Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 42 ganz infame Verdrehung und Verleumdung bedeutet es, wenn die Auslassungen Dr. Mahlers als eine Kundgebung des Willens und der Meinung der zionistischen Öeffentlichkeit hingestellt werden. Dr. Mahler steht schön lange abseits von unserer Partei und ist weder ein Vertrauensmann, noch ein Führer. Seine Aeußerungen haben in zionistischen Kreisen einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen und es ist zu erwarten, daß auch von leitender Stelle, vom zionistischen Aktionskomitee in Berlin, alles getan—wird, um ihn als „Zionistenführer“ zu desavouieren und so Mißverständnisse zu verhüten, die unserer Partei und unseren Volksgenossen in der Türkei großen Schaden zufügen können. Es ist unbedingt notwendig, unser Verhältnis zum „Zionistenführer“ Mahler vor der breitesten Öeffentlichkeit klar darzustellen. Mit dem „Gelehrten“ Mahler rechnen schön andere ab. Wie ein wirklich objektiver Gelehrter, dessen Urteil weder Leidenschaft, noch egoistische Erwägungen zu trüben vermögen, über die Tripolisangelegenheit schreibt, sei nachstehend dargetan. In der „Frankfurter Zeitung“ schreibt der bekannte Rechtslehrer an der Universität Würzburg,' Professor Dr. P i 1 o t y: „Italien befleißigt sich also offenbar jener Korrektheit des Verhaltens, wie man es nicht selten bei Leuten findet, die ein großes Unrecht getan haben .oder zu tun im Begriffe sind. Ein Unrecht war aber und ist dieser Krieg selbst, wie auch immer er geführt werden mag. Es wird sich schwerlich1 jemand finden, der den Nachweis unternähme, daß diese Expedition-zur Kategorie der ,,-bonnes guer^ res“ („guten Kriege“) wie v. Martens sich in, seinem „Questionnaire“ zur Zweiten Haager Konferenz ausdrückte, zu rechnen sei. Kein Versuch einer öffentlichen Darlegung der behaupteten fanatischen, muselmanischen Unterdrückung italieischer Untertanen in Tripolis, kein ernsthafter. Versuch1 einer friedlichen Verständigung über etwaige Entschädigungen mit der Pforte und Maßregeln der Verhütung, — sondern ein glätter Einbruch in die Macht- und Rechtssphäre des herausgefor- Eeuilleion. Mendel Gdansk!*1) Von Merga Konopnicka. Nachdruck verboten. Uebersetzt aus dem Polnischen von R. M. Seit gestern herrscht eine gewisse Unruhe in der Gasse. Der alte Mendel wundert sich, füllt öfter als sonst seine kurze Pfeife und blickt durch’s Fenster hinaus. Diese Menschen hat er hier noch nie gesehen. Wohin gehen sie? Warum halten sie die Arbeiter auf? Wo haben sich diese, halbwüchsigen Burschen zusammengetan? Warum werfen sie solche Blicke in die Hausfluren? Woher haben sie Geld, sie gehen zu fünf und sechs in die Schänke .... Der alte Mendel schüttelt den Kopf und schmaucht sein kleines Kirschholzpfeifchen. Er kennt diese stille Gasse so gut. Ihre Physiognomie, ihre Bewegungen, ihre Stimmen, ihren Rythmus .... Er weiß, wann und in welchem Winkel die Sonne aufgehen wird, wieviel Kinder morgens vorbeitrippeln werden Sn die Kinderbewahranstalten, in (die Schulen, wieviel welke Mädchen, in dunkle^-Tücher gehüllt, kleine Blechkannen in den Händen zur Zigarrenfabrik eilen; wieviele Weiber mit Markttaschen auf dem alten abgetretenen Bürgersteig stehen bleiben,!) Diese Erzählung ist unter dem unmittelbaren Eindruck der Judenpogrome in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts . verfaßt worden. Die Schilderung der Verhältnisse ist jedoch auch heute zutreffend. derten G egn e r s, ein formell korrekt eingeleitetes materiel-: les Unrecht! Das: ist die einfache' völkerrechtliche. Charakteristik des Falles, wenn anders der Satz noch gilt, daß es Unrecht sei, wenn einer etwas, was ihm nicht gehört, einem andern nimmt Würde heute ein Schiedgericht über das Geschehene zu •urteilen haben, der Spruch könnte kaum anders lauten als: „Italien hat Tripolis zu räumen und. die Pforte für den angerichteten Schaden zu entschädigen. Von dieser Entschädigung, ist - abzuziehen, was Ita - lieriern etwa an .Schaden in Tripolis zugefügt worden ist.“ So muß Jeder Rechtliebende sprechen* Und so sprechen auch wir Zionisten. Wir verwahren uns aüfs entschiedenste dagegen, daß die Moral- und Rechtsbegriffe eines Dr. Mahlers mit den zionistischen verwechselt oder identifiziert werden. bemberger Brief. (Von unserem Korrespondenten;) Die in der „Jüdischen Zeitung“ mehrfach behandelte Frage der V e r e i n i g u n g aller österreichischen zionistischen Organisationen hat unter hiesigen Zionisten Beachtung und bei vielen ernsten Elementen Verständnis und Zustimmung gefunden. So oft diese Frage angeschnitten wurde, ließen sich Stimmen vernehmen, welche gegen die Zerreißung der zueinandergehörenden Teile Protest erhoben. So lange aber die Politik der Augenblickserfolge galt und diese eine zumeist unangebrachte und nutzlose Rücksichtnahme auf die 'herrschenden .polnischen Kreise zeitigte, wollte man. von den, ,„frem£e;n“ . Zionisten nichts , hören. »Eine, j r;spnst ...verachtete Mimikry wurde.. Beweis hoher, .politischer. -.Weis? heit;-und „Galizien den Galizianern“ war das gütige; wenn auch nicht freimütig eingestandene Schlagwort. , . : Falsche ‘Grundsätze haben-kürze Beine. Mandate wurden nichte; erobert,v die--.allgemeine . Organisation aber ist- .zertrümmert. Nun. wird bei uns. revidiert. Anstatt Mandatspolitik — Volkspolitik; anstatt separatistischer. Provinzpolitik — jüdische : Reichspolitik.; worunter nicht ■ Mandatserwerbung, die Folge sondern, Politik, die Voraussetzung, zu verstehen ist.: Diese Anschauungen gewinnen immer mehr an Boden. Hoffen wir, daß gemeinsame Besieh gegenseitig das eingekaufte Gemüse zeigen und über die Teuerung klagen, wieviel Arbeiter schweren Schrittes mitten durch den Fahrdamm schreiten werden, in Schleppschuhen, Bündelchen unter dem Arm, Blechkannen, Spaten, Seile und Sägen in den Händen. Ja, er weiß sogar, wieviele Sperlinge .auf dem Gesimse der alten Brauerei, welche mit ihrem hohen, geschwärzten Kamin die Gasse verdeckt und in den Zweigen der morschen Pappel nisten, der alten Pappel, die weder Kraft zum Leben, noch Lust zum Sterben hat und ganz schwarz, verdorrt dasteht, mit ausgehöhltem Stamme, aus welchem im Frühling ein blasses Grün liervorlugt. Er würde auch, ohne hinzuschauen, erkennen, ob Pawel, der Hausknecht, die Gasse mit dem neuen oder mit dem alten Besen kehrt. Und wie sollte Mendel Gdanski dies alles nicht wissen, hat er doch schon seit siebenundzwan-zig Jahren in derselben Stube, unter dem nämlichen Fenster seine Buchbinderwerkstatt und steht nun ein Vierteljahrhundert in seiner Lederschürze da. Während seine dürre, sehnige, jetzt schon .ein wenig zitternde Hand die hölzerne Preßschraube drückt, überfliegen seine Augen die Gasse. 'Wie eine fremde, in sich geschlossene . Welt liegt diese Gasse in der großen Stadt. -- . Alle die Geheimnisse dieser Welt kennt Mendel. Er weiß, wann der Husten des alten Archivars besser öder schlechter wird; er weiß, wie die Pomade des kleinen Kanzlisten duftet, für welchen Mendel ’die Akten des Chefs heftet; er weiß, wann die Joasia von der der Frau Rätin Strebungen und — was das wichtigste ist — gemeinsame Arbeit uns dem Ziele der Wiedervereinigung zuführen Werden. ‘ Ueber1 die entsprechende Prgänisätionsform müßte man noch schlüssig werden. Als' Grundprinzip müßte geltend e i n e Zentralbehörde in der Form von Reichsparteitag lind Reichsexekutive, und untergeordnete Ländesbehörden" zur Erledigung administrativer Agenden. Wirkungskreis der ersten sollten die Zentralleitung aller zionistischen Agenden, sowie Regelung von Fragen, wie Verhältnis zu Parteien und Völkern; zur Assimilation und zur Zentralbehörde.' der Weltorganisation; Tätigkeitsbereich der'zweiten: Durchführung der gefaßten Beschlüsse sein. Noch ist man von diesem Ziele entfernt. Aber weil es ein Gebot der Notwendigkeit darstellt, ist auch die Zeit nicht mehr fern, wo man ihm zustreben wird. Ende November finden bekanntlich die Ersatzwahlen in Drohobycz und Z I o c z o w statt. .Die Wahlpräludien haben schon eingesetzt. Voh zionistischer Seite ist indeß in Drohobycz sehr wenig, in ZloCzow aber nichts geschehen. Es . scheint fast, daß diejenigen, welche behaupten, die Zionisten würden Abstinenz üben, Recht haben. Allerdings ist es nicht zu leugnen, daß. beide Bezirke nicht genügende Chancen für. einen Erfolg bieten. Aber damit ist nicht gesagt; daß man diese Gelegenheit, das z i onistische Programm zu kandidieren*• unbenutzt vorübergehen lasse. Ein Beiseitestehen würde mit Recht, als Ohnmachtsbeweis angesehen werden. .Im Hinblick auf die Landtagswahlreform wäre mit dem Aufkommen einer derartigen Meinung bei den Außenstehenden und — was unausbleiblich ist — bePden Juden selbst, dem. jüdischen Volke sehr schlecht gedient. Ein neuerlicher Durchfall bei beträchtlicher Stirnmenanzahl ■ würde nicht schaden, ein ohnmächtiges Beiseitestehen aber das Gefühl der Demütigung - hervorrufen.. Kampf gegen die Assimitation ist und muß unsere vornehmste Parole bleiben. Den Moschkos das Feld räumen heißt._]_hre Macht erhöhen, ihren schädigenden Einfluß stärken. Das Geheimnis der erfolgreichen Parteien heißt: :ßich nicht selbst aufgeben, sonst wird man von den anderen aufgegeben! - Ein . z'w.eites Sprüchlein lautet: Immer-dabei sein; denn in contumaciam wird man immer übers Ohr gehauen. ' Aus diesen pründen ist nicht zu glauben, daß die -zionistische Partei Abstinenz üben wird. Sollte sie das dennoch beabsichtigen, dann ist kommen und bitten wird, ihn einen Glückwunsch- Bögen „in Glas hübsch einzufassen“, auf welchem ein goldener Engel abgebildet ist und weist auf einen Kavalier 'mit einem Rosenbukett in der Hand, er weiß, wann der Student, welcher in der Mansarde wohnt, nicht zu Mittag ißt; er weiß von welcher Seite eine Töchterschüleri.i atemlos und scheu auftauchen und verlangen wird, er möge ihr jlie auf rosa Papier abgeschriebenen Gedichte von Czclar und Gawalewicz „himmelblau und mit goldenen Schnürchen“ einbinden Er weiß alles. Alles, was so ein graues, scharfes Auge erspähen, was das Ohr erlauschen und worüber man i n den langen Stunden nachdenken kann, während man, wie ein Specht mit dem Hammer klopft, Papierbogen zurechtschneidet, Kleister kocht und Farbe bereitet. Auch ihn. kennen hier .alle. Selten verirrt sich ein Fremder hierher. Jeder ist hier ein Zugehöriger, ein Einheimischer. Der alte, kahlköpfige Uhrmacher von gegenüber ruft ihm durch das geöffnete Fenster „guten Morgen" zu und erkundigt sich über Bismarck, der schwindsüchtige Gärnwirker hängt seine langen Hanffäden, an welchen er hustend im halbdunklen Steinflur dreht, an Mendels Türklinke; der magere Student aus der Mansarde mit Füßen, die wie die Arme eines Zirkels aussehen, steckt um die Abenddämmerung den Kopf und dünnen Hals durch Mendels Tür und borgt von ihm eine Wachskerze, welche „er sofort zurückgeben wird, er möchte nur noch ein Stündchen schreiben. . . . . Die Greiilerin bietet ihm