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Jüdische Zeitung · 1911-10-20 · 42 (20.10.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
42 (20.10.1911)
Date
1911-10-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 , ■ - . es Pflicht aller denkenden Elemente, die Parteileitung eines Besseren zu belehren. Wer lschweigt, macht sich zum Mitschuldigen. Und diese Schuld wäre groß.. Denn noch immer.gilt in. der Politik der Satz: „C’est plus qu’un crime^ c’est une faute.“. Zwei Tagungen in der letzten Woche verdienen, registriert zu werden. Am Samstag den 14. d. fand in Lemberg der erste Verbandstag der jüdischen Handelsangestellten und Privatbeamten in Oesterreich statt. 45 Delegierte vertraten 22 Verbandsgruppen in Galizien und in der Bukowina. Der Verband zählt nach vierteljährigem Bestände bereits 1000 Mitglieder, während der internationale Zentralverband nach 20-jähriger Arbeit — es sei nur an die famose Agitationsreise des Wiener Gehilfenobmannes Karl Pick, erinnert — kaum 250 zu gewinnen vermochte. Die Tagung sprach den Wunsch nach Vereinigung mit der Wiener Organisation aus und erklärte den in Wien erscheinenden „Jüdischen Handelsangestellten“ als Verbandsorgan. Am selben Tage fand ebenfalls in Lemberg die Konferenz der jüdischen Sozialisten (Separatisten) unter Teilnahme von ungefähr 100 Delegierten statt. Die Konferenz war im Zeichen Partei den Separatisten die Anerkennung als Sozialistenpartei einberufen. Die Abgeordneten Wityk und Daszynski manifestierten durch die Ansprachen, daß die ukrainische und polnische Partei den Separatisten die Anerknenüng als Juden nicht versagen. Abg. Dr. Diamant gehört natürlich als „Pole“ der jüdischen Sozialistenpartei nicht an, trotzdem er Vertreter eines jüdischen Wahlbezirkes ist und vor der Wahl sehr jüdisch tat. Immerhin muß man in der Anerkennung der Separatisten einen Sieg des jüdischen Nationalgedankens gegen die vereinigte polnische und deutsche Assimilation jüdischer Genossen erblicken. Die Drohobyczer Gräuel vor einem Wiener Gericht. Der Advokaturskandidat Dr. Messer wurde am 19. Juni l.J! bei der Drohobyczer Blutwahl, als das Militär auf Veranlassung ‘des berüchtigten Wahlschwindlers Jakob Feuerstein gegen eine friedliche Volksmenge ein Salvenfeuer eröffnete, durch einen Streifschuß mitunter durchs Fenster einen schwarzen Rettich an im Austausch gegen färbige Papierabfälle. Ihre Buben machen draus die in der ganzen Gasse berühmten Luftschlangen; 'das Söhnchen des Hausbesitzers sitzt stundenlang bei ihm und wartet, bis ihm Mendel ein Stückchen Pappe schenkt, gut um ausgeschnittene Soldaten aufzukleben und indessen bewundert" er die großen Ringe der Schere, wiegt den Hammer, steckt die Nase in den Kleistertopf und kostet beinahe davon. Das alles erzeugt eine Atmosphäre gegenseitiger Vertraulichkeit. Dem alten Mendel muß darin wohl sein. Trotz seiner siebenundsechzig Jahre ist noch Rüstigkeit in ihm. Ruhe und Ernst malen sich auf seinem scharfen, in Arbeit welk gewordenen Gesichte. Seine Haare sind schon stark gebleicht und der lange Bart ist ganz grau. Wohl atmet die eingefallene Brust unter dem Leinwandkittel mitunter schon schwer, und der gekrümmte Rücken will nicht mehr gerade wachsen, doch darob soll man sich nicht grämen, solange Füße und Augen noch ihren Dienst tun, solange noch in der Hand Kraft ist. Wenn ihm drückende (Luft den Atem benimmt und im gebogenen Rücken der Schmerz das Kreuz zu brechen droht, dann füllt der alte Mendel die kleine Pfeife aus dem schwarzen Beutel, raucht sie an und ruht ein Weilchen aus. Der Tabak ist nicht von der besten Sorte,- doch gibt er einen s.o ..feinen blauen Rauch und schmeckt Mendel so gut. Dieser blaue Rauch hat die Eigenheit, daß man in ihm verschiedene JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 verletzt. Dri Messer war .bei. einer Wiener Versicherungsgesellschaft gegen Unfall versichert und verlangte die auf die Zeit seiner Erwerbsunfähigkeit entfallende Versicherungssumme. Die Versicherungsgesellschaft verweigerte die Zahlung mit der Begründung, daß sie laut ihren Versicherungsbedingungen für Verletzungen bei „bürgerlichen Unruhen“ nicht hafte. Dr. Messer klagte beim Wiener Bezirksgericht für Handelssachen die Versicherungsgesellschaft auf Zahlung der Versicherungssumme. Bei der Verhandlung, die vor einigen Tagen stattfand, stellte Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Jakob Ehrlich in Vertretung des Klägers unter Beweis, daß in Drohobycz am 19- Juni bürgerliche Unruhen nicht stattgefunden haben. Er führte aus, daß der Wahlakt um 12 Uhr mittags unterbrochen worden sei, daß während der berüchtigten „Geisterstunde“ sich die Volksmenge verlaufen habe, so daß zur kritischen Zeit in der Stryjer Straße vor dem Wahllokal und in der ganzen Stadt vollständige Ruhe herrschte. Ohne jeden Anlaß sei das Militär plötzlich auf die Straße gestürzt und der Bezirkskommissär Lysk o w s k i habe das Kommando „Feuer“ gegeben. Dieser habe übrigens schon geraume Zeit, bevor geschossen wurde, einigen Bekannten geraten, fortzugehen, weil er bald schießen lassen werde. Der Richter gab der Klage Folge und verurteilte die beklagte Gesellschaft zur Zahlung des eingeklagten Betrages. In der Urteilsbegründung wies er darauf hin, daß in Drohobycz am Tage der Reichsratswahl bürgerliche Unruhen nicht staitgefunden haben. Von bürgerlichen Unruhen könne man selbst dann nicht sprechen, wenn, wie die beklagte Gesellschaft behaupte, die Volksmenge der staatlichen Gewalt Widerstand geleistet hätte. Unter bürgerlichen Unruhen könne man bloß organisierte Massenerhebungen verstehen, nicht aber Demonstrationen gegen Wahlvorgänge, mit welchen die Wähler aus irgend einem Grunde nicht zufrieden seien. Das Gericht habe es daher für überflüssig gehalten, zu untersuchen, ob Anlaß -vorhanden war, von den Feuerwaffen Gebrauch zu 'machen;' — Dieses Urteil eines Wiener Gerichts entspricht zweifellos der Billigkeit. Wäre es aber nicht schon höchste Zeit, daß das Abgeordnetenhaus von der Regierung endlich Aufklärung darüber verlangt, welche Ergebnisse die gegen L y s k o w s k i geführte Untersuchung hatte, gegen den bekanntlich die Anzeige wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt und gemeinen Mords überreicht wurde und was die Regierung vorzukehren gedenkt, damit nicht der verbrecherische Wahlschwindler Jakob Feuerferne Dinge sieht und solche, die schon längst entschwunden. Man sieht Resia, seine Frau, mit welcher er dreißig Jahre glücklich durchs Leben gegangen ist und die Söhne, die sich wie vom Sturme verfegte Blätter zerstreut haben und die Kinder dieser Söhne, und mannigfachen Kummer und Trost und Sorgen; und am längsten sieht man im Rauche seine jüngste Tochter Lea, die so früh geheiratet hat und so früh gestorben ist. Ein Enkel ist hpn von ihr geblieben. . . . Wenn der alte Mendel seine Pfeife anraucht, kommt aus seinem Munde ein leises Murmeln. Je länger er raucht und je entferntere Bilder und Gestalten, die niemals wiederkehren, der - blaue Rauch ihm zuträgt, desto mächtiger schwillt das Murmeln an, wird stärker und stärker und wird zum schweren Stöhnen. Diese Menschenseele, diese alte Judenseele hat auch ihren Kummer und ihre Sehnsucht, die erwachen, wenn die Arbeit sie nicht erstickt. Unterdessen hat die Nachbarin ein Töpfchen mit Brühe und Teller mit Fleisch und Gemüse hereingebracht. Der alte Mendel nimmt die bescheidene Mahlzeit in Empfang; er ißt aber nicht, sondern stellt alles auf den kleinen Eisenofen und wartet. Das Warten währt nicht lange. Pünktlich um zwei Uhr wird lärmend und polternd die Stubentür geöffnet und in ihr erscheint ein kleiner Gymnasiast, in weiter, zum Hineinwachsen bestimmten Uniform, mit einer großen Mütze auf dem Hinterkopf, einem Ranzen auf den Schultern. Es ist ein etwa zehnjähriger Knabe, welcher von der Mutter, des alten Mendel stein dem edlen Herrn von Löwenstein abermals „legale“ Wahlen mache? Stolypins Wirhen. Die Zeitschrift „Ost und West“ bringt ein Register der Untaten, die in einer kurzen Spanne Zeit, während der letzten Wochen, im Aufträge Stolypins an den Juden verübt wurden. Nachstehend sei einiges aus dieser traurigen Blütenlese wiedergegeben. Erlaß der Gouvernements-Verwaltung von Kiew: Nur jüdische Kaufleute erster Gilde, die ständig in Kiew wohnen, haben das Recht, jüdische Angestellte zu halten. — Handelsgesellschaften nicht. * * * Aus dem Projekt einer neuen vom Justizministerium ausgearbeiteten Advokatenordnung: Jüdische Advokaten dürfen keine Zivilprozesse von Christen führen. Jüdische Advokaten dürfen nicht in den Advokateinrat gewählt werden. Die Prozentnorm wird erweitert, in jedem Sprengel dürfen nur 5 Prozent der Juden Advokaten sein. * * . Verbot an die Kiewer jüdischen Droschkenkutscher, in jenen Straßen Aufstellung zu nehmen, in denen Juden nicht wohnen dürfen. « * * Zirkular des Kurators des Kiewer Bildungsrayons: Es ist Juden verboten, christliche Kinder für die Schule vorzubereiten. * * Projekte des Ministerpräsidenten Stolypin bezüglich Beschränkung des jüdischen Handels und Kredits. Geplant ist eine Prozentnorm in Ansehung jüdischer Wechsel. Die Reichsbank erhält den Befehl, jüdische Wechsel nicht zu diskontieren. Zu diesem Zweck sollen die Privatbanken verhalten sein, mitzuteilen, ob. es sich um jüdische oder christliche Wechsel handelt. Die Reichsbank hat schon begonnen, jüdischen Kreditsuchenden den Kredit zu mindern oder zu entziehen. Folge: Bankerotte und große Beunruhigung, auch der ausländischen Geschäftswelt. Juden sollen in Bankverwaltungen keine hohen Stellen bekleiden dürfen. Herausgabe einer Schrift: „Die Rolle der Juden im Getreidehandel“ durch das Ministerium des Innern. Ein aus antisemitischen Büchern zusammengeschriebenes Machwerk. jüngster Tochter Lea, braune Augen mit goldigem Glanze, lange, dunkle Wimpern und einen kleinen Mund, und vom Großvater eine Adlernase und eine schmale, hohe Stirn geerbt hat. Mager und von kleinem Wüchse ist der Knabe, doch er erscheint noch kleiner und magerer, wenn er den Mantel abgelegt hat und in der von einem breiten Gürtel festgehaltenen Scjiulbluse dasteht. Der alte Mendel schwebt in steter Angst um des Knaben Gesundheit. Das durchsichtige Gesicht des Jungen, sein häufiger Husten, seine schwächliche Brust und die eingefallenen Schultern wecken im Großvater ständige Sorgen. Er wählt für;ihn die besten Fleischstückchen, richtet ihm .die Portion auf dem Teller zurecht und wenn der Knabe sich satt gegessen hat, klopft er ihm auf die Schultern und ermuntert ihn, im Hof mit den Kindern zu spielen. Selten tut‘s der Kleine. Er ist müde vom Unterricht, dem schweren Mantel, dem Sitzen in der Schule, dem Weg, dem Tragen des Ranzens; auch hat er viele Aufgaben. Beim Gehen schleppt er die Beine nach und wenn er manchmal lächelt, malt sich in seinen dunklen Augen Melancholie. Nach dem Mittagessen setzt sich der Kleine an den einfachen Birkentisch, nimmt Bücher und Hefte zur Hand und der alte Mendel geht an die Arbeit in seine Werkstatt. Obgleich der Knabe sich ganz ruhig verhält und nur mit halblautem Geflüster seine Aufgaben wiederholt, hie und da schaukelnd die Bank rückt, scheint er doch den alten Buchbinder in der Arbeit zu stören. Jedesmal wendet der Großvater den Kopf, um

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