Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 41 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wurde nämlich unter dem Namen „G a I izische Kreditbank“ ein jüdisches Geldinstitut mit einem Genossenschaftskapital von 200.000 K ins Leben gerufen. Die neue Gründung soll neben der florierenden Lemberger „Kredit-Union“ und ihren Filialen, den demoralisierenden und bei Wahlen mißbrauchten Einfluß der polnischen Banken brechen. Die neue Gründung verdankt insbesondere der Tätigkeit des Herrn Rohatyn, welcher bei der Gründungsversammlung ins goldene Buch des Nationalfonds eingetragen wurde, ihr Entstehen. Hoffentlich wird das Institut seine Aufgabe zum Nutzen unserer Brüder in Südgalizien erfüllen. * * * Trotz ihres „Erfolges“ bei den Reichsratswahlen blickt die jüdisch-polnische Assimilationspartei beunruhigt in die Zukunft. Ihr Organ, die „Jednosc“ drückte diese Befürchtungen aus und verbreitete sich über die einzuschlagende Taktik, welche die gewünschte Verschmelzung der Juden und Polen herbeiführen könnte. Freimütig wurde — allerdings zum erstenmale — konstatiert, daß das jüdische Volk jetzt mehr denn je von der Verschmelzung mit dem herrschenden Volke entfernt ist. Anders sind seine Art, anders seine vyirtschaftliche Konstruktion, anders seine Bedürfnisse! Das ist das letzte Fazit assimilatorischer Erkenntnis. Nun die Schlußfolgerung: Man müsse die Juden auf jüdischer Grundlage .zusammenfassen; man müsse ein spezifisch-jüdisches Hilfswerk organisieren; manmüsse zu den Massen heruntersteigen und sie von unten herauf erziehen und — für den Gedanken der Assimilation gewinnen! Zweierlei bleibt hinzuzufügen: Merken die Assimilanten nicht, daß sie dem jüdisch - nationalen Fahrwasser zusteuern? Und empfinden sie nicht den organischen Widerspruch ihres Planes? Denn wenn .'die Juden (separat (organisiert, in jüdischem Geiste aufgeklärt und erzogen werden sollen — dann kann doch der Schlußeffekt nicht Assimilation, sondern — muß Zionismus sein. Uebrigens darf man die. ganze Phraseologie des assimilatorischen Blättchens nicht ernst nehmen. Fehlt es doch den Assimilanten an Tatkraft, an Ernst und gutem Willen, etwas fzu tun. Ihr letztes Gerede aber mutet einen wie der Schwur jenes jüdischen Narren an, der da sagte: „Ich soll so leben, wie ich will sterben.“ Das liberale Gespenst und die Judentrage. Das liberale Gespenst geht wieder um. Weil bei den letzten Reichsratswahlen die Erbitterung der Wiener über die Christlichsoziale Partei und die Unstimmigkeiten innerhalb derselben einige „Fortschrittliche“ (?!) ins Parlament gebracht hat, scheinen deren Parteigenossen in Böhmen der Ansicht zu sein, daß wieder ihre Zeit gekommen ist. Und so haben sie sich vor einigen Tagen in Prag zu einer „schönen, anregenden Tagung“ versammelt, um der erstaunten Welt zu verkünden, daß ihre Idee des Fortschritts „unversiegbar und unbesiegbar“ ist und daß sie den -Mut haben, von neuem die schon stark zerfetzte Fahne der Freiheit im deutschen Volke Oesterreichs zu entrollen. Nun, gar so mutig und selbstbewußt haben sich ja die Herren,auf dieser Tagung nicht benommen. Man lese nur, wie sie sich bemüht haben, die „Radikalen“ über ihre „Eigenmächtigkeit“ zu beruhigen und sie förmlich dafür um Entschuldigung zu bitten, daß sie ihre „Selbstständigkeit“ dokumentieren. Bei diesem löblichem Bestreben aber sich’s mit den „Radikalen“ nicht zu verderben, sind den „fortschrittlichen“ Führern einige Worte entfallen, die ps (verdienen, der jüdischen Oeffentlichkeit bekanntgegeben: zu werden. Ein sicherer 'Herr Ing risch, fortschrittlicher Landtagsabgeordneter-in Böhmen, hat die Frage, was denn die „Fortschrittlichen“ von der radikalen Partei trenne, also beantwortet: „Nichts als die Judenfrage. Läßt sich denn aber die radikale Partei nicht auch die Unterstützung der Juden gefallen?“ Man verstehe wohl: Wir haben hier eine neue Definition der Judenfrage, soweit sie lür einen „Liberalen“ existiert! Die Judenfrage — also definiert Herr Abg. Ingrisch — ist die Frage, ob man sich die Unterstützung der Juden gefallen lassen soll. Wobei Herr Abg. Ingrisch als biederer, treuherziger, deutscher Mann lauch sofort ganz ehrlich und offen erklärt, daß diese Unterstützung die „freiheitlichen“ Deutschen zu nichts verpflichtet. „Man hat auf keinem Gebiete die Wahrnehmung machen können, daß wir uns in der Vertretung jüdischer Interessen exponiert hätte n“, meint besagter Herr in seiner Rede weiter. Wahr gesprochen, Herr Abg. Ingrisch! Wir können aber noch weiter gehen und Ihnen und Ihren Parteigenossen zu. Gefallen feststellen: Ihre Partei hat sich nicht nur in keinem Falle für uns Juden „exponiert“, sie ist in gar manchen Fällen geradezu im Lager unserer erbitterten Gegner zu sehen gewesen. Wir verweisen Sie da nur auf den Schmid’schen Schulantrag. Sie haben also gewiß recht, wenn Sie meinen, daß der Antisemitismus keine Scheidewand zwischen der „fortschrittlichen“ und der „radikalen“ Partei ist. Bleibt für uns nur noch die Frage übrig, was unsere Volksgenossen in Böhmen zu diesen schönen Ergüssen einer edlen deutschen Seele sagen werden. Dürfen wir erwarten, daß diese „fortschrittliche Tagung“ die Juden in Böhmen zum Nachdenken über ihre politische Situation bringen wird? Fast möchte man daran verzweifeln, wenn man in dem von uns zitierten Berichte au% dem „N. Wr. Tagblatt“ über die Idee des Fortschritts zahlreiche Deutsche, wie Dr. Epstein, Dr. Eckstein, Dr. Pick u. a. in begeisterten Worten ihre Mitarbeit in der Verbreitung dieser Idee zugesagt haben. Hoffen wir nur, daß diese Tagung ein Wink für den Jüdischen Nationalverein sein wird, endlich mit einer planmäßigen Agitation in Böhmen - einzusetzen. Dr. Ch. W. Ein Jungtärhe über den Zionismus. (Ein Interview.) Der gegenwärtig in Wien weilende türkische Ingenieur Santo Semo Bey, welcher im Aufträge der türkischen Re-: gierung die Bewässerungsanlagen in Mesopotamien inspizierte und ein Jahr lang dieses Land bereiste, hatte die Freundlichkeit einen unserer Redakteure zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit äußerte sich Herr Santo Semo Bey, welcher in der Urania mehrere Vorträge über türkische Verhältnisse, mit denen er innig vertraut ist, hielt, bezüglich des Zionismus und der Besiedlung der türkisch-asiatischen Provinzen durch Juden. Im Nachfolgenden seien seine Aeußerungen im Wesentlichen wiedergegeben: „Ich habe das Vergnügen, viele zionistische Führer zu kennen und bin mit dem Zionismus, welcher mir persönlich gehr sympathisch ist, vertraut. Wohl ist es wahr, daß gewisse jungtürkische Kreise sich jetzt dieser eminenten jüdischen Kultur- und Wohlfahrtsbewegung gegenüber ablehnend verhalten. Doch ist es zweifellos, daß diese künstlich durch gewisse Leute, wie Fresco, geschürte antizionistische Stimmung verschwinden wird. Die Hauptgegner und Verleumder ä la Fresco haben bereits in vielen Kreisen ihre Rolle ausgespielt. Dr. Nordau, mit dem ich ausführlich über die zionistische Bewegung gesprochen habe, hatte in seiner letzten Kongreßrede, welche in jungtürkischen Kreisen nicht unbeachtet blieb, ganz recht, wenn er meinte, daß die bessere und dem Zionismus freundlichere Erkenntnis schließlich doch siegen müsse. Die Türken sind nie antisemitisch gewesen und werden es auch nie werden. Die Juden haben in der Türkei eine große Zukunft, einerseits, weil sie als Beamte — um ein Beispiel anzuführen — im Ministerium des Aeußern gern gesehen sind, anderseits weil sie als hoch begabtes Kulturvolk nur der Freiheit und des Wohlwollens bedürfen, um ihre nützliche Eignung als Träger des Fortschrittes auf allen Gebieten zu bekunden. Es verlangt auch niemand von den Juden, daß sie auf ihre tausendjährige hohe Kultur verzichten und Türken werden. Sie sollen nur gute ottomanische Untertanen sein. Ich zweifle nicht, daß die Zionisten schließlich das Ver - trauen der Türkei gewinnen werden. Ihre Arbeit in Palästina und Syrien bedeutet auch einen großen Gewinn für die Türkei. Ich glaube jedoch, daß die Juden sich auch in Mesopotamien ansiedeln sollten, denn Palästina ist zu klein, um Millionen Juden aufzunehmen. Seien Sie versichert, daß außer den arabischen Christen in Syrien, welche durch klerikale Hetzer aufgestachelt, der jüdischen Siedlung feindlich gegenüber - stehen, die Zionisten in ihrer Arbeit keinem ernsten Hindernis begegnen werden. Ich kann den Zionisten nur folgenden ernsten Rat geben: Ohne Rücksicht auf die zufällige Konjunktur, unbeirrt weiter arbeiten, die nationalen, kulturellen und besonders materiellen Machtmittel vergrößern! Es dürfte den Zionisten doch nicht schwer fallen, mit der Zeit alle einflußreichen jüdischen Positionen im Goluth zu erobern. Dann werden sie eine Macht sein, mit der man rechnen muß und — last not least — welche auch etwas bieten kann. Die sogenannte Gegenwartsarbeit im Golus und in Palästina kann man nur gutheißen. Sie erzieht das Volk und lehrt es ein Ziel wollen und konsequent verfolgen. Vergrößern Sie Ihre Organisation, mehren Sie Ihre Fonds, erziehen Sie Ihr Volk, werden Sie mächtig und Sie werden Ihrem Volke un.d — was für mich in Betracht kommt, — auch dem ottomanischen Reiche nützen können. Halten Sie konsequent an Ihrem Ziele fest! Das edle jüdische Volk wird gewiß unter türkischer Herrschaft in Palästina Ruhe finden und durch seine Werke wie einst *im Altertum die ganze Welt in Erstaunen setzen!“ Mit diesen Worten schloß Herr Santo Samo Bey,'welcher jetzt auf einer Vortragstournee durch Oesterreich-Ungarn begriffen ist und auch Galizien zu besuchen gedenkt, die interessante, in deutscher und französischer Sprache geführte Unterredung. Wie wir erfahren, wird Herr Santo Samo Bey am 18. Oktober im Exportverein über Kolonisationsmöglichkeiten in Mesopotamien referieren. Am 10. d. sollte er über dieses Thema in der ,Urania' sprechen, mußte sich aber mit Rücksicht auf die kurze Vortragsdauer auf die Besprechung der gegenwärtigen Verhältnisse Mesopotamiens beschränken. Ueber dasselbe Thema wird Herr Samo Bey auch in Budapest, Lemberg und Czcrnowitz sprechen.