Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 42 (20.10.1911)
- Date
- 1911-10-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438369--2670-2442369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
NRTIDNRL -JUDI5CHE5 DRERN »Mf i ■ ■ ■■■■■■■■ ■ ■ ■ d i ■ i i ■ ■ i ■ ■ Erscheint wöchentlich. — Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden ■ — täglich von 11—12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt. — Abonnementspreise: Für Oester- _ ™ reich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.—, halbjähr. R 5.—, Vierteljahr. R 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 3.—, Vierteljahr. “ ■ Mk. 3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr.'Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. ■ Nr. 42 Wien, Freitag, den 20. Oktober 1911 V. Jahrgang Jüdisches Volksheitn. Der Jüdiscbe Uolfisuerein fUP die GßOpolÖsiaÖf gründet im Zentrum der Wiener Judenschaft ein Uolhsfieim, in welchem neben anderen gemeinnützigen Institutionen, eine Volkslesehalle, Vofksbibliothek und ein Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben sollen. Die Gründung dieses Volksheimes, in welchem unsere jüdischen Mitbürger Schutz ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte finden werden, in welchem auch dem Schwächsten und Ärmsten Bildungsgelegenheiten jeder Art geboten werden sollen, in welchem der verfolgte und verachtete Jude.vals gerngesehener Gast und Freund Stärkung seines Selbstbewußtseins erfahren wird, ist gewiß der Unterstützung aller Volksgenossen wert. Spendet für den Fonds des Jüdischen Volksheimes. Dp. h. Plaftfitces, Ingenieur R. Stpiifier, Dp. Cb. Uolfmann. Spenden sind bis auf weiteres an die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ zu senden. Auch Sammelbogen (Sammelblocks) sind daselbst zu beziehen. Die Eröffnung des Volksheimes, II. Stefaniestraße 12, findet Mitte November statt. Zionistischer Zentralverein. Montag den 23. Oktober, 8 Uhr abends, findet eine Versammlung statt, in welcher Dr. B. Mossinsohn Professor des hebräischen Gymnasiums in Jaffa referieren wird. Thema: Jüdisches Kulturleben in Palästina. Ort: Hotel Central, II., Taborstr. 8. Rubere und innere Politik Europa und Oesterreich stehen an einer schicksalschweren Wende., Die Friedensepoche scheint infolge des Raubzuges Italiens nach Tripolis beendet zu sein. Noch hat aber Italien diese türkische Provinz nicht annektiert, so begehren die chauvinistischen Elemente des Königreiches, die wahrlich besser täten, um das soziale Elend daselbst sich zu kümmern, auch schon Albanien, Trento, Triest, Dalmatien .und Istrien, vorwiegend südslavisches Gebiet. Ja noch mehr, der italienische Rechtsbruch hat auch in den Balkanstaaten, Serbien, Montenegro, Bulgarien und Griechenland die Kriegsstimmung entfacht und so die große Gefahr eines Balkankrieges heraufbeschworen. Da überdies das jungtürkische Regime bis in das innerste Mark erschüttert ist, so muß mit der Möglichkeit einer Wiederaufrollung der orientalischen Frage, der Sprengung des Dreibundes und einem großen Weltbrande gerechnet werden. Oesterreich, derzeit die größte Balkanmacht, deren politische und wirtschaftliche Interessensphäre durch jede Aenderung des Status quo in Albanien und Mazedonien tangiert wird, kann dem Dreibünde zu Liebe seine orientalische Mission nimmer opfern, die ihm als größter südslawischer Staat seit der Annexion von Bos nien-Herzegowina klar vorgezeichnet ist. Was folgt aus dieser Sachlage nun für unsere Gruppe? Die nationalen. Jiingjuden, die programmatisch für die Erhaltung und Stärkung eines modernen Völkerreiches Oesterreich eintreten, — in dessen Rahmen sie aufs entschiedenste allezeit die national-kulturellen, politi - sehen und wirtschaftlichen Postulate der österreichischen Juden vertreten, — sind unbeschadet ihrer Opposition gegen wechselnde Regierungssysteme und überlebte Verfassungsformen, eine unbedingt reichstreue österreichisch e F r ak t i o n. Wir gravitieren nicht nach Berlin, nicht nach Moskau und nicht nach Rom, wir gravitieren nach Wien, der einen Hauptstadt, eines einigen Oesterreich, das auf dem festen Fundamente der nationalen konfessionellen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung seiner sämt - liehen Bewohner basieren muß. Ein solches Oesterreich aber, das jedem seiner Reichsvölker die nationale A'utonom i e sichert, hätte ebenso wie die jüdischen Modernen, ein Interesse an dem Bestände einer modernen, auf natiopalföderalistischer Basis neuorgarisisrten Jungtürkei, welche für Oesterreich ein verläßlicherer Bundesgenosse wäre, als Italien, das bisher nach keiner Richtung seinen aus dem Dreibund resultierenden Verpflichtungen nachge - kommen ist. Aber ein national-autonomistisches Großösterreich, dessen Südslawen und Rumänen von der aus dem unhaltbaren Dualismus resultierenden ungarischen Gewaltherrschaft befreit wären, könnte auch dann ruhig der Zukunft entgegensehen, wenn der Status quo auf dem Balkan verschoben würde. Em~s o I c h e s Oesterreich müßte naturgemäß eben auf Grund der nationalen Autonomie, eine Attraktion auf alle die kleinen Balkanvölker ausüben, deren Volksgenossen in ihrer Mehrheit innerhalb der schwarzgelben Qrenzpfähle wohnen. Aber vor allem müßten durch eine Revision der Reichsverfassung unserer Monarchie innerhalb derselben geordnete Zustände geschaffen werden: die jetzigen sind geradezu chaotisch. Das zweite Volkshaus, das erst vor 4 Monaten neugewählt wurde, schwebt in einem ebenso krisenhaften Zustande, wie der ungarische Reichstag, der kroatische und galizische Landtag und eine Reihe von anderen Landstuben. -Die Parteiverhältnisse dies- und jenseits der Leitha sind derart verworrene und von Tag zu Tag schwankende geworden, daß die Position sowohl des Ministe - riums Gautsch als auch des Ministeriums Khuen dadurch sehr erschüttert wurde. Aber nicht nur mit der Möglichkeit eines Kabinettwechsels, sondern auch von Neuwahlen muß dies- sowie jenseits der Leitha gerechnet werden. Für diese muß aber die jungjüdische Gruppe durch eine gründliche Reorganisation, sowie durch eine programmatische Agitation im gesamten Reiche sich jetzt schon rüsten. Es bereiten sich große Umgestaltungen vor; wir müssen auf alles vorbereitet sein. Dr. K. Die Zionisten und der italienische Raubzug. Der in der letzten Nummer unseres Blattes eingehend besprochene Heldenstreich des gewesenen Abgeordneten Dr. Mahler hat bereits Früchte getragen. Bekanntlich hat Dr. Mahler im „Neuen Wiener Tagblatte“ einen Artikel veröffentlicht, in welchem er dem italienischen Raubzuge tönendes Lob spendet und diesen Ausflug in die Tasche des Nächsten als „Kulturtat“ ersten Ranges preist. Nunmehr bringen viele italienische Blätter unter der Spitzmarke „Beifällige Aeußerungen eines hervorragenden Zionisten“, „Zustimmung eines Zionistenführers“ u. dgl. m. den besagten Artikel. Bei der allgemeinen Verurteilung, welche die italienische Regierung bei allen Kulturvölkern erfahren hat, ist es wahrlich kein Wunder, daß sie nach jeder so seltenen Zustimmungskundgebung gierig schnappt und sie auspo - saunt und breit tritt, woher sie auch stammen mag. Das ist ihr schließlich auch nicht zu verdenken. Das Lob der. „N. Wr. Tgbl.“ und des Gelehrten Doktor Mahler sei ihr gegönnt. Aber eine