Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 40 (6.10.1911)
- Date
- 1911-10-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 40 etwa diejenige für Deutschland zum Muster nehmen würde, könnte durch vereinte Kraft Erhebliches leisten. Alle Vernünftigen werden hoffentlich in der Meinung übereihstimmen, daß e i n wirklich arbeitendes Zentralkomitee mehr wert ist, als drei, die mühselig vegetieren oder gar nur auf dem Papiere existieren. Isch ibri. Lemberger Brief. (Von unserem Korrespondenten.) Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht die Landtagswahlreform. Das in den Tagesblättern veröffentlichte Starzynskische Reform- ' Projekt entfessellte lebhafte Diskussionen. Leider hat die jüdische Nationalpartei, sei es infolge der Reichsratswahlen, sei es infolge anderer Ursachen, dieser für die galizischen Juden äußerst wichtigen Frage nicht die genügende Aufmerksamkeit geschenkt Es .lag daher die Gefahr vor, daß Ru- *' '• thenen und Polen ohne und gegen die Juden' zu einem Einverständnis gelangen oder, wie manche behaupteten, Frieden schließen werden. Das ist allerdings nicht eingetrelen, aber nur darum, weil Starzynski, welcher mit den ruthenenfeindlichen Allpolen kokettiert, ein für die Ruthenen ganz unannehmbares Projekt vorgelegt hat. Nun sind aber die Zionisten doch aus ihrer Ruhe gerissen. Sie planen eine großzügige Aktion für eine gerechte, auchdie jüdischen Wünsche berücksichtigende Reform des Wahlrechtes. * * * Das Ergebnis des zehnten Zionistenkonkresses hat die parteigenössischen Kreise vollauf befriedigt In allen Städten wurden Rechenschaftsberichte über den Kongreß von den Kongreßdelegierten erstattet Kulturarbeit wird vorbereitet und in erster Linie die hebräische Sprächenbewegung gefördert Demnächst wird in Lemberg bei Teilnahme des Dr. Schemajahu Lewin und unter Mitwirkung aller zionistischen Korporationen eine hebräische Sprachkonferenz stattfinden. * ■* * Die Reichsratswahl für Zloczöw ist für den 28. November ausgeschrieben. Wahrscheinlich dürfte auch die Drohobyczer Ersatzwahl an diesem Tage stattfinden. Um das Zloczower Mandat bewerben sich, dem Vernehmen nach, Starzynski, Dr. Guld und Dr. Grünberg ans Lemberg. Die zionistische Partei hat noch keine offizielle Kandidatur aufgesteilt. Die in einer Wiener Zeitung erschienene Nachricht von einer Kanditatur Dr. Mahlers rief in Galizien Verwunderung hervor, j da sie hier nicht in Betracht gezogen wurde. In Drohobycz wird Dr. Löwen stein neuerlich als Kandidat auftreten. Sein Schutzgeist Feuerstein hat allerdings, samt seinem Anhänge, bei einer Steuerkommissionswahl eine empfindliche Schlappe erlitten — aber was geniert Löwenstein und Konsorten der Volkszorn und die allgemeine Verachtung. Die zionistische Partei wird sich ihren Prinzipien getreu, sowohl in Zloczow als auch in Drohobycz, üm das Mandat bewerben und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie jetzt, im Gegensatz zu den Hauptwahlen, Erfolge haben wird. — Aus dem jüöisrfien Leben. Die Stimmung nach dem Tode Stolypins. Der gewaltsame Tod des russischen Ministerpräsidenten hat vor allen Dingen und am schnellsten sehr empfindliche Resultate für die jüdische Bevölkerung gezeitigt. Der Umstand, daß der rätselhafte Terrorist und Polizeispion Bagrow ein zum Christentum übergetretener Jude ist, genügte, um die skrupellose reaktionäre Presse einerseits und die Agitatoren der verschiedenen monarchistischen’ Organisationen . anderseits zu einer wüsten Pogromhetze aufzustacheln.- Auch die „vornehme“ „Nowoje Wremja“ verschmähte es nicht, das Verbrechen nach beliebter Methode für ihre grob antisemitischen Zwecke auszubeuten und den Vernichtungskampf gegen das Judentum zu proklamieren. Der politische Ernst des ersten Organs der staatserhaltenden Parteien sucht natürlich die Wurzel des Uebels nicht in der allgemeinen heillosen Verwirrung der politischen und rechtlichen Verhältnisse, nicht in der von Gewalt und politischer Rache von oben und von unten zugleich vergifteten Atmosphäre, sondern in dem Kampfe des Judentums gegen das russische Staatswesen und das russische Volk. Daraus folgt natürlich, daß „das Judentum in Eisen geschlagen werden müsse“. „Keine Kompromisse, keine Kompromisse, keine Nachsicht! Mögen sie es wissen, daß Rußland beleidigt ist, daß Rußland keine Leiche ist, daß es auf Beleidigungen mit militärischer Schnelligkeit und Energie antwortet. Mögen sie erzittern und zurückschrecken.“ Noch deutlicher und realistischer war die Sprache der Pogromagitatoren vom Verbände des russischen Volkes. Kein Künder also, daß sich der jüdischen Bevölkerung Südrußlands eine große Unruhe bemächtigte. In Kiew speziell kam es zu einer ungeheuren Panik. Tausende jüdischer Familien beeilten sich, die Stadt zu verlassen. Im Laufe einiger Tage wurden in sämtlichen von Kiew abgehenden Zügen die Plätze geradezu in Sturm genommen. Viele Leute mußten einige Tage warten; bis sie sich in irgendeinem Zuge einen Platz erobern konnten. Beim Gouverneur wurden täglich. mehrere Hundert Gesuche um Auslandspässe eingereicht. Die Panik blieb natürlich nicht ohne schwere wirtschaftliche Folgen. So sind bereits im Zentrum der Textilindustrie des Landes, in Lodz, zahlj reiche Telegramme aus Kiew eingelaufen, in welchen früher gemachte Bestellungen rückgängig gemacht werden. Glücklicherweise kamen diesmal die Kiewer Juden noch mit dem bloßen Schrecken und wirtschaftlichen Schaden davon. Ein bischen Seelennot, lähmende, entnervende Angst und unverdiente Demütigung hat für einen russischen Juden nicht viel zu sagen. Es war diesmal der feste Wille der hohen und höchsten Sphären, daß keinerlei Exzesse zugelassen werden. Am!9. September ließ der Chef des südwestlichen Regierungsbezirks, General. Trepow, öffentlich folgendes bekanntgeben: ,jSeine Majestät der Kaiser befahl mir bei seiner Abreise von Kiew, der Bevölkerung der Stadt und des gesamten südwestlichen Bezirks seinen unbeugsamen "Willen kundzugeben: S. M. verbietet der Menge, den gesellschaftlichen und einzelnen PeVsönen jede Art Willkür, die zu Unruhen führen kSmite, aut daß der Aufenthalt Seiner Majestät in dieser Gegend nicht von neuem in irgend einer Weise verdüstert wird.“ Seinerseits erklärte Generla Trepow: „Allerlei Gewalttatenr’und^.Verletzung der öffentlichen Ordnung werde' ich in der allerentschiedensten Weise unterdrücken.“ Dies genügte. Wenn die Regierung nicht will, gibt es eben keine Pogrome. ' Indes würde man sehr fehlgehen, wenn man glauben wollte, daß die Herren „Patrioten“ auf die „Revancfie“-Idee verzichtet hätten. Keineswegs. Nur soll sie diesmal eine andere Form annehmen. Das Organ der „Nationalisten“ „Der Sujet“ spricht dies offen heraus. In monarchistischen Kreisen wird bereits die Frage eines großzügigen wirtschaftlichen Boykotts der Juden erörtert. " „Welt.“ Von den Juden in der asiatischen Türkei. In der „Welt“ schildert Dr. med. J.' S n i e r das Leben der Juden in den arabisch-persischen Landesteilen der Türkei in ungemein fesselnder Weise. Er sagt u. a.: „In Basrah oder ßassorah leben etw^a 5000 Juden unter zirka 60.000 Eimvohnern.- In Bagdad, das von hier mit Fliißdampfer in 4—5 Tagen erreichbar ist, finden sich dagegen unter zirka 200.000 Einwohnern ungefähr 60.000 Juden. Die Juden haben,in der Türkei, insbesondere hier in den arabisch-persischen Landesteilen,,in keiner Weise wegen ihrer Rasse oder ihres Glaubens zu leiden; im Gegenteil, sie bekleiden die höchsten Ehrenstellen, sind, beispielsweise in Bagdad reich und angesehen und bei ihren mohammedanischen Nachba'ren durchaus beliebt und w'ohlgelitten. In Bagdad gibt es 600 jüdische Soldaten, die sich außerordentlich bewähren und die Elitetruppe bilden; auch zahlreiche jüdische Offiziere befinden sich dort. Die Juden von Basrah, die ich näher kennen lernte, leben nicht, in so guten Verhältnissen; es gibt dort auch Viele Arme, jedoch auch eine Anzahl sehr Begüterter, ln Bagdad sowohl wie in Bassorah gibt es Juden, die hohe Staatsämter innehaben. Üeberhaupt besitzen sie hier großen politischen Einfluß. Es herrscht, soweit ich in Erfahrung bringen konnte, volle Zufriedenheit mit dem neuen konstitutionellen Regime. Feuilleton. Der Letzte oder der Erste?*) Von Maxim A n i n. i. Der Künstler verleiht dem Seienden seine reinste von allen wesenlosen Winzigkeiten des Empirischen geläuterte Gestalt, in der Ueberzeugung, daß er bloß „dichtet“. Der Denker dichtet das Seinsollende, — entweder nur von der Unzulänglichkeit des Seienden getrieben — der Utopist; oder auch den im Seienden enthaltenen Möglichkeiten Rechnung fragend — der Realist — oft. in der heiligsten Ueberzeugung, daß er bloß die kausalen Zusammenhänge des Seienden aufdeckt. Das, u’as man bei uns Juden bisher als „nationale Bewegungen“ bezeichnete, sind in der großen Mehrzahl der Fälle im Grunde nichts anderes, als utopistische oder realistische „Denkerdichtungen“ und „Denkerrichtungen“. Ich spreche hier gewriß nicht von den Flick werk- und Zw'itter-Versuchen, in denen die Ohnmacht und Schmach des Gewesenen sich als Bejahung des nicht minder ohnmächtigen und schmachvol¬ *) „Der Letzte“. Ein dramatischer Prolog in 3 Akten von Perez Hirschbein, Warschau.— Verl: „Progreß“, 1911. (Jüdisch.) len Seienden behauptet. Versuche, die wohl nur deshalb als realpolitisch gelten, wreil sie über die! Winzigkeit der. heutigen jüdischen Realität nicht hinauskommen. Sondern von denjenigen Bewegungen im Judentum soll hier die Rede sein, die als radikale Um- und Neugestaltung des Judentums gedacht waren. Gedacht — nicht gelebt. Das ist wohl der tiefste Grund ihrer bisherigen praktischen Unfruchtbarkeit. Sozial und nationalschöpferisch können nur Bewegungen sein, die in die Tiefen, des Unterbew'ußtseins und der Psychik der Massen starke Wurzel geschlagen haben.- Das kalte und oft irrende Licht des Intellektes beleuchtet nur die Mechanik des Seinsollenden, schafft aber nie w'ärmend den Organismus des Werdenden. Und so "ist bei uns in einem Meere von Worten — bestenfalls von Begriffen — tief unter den himmelhohen Türmen der Luftschlösser der Strom des Lebens unbemerkt dahingeflossen. Und jedesmal, wenn der Strom hart an einen Felsen stieß, da durchbohrten die bange Stille. der Nacht wehmütige Klagetöne, unendliche Variationen der nationalen jüdischen Schöpfung — der Jeremiade — ein Trostder Schwachen und Unmännlichen ... t „Bete und jamm’re!" . . . Freudelose Resignation, mutlose Bejahung der Leiden vernahmen wir, die w'ir auf den hohen Lufttürmen, zwischen Himmel und Erde schwebten. Und wör wollten, ja wir konnten es nicht fassen: Warum jammert man dort, wro un- .ter den mächtigen Hammerschlägen Manneskraft gestählt und Kampfesmut geschmiedet werden sollten? Was geht dort unten vor, in den dunklen Tiefen der Völkspsyche? . . . II. Der Dichter hat es gesehen. Nun will er es uns zeigen. In Perez Hirschbein ist das tiefe Verständnis für alles Dramatische im heutigen Judenleben mit dem Tonreichtum einer fein nuancierten Lyrik gepa'art. Ein tiefinneres Empfinden des ewigen Judenschmerzes mit dem freudevollsten Kultus der Naturschönheit des Blumenduftes, der urewdgen Kraftspenderin — der Mutter-Erde vereint. Eine Seele, auf deren zarten Saiten die Klänge des wehmütigen jüdi- sehen Klageliedes zittern. Ein Wille, der unermüdlich und zuversichtsvoll auf den Ausbau einer der mächtigsten Stützen der jungjüdischen Kultur — eines gesunden jüdischen T h e a t e r s gerichtet ist. Ein Mann, der bauen kann. In seinem nunmehr begonnenen Dramen- Zyklus — als dessen Prolog „Der Letzte“ erschienen ist,.will der Dichter die Seele deg \v erdenden neuem Juden ergründen. Eine freudige '"Ahnung wreht die zartzitternde Morgenluft vor der nahenden Sonne, durch dje gespannt lauschende Seele des heutigen Juden: Ein neuer wr ollen der Jude kommt, dem alten duldenden Judentum freie Bahnen zu öffnen . . . Noch ringt er verzweifelt — er w’ill der Letzte sein, der Letzte in seinem Geschlecht. Der Letzte oder — der Erste? . . . \