Geräusch so. anders als sonst. Als aber der Kleine aus der Schule fröhlich nach Hause kam, weil er einen Fünfer bekommen, und mit der-neuen Mütze, die ihm über die Augen herabfiel, seine Spässe trieb, vergaß der Alte seiner Gespenster und pfiff für sich, um dem Kinde eine Freude zu machen, bei der Arbeit, wie einst in jungen Jahren.