Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Wenn man heutzutage das unaufhaltsame Schwinden der altjüdischen Religiosität in Europa, selbst im Osten, beobachtet, so möchte man geneigt sein, im Orient ein Refugium, ein unerschütterliches Bollwerk des Glaubens zu vermuten. Dies ist jedoch nicht der Fall. Unter den jungen Juden der „Young generation“, wie man sich mir gegenüber in Bassorah ausdrückte, herrschen genau dieselben Glaubensanschauungen wie in Europa und im Westen. Die junge Generation ist in den Schulen der Alliance Israelite erzogen und lernt fließend französisch und gut englisch sprechen. Eine eigentliche Assimilationsbewegung gibt es trotzdem kaum. Für den Juden in diesen Gegenden existiert ein derartiges Problem überhaupt nicht; denn wenn die jungen Leute hier auch nicht strenggläubig sind, so fühlen sie sich doch als eine besondere Rasse mit nationalen Besonderheiten und denken nicht daran, aufzugehen in dem umwohnenden Volke, wofür der Orientale mit seinem ausgeprägten Stammesbewußtsein überhaupt kein Verständnis hat. Da der größte Teil des Handels von Basrah in den Händen der Juden liegt, hat die Sabbathheiligung auch für sie große Schwierigkeiten. Hier ankern viele Dampfer, die tags und nachts Ladung nehmen und nicht eine Minute verlieren dürfen. Ist also die religiöse Ueberzeugung nicht fest genug fundiert, dann gehts genau wie in Westeuropa: der Sabbath weicht den Erfordernissen des Erwerbslebens. Die religiösen Zustände ähneln also ziemlich den europäischen, während die nationalen bedeutend besser sind, obwohl die Alliance Israelite auch hier assimilatorischen Tendenzen in ihren Schulen pflegt. Die ältere Generation der Juden in Basrah spricht türkisch, arabisch und sephardisches, reines Hebräisch, letzteres jedoch nicht alle. Sie sind außerordentlich fromm. Hier kann man noch Kabbalisten vom reinsten Wasser treffen, und ich empfand einen nie erlebten Zustand, als ein alter, ehrwürdiger Jude mit asketischem, schwärmerischem Gesicht und glühenden Augen, — ein grauer Vollbart umrahmte seinen prachtvollen Kopf, eine türkische reiche Tracht Umhüllte seine Glieder, — mich im reinsten Sephardisch-Hebräisch anredete und mir durch Vermittlung eines andern Juden, der ins Englische übersetzte, seine Grüße übermittelt und seine Freude aussprach, daß ein „Aschkenasi“ aus fernen Landen sie besuche. Er fragte, ob wir die Thora treu beobachten, ob die Juden bei uns so lebten wie hier usw. ... Hier kann man die Juden in ihrer reinen Eigenart als orientalisches Volk beobachten, wie sie vielleicht ähnlich vor 2000 Jahren schon gelebt haben. Es war ein erhebender Moment für mich, die Urtypen und die urtümlichen Lebensgewohnheiten meines Stammes kennen zu lernen. Die Jungen kann man natürlich schon in europäischer Kleidung sehen, und auch an ihren Umgangsformen merkt man den Einfluß des Westens; aber die Alten sind noch echte orientalische Juden, die streng im Sinne der Thora und ihrer Vorschriften leben. Ihr Familienleben ist musterhaft rein und harmonisch. Ich muß gestehen, daß es Augenblicke gab, wo ich glaubte, traumwandelnd einherzugehen, so seltsam und widerspruchsvoll waren die aufeinanderfolgenden, auf mich einstürmenden Eindrücke. Und in der Tat, welcher Kontrast: Hier ein moderner, westlicher Jude in europäischer Kleidung mit neuzeitlichen Lebensanschauungen, ein Produkt jüdischer Rasse und westlicher Kultur, dort Menschen meines Blutes in einer Erscheinungsform, vielleicht nicht sehr verschieden von der, die vor Jahrtausenden Juda Makkabi oder Bar Kochba darboten. Im Gewände des Orients, mit Sandalen und burnusartigem Ueberwurfe, die einen, in türkischer Tracht andere, und die Söhne und Kinder derselben Leute schon mit europäischem Aeußern. Wie nahe wohnen doch in diesem Lande die Gegensätze beieinander! Frauen sah ich verhältnismäßig wenig, junge Mädchen gar nicht; sie werden bis zu ihrer Heirat im Frauengemach dem Auge der Fremden entzogen, kennen oft ihren Bräutigam nicht vor der Trauung. Die Juden von Basrah sind .ein schöner, großer Menschenschlag, die gemessenen Bewegungen und das würdige Benehmen des vornehmen Orientalen sind ihnen eigen. Fast alle Geschäfte sind, wie schon erwähnt, in ihren Händen, und ihr Einfluß ist nicht zu unterschätzen. Ich kann sagen, daß ich überall mit Herzlichkeit und Sympathie aufgenommen wurde. Durch die farbige, fremdartige Hülle des Orients fühlte ich das jüdische Herz mir entgegenschlagen, und hatte stets die Empfindung, daß der Rythmus des Blutes in mir und meinen Brüdern von Basrah unabhängig von den Verschiedenheiten unserer Erziehung der gleiche ist und für alle Juden nur der gleiche sein kann.“ Antisemitismus in der Londoner Stadtverwaltung. Das städtische Komitee für Armenpflege (Board of Guardians) in Bethnal Green, im Osten Londons beriet dieser Tage über die Vergebung' der Milchlieferungen für die ihm unterstellten Wohlfahrtsanstalten. Mr. Lock, der Vizepräsideiit des Board, schlug vor, das Angebot des billigsten Lieferanten, der Great Eastern Dairv Company zu akzeptieren. Demgegenüber beantragte Dr. R. G. Style, Präsident der South-West Bethnal Green Conservative Association, das ungünstigere Angebot einer andern Firma anzunehmen. Er begründete seinen Antrag recht offenherzig damit, daß an der Spitze der Great Eastern Dairv Company ein Herr Dubowsky aus Whitechapel stehe. „ j ü d ische Lieferanten brauchen wir n i c h t,“ setzte Dr. Style wörtlich hinzu. Der Board verwarf den Vorschlag von Mr. Lock und nahm den antisemitischen Antrag Dr. Stvlcs mit sechs gegen vier Stimmen au. Jüdische Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Laut einem offiziellen Ausweise des amerikanischen Einwanderungsamtes sind im Monate Juli 1. J. insgesamt 661S jüdische Einwanderer in Newyork gelandet. Davon waren 3433 Männer und 3183 Frauen. Es kamen aus Rußland 4700, Oesterreich und Ungarn 721, England 207, Rumänien 132, Türkei 110, Südamerika 73, Frankreich 60, Deutschland 34 usw. Von den eingewanderten Juden blieben 4208 in Newyork und der Rest fuhr in die verschiedenen Teile des Landes weiter. Die jüdischen Einwanderer brachten zusammen 545.270 Dollar Bargeld mit. Die größte Summe, die eine Person mitbrachte, betrug 16.000 Dollar. Unter den Einwanderern befanden sich 052 Mädchen, die ohne jede Begleitung gekommen waren, und 605 solche Personen, die erklärten, keine der lebenden Sprachen lesen oder schreiben zu können. Jüdische Professoren an der Budapester Universität. Die Zahl der jüdischen Professoren an der Budapester Universität wurde durch die Berufung des berühmten jungen Mathematikers Leopold F^er als ordentlichen öffentlichen Professor für höhere Mathematik um einen vermehrt. Mit ihm gibt es jetzt fünf ordentliche Professoren an dieser Universität. Es sind dies die Dr. Henrij Marczali (Geschichte), Bernhard Alexander (Philosophie), Mariz Karrern (Ungarische Literatur) und Ignaz Goldzieher de Kesmark (Orientalische Sprachen). Alle fünf Professoren gehören der philosophischen Fakultät an. An den übrigen Fakultäten der Budapester Universität hat es noch kein ungetaufter Jude zu einer ordentlichen öffentlichen Professur gebracht. Eine Ausstellung für biblische Naturgei schichte ist in dem großen Naturhistorischen Museum in London veranstaltet worden. Es wurden darin Tiere, Pflanzen und Mineralien vorgeführt, die in der Bibel erwähnt werden. Allerdings sind auch die wissenschaftlichen Leiter des Museums, die mit der Auswahl und Bezeichnung der Ausstellungsgegenstände betraut gewesen sind, über manche Schwierigkeit nicht hinweggekommen. Es ist nicht mehr als eine Vermutung, daß das Einhorn der Bibel auf den Auerochsen, das Behemoth auf das Nilpferd und der Leviathan des Hiob auf ein Krokodil zu deuten sei. Auch sonst bestehen zahlreiche Zweifel. Luther hat diese zwar zu lösen versucht, ob aber seine Uebersetzungen immer das Richtige oder nur Wahrscheinlichste treffen, ist durchaus nicht sicher. Im 11. Kapitel des dritten Buches Mose ist eine ganze Reihe von Tieren erwähnt. Luther nennt an dieser Stelle den Igel, den Molch, die Eidechse, die Blindschleiche und den Maulwurf. Unter den Eidechsen sind vermutlich die Geckos zu verstehen, III. Reb B e n j o m i n — der Vater. J e c h i e 1 —. der Sohn. R. Benjomin — wir kennen ihn alle, den alten ganzen Juden mit der unheimlichen schweigsam-duldenden Seele und dem unermüdlich forschenden Verstände, der sich an die schwersten Welträtsel heranwagt, nur nicht an das eine: Wozu das ewige Leiden?... — Nicht in des Menschen Hand liegt das Schicksal der Welt, nur in Gottes* allmächtigem Willen. Eine Wüste hat er geschaffen — die Welt, eine Wüste voll wilder Tiere. Zwischen den wilden Tieren lebt ein armes, schwaches Schäfchen, geängstigt, bedroht und gequält. Niemand aber wird das Schäfchen zerreißen, denn leben muß es — in ewigen Leiden und Schrecken, aber leben, muß es. Denn — so hat es der Allmächtige gewollt. Und die wilden Tiere soll das Schäfchen zahm, mild und harmherzig machen. Das ist seine Bestimmung. Und der Lohn dafür soll die Strafe, sollen die Leiden sein, die ewigen, süßen Leiden. Denn — der Herrgott hat es so gewollt! — So denkt und so lebt R. Benjomin in stolzem Bewußtsein der Auserwähltheit und klagloser Hinnahme der unerträglichsten Leiden. Und mögen seine Töchter vor seinen Augen geschändet, seine Kinder auf dem Pflaster — zerschmettert verbluten. Keine Klage, kein Schrei des Zornes und der Empörung! Denn — Gott hat.es so gewollt! . . . Die unmenschlichen Leiden haben jede menschliche Leidenschaft im Juden getötet. Nietzsche hat die Juden „das merkwürdigste Volk der Weltgeschichte“ genannt, weil sie, „vor die Frage von Sein und Nichtsein gestellt, mit einer vollkommen unheimlichen Bewußtheit' das Sein um jeden Preis, vorgezogen haben.“ *) „Se.in um jeden Preis!“ Das ist die Parole R. Benjomins und der Preis ist wahrlich kein geringer. Leid und Freud, Liebe und Haß; das ganze Leben in die engen Rahmen eines lähmenden Glaubens gepreßt. Die ethische und ästhetische Wertungsweise — entnatürlicht („Leiden, sind süß und schön“ . . .). Die männliche selbstbewußte Kraft — herabgewürdigt. Der Wille, der unausrottbare, herrliche Wille des Ewigkeitsvolkes unter das Joch stummer Erduldung verherrlichter Leiden gezwungen. Das ist der Daseinspreis R. Benjomins. Was Wunder, daß ein Jude, dessen Wille sich vom Alpdruck der Leidensverherrlichung zu befreien beginnt, sich weigert diesen Molochtribut zu enrichten. So mußte denn jechiel die Fahne der Revolte gegen die Märtyrerseuche hissen und dem alten Judengeist den Kampf auf Leben und Tod erklären. IV. Jechiel ist in Treue und Gehorsam den Geboten der Väter gegenüber erzogen. Zu grausam und zahlreich haben sich aber die Schick- ’) Der Antichrist. Werke, B. VIII, Leipzig 1S95, p. 243. salsschläge auf dem Haupte des Ostjuden gehäuft, zu unerträglich und qualvoll wurde die Schmach. Der Dulder mußte schließlich zum Rebellen werden. — Sein um jeden Preis? Nimmermehr! Ist das ein Dasein? Wer wagt es, mir zu sagen, daß man leiden muß, daß Leiden süß oder gar schön sind? O, dieses lächerliche, närrirische, sonderbare Judenherz! Leiden sind ihm ein Balsam, Beleidigungen — eine Labung! . . . — Seit Jahrtausenden lebt dieses Volk und seine Größe will es darin erblicken, daß sein Körper zu unzähligen Malen auf dem Feuer gebrannt, und seine Seele mit den glühenden- Zangen des Hasses gefoltert wurde . . . Aber wozu diese Qualen? Wo ist ihr Sinn, wo ihre Berechtigung? So höre denn, sinnlos-qualvol - les- Schicksal, was ein frei wollender Jude dir zuruft: Genug der Leiden! Genug! Konnten meine unseligen Ahnen dich nicht bezwingen, mit mir zusammen sollst du ein Ende nehmen. Here und zittere: der Letzte in meinem Geschlecht will ich sein! . . . Der erste Jude, der das „Sein um jeden Preis“ — sei es um den Preis des Martyriums, 'sei es um den Preis des Renegatentums — stolz und entschieden verwirft. Und mit dem Todesurteil der unheilbringenden Zukunft klagt er seinen Leidensbrüdern hart die Vergangenheit an. — Mein innigst geliebtes, armes, elendes Volk! Ein Teil deiner großen Seele ist mir durch meine Eltern übertragen worden. In mci-