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Jüdische Zeitung · 1911-10-27 · 43 (27.10.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
43 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NRTIDNRL -JUDGCHE5 DREßN G ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lüchtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden ■ tä?!icj> von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zuiückgestellt. — Abonnententspreise: Für Oester- _ ™ r'eich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. K: 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. ™ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 43 Wien,. Freitag, den 27. Oktober 1911 V. Jahrgang Ein Gewaltstreicfi der Pariser flilianceleiiung. Aus Paris wird uns gemeldet: „In der Sitzung des Zentralko- ■ mitees der Alliance Israeli te Universelle, die am IS. Oktober in Paris stattfand, wurde der Antrag aiif Abschaffung der Wahlen zum Zentralkomitee und Einführung des Systems der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Von den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansäßige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war Lin Edelgier. »Die fünf bei Her Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder des Zentralkomitees, nämlich die Herren Justizrat Max Fuchs-Berlin, Qeheimrat Professor Dr. Landau-Berlin, Gumpertz-Hamburg, Oschinsky- Breslau und WiLtner-Leipzig traten dem Antrag einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von "den Rabbinern Dr. Werner-München und Dr. Vogelstein-Königsberg lagen schriftliche Aeußerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestierten. Dennoch wurde der Antrag mit deiner wähnten |19;Stimmen 'gegen 5 Stimmen der deutschen Mitglieder angenommen. Um das Statut der Alliance im . Sinne de? Antrags zu lindern, ist noch , eine zweite Abstimmung deifZentralkomitees nötig, die frühestens nach 4 Wochen stattfinden kann. Sodann muß noch die Genehmigung der Generalversammlung der Alliance eingeholt werden. Es ist nötig, die jüdische Oeffentlichkeit rechtzeitig'auf die Konsequenzen hinzuweisen, die sich aus der Einführung des Kooptationssystems ergeben würden. Das' Prinzip der Oeffentlichkeit würde dadurch vernichtet, jede Kontrolle seitens der beitragleistenden Mitglieder in allen Ländern ausgeschaltet, der Einfluß der nicht in Paris wohnhaften Mitglieder des Zentral-Komitees auf Null reduziert und die Verwaltung der Alliance immer. einer kleinen. Gruppe von Pariser 'Herren überlassen bleiben. Wie wir erfahren, beabsichtigt das Präsidium der deutschen Konferenzgemeinschaft der Alliance, mit aller Energie gegen diese Pläne anzukämpfen und eine Aktion .dagegen einzuleiten, die in der nächsten Zeit , in ihren Einzelheiten der Oeffentlichkeit zur Ke'nntnis gebracht werden wird.“ Soweit der Bericht. Insofern die jüdische Oeffentlichkeit daran interessiert ist, die mittelalterlichen Zustände in der Alliance nach, modernen Grundsätzen reformiert zu sehen, ist dieser brutale Akt der Pariser Zentraldiktatur nur zu begrüßen. Denn jetzt wird auch dem blödesten Auge klar, was die bösen Zionisten schon seit mehr als einem Jahrzehnt urbi et orbi verkündeten: Daß dem Wahrspruch der „Alliance“, dieser Quintessenz der jüdischen Brüderlichkeit nirgends mehr ins Gesicht geschlagen wird, als von der Pariser Leitung. Man denke: Das Zentralkomitee eines viele tausende Mitglieder zählenden Vereines soll nicht durch Wahl eingesetzt werden, sondern sich nur durch Kooptierung erneuern! Nirgends auf der Erde gibt es eine derartige reaktionäre Bestimmung. Die ICA., deren Satzungen der Pariser Alliance das Vorbild für die famose Neuerung lieferten, kann nicht zum Vergleich herangezogeri werden, denn sie ist eine Stiftung eines einzelnen Mannes, der über die Verwaltung bestimmte Vorschriften gab. Aber die Alliance ist ein Verein mit vielen tausenden Mitgliedern und einem Budget von über 2 Millionen Francs per Jahr. Noch nie und nirgends haben sich Vereinsangehörige ihres wichtigsten Rechtes begeben, ihre Angelegenheiten und ihr Geld durch gewählte Vertrauensmännerverwalten zu lassen, d:e von Zeit zu Zeit Rechenschaft geben und sich, neuerlich ,um das Vert./rauen be - werben müssen, wenn sie weiter die Geschäfte des Vereines führen wollen. Die Bestimmung, daß der Vorstand einfach perpetuiert wird, ist nicht nur eine reaktionäre, sondern einfach eine unsinnige! Welcher vollsinnige Jude wird einem Verein angehören und diesem Mitgliedsbeitrag zahlen wollen, wenn er bei der Wahl der Leitung keinen Einfluß hat. Die Pariser Herren vergessen eben völlig, daß ein Verein ein freiwilliger Zusammenschluß ist, daß sie vielleicht, wie immer, ihren Willen auch diesmal durch Beschickung der Generalversammlung mit Strohmännern formell durch setzen können, daß sie aber keine Macht haben, die Mitglieder zum Verbleiben im Verein zu zwingen. Sollte das die Absicht sein? Sollten die Pariser Herren wünschen, daß alle Mitglieder, die nicht ihre, Anbeter sind, austreten; so daß sie dann jeder unbequemen Kritik ledig, über das Vermögen, die Schulanstalten und sonstigen Einrichtungen, die ja in ihren Händen verbleiben würden, nach ihrem freien Ermessen verfügen kön - nen? Sei es, wie immer, der Gewaltstreich wird genau so wohltätige Folgen haben, wie noch jeder Anschlag gegen Vernunft und Freiheit. Er wird die Geister äufrütteln und dadurch die Gewalthaber zu Falle bringen. Die erste Konsequenz wird die Loslösung der mächtigen deutschen Gruppe sein, die schon lange gegen die Pariser Zentrale opponierte und die namentlich mit der Feindschaft derselben gegen den Zionismus, mit der Hetze gegen diesen in der Türkei sowie mit den frankisierenden Tendenzen der Leitung nicht einverstanden ist. Wir Zionisten stehen nicht nur als Demokraten in diesem Kampf auf Seite der deutschen Gruppe. Wir haben die Pariser Zentrale stets als unjüdische Assimilanten vor aller Oeffentlichkeit gebrandmarkt. Die Juden aller Welt einigen, um die hiedurch gewonnene Macht in den Dienst der französischen Politik zu stellen, das ist nicht nur unjüdisch, denn die vereinigte Kraft von Juden darf nur für jüdische Interessen gebraucht werden, nicht für fremde, sondern trägt den Widerspruch in sich selbst. Man kann nicht deutsch-jüdischen Assimilänten Geld abnehmen, um damit die Juden Marokkos zu frankisieren, damit Frankreich dann, gestützt auf die dadurch in Marokko zu schützenden Untertanen, dem deutschen Reich dies Land vor der Nase wegschnappt. So offenbarte sich in der Alliance der innere Widerspruch der Assimilation: Entweder sind die Juden bloß Deutsche, Franzosen, Engländer — dann haben sie sich gar nicht separat zu organisieren und wenn sie es tun, nur innerhalb ihres Landes, oder sie' umschließt über alle Grenzen hinüber ein gemeinsames Band, dann kann ihr Zusammenschluß doch nur zu rein jüdischen Interessen erfolgen, nicht zu assimilatorischen. An diesem Widerspruch geht die Alliance zugrunde. Der unsinnige Vorstoß der Pariser Zentrale isc ein letzter vergeblicher Versuch, die französische Richtung in der Alliance zu retten. Die Spaltung ist unausbleiblich!. Die kann nur aufs lebhafteste begrüßt werden, denn mag auch die künftige französische Gruppe noch eine Zeit lang ihre frankisierende und antizionistische Politik fortsetzen, so wird die viel kräftigere deutsche Gruppe, so weit die Verhältnisse sich heute beurteilen lassen, - eine gesunde jüdische Tendenz in ihrer Arbeit walten lassen und ebenso wie der Hilfsverein mit dem Zionismus nur in friedlichen Wettbewerb treten, der gegenseitig zu erhöhter Tätigkeit anfeuern wird. Professor Mossinsofm in Hielt. Seit einer Woche beherbergt die Wiener zionistische Partei einen illustren Gast in ihrer Mitte. Professor Dr. .B e n-Z i o n Mossinsohh, Leiter des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, der als Delegierter des Kongresses nach Europa kam, um hierauf eine Agitationstournee für das Jaffaer Gymnasium, diesem Merkstein in der neu-jüdischen Renaissance in Palästina, zu unternehmen, ist in Wien eingetroffen, nachdem er in Berlin, Prag, M a r i e n b a d und anderen Orten über die Neubelebung der jüdischen Kultur mit großem Erfolge gesprochen und begeisterten Zuspruch und Unterstützung seiner Bemühungen im Dienste der Förderung des palästinensischen Unterrichtswesens gefunden hat. Die Anwesenheit Dr. Mossinsohns in Wien hat allenthalben, namentlich in zionistischen Kreisen, lebhafte Begeisterung wachgerufen. Dazu trägt nicht wenig die Person Dr. Mossinsohns bei. Seine gediegene Kenntnis aller Verhältnisse in Palästina, sein weiter Gesichtskreis über die Entwicklungsmöglichkeiten der zionistischen Bestrebungen in diesem Lande und die Art und Weise, wie er darüber, sei es in Versammlungen oder im Privatverkehr zu sprechen versteht, machen ihn zur interessantesten Persönlichkeit, die die Wiener Zionisten in den letzten Jahren bei sich zu Gaste sahen. Am letzten Montag war Dr. M o s s i n s o h n Gast des „Zionistischen Zentralvereins“, der im. Saale des Hotel „Central" eine Versammlung einberuien hatte, in der Dr. Mossinsohn über „die Bedeutung der neuen jüdischen Kulturentwicklung für das Gesamtjudentuni“ vor mehr als 500 Personen sprach.

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