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Jüdische Zeitung · 1911-10-06 · 40 (6.10.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
40 (6.10.1911)
Date
1911-10-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG SSE „NnTjDNnL -JÜDJ51IHE5 BEflN ggg Mk. .3.—. Für das übrige Ausland: Ganzjähr. Frcs, 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104.067. IuL-^Tm»- Wien, Freitag, den 6. Oktober 1911 .V Jahrgang Jüdisches Volhsheim. Der Jüdiscbe Volksverein für die Leopoldstadt gründet im Zentrum der Wiener Judenschaft ein Volksheim, in welchem, neben anderen gemeinnützigen Institutionen, eine Volkslesehalle, Volksbibliothek und ein Rechtsschutzbüro ihren Sitz haben 'sollen. Die Gründung dieses Volksheimes, in welchem unsere jüdischen Mitbürger Schutz ihrer wirtschaftlichen und politischen Rechte finden werden, in welchem auch dem Schwächsten und Aermsten Bildungsgelegenheiten jeder Art geboten werden sollen, in welchem der verfolgte und verachtete Jude als gerngesehener Gast und Freund Stärkung seines Selbstbewußtseins erfahren wird, ist gewiß der Unterstützung aller Volksgenossenwert. Jüdische Mitbürger! Spendet für den Fonds des Jüdischen Volksheimes. Dr. L. Plaschkes, Ingenieur R. Stricker, Dr. Ch. Wölfmann. . , Spenden sind bis auf weiteres an Herrn Dr. Ch. Wolfmann, 11., Förstergasse 3, oder an die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ zu senden. Auch Sammelblocks smd durch die Genannten zu beziehen. Europäische Diplomatenmoral. In hundert Tonarten der schönsten Entrüstung fällt nunmehr alles über den frechen Strauchdieb, über Italien her. Es ist nicht zu. leugnen, daß das einfach scheußliche und niedrige Vorgehen der italienischen Regierung den Zorn und Ekel des Zuschauers herausfordert, aber die Schimpfenden täten doch gut, im eigenen Hause Umschau zu tun. Der kleine welsche Qauner hat gar große Protektoren, allmächtige Herren halten ihm die Diebslaterne und schützen ihm den Rücken. Es wird immer deutlicher erkenntlich, daß der gegen die Türkei verübte Banditenstreich eigentlich nicht auf Italiens Mist gewachsen ist. Europas diplomatisches Korps hat ihn ausgchegt. Nur ein ganz naiver Naivling kann daran glauben, daß Italien das Manöver gewagt hat, ohne sich vorher die Unterstützung, zumindest die Billigung, der Großmächte zu sichern. Wenn jetzt die diversen Regierungen scheinheilig besorgt tun und sich in Versicherungen ihrer FriedenS'iebe überbieten, ja sogar tadelnde Worte für Italiens Vorgehen finden, so ist das niederträchtiger Humbug. Der Dieb heißt nicht Italien, der Dieb heißt Europa. Auch seitens unserer österreichischen Diplomatie ist nichts geschehen, um den Gewaltstreich zu verhindern. Die Entschuldigung, daß die Ereignisse überraschend gekommen sind, gilt diesmal nicht, obzwar Ueberraschungen, die über unsere erleuchteten diplomatischen Vertreter hereinbrechen, sonst leider nicht 1 / selten sind. Im Leibblatte des Grafen Aehrenthal, in der ,Neuen Freien Presse“, die sich in Behandlung äußerer Angelegenheiten strenge an die Weisungen der Regierung hält, wurde bereits vor längerer Zeit Italien ermuntert, gegen die Türkei loszuziehen. Vor Wochen, als von einer Verwicklung in der Oeffentlichkeit auch nicht das geringste bekannt war, erschienen in diesem Blatte Artikel „von besonderer Seite“ und von „hervorragenden“ ita'ienischen Staatsmännern, in welchen das „Anrecht“ Italiens auf Tripolis und die momentane günstige Konjunktur für eine Annektion nachdrück’i hst he vorgehofcen wurden. Unbeschadet dessen tut heute natürlich die „N. Fr. Pr.“ riesig fromm und entrüstet. Sie verläßt sich auf das kurze Gedächtnis ihrer Leser und hat recht, denn diese Sorte von Menschen vergißt wirklich riesig leicht. Oesterreich trägt gleich allen übrigen Großmächten die Mitschuld an dem frechsten Bruch des Völkerrechtes, der vor unseren Augen in Tripolis verübt wird. Allerdings nicht das österreichische Volk, sondern Oesterreichs Diplomaten, die ohne Kontrolle, ohne das österreichische Volk befragen zu müssen, aut dessen Rechnung die folgenschwersten Streiche begehen dürfen. Zur Einhebung - einer Steuer von zehn Hellern bedarf es der Zustimmung aller Nationen und Klassen des Reiches. Aber mit dem Ansehen Oesterreichs, mit dem Gute und Blute seiner Bürger darf ein Häuflein unfähiger Aristokraten unkontrolliert schalten und walten. Die demokratischen Politiker Oesterreichs täten gut, endlich auch in diesem dunkeln Winkel unserer Verwaltung hineinzüleuchten und für die Demokratisierung des diplomatischen Dienstes eine Lanze zu brechen. Dieser Dienst ist denn doch ein viel zu wichtiger, als daß er, wie bisher, unter Fernhaltung aller volkstümlichen Elemente den Aristokraten als Privileg überlassen werden darf. Wenn es einen Kampf gegen dieses ebenso alte als schlechte Prinzip gilt, werden die jüdischen Staatsbürger gerne mittun, denn sie wissen ein gar trauriges Liedlein von der Borniertheit und Unfähigkeit unserer Diplomaten zu singen. In Rumänien und Rußland werden die Rechte österreichischer Juden mit Füßen getreten, im famosen Bundesstaate Preußen werden sie wie räudige Hunde behandelt. Noch nie hat ein österreichischer Minister, Gesandter oder Botschafter Miene gemacht, in ihrem Interesse zu handeln. Mit der Entfernung dieser blaublütigen Gesellschaft vom diplomatischen Dienst wird Oesterreich im a’lgemeinen und auch uns österreichischen Juden im besondere.! gut gedient sein. Zur öftupeidliflhen Opganifationsfpage. (Eine Stimme aus Galizien.) Ich habe den Artikel „Zur österreichischen Organisationsfrage“ in der „Jüd. Zeitung“ (Nr. 36 1. J.) gelesen und kann es mir nicht versagen, den Vorschlag zur Wiederherstellung der gesamtösterreichischen Landesorganisation aufs freudigste zu begrüßen. Ich bin mir dabei auch der Zustimmung eines sehr beträchtlichen Teiles der galizischen Gesinnungsgenossen sicher. Die unter ihnen jetzt herrschende Stimmung ist dem Plane gewiß günstig. Wir wollen die Wiedervereinigung mit Westösterreich. Warum? Weil wir einfach beim jetzigen Zustande zur Untätigkeit und völliger Ohnmacht verurteilt sind. Unser — nämlich das galizische — Zentral-Komitee arbeitet in Wahlzeiten sehr viel und sehr energisch, aber leider eben nur in Wahlzeiten . . . Viel liegt bei uns brach, während der Boden hier sehr fruchtbar und jede Arbeit überaus lohnend ist. Man spricht bei uns oft und viel von schönen und guten Dingen, so z. B. von einer Organisierung auf politischer und einer solchen auf wirtschaftlicher Grundlage, von Kulturarbeit im Lande und von der Heranziehung unserer Massen für die Zwecke der kulturellen Palästinas rbeit, kurz, wir leiden keinen Mangel an verschiedensten Plänen, auch nicht an Neugründungen unterschiedlichster „Organisationen“, aber wirklich g etan wird sterbenswenig. Dabei gibt es doch soviel dringende, allernotwendigste und auch nicht allzu schwere Arbeit. Ein Beispiel: Ueber geplante genossenschaftliche Organisationen für Juden wird viel gesprochen, sie werden allseitig herbeigesehnt, aber für die praktische Durchführung wurde noch kein Finger gerührt. Die Provinz hat keine Ahnung davon, wie diese Arbeit zu verrichten wäre, und wartet, daß die Zentrale sie belehre und die Zentrale wartet, daß ihr — die Provinz mit gutem Beispiel vorangehe . . . Ich will mich nicht in weiteren Einzelheiten ergehen. Wie die Dinge heute liegen, ist die Ablösung der in Galizien heute führenden Männer durch andere nicht als Heilmittel anzusehen. Ein Personenwechsel würde da wenig ändern. Das System ist schlecht und das System muß geändert werden. Wir besitzen in Galizien einfach nicht die Kräfte und Mittel zur Führung einer selbständigen Haushaltung, und wir sehen in der Zusammenfassung der Kräfte und Mittel des gesamtösterreichischen Judentums, in der Wiederaufrichtung eines gesamtösterreichischen Landesverbandes die einzige Rettung. Eine „Zionistische Vereinigung für Oesterreich“, die sich

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