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Jüdische Zeitung · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 In tausenden Orten außerhalb des sogenannten „Ansiedlungsrayons“ Massenausweisungen von Juden, die dort seit langem wohnten, ohne eines der Wohnprivilegien zu besitzen, wie von solchen, die das Wohnrecht haben. Unter den Betroffenen oft Greise, die in den betreffenden Orten geboren sind. Schonungslosestes Verfahren. * * Aus Odessa u. a. alle jüdischen Patienten der Walichowska-Abteälung ides städtischen Krankenhauses. Sie hatten unverzüglich das Spital zu verlassen und sich nach dem „Ansiedlungsrayon“ zu begeben. * * * Aus Petersburg jene jüdischen Handwerker, die dort allmonatlich in der Zahl von 70 bis ~S0 aus den Genossenschaften ^ausgeschlossen werden, damit sie ihr Wohnrecht verlieren. * * * Im Tschernigower Gouvernement finden Hetzjagden auf die in die Wälder geflüchteten Juden statt. * * ♦ In Duschenjaty und in Popowa Gora entfernten die Polizisten in den jüdischen Wohnungen bei 30 Grad Frost die Fenster und Türen, um so die Insassen zum sofortigen Auszug zu zwingen. * * * Die Kiewer Obrigkeit hat. das Institut der Oblawa eingeführt. Die Polizei (überfällt die jüdischen Familien bei Nacht. Wer sein Wohnrecht nicht auf der Stelle dokumentarisch nachweisen kann, wandert. ins Polizeirevier, wird dann mit Verbrechern zusammengesperrt und abgeschoben. — Noch gefürchteter sind die Oblawen bei Tag. Diese erstrecken sich dann oft auch auf -die eleganten Läden des Stadtzentrums. Häufig wird dann überhaupt an dem überfallenen Orte keine Prüfung der Dokumente mehr .vorgenommen, sondern alle Vorgefundenen Juden müssen unter verstärkter Eskorte ins Revier, wo .erst die Prüfung stattfindet. * * * Nikolajew (wird äCriegshafen, wodurch (es nach dem Wortlaut des Gesetzes nur für privilegierte Juden offensteht. Dadurch verfallen 16.000 Juden der Ausweisung. * . * Der Gouverneur von Nischni-Nowgorod wollte eine ganze Menge jüdischer Kaufleute, die zur dortigen berühmten Messe kamen, nicht zulassen. Die erschreckte Bevölkerung setzte es in Petersburg durch, daß die Maßregel in ihrer Allgemeinheit nicht verfügt wurde. Indessen wurde eine Anzahl jüdischer Kaufleute doch ausgewiesen. Der Markt ist beunruhigt und das Geschäft ist flau. . * * * Die Zulassung jüdischer Kaufleute zu den sibirischen Märkten durch den Ministerrat abgelehnt. Der Ministergehilfe Kryzanowski hat jene.! jüdischen Lehrern, die nach Petersburg kamen, um sich in den dort veranstalteten Sommerkursen in ihrem Berufe zu vervollkommnen, den Aufenthalt in Petersburg nicht gestattet. * * * In Lazarewka mußten alle jüdischen Sommergäste den Ort binnen, zwei Stunden verlassen. Sie mußten mit ihrem Gepäck auf dem Rücken zur. nächsten Station. Auch einem Schwerkranken ließ man nicht Zeit, einen Wagen zu suchen; auf Krücken mußte ersich zur Station schleppen. * * ♦ Im Petersburger Polytechnikum wurden nach dreijähriger Pause wieder Juden aufgenommen. — Nämlich 1 in die Schiffsbauschule und 1 in die Ingenieur-Abteilung. * « * v ' In die Kiewer Pharmazeutenschule sind in diesem Jahre nur 3 Juden aufgenommeri worden, weil sich nur 12 Christen meldeten. —'Die Zahl der jüdischen Aufnahmebewerber beträgt über 100. * In der Berghochschule in Jekaterinoslaw wurde eine 10°.ii-Norm für jüdische Studenten eingeführt. - ♦ * % Der Kurator des Kiewer Bildungsrayons weist in seinem Bericht an den Bildungsminister mit Genugtuung darauf hin, daß in den Kiewer Staatsschulen die Zahl i der Juden klein geworden sei, und in einigen Gymnasien keine Juden aufgenommen werden. „Eine unangenehme Ausnahme macht nur Kamenetz“, sagt er in seinem Bericht. * * * In Klimowitsch, Gouvernement Mohilew, wurde das Privatgymnasium in ein Staatsgymnasium umgewandelt. Weil für ein solches die 15°/o-Norm gilt, wurden 80 jüdische Schüler ausgeschlossen. — Aehnliches geschah in ' vielen anderen Städten. * Alle jüdischen Privatgymnasien des Reiches geschlossen. * * * Telegraphische Verordnung, des Handelsministers: In den zwei von der Kiewer Kaufmannschaft erhaltenen Handelsschulen dürfen in diesem Jahre keine Juden aufgenommen werden. Die jüdischen Schüler, die gerade beim Aufnahms-Examen waren, wurden daraufhin sofort nach Hause geschickt. * •; * Die von jüdischen Handelsangestelltcn gegründete und mit jüdischem Geld erhaltene zweite Handelsschule in Jekaterinoslaw bekam aus Petersburg Befehl, in diesem Jahre keine Juden aufzunehmeif. Jüdische Knaben werden in die Knaben- Wehr (Knaben-Soldaten) nicht aufgenommen. * - * * Sensationeller Prozeß in Kischinew, der, folgendes feststellte: Eine Reihe Studierender hatte durch die Intervention gewisser „Damen“ um 1200—1500 Rubel die Aufnahme in die Odessaer Universität durchgesetzt, während andere Aspiranten trotz ihrer „goldenen Medaillen“ draußenbleiben mußten. Die Damen wurden freigesprochen, weil sie nichts Sträfliches begangen hatten. Der Odessaer Universitätssenat aber war nichtjangeklagt. Er hatte statt der Gesetze die von den erwähnten Damen erwirkten Empfehlungsschreiben verschiedener Persönlichkeiten, so-des Generals-Kaulbars, des Stadthauptmanns Tolmatschow und verschiedener Antisemiten- ■häuptlinge berücksichtigt. * * * Der Stadthauptmann von Odessa, Tolmatschow, führt Prozesse gegen angesehene Juden, die christliche Vornamen tragen. Die Advokatenkammer wollte ihm nicht die Liste der jüdischen Advokaten ausfolgen, wurde aber durch ministeriellen Erlaß duzu gezwungen. — Zweck der ganzen Sache: Entziehung des Wahlrechtes zur vierten Duma. * * * Senatserklärung: Juden dürfen weder Beisitzer noch Ersatzmänner bei. Handelsgerichten sein. * * * ' Der Stadthauptmann von Odessa, Tolmatschow, hat die Verwaltung der Chewra K adischa dem Stadtrat, d. h. dem berüchtigten Pogromhelden Pelikan, übertragen. Er änderte auch das Statut der Chewra Kadischa in dem Sinne ab, daß nunmehr ihre Erträgnisse „auch“ für jüdische Wohltätigkeitszwecke verwendet werden dürfen. * * - * Zu den. neuen Semstwos im Westgebiete haben die Juden laut ausdrücklicher Bestimmung des neuen Gesetzes kein Wahlrecht. * * * , Der „Deutsche Klub“ in Moskau, ein Jahrhundert alt, wurde geschlossen, weil er dem Befehl der Behörden, die jüdischen Mitglieder auszuschließen (15 unter 700) nicht nachkam. * * , * Der Polizeimeister von Uralsk, Liwkin, erschoß zwei Juden auf der Straße, weil sie ihn wegen seiner fortgesetzten Bestechungs-Erpressungen angezeigt hatten. ♦ * * Die Polizei in Wilna verbot den Droschkenkutschern, vor dem jüdischen Theater Aufstellung zu nehmen, weil das Publikum dieses Theaters keine Droschken nötig habe. nach dem Knaben zu sehen. Obgleich er den Kleister mit der Hand erreichen kann, geht er durchs Zimmer, wenn er ihn braucht, um auf dem Wege den Enkel in die blasse durchsichtige Wange zu kneifen, oder seine kurzgeschorenen weichen, wie ein Maulwurfsfell glänzenden dunklen Haare zu'streicheln. Der Knabe scheint an diese Liebkosungen gewöhnt zu sein, denn er läßt sich durch sie weder in seinem halblauten Geflüster, noch in dem Schaukeln auf der Bank stören. Doch der alte Buchbinder ist auch damit zufrieden und sucht das Geklapper der Pantoffel zu dämpfen, wenn er die Werkstatt wieder aufsucht. Freitag abends verändert sich das Bild: der Kleine lernt beim Fenster und schaukelt mit großer Mühe den schweren Stuhl und die Nachbarin stellt auf den mit einem Tuche bedeckten Birkentisch einen Fisch, . Nudeln und die vom Bäcker geholte fett und schöngebratene Ente. Der Zinkleuchter mit den sonderbar gekrümmten Armen und den Knäufen beleuchtet in festlichem Glanze die Stube. Der alte Mendel trägt einen abgenützten, doch wohlerhaltenen schwarzen Kaftan, der von einem breiten Gürtel festgehalten wird. In diesen steckt er mit Vorliebe seine abgearbeiteten Hände. Seine grauen Haare bedeckt ein Käppchen, und. das Knarren seiner neuen Stiefel mit den hohen Schäften klingt durch das Zimmer, wie ein fröhlicher Gesang. Wenn der Tisch vollständig gedeckt ist, wäscht’ sich der Knabe, kämmt seine kurzen Maulwurfshaare auf dem einzigen, länglichen Köpfchen, zieht einen frischen Kragen und reine Manschetten an und stellt sich mit rückwärts verschränkten Armen ernst und gerade auf, während der Großvater vom Hängebrett den feiertäglichen Gebetmantel und das Gebetbuch herablangt. Wenige Minuten später hört man den summenden Gebet-Singsang des -alten Juden; seine Stimme umfaßt alle Töne der Skala, von den niedrigsten bis zu den höchsten, in welchen sein Singen in Stöhnen und sehnsüchtigen Jammer ausklingt. Unter dem Eindrücke dieses Gesanges durchbebt den kleinen Gymnasiasten ein nervöses Zittern, sein bleiches Gesichtchen wird noch blässer und die großen Augen weiten und schließen sich abwechselnd und schwimmen in Tränen, wie ein Hypnotisierter blickt er den Großvater an,- sein Mund öffnet sich zu einem nervösen Gähnen. Zum Glücke schließt der Großvater bald das alte Gebetbuch und leitet mit einem Segen das Sabbatmahl ein. Einmal im Sommer, da geschah es, daß die Gesellen des Schlossers Kolodziejski und des Schusters Pocieszka sich vor dem geöffneten Fenster des alten Buchbinders, versammelten, und sie lachten über dieses Gebet und trieben ihre dummen Scherze. In diesem Augenblicke kam der alte Pfarrer vorbei, warf unwillkürlich einen Blick durch das Fenster und entblößte vor dem betenden Juden, der sich in seiner Art so andächtig an seinen Gott wandte, sein Haupt. Die Szene spielte sich wortlos ab. Die Gesellen zogen sich zurück, als ob ein' Unwetter sie verscheuchte, und seither ereignete sich kein Zwischenfall mehr, der die arme Stube störte. (Fortsetzung folgt.)

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