Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Juden in tripolis. Der bekannte Schriftsteller Ernst v. Hesse- Warteyp schildert die ihm aus eigener Anschauung bekannte jüdische Bevölkerung von Tripolis und der angrenzenden Gebiete. Wir entnehmen seinen interessanten und jetzt so aktuellen Ausführungen einiges: Handel, Industrie, Gewerbe liegen in Tripolitanien fast ganz in den Händen von Juden. Sogar der umfangreiche Karawanenverkehr mit den Oasen des Fezzan und mit den sudanesischen Reichen wird nahezu ausschließlich von jüdischen Käufern geleitet, die in der Stadt Trioplis ihren Sitz haben. Von der Verachtung, welche die Marokkaner und Algerier den Juden gegenüber durch allerhand Demütigungen betätigen, ist in Tripolis nichts zu bemerken, ja sie werden hier von den Türken, geradeso wie in der Türkei selbst, zu wichtigen Beamtenposten zugelassen, sind natürlich auch Konsuln und Konsulardragomane, und viele von ihnen haben es zu großem gesellschaftlichen Ansehen und Wohlstand gebracht. Als ich dem Wali, dem .fast mit souveräner Gewalt über die weitaus größte türkische Provinz herrschenden Generalgouverneur,' meine Aufwartung machte, befand sich der hohe Herr in Gesellschaft seines Generalsekretärs, und mir schien es, daß der Hund nicht mit dem Schwanz, sondern der Schwanz mit dem Hund wedelte. Dieser Schwanz, der „Effendi Generalsekretär“, war ein Jude, übrigens ein sehr gebildeter, liebenswürdiger Beamter. Die Juden, die es auf dem heißen afrikanischen Bod.en zwischen den beiden Syrten zu Ansehen gebracht haben, sind der Mehrzahl nach nicht afrikanischer Abstammung. Die Wiege ihrer Vorväter hat in Livorno, Saloniki oder sonst irgendwo auf europäischem Mittelmeerboden gestanden. Die wirklich tripolitanisdien Juden leben in großer Armut und Unwissenheit, und mit Entsetzen denke ich an die Szenen, die ich in dem über alle Beschreibung schmutzigen, elenden judenviertel ufn Tripolis, der berüchtigten Hara, gesehen habe. Das ganze Tripolitanien dürfte annähernd 20.000 jüdische Einwohner besitzen, davon an 12.000 in der Hauptstadt, 6000 in den übrigen Städten und Oasen, und 2000 in den Bergen des Dschehel Gharian, Iffren und Nefussa, die ein paar Tagreisen weit von der Küste mitten im Sandmeer der Sahara liegen. Die jüdische Kolonie reicht um mindestens ein Jahrtausend über die Eroberung Nordafrikas durch die sarazenischen Horden des Islam hinaus. Im alten Oeaj, in Leptis und den anderen von den Römern gegründeten Städten Tripolitaniens gab es schon blühende Judenkolonien, selbst das noch viel ältere Carthago besaß eine solche, und als ich in diesem Frühjahr in Tunesien weilte, zeigte mir der gelehrte Pater Delattre, der Leiter des Museums und der emsig fortgesetzten Ausgrabungen, Grabsteine des dortigen Judenfriedhofes aus Alt-Carthagos größter Zeit. Ebenso sind an der an Tripolitanien östlich angrenzenden und damit vereinigten Türkenprovinz Bengasi, dem alten Cyrenaica, jüdi-' sehe Grabsteine gefunden und nach Paris gebracht worden, die zweitausend Jahre alt sind, und ich habe auch in Tripolis selbst bei einem alten Rabbiner Grabsteine aus dem Begiiör-des zweiten Jahrtausend gesehen, Beweise, daß die tripolitanischen Juden nicht von den spanischen abstammen können. Auch in den entfernten Oasen der mittleren Sahara, - in Tuat, Gurrara, Tamentit, Tidikelt usw, leben heute noch Juden, von den Arabern Mehadscheras genannt, welche aus der Zeit vor der Hedsdira stammen. Als die Franzosen in den letzten Jahren, ohne daß Europa es gewahr wurde, alle die Oasen besetzten und den Trikoloren unterwarfen, als sie den Oasenbewohnern eine europäische Verwaltung gaben und sie mit französischen Garnisonen versahen, machten es sich einzelne der dort stationierten gelangweilten Offiziere in sehr dankenswerter Weise zur Aufgabe, über den Ursprung der Oasenjuden nachzuforschen. Die Araber sprechen noch heute dort von der vorislamitischen, der großen jüdischen Zeit, als die Oasen fast ausschließlich von eingewanderten Juden bewohnt waren, ja der Tradition nach sind manche jüdische Zeitung der wichtigsten Oasen von ihnen gegründet worden. Verstreut in dem Labyrinth enger Gäßchen gibt es in Tripolis allein etwa drei Dutzend Synagogen, durchweg in gemieteten Häusern, und bei den meisten muß man von der Straße einige Stufen in den Vorhof hinabsteigen, angeblich, weil die Araber jüdische Gotteshäuser nicht auf dem Straßenniveau dulden wollen. Frauen erscheinen in der Synagoge nur in geringer Zahl und dann nur hinter den vergitterten Fenstern der Baikone im ersten Stockwerk, die einen gesonderten Eingang haben. So streng halten die Juden an ihrem Glauben, daß es geradezu als Verbrechen angesehen wird, wenn einer von ihnen seine Kinder in eine christliche Schule sendet. Der Uebertritt eiiies Juden zu einem anderen Glauben ist seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Die Verwaltung des jüdischen Stadtviertels haben, die Türken dem Großrabbiner überlassen, der auch mit einem Rat anderer Rabbiner in allen sozialen und religiösen Dingen die Gerichtsbarkeit ausübt. Im Osten der Stadt, tritt man aus der elegantesten Straße, wo die Europäer und vornehmen Türken wohnen, unvermittelt in den herrlichen Palmenwald, einen einzigen grünen Dom von schöngeschwungenen .Palmenwedeln bildend. Mitten in diesem paradiesischen Palmenwald stieß ich unversehens auf ein großes Dorf, wohl an tausend Einwohner zählend, als dessen Namen man mir Amruß nannte. Das also war Amruß, das Judendorf! Lauter elende ruinenhafte Steinhütten mit verfallenden Dächern, löcherigen, kaum schließenden Türen, keinen Fenstern, umstarrt von Unrathaufen. In den wenigen Läden waren Juden emsig mit Nageln, Schnitzen, Schmieden, Weben und Spinnen beschäftigt, denn die Araber treiben kein Gewerbe und sind in ihrem Bedarf allein auf die Juden angewiesen. Alle Männer, alle Frauen arbeiten, solange sie dazu fähig sind, Kinder und Greise handhaben die Blasebälge in den Schmieden /und Schlosserwerkstätten oder tragen Kohlen und Holz herbei. Alles ist emsig, als hätte es Reiclitümer zu erwerben, und doch verdienen sie mit ihrer Arbeit kaum genug, um ihr elendes, entbehrungsvolles Leben zu erhalten! Straßen auf und ab nichts als Juden in elende Lumpen gehüllt, ausgezehrt, viele mit Blatternarben, in den .Gesichtern, und halbblind vor Augenkrankheiten. Synagogen sind doch mehrere vorhanden, und in jeder eine Menge Andächtiger. Nicht so elend, aber weit merkwürdiger leben ihre Glaubensgenossen in den Bergen südlich von Tripolis, zwei Tagereisen weit davon entfernt, mitten unter den Berbern. Dort in dem Dschebel Gharian, wo sich zwischen den rötlichen, vollständig kahlen Bergen weite fruchtbare Täler ausdehnen, wohnen Tausende von ihneni n unterirdischen Dörfern, deren Vorhandensein man beim Durchreisen dieser Gegend gar nicht ahnt. Erst wenn man aufmerksam gemacht wird, entdeckt man, zwischen Oliven oder Feigenbäumen verborgen, oder neben altrömischen oder mohammedanischen Ruinen in den Bergwänden Löcher, die anscheinend zu natürlichen Höhlen führen, ln Wirklichkeit sin<L-die Eingänge zu den Dörfern der Bewohner, durchweg Berber und Juden, aber streng getrennt von einander, während ich weiter westlich, in den Gebirgen an der Grenze zwischen Tripolis und der südtunesischen. Wüste Berber und Juden in denselben unsichtbaren Dörfern gemeinschaftlich fand. Die Löcher sind gewöhnlich durch eine aus Zweigen und rohgeschnittenen Brettern gebildete Tür mit kuriosen Holzschlössern geschlossen, und jenseits führt ein finsterer, niedriger Gang abwärts. Die Löcher von der Größe eines gewöhnlichen Schlafzimmers, aber unregelmäßig, mit Felsenboden, kaum zwei Meter hoch, und so niedrigen Eingangsöffnungen, daß man sich beim Durchschreiten bücken muß, sind die Wohnungen der Troglodyten. Der Platz in der Mitte ist Empfangssalon, Speisezimmer, Küche, Hühnerstall und Tummelplatz für die vielen kleinen Babies, die zierlich und putzig, mit hübschen Gesichtern, prächtigen großen Augen und Nr. 41 blühendem Aussehen den besten Beweis liefern, daß es sich in diesen Versenkungen ganz gut leben läßt. Treppen und Leitern, um dort hinauf zu gelangen, gibt es keine.- Daselbst sind in die senkrechten Wände kleine Löcher eingehauen, um den nackten Füßen der Troglodyten Halt zu geben, und aus den roh zusammengenagelten Türen der oberen Löcher hängen Hanfseile herunter. Will jemand dort hinauf, so hält er sich an dem Seil fest, und klettert wie ein Eichhörnchen, die Füße in die Löcher setzend, hinauf. So leicht, so ohne Anstrengung, daß man es beinahe im eigenen Hause statt der langweiligen Treppen einführen möchte. Tagsüber arbeiten die Juden auf ihrem Kratergrunde, die Frauen spinnen und weben und stickeii, die Männer machen Sandalen oder Pferdegeschirre, schmieden Ackerbauwerkzeuge oder verfertigen billige Schmuckartikel für die Berber, ihre Nachbarn. Kommt die Zeit für Landarbeit, dann sind sie in den Feldern, im Tal, oder in den Palmen- oder Olivenhainen tätig. Jedes Judendorf in den Bergen von Tripolis besitzt ein bis zwei Dutzend derartiger Kraterlöcher. Das Tripolis nächstgelegene Judendorf, Jehud Abbas, auf dem Wege nach der Türkenfeste von Dschebel Gharian, hat in sechs Kraterwohnungen ungefähr 250 Einwohner und eine ebenfalls unterirdische Synagoge mit den heiligen Büchern in einem Felsenloch am Ende der Höhle. Dreieinhalb Stunden weiter Hegt das. von außen gar nicht sichtbare Judendorf Tigrena mit 20 Kraterwohnungen und 650 Einwohnern. Nur eine der zwei Synagogen erhebt sich über den Boden und läßt menschliche Wohnungen ahnen. Die zweite Synagoge und die Talmudschule, wo die kleinen Kinder so gut wie nichts lernen, sind unter der Erde. Eine Tagreise westlich von Dschebel Gharian erhebt sic hder anscheinend unwirtliche Dschebel Iffren,-der aber viele fruchtbare Täler-enthält, und dort liegen die Judendörfer El 'Ksir,. El Meanien und Dissir mit zusammen 2000 Einwohnern. ' Statistik der Eingänge für den Jüdischen Nationalfonds. (Aus dem Berichte des Aktionskomitees an den X. Kongreß.) Die-relative Höhe der Spenden- I e i.s t un g e n für. den J N F. in den e i nzelnen' Ländern. Durch die folgende Tabelle wird nachgewiesen, wie hoch sich die Beiträge für den JNF. in den einzelnen Ländern relativ, d. h. pro Kopf der jüdischen Bevölkerung beliefen. Hierbei führen wir die Länder nach der Höhe ihrer relativen Leistungen auf. Unsern Angaben über die Bevölkerungszahl der Juden liegen größtenteils die neuesten Ziffern zugrunde, die uns das Bureau der Statistik der Juden in Berlin auch diesmal in liebenswürdiger Weise zur Verfügung gestellt hat . Land Spendeneingang 1. Januar Leistung pro Kopf 1. Januar 1910 bis 30. Juni 1911 1910 bis 30. Juni 1911 1. Südafrika 42.534.74 85.07 2. Belgien 10.443.53 41.77 3. Canada 23.866.09 39.77 4. Kroatien 8.162.36 26.56 5. Brasilien 671.— 22.36 6. Serbien 1.183.73 20.66 7. Argentinien 5.858.69 19.52 8. Australien 3.076.48 17.98 9. Ostasien 351.40. 17.57 10. Schweiz 2.818.49 14.81 11. Bulgarien 5.328.80 14.15 12. Deutschland 83.794.76 13.78 13. Schweden und Dänemark . 624.38 13.70 14. Oesterreich 128J 13.76 10.46 15. Rumänien 27.882.93 10.45 16. Holland 8.710.54 8.37 17. Nordamerika 91.123.12 5.12 18. England 14.049.01 5.07 19. Rußland 162.643.19 2.69 20. Italien _ -851.69 * 2.39 21. Frankreich 2.171.29 2.17 22. Aegypten - 827.81 2.14 23. Ungarn 14.829:73 1.56 24. Türkei (einschl. Palästina) 5.247.91 1.37 25. Palästina (separat) 2.741.24 2.88 26. Griechenland 26.35 0.43