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Jüdische Zeitung · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42 In einer .südrussischen ' Stadt peinigte ein Polizist im Revier einen jüdischen Knaben, Petscherski, so lange, bis der Knabe starb. * * *■ ’’’ Der Chef des Bezirkes Pültusk ließ in den Synagogen bekannt machen, daß ihn fortan die jungen Juden, wenn sie ihm begegnen, zu grüßen haben. Zuwiderhandelnde würden mit siebentägigem Gefängnis bestraft. * * Die neue Ausdehnung der Prozentnorm auf „Externe“ gilt nicht für Juden schlechthin, sondern für „Personen jüdischer Abstammung“, also auch Getaufte. * * * Verordnung des heiligen Synod: Taufen von Juden dürfen nur im „Ansiedlungsrayon“ stattfinden. * * * Getaufte Studenten sind nicht den christlichen gleichgestellt. Sie können sich erst ein Jahr nach der Taufe anmelden. * * * Projekt: Getaufte Juden genießen bis zum- -vierten Geschlecht nicht die Rechte der Christen. * * * Der französische General Valabregue, ein Jude, der zum Chef des Generalstabes hätte ernannt \Verden sollen, wurde nicht ernannt, weil die russische Regierung gegen seine Wahl Protest einlegte. Bus dem pisrtien lieben. Zur Kiewer Ritualmordhetze. K i e w. Dieser Tage hat sich der Zeuge, der Juschtschinsky am Tage der Ermordung um neun Uhr morgens in der Nähe der Saizew- :schen Ziegelfabrik gesehen haben wollte und dessen Aussage bekanntlich zur Erhebung der Mordanklage gegen Saizews Angestellten B e i 1 i s führte, wieder bei der Untersuchungsbehörde. gemeldet und seine frühere Aussage vollständig zurückgenommen. Er erklärte, das ursprüngliche Zeugnis unter dem Einfluß ihm unbekannter Personen abgelegt zu haben, die ihn mit Branntwein bewirtet und ihm Geld gegeben hatten. Tolmatschows neueste Leistungen. Odessa. Wie erinnerlich, hatte Tolmatschow seinerzeit, als die Odessaer Dumaersatzwahlen mit einem Sieg des jüdischen Rechtsanwalts Brodsky endeten, den glücklichen Einfall, gegen den Vertreter des freisinnigen, fortschrittlichen Odessa einen Prozeß „wegen Aneignung eines falschen Namens“ anzustrengen. (Brodsky hatte nämlich, wie dies übrigens in den „intelligenten“ jüdischen Kreisen Rußlands häufig vorkommt, die Schwäche, seinen jüdischen Vornamen ein wenig zu russifizieren.) Das Stückchen gelang. Der Legitimationsausschüß der Reichsduma machte dem neuen Abgeordneten gewisse formale Schwierigkeiten, da dessen Identität in Zweifel gezogen worden sei. Brodsky wurde kleinmütig und verzichtete freiwillig auf das Mandat. Dieser Erfolg ermutigte Tolmatschow, und die wohllöbliche Behörde der Hauptstadt des Schwarzen Meeres fand ein neues, sehr ergiebiges Arbeitsfeld. Die Namen sämtlicher jüdischer Akademiker und Kaufleute wurden sorgfältig unter die Lupe genommen und in Odessa begann eine Aera von Prozessen „wegen Aneignung falscher Namen“, die auch für . andere diensteifrige Satrapen des. Ansiedlungsrayons vorbildlich wurden. Aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen in die neue .Duma verdoppelte Tolmatschow noch - seine Energie. Er beschloß, ganze Arbeit zu machen. Wird ihm doch eine generelle Revision sämtlicher in Betracht kommenden jüdischen Namen die Möglichkeit bieten, die zahllosen beanstandeten Namen einfach aus der Wählerliste zu streichen. Die patriotischen Bemühungen Tolmatschows werden natürlich von den zuständigen Zentralbehörden eifrig gefördert. So befahl vor kurzem Justizminister Schtscheg1o w i tow dem offiziellen Rate der Rechtsanwälte des Gerichtsbezirkes Odessa, General Tolmatschow eine ge¬ JÜDISCHE ZEITUNG naue Liste sämtlicher im betreffenden Bezirk in der Advokatur tätigen Personen zur Verfügung zu stellen.. An Hand dieser Liste wird nun auf Tolmatschows Antrag gegen vierzig jüdische Rechtsanwälte und Advokaturgehilfen der Prozeß „wegen Aneignung usw.“ angestrengt. Pogromagitation in Moskau. Moskau. Auf einer Versammlung, die der Verband des russischen .Volkes hier veranstaltete, hielt der berüchtigte Schniakow eine blutrünstige Hetzrede gegen die Juden, in der er u. a. seinem Bedauern darüber Ausdruck gab. daß die Kiewer Ereignisse nicht in einem Pogrom ihren Abschluß gefunden haben. In seiner Wut erklärte der pogromlustige Rechtsanwalt den Kiewer Gouverneur für einen Juden. Ein anderer Redner, der famose O r 1 o w, der soeben von Kiew zurückgekehrt war, wußte das Auditorium damit zu trösten, daß in Kiew ein Pogjrom unvermeidlich sei, da die „besten russischen Männer“ gegenwärtig daran arbeiteten. „Man muß unbedingt einen guten Pogrom veranstalten“ — erklärte der ausgezeichnete Patriot. „Es ist ja lächerlich, wenn bloß Bettfedern in der Luft herumfliegen. Knochen müßten fliegen!“ Wohnrechtsrevision in Petersburg. Petersburg. Hier findet gegenwärtig wieder einmal eine strenge Prüfung des Wohnrechts aller^in Petersburg ansässigen Juden mit den üblichen Begleiterscheinungen, wie nächtlichen Streifen usw. statt. Judenverfolgungen in Turkestan. Petersburg. In Fergana (Russisch-Turkestan) kam es am 8. d. M. auf das Gerücht von dem Raub eines Sartenknaben durch Juden zu einer Kundgebung gegen die Juden. Eine große Menge Eingeborener begann, Steine auf die Juden und ihre Häuser zu werfen. Ein Jude namens L i 1 i a c h o w aus Samarkand wurde dabei getötet, mehrere andere und deren eingeborene Verteidiger erlitten Verletzungen. Die Polizei war ohnmächtig, die Ruhestörungen zu verhindern. Es wurden Truppen aufgeboten, die die Ruhe wiederherstellten, ohne vonder Waffe Gebrauch zu machen. Neuregelung des Wohnrechtes der Juden in Sibirien. Petersburg. Das Ministerium des Innern hat verfügt, daß die Frage des Wohnrechts der Juden in Sibirien von nun an in folgender Weise gehandhabt werden soll: Diejenigen Juden, die sich vor dem 9. Dezember 1909 in Sibirien niedergelassen haben, gelten in dieser Provinz als wohnberechtigt; alle anderen Juden sind, soferne sie nicht das Wohnrecht außerhalb des Ansiedlungsrayons genießen, aus dem sibirischen Gebiet auszuweisen. Am 5. Oktober wurde Nekrassow davon in Kenntnis gesetzt, daß der Gouverneur von Tomsk Order erhalten habe, der Seligson den zeitweiligen Aufenthalt in Tomsk zu gestatten. Ipagep Brief. Dr. Mossinsohn in Prag. (Von unserem Korrespondenten.) Prag, 16. Oktober 1911. Die zionistische Arbeit der Wintersaison hat in Prag kraftvoll und vielversprechend eingesetzt. Das wichtigste Mittel zur Entfachung jener Begeisterung, die Schwung und Lust zur Arbeit gibt, ist der Zusammenhang mit Palästina, mit allem, was dort ist, vor allem mit dem Geiste der dort herrscht und der berufen ist, das träge Judentum des Goluth in seinen Grundfesten aufzuwühlen. Einen Hauch dieses Geistes bringen uns die Männer, die dort schaffen, wenn sie zu uns kommen und uns von dem neuen Leben, von ihrer Arbeit, von ihren Erfolgen erzählen." Vor kurzem hat hier der Lehrer des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, Dr. Viktor Kellner, an. einem Vereinsabend des Vereines jüdischer Hochschüler i.Bar'Kochba“, dessen Mitglied er ist, in kleinem Kreise über das neue jüdische Leben in Palästina gesprochen; er hat in eingehender Weise die Grundprobleme unserer Palästinapolitik erörtert und ausführlich über das palästinensische Leben berichtet. Er wies besonders auf den Gegensatz hin, der zwischen dem gesunden Leben in Palästina und dem ungesunden Leben im Goluth besteht, und schilderte die Einrichtung der aufstrebenden Kulturinstitute, besonders des Jaffaer Gymnasiums. Seite 5 Zu einem Ereignis gestaltete sich der Vortragsabend, den vergangene Woche .gleichfalls der Verein „Bar Kochba“ im Rahmen einer großen Versammlung im Festsaale des Prager jüdischen Rathauses veranstaltete. Es sprach Dr. Ben-Zion Mossinsohn, der bekanntlich auch Lehrer des Jaffaer Gymnasiums ist, über die Entwicklung des jüdischen Kulturlebens ' in Palästina und seine Bedeutung für das Gesamtjudentum. Mossinsohn, dessen Persönlichkeit mit ihrer bestrickenden Liebenswürdigkeit und dessen leidenschaftliches Temperament suggestiv wirkt, ist ein ausgezeichneter Redner, der durch den Reichtum /seiner pedanken und die Wärme seines Tones mit fortreißt. Der Saal war gedrängt voll, die zahlreiche Zuhörerschaft lauschte in atemloser Spannung und brach zum Schlüsse in jubelnden Beifall aus. Mossinsohn gab in fast zweistündiger Rede einen Umriß der palästinensischen Verhältnisse. Ausgehend von der Lage in der Türkei, wies er nach, daß in Palästina wohl die türkische Regierung, nicht aber der türkischen Nation Interessen zu vertreten habe, daß die Araber, die übrigens keine einheitliche Nation bilden, für die Wiederbelebung Palästinas untauglich sind und nur die Juden für die Kolonisation des Landes in Betracht kommen. Er legte dann das Verhältnis des Zionismus zur türkischen Regierung klar: Kein ernster türkischer Politiker wird heute, da die richtige Auffassung über unsere Absichten langsam durchzudringen beginnt, dem Zionismus feind sein. Jene in den Zeitungen so breit getretenen Debatten im türkischen Parlament haben ihren letzten Grund nur darin, daß wir zu schwach sind und daher keinen Fürsprecher gefunden haben. Die Besiedlung Palästinas durch die Juden entspricht in hohem Grade den türkischen, vor allem aber den jüdischen Interessen. Für uns ist vorläufig Palästina kein Immigrationsiand; noch immer wandern mehr Juden, die nur ihre persönliche Lage verbessern wollen, nach Amerika, aus dem. alten in ein neues Galuth. Aber Palästina ist das Land, wo lein geistiges Zentrum, ein Kulturzentrum für die ganze Judenheit entstehen wird; und dieses Zentrum wird immer mehr Menschen anziehen, so daß dann in Palästina nicht nur die Judentumsfrage, sondern auch die Judenfrage gelöst werden wird, sobald einmal neue Möglichkeiten geschaffen sind. Wer nach Palästina auswandert, der will nicht seine ökonomische Lage bessern, sondern er will die Lage des Volkes bessern. Helden sind diese Pionniere, die ihr Leben gelassen haben, die ersten jüdischen Helden seit der Zeit des Galuth, deren Blut für die jüdische Sache geflossen ist. Mossinsohn schildert die Entwicklung des Kolonisationswerkes von den ersten Anfängen, die jetzige Blüte, die erst einen vielversprechenden ‘Anfang darstellt. In der Debatte hatte Mossinsohn bei Beantwortung einiger Anfragen Gelegenheit, eine genaue Schilderung der Verhältnisse im Gymnasium zu geben. Er legte auch unter großem Jubel der Versammlung das Neue seiner Lehrmethode und die Prinzipien seines Bibelunterrichtes dar, und das Publikum hat seiner Sympathie durch herzliche Zustimmung Ausdruck gegeben. Für das Gymnasium herrscht hier jetzt großes Interesse und es sind durch Zeichnung von Anteilen schon 5000 K aufgebracht. Das ganze Judentum sollte erkennen, welche große Bedeutung diese erste nationale Erziehungsanstalt hat. Den Männern, die dort wirken, gehört unser Dank und unsere Liebe. Aus Palästina. Eine wichtige Antwort der türkischen Regierung, die Sicherheit in Palästina betreffend. Konstantinopel. Auf die wiedernolten Schritte, die infolge dringender Vorstellungen von palästinischer Seite der Chachambaschi der Türkei bei der ottomanischen Regierung getan hat, ist ihm nun der offizielle Antworts-Takrir vom Großwesirate zugegangen. Die Antwort der Regierung ist von lebhaftem Wohlwollen für die Juden Palästinas und von Fürsorglichkeit um ihre Sicherheit getragen. Der Antrag, an verschiedenen Punkten des Landes Militärposten zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung anzulegen, ist akzeptiert, und die Bereitwilligkeit der jüdischen Kolonien und Gemeinden Palästinas, die hierzu nötigen Bauten auf eigene Rechnung zu übernehmen, mit gebührender Anerkennung zur Kenntnis genommen worden. Jedoch lehnt die ottomanische Regierung diese pekuniäre Mithilfe ab, da es ihre eigene Pflicht sei, für die öffentliche Sicherheit alles Nötige aufzuwenden. Zum Zwecke der Ausführung ihrer Intentionen fragt schließlich die Regierung den Chachambaschi an, an welchen Punkten der Provinz v

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