Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 unter dem Maulwurf jedoch eher ein Chamäleon, unter der Blindschleiche die sogenannte Warneidechse. Am allermerkwürdigsten ist die Deutung des im 14. Verse des 26. Kapitels :vom zweiten Buche Mose erwähnten Tieres, aus dem Luther einen Dachs gemacht hat. Neuerdings ist man darauf verfallen, diese Stelle auf das erst jüngst in Afrika entdeckte Okapi zu beziehen. Was die feurigen Schlangen gewesen sein mögen, von denen das Volk Israel in der Wüste, befallen wurde, hat gleichfalls viel Kopfzerbrechen gemacht. Man meint jetzt darin eine poetische Bezeichnung für die berüchtigten Fadenwürmer sehen zu sollen, die in der Wissenschaft den Namen Filaria Meginensis tragen und auch dem Heere Napoleons gefährlich wurden. Dann hätten sie mit Schlangen gar nichts zu tun, würden aber doch eine lebhafte Vorstellung von den Leiden der Israeliten geben, da diese Würmer sich, nachdem ihre Eier mit schlechtem Wasser aufgenommen worden sind, im menschlichen Körper entwickeln und unsägliche Qualen verursachen. Hugo Eben. Wieder haben wir einen Braven aus unserer jungmannschaft verloren. Bevor der Herbstwind das letzte Blatt vom Baume riß, hat sich die Eide über ihn geschlossen, den Sonnenfrohen, den Emtefreudigen, den Lenzjungen. In dieser Woche, voll zittemter jüdischer Wehmut, in diesen Tagen der Buße haben wir ihm begraben, im letzten Leuchten der scheidenden Sonne .... Unesane taukef . . . Das Innerösterreichische Distriktskomitee und die akademischen Vereine „Theodor Herzl“ in Wien und „Bar Kochba" in Prag mußten ein geliebtes Mitglied scheiden sehen. Die Partei verliert einen opferfreudigen Genossen, einen unermüdlichen Arbeiter, einen warmblütigen Verfechter. Seine Freunde, und er Hatte deren viele, so viele als nur einer haben kann, der reinen Herzens ist, haben einen unersetzlichen Verlust erlitten. Er war ein stets heiterer Geselle, ein braver und verläßlicher Kamerad, er hatte die gutmütige Vertraulichkeit, die Arglosigkeit und Reinheit eines Kindes, die Schwärmerei und Aufopferungsfähigkeit eines Jünglings, dabei aber das eisenharte Wollen, den unerbitterlichen Ernst und die Strenge gegen sich selbt, die ihn zum Manne machte. In einer glühenden Liebe zu seinem Volke, in dem unermüdlichen Streben für dessen Hochziel fand seine so keusche, stumme Seele den einzigen Ausdruck. Se'ne Liebe war Zion und Zion war sein Glaube, seines Lebens Inhalt und Ziel, der Trost in seiner Krankheit, von . der es keine Genesung gab. So ging denn unser Jüngling durchs lachende Leben, mit dem Tod auf der Stirne, und dem Unsterblichkeitswillen im Herzen und so schritt er durchs dunkle Tor, wie einer der des Todes lächeln konnte, weil er an das Leben glaubte. Und er ließ uns zurück mit der beschämenden Erkenntnis, daß wir ein langes Leben brauchen werden, um so viel Gutes zu wirken, wie Hugo Eben in seinem kurzen Walten. Dr. Hugo Zuckermann. London und Ireöegar. (Zu 'den Pogromen in England.) „Was gew'esen ist, wird sein, und was geschehen ist, wird geschehen, und nichts neues gibt es unter der Sonne!“ Diese Worte des Predigers verdienen, das Motto eines jeden jüdischen Blattes zu sein, welches sich mit dem Schicksale des jüdischen Volkes'beschäftigt. Im Jahre 1189 des Heiles bestieg Richard Löwenherz den englischen Thron. Die Juden wollten in ergebener Treue dem neuen Herrscher ihre Huldigung darbringen. Ihre Abgesandten erschienen bei den Krönungsfeierlichkeiten und der König wies ihnen die Tür. Das Volk begriff sofort den Fingerzeig und warf sich in gieriger Hast auf die Juden. Es begann eine wilde und bis dahin unerhörte Plünderung der jüdischen Habe. Die Ueberrumpelten vermochten sich umso weniger zu verteidigen, als sie seit den Zeiten Wilhelm des Eroberers, mit dem die ersten Juden nach England kamen, in vollstem Frieden lebten und ungestört ihrem Erwerbe nachgingen. Sie genossen ein solches Vertrauen, daß selbst die Bischöfe Felder an sie verpachteten. Die Ereignisse während und nach der Krönung des Königs Richard Löwenherz bewiesen jedoch nur zu klar, daß der Friede ein fauler war ... Siebenhundertzweiundzwanzig Jahre später wiederholen sich nun die jüdenfeindlichen Ausschreitungen. Es hat sich so Manches geändert. Statt 1189 schreiben, wir nunmehr 1911, an Stelle des Kreuzfahrers Richard' Löwenherz sitzt Georg V. auf dem englischen Trone, die Zivilisation hat ihre Fühler nunmehr in die verborgensten Winkel der Welt gestreckt. Sonst aber sehen sich die Zornesausbrüche des englischen Pöbels in London vor 900 Jahren, die sich übrigens wie ein Lauffeuer über das Gebiet des ganzen Königreiches verbreiteten, heute in T regedar sehr ähnlich. Selbst dem Verhalten der zum Sehutze der öffentlichen Sicherheit bestellten Obrigkeiten von einst und heute haftet eine frappante Aehnlichkeit an. Damals war es der König, der seinen getreuen Briten mit gutem Beispiel voranging, heute sind es das Militär und die Polizei des Vereinigten Königreiches, welche müßig Zusehen, wie das Volk in die jüdischen Behausungen und Läden eindringt, sie ausplündert und zerstört. . Ueber das Verhalten der Gesairitjudenheit am Ausgang des zwölften Jahrhunderts gegenüber den judenfeindlichen' Ausschreitungen in England ist so viel wie nichts bekannt. Halten wir uns aber an das Wort des Predigers, - so können wir aus dem Gegenwärtigen auf das Vergangene schließen. Denn heute, oh heute, kaum sind die Ereignisse klargestellt, kommen aus allen Ecken die jüdischen Leisetreter und Kriecher hervor, und raunen uns ins Ohr: „Um Gottes Willen, .keinen Lärm! Ruhe bewahren und die Folgen abzuwarten!“ Die Angst der Golusjuden spricht aus diesen Worten. Sie haben kein ' Verständnis für die Lage ihrer Volksgenossen und stehen trotzdem oder eben deshalb an führender jüdischer Stelle. In sturmschwangeren Zeiten speisen sie mit irreführender Beruhigung und Vertröstung die Opfer ab. Solche Juden mochte es auch vor achthundert Jahren gegeben haben, als unsere Voreltern in den Lehrhäusern, auf den Märkten, im Familienkreise die Vorgänge in England besprachen. Und all die Juden, die uns heute der barbarischen Mißhandlung unserer Brüdergegenüber Schweigen auferlegen wollen, gehören in das Ghetto des 12. Jahrhunderts. Wie die Golusjuden, so hat sich auch der englische Pöbel nicht geändert. Ein Verdienst der Kirche, die in England für den Schulunterricht sorgt. Mit Fug und Recht konnte sich dieser Tage der Minister Lloyd George anläßlich der Einweihung eines Gotteshauses mit folgenden Worten an die englische Kirche .wenden: „Was habt Ihr für die Zivilisierung, für den materiellen Fortschritt des Volkes geleistet? Was habt Ihr getan, um das Volk zum Nachdenken, zum Genüsse, der Gerechtigkeit zu erheben, um es zur Achtung des Guten zu bestimmen, um es fähig zu machen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden?“ Daß es mit der Verbreitung der Kultur und Zivilisation nicht so weit her ist, wußten wir trotz der selbstzufriedenen Leitartikel freinen Adern fließt das Blut des Ersten deiner Söhne, der die Last der Auserwähltheit zu tragen begonnen hat. In meinem Herzen berge ich den Schmerz des Ersten, der grausam dem Mutterboden entrissen wurde . . . Mein Leib ist mit Stricken gebunden, die in uralten Zeiten geflochten wurden. Und von diesen blutdurchtränkten Stricken trieft unaufhaltsam mein Blut auf alle Wege meiner Leiden . . . O, wie stark und wie bitter fühle ich den Schmerz und die Schmach! Und wie teuer, o Volk, du mir auch bist, — mein verfluchtes Blut soll niemand erben, niemand die Qualen meiner Seele! . . . Kein neues Geschlecht soll'mir folgen, das fluchbeladene Erbe unglückspendender Jahrhunderte mühselig schleppend: Kirchenglocken vom Jammern zu Tode gequälter Kinder übertönt; fromme Heuchlergebete von Tränen unschuldig Gefolteter überströmt; Weihrauchdüfte mit dem Gerüche brennender Menschenleiber gemischt . . . Der Letzte im Hause meines Vaters will ich sein und kein Gedächtnis soll nach mir bleiben! ... So muß der Uebergangsjude verzweifeln, der in dunkler Nacht .erwacht und von der. drückenden Angst der unheilvollen Finsternis geplagt, keinen einzigen Hoffnungsstrahl um sich findet und sich jäh in den Abgrund stürzt. Der Letzte ... V. So beginnt es dort unten in den Tiefen der Volkspsyche zu dämmern. Der Anbruch der Morgendämmerung nach einer unendlich langen Nacht. Die Seele Israels ist auf dem Scheidewege. Ihr wird der Wille folgen, der Wille, den der Vernunftsnationalismus nicht lenken konnte. Aber wohin? In den Abgrund des verzweifelten Letzten, mit dem dieser stolze Wille erlöschen soll? R. B e n j o m i n konnte organisch nicht - der Träger oder gar Vollstrecker eines aktiven nationalen Freiheitsgedankens werden. Aber, auch J e c h i e 1 im Uebergangsstadium, der, noch im Alten wurzelnd, es bloß negativ in sich überwunden hat, kann es nicht sein. Die alte Melodie R. Benjomins will er seinem neuen Seeleninhalt anpassen; den Hymnus auf das Leid mit der Predigt der Empörung versöhnen. Vergebens ... Von der Verherrlichung der Juden leiden in aller Ewigkeit mußte ihn die revoltierende Reaktion zur Verneinung des Juden 1 e b e n s in aller Ewigkeit treiben. Und doch — ist das Problemwerden des jüdischen Martyriums nicht die grundlegende Voraussetzung seiner positiven Ueberwindung? Ist ferner die Erkenntnis der Schwäche und der Verneinung ihrer inneren Berechtigung nicht der erste — bedeutendste — Schritt zur Stärke? Mit diesem Schritt hat Jechiel den Abgrund der Verzweiflung überschritten. Er ist zu stark, um der Letzte zu sein. So. schnellt eine gewaltsam nach innen gebogene Stahlplatte, von der drückenden Kraft' befreit, mit mächtiger Wucht nach außen zurück. Doch bricht sie picht . . . Wie wird Jechiel seinen frei gewordenen Willen behaupten? Wie kann er ihn behaupten? „Schwer ist es Jude zu sein“, klagt Jechiel und weigert sich, die Leiden um der Leiden willen zu erdulden. Und so verneint im blinden Schmerz der ersten Erkenntnis mit den Leiden auch das Leidenssubjekt, ohne nach ihrer äußeren Ursache zu forschen. Simson mußte, um sich an den Philistern zu rächen, mit ihnen in den Tod gehen. Jechiel aber kann die Pfeiler des morschen Ghettobaues niederreißen, ohne unter, seinen Trümmern selbst begraben zu werden. So hat Hirschbein den innersten klaffenden Gegensatz im heutigen Qstjudentum tief erfaßt und in der prägnantesten Gestalt zum Ausdruck gebracht. Den Gegensatz des stumm duldenden und des frei wollenden Juden. « Den Gegensatz des Golusjuden und des Urjuden, würden wir sagen. Denn der Golusjude — sei er religiös oder irreligiös — kann das Judenleid weder in seiner Innennoch in der Außen-Welt überwinden. Höchstens versucht er es durch ein Missionsmäntelchen zu verschönern. Bejaht man den Golus, so muß man auch notwendig seine Emanation — das ewige Judenleid — bejahen und eo ipso sich selbst, wie Jechiel in seinen Lehrjahren, verneinen. Und möge für ihn dazwischen noch manches Wanderjahr dahinfließen, klar sehen wir ihn nun in seinen Meisterjahren: In blendendem Glanz erstrahlt ihm — die immense tra-