Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 41 (13.10.1911)
- Date
- 1911-10-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 chen gekauft. Sie. ist ein bischen hereingefallen, aber nidit als unerfahrenes Gänschen, nur widrige Zufälle haben das nüditern angepackte Geschäft zum Scheitern gebracht. Jetzt sitzt sie auf der Zeugenbank, posiert die Löwin, die ihr Junges verteidigt, spielt die liebende Gattin und will vom verkrachten Unternehmen retten, was zu retten ist. Zeugen beschuldigen den Herrn Gemahl, daß er Buffetdamen den Nachtverdienst abgeborgt hat. Ihr ist’s nichts Neues, sie hat’s gewußt und ist nur darüber erstaunt, wie man ihm eine so selbstverständliche Handlung übel nehmen kann. Den eigentlichen Glanzpunkt bilden aber die Wert hei ms. Mutter, Tochter und Vater! Welch eine Mutter, welch ein Töchterchen und dieser Herr Papa! Sie führen ein großes Haus. Schriftsteller, Schauspieler, Offiziere, .Aristokraten gehen ein und aus. Ihre Jours werden in den Zeitungen notiert, die Anmut der liebreizenden Hausfrauen, die geistreiche Unterhaltung der berühmten Gäste, der künstlerische Prunk der Tafel und was so ein Zeitungsschmock noch alles sieht, wenn er sich gut und gratis angegessen hat. In Wirklichkeit ist aber dieses typische „große“ Haus Wertheim ein veritables Freudenhaus, das sich von den gewöhnlichen nur dadurch unterscheidet, daß die Besucher nicht bezahlen, sondern bezahlt werden. Die Alte spuckt , der Jungen ins Gesichst und überschüttet sie mit Hohn und Beschimpfungen, weil sie es noch immer nicht zum Stande der Maitresse eines Herzogs oder Fürsten gebracht hat. Diese zärtliche Mutter erklärte öffentlich, sie sähe ihren Sprößling lieber als Dirne eines Grafen als die Frau eines Herrn Mayer. Die Tochter selbst, das süße Kind, tändelt mit fix angestellten Aristokraten im Boudoir, sie führt genau Buch darüber, wieviel jeder vom guten Herrn Papa monatlich bekommt und stellt danach ihre Ansprüche. Herr Wertheim, der dienstfertige Gatte und Vater, sdiaut zu und zahlt. Dieser geduldige Ehrenmann hat dem Gerichte nunmehr die Lohnliste überreicht, er führt genau die Beträge an, welche ihn die „Bevölkerung“ seiner Salons und der Gemächer seiner Gemahlin und Tochter gekostet hat. Der Prozeß ist für uns Juden sehr lehrreich, er enthüllt uns neuerlich den Schmutz, der in den Häusern unserer halb und ganz getauften reichen Assimilantenfamilien aufgehäuft ist. Wie diese Leute als Juden sind, so sind sie auch als Menschen. Würdelos, schmutzig, gemein und feig, jeder feineren Regung bar. In einer Atmosphäre von Weihrauch und Stallmist - gedeihen diese gesellschaftlichen Sumpfpflanzen, diese im Nichtstun üppig und frech gewordenen Frauenzimmer, diese abgelebten, stumpfen Krüppel, deren Lebensweg vom Komptoir zum Rennplatz und übers Chambre separee zur Geldbude zurück führt. Die Wertheims sind kein Einzelfall. Das Material, aus welchem der Berliner Skandalprozeß fabriziert wurde, ist überall zu finden, wo es halb und ganz getaufte Emporkömmlinge gibt, mit „arischen“ Schwiegersöhnen, „adeligen“ Empfangsabenden und dem übrigen assimilatorischen Klimbim. Zum Glücke gehen diese Menschen in Kürze dem Judentum verloren. Trotzdem müssen wir vor ihnen auf der Hut sein und dafür sorgen, daß sie vom gesunden jüdischen Bürgertum isoliert werden. Sie tragen eine Krankheit in sich, die auf schwache Naturen leicht übertragbar ist. Es ist wahrlich keine philisterhafte Moralriecherei, die uns veranlaßt, das jüdische Bürgertum vor dem Verkehr mit diesen Elementen zu warnen. Wir wollen niemanden den freien heiteren Lebensgenuß verbittern, wir wollen niemanden verdonnern, der sich über Vorurteile und die Konvention hinwegsetzt, der sich sein Leben einrichtet, wie’s ihm gutdünkt und darüber lacht, wenn die Klatschbasen und Philister ihre Nasen rümpfen. Den Lebenskünstlern ihre Freiheit! Aber diese Mütter, welche verschuldete Reiteroffiziere ins Schlafzimmer der Töchter führen, diese Väter; welche zahlen und schweigen und zahlen, diese Töchter, welche Amateurdirnen posieren, all diese Typen, an denen das assimilatorische Judentum so reich ist, das sind keine Lebenskünstler. JÜP1SCHE ZEITUNG Sie repräsentieren nicht die Kunst des freien Genießens, sondern ein wüstes Banausentum, vor (welchem wir die , jüdische Gesellschaft bewahrt wissen wollen. Die Lehre aus Tripolis. Von David J e h u d a, W i en . So ist denn zur Wirklichkeit , geworden, was noch vor wenigen Tagen milchzarte Gemüter, die von der Höhe abendländischer Gesittung herab und von der Macht arisch-christlicher Weltanschauung schwärmend, für unmöglich hielten: Italien hat der Türkei den Krieg erklärt, weil sie sich nicht ohne Widerspruch eine ihrer wertvollsten Provinzen will abnehmen lassen und „frech“ behauptet, Italien habe auf Tripolis nicht mehr Recht als die Türkei auf Kalabrien. Es ist eine ganz eigene Sache um diese arisch-christliche Gesittung und Kultur. Man hängt sie immer dann aus, wenn man sie braucht — sonst wird sie wohl verschlossen gehalten. Sie spielt die Rolle eines Vexierbildes. Wo ist die arischchristliche Kultur? Es ist nämlich nicht ganz leicht mit den herrschenden Anschauungen von Recht und dem, was wir von Diebstahl und Raub wissen, nicht in Konflikt zu kommen, wenn man das Vorgehen einer europäischen Großmacht gegenüber dem osmanischen Reiche betrachtet. Doch die Politik kennt keine Sentimentalitäten. Hier gilt das Recht des Stärkeren und da Italien der Stärkere zu sein glaubt, so versucht es dieses Recht geltend zu machen. Für uns Juden bietet die Sache nur eine weitere Illustration dafür, was schwächere Völker vom Rechtsgefühle des zwanzigsten Jahrhunderts zu erwarten haben. Wer sich selbst hilft, dem hilft der liebe Gott. Der Türkei jedoch bietet die Affäre eine zwar bittere, aber desto instruktivere Lehre. Wie hoch gingen die Wogen der Freundschaft am Bosporus, wie sah man sich in inniger Verbrüderung mit den mächtigen Westreichen, mit Deutschland und England, wie hoffte man doch die zur Renaissance des Osmanentums unter der jungtürkischen Herrschaft immerhin notwendige Zeit im Schatten dieses Schutzes glücklich zu verbringen! Und siehe da, bei dem ersten Anlasse zeigt es sich, daß die Freundschaft höchstens so weit reicht, den Schutz der osmanischen Untertanen in Italien zu übernehmen. Von einer auch nur platonischen Aktion, von dem Versuche einer Intervention seitens der Westreiche aber ist nicht die Rede. Bei diesem Stand der Verhältnisse hat es die Türkei unterlassen, sich einen Freund zu sichern, ein treues und verläßliches Element, welches ein wertvolles Gegengewicht dargestellt hätte. Es sind nun mehr als vierzehn Jahre, daß die zionistische Bewegung ins Leben gerufen wurde, daß unser großer Führer Theodor Herzl unsere Aktion für Palästina einleitete. In seinem Werke ist es klar ausgesprochen, daß ihm der politische Zionismus und die Ansiedlung der Juden in Palästina deswegen keine Utopie erscheine, weil durch diese Besiedlung das türkische Reich eben so viel zu gewinnen habe wie die Juden, nicht bloß in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht. Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man im Detail ausführen, was es für die Türkei im gegenwärtigen Augenblick* bedeuten würde, eine — wir wollen nur sagen seit zehn Jahren — systematisch betriebene Imigration in Palästina zu haben, hier einen natürlichen Stützpunkt für Flotte und Truppentransporte und in der jüdischen Bevölkerung selbst ein kapitalskräftiges, opferwilliges Element zu besitzen, das bereit ist für die Türkei, nicht bloß mit phrasenhaften Beteuerungen, sondern im ernsten Wirken einzustehen. Man braucht nur in den Büchern der Geschichte zu blättern, man braucht nur zum Beispiel die spanisch-jüdische Geschichte daraufhin zu prüfen, wie (die Juden Imit unverbrüchlicher Treue an dem Landesherrn festhielten, ihn auch dann nicht verließen, als alles von ihm abgefallen war. Gewiß kommt im Falle Tripolis alles zu spät.. Welchen Heroismus immer die Truppen, die Eingeborenen des Landes entwickeln werden, gegenüber der Moral der Panzerschiffe wird Nr. 41 wohl nicht viel auszurichten sein. Und sollte das Unglaubliche geschehen, sollte durch den Heroismus des um seinen Besitz und sein Recht kämpfenden Volkes Italiens geplante Eroberung aufgehalten werden, dann ist doch nicht zu zweifeln, daß die europäische Diplomatie einen Vorgang finden wird, der Türkei in den Arm zu fallen, sie zu zwingen, trotz glorreicher Siege,, ihr Recht zu opfern. Aber was jetzt sich vollzieht, ist eine wertvolle Lehre. Es gibt keine Versöhnung zwischen -der Welt des Westens und dem Bestände des türkischen Reiches. Mögen dort auch noch so große Kulturfortschritte durchgeführt werden, mag das jungtürkische oder irgend ein anderes Regime noch so sehr das Niveau des gesamten Landes heben, von einer aufrichtigen Freundschaft wird nie und nimmer die Rede sein, solange die Möglichkeit der eigenen Machtvergrößerung lockend vor Europa dasteht. Unter diesen Verhältnissen müßte man eigentlich am Goldenen Horn einsehen, wie unvernünftig es ist, dort zu trauen, wo der Verdacht am Platze ist und dort izu ^verdächtigen, wo volles Vertrauen von der reinen Vernunft diktiert wird. Es ist wiederholt und in autoritativer Weise klar gelegt worden, daß die Immigration der Juden nach Palästina nie und nimmer in irgend einer Form eine Gefährdung des osmanischen Reiches, des türkischen Besitzstandes .darstellt, daß kein vernünftiger Mensch daran denkt, für die Juden dort an der Küste des Meeres etwas anderes als eine Heimat zu suchen, ein kulturelles Zentrum zu schaffen. Vielleicht wird die Erfahrung mit den „guten“ Freunden die Türkei lehren, daß die Vernaderungen der großen jüdischen Bewegung, die sich Zionismus nennt, nichts anderes sind, als das Produkt jener Kreise, die in Wirklichkeit die Erstarkung der Türkei fürchten und tückischer Weise die jüdische Immigration als eine Gefährdung der Türkei schildern, weil sie in dieser Tatsache eine Gefährdung ihrer eigenen selbstischen Interessen darstellt, die nur gedeihen können, solange die Türkei schwach bleibt. Lemberger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, 10. Oktober. Die Diskussion über die Ursachen der Niederlage bei den Reichsratswahlen ist im zionistischen Blätterwald Galizien längst verstummt. Die Schlußfolgerungen, zu welchen man gelangte, waren ungefähr: Es sind . schwere taktische Fehler vorgekommen; noch ist der ökonomische und gesellschaftliche Einfluß der Assimilanten innerhalb der jüdischen Massen sehr groß; doch hätten diese Tatsachen wegen des unter den Juden herrschenden, mit Begeisterung gehegten Gedankens selbständiger jüdisch-nationaler Politik kaum den Erfolg der Wahlaktion beeinträchtigen können, wenn nicht die Behörden die ärgsten Mißbräuche verübt hätten und wenn nicht die sogenannten jüdischen Wahlkreise so zugeschnitten wären, daß, mit Ausnahme von Lemberg, Krakau und Sokal, der jüdische Perzentsatz der Wähler nirgends die Zahl 60 übersteigt. Die Zusammensetzung der Wahlkreise läßt sich vorläufig nicht ändern; aber den Einfluß der Assimilanten brechen, die einmal begangenen Fehler vermeiden und aus den passiven zionistischen Wählern zionistische Kämpfer machen, das sind die nächsten Aufgaben der zionistischen Organisation! Zu diesem Schlüsse ist man gelangt und mit Genugtuung läßt sich feststellen, daß.die Ansätze zur Durchführung dieser Aufgaben überall zu bemerken sind. Die wirtschaftliche Zusammenfassung der Juden soll aus dem Gebiete der Schlagworte in die Wirklichkeit umgesetzt werden. So haben wir in -der vergangenen Woche eine schöne und nützliche Gründung zu verzeichnen. In Stanislau