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Jüdische Zeitung · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr: 39 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Die politische Lage in Österreich und die Juden.*) Von Dr. K. V. Aus den bisherigen Betrachtungen über die politische Lage in Oesterreich und über die Wege, die zu seiner Konsolidierung führen, sind auch die Aufgaben zu ersehen, die der jungjüdischen Politik in Oesterreich obliegen. Line richtige jüdische Politik ist eben nur eine solche, welcne es-den Juden ermöglicht, gleimäßig sich zu betätigen, als Juden, als Oesterreicher und als moderne Kulturmenschen. _ Die Heeresfolge an Parteien, welche den Lebensbedingungen Oesterreichs verständnislos gegenüberstehen und Sich unvermögend erweisen, den nationalen Frieden herbeizuführen, sowie eine großzügige Wirtschaftspolitik zu inaugurieren, ist gleichbedeutend mit der Züchtung des Antisemitismus. Dagegen muß jede aut Herstellung des nationalen Friedens, des politischen und kulturellen Fortschrittes gerichtete Bewegung, welche die Juden als Nation anerkennt, von diesen mit allen Mitteln gefördert werden, weil nur eine solche dem Antisemitismus (den Boden zu entziehen vermag. Leider gibt es in Deutsch-Oesterreich keine Partei, welche die Juden als gleichberechtigte Nation anerkennt; die einen negieren den Bestand des jüdischen Volkes, die anderen betrachten die Juden als inferiore Rasse. Unter solchen Umständen müssen die Juden sich auf eigene Füße stellen ,ltnd selbständig organisieren. Bei der zunehmenden Zersetzung sämtlicher alten Parteien- und dem Gährungsprozesse, welcher unter allen Nationalitäten vorherrscht, ist es unausbleiblich, daß es früher oder später zu einer Neugruppierung der Parteien kommt. Zu Parteibildungen, die es vielleicht in Zukunft eher als in der Vergangenheit, den Nationaljuden ermöglichen werden, unbeschadet der Wahrung ihrer nationalen Interessen mit den Modernen der übrigen Nationalitäten im Zeichen der nationalen Autonomie gemeinsam mit den andersnationalen Modernen an der politischen Konsolidierung und wirtschaftlichen Regenerierung des Donaureiches zu kooperieren. So lange aber dies unmöglich ist, sind in Folge der gegebenen Verhältnisse — welche die assimilatorischen Judenvielfach mitversChuldet haben — die Jungjuden gezwungen, die von ihnen als richtig erkannten Anschauungen in ihrem engeren nationalen ■ Rahmen zu-^vertreten. Ihre Grundprinzipien lassen' sich kurz in die Worte zusammenfassen: Unbedingte nationale, religiöse und wirtschaftliche ■Gleichberechtigung aller Bewohner der österreichischen Monarchie. Die Juden, die selbst eine nationale. über das ganze Reich zerstreute - Minorität bilden, dürfen sich nirgends in gemischtsprachigen ..Gebieten dazu hergeben,.Schergendienste gegen andere Völker zu leisten. Sie dürfen sich ebensowenig Germanisierungstendenzen, wie Tschediisierungsbestrebungen dienstbar machen, auch wenn diese von sogenannten „freisinnigen“ und „demokratischen“ Politikern gefördert werden. Im entgegengesetzten Falle könnte es sich /‘ereignen, .daß.'eine d.eu^s<hrisc$iechische. Verständigung auf 'antisemitischer Basis 'sich vollzieht, welche von gewissen reaktionären Kreisen wirklich patrönisiert? wird.1.' •' In Galizien zeigen sich bereits solche Anzeichen, es werden allerlei Versuche gemacht, einen . p.olnisch-ruthenischen Aus- :gIeich, mit Ausschaltung der Juden anzubahnen. Auch'die E nt w i ck 1 un g i n U n-;'ghr'n,' wo die’ magyarischen Chauvinisten aller ■Färbungen nicht bloß gegen die Deutschen, -Slawen und Rumänen, sondern, auch sehr e n t s c h. i eden.schon gegen d i e J u den F r o nt machen, ist eine ernste Mahnung an unsere Volks- ' genossen in der gesamten Monarchie, mit' der assimilatorischen Politik! endlich zu brechen, und keinerlei Herrschaftsgelüsten eines Volkes über andere ihre Unterstützung zu leihen. Die'jüdischen Modernen treten aber nicht nur für die nationale Gleichberechtigung und den nationalen Frieden, sondern auch fiir die konfessionelle Gleichberechtigung und das friedliche Zusammenlehen der einzelnen Religidnsgeriossenschafteri ein. Sie respektieren eben- *) Siebe Nummer 36 und 37 der ,J0d. Zeitung“. so das religiöse Empfinden, als sie den Klerikalimus ablehnen. Das religiöse Gefühl, das mit dem Innenleben des Einze.nen verwachsen ist, soll nicht in die Arena des Parteikamp tes gezerrt und die Religion nicht mit der Politik verquickt werden.. Oesterreich bedarfdes Friedens in nationaler, sowie religiöser Hinsicht, da.rait endlich die zersplitterten Kräfte' in den Dienst einer großzügigen Wirischaftspoiitik gesteht werden können. Rufen alle Oesterre.riie:, ange. ichts der stets wachsenden wirtsciiait i.hen Not, nach end iiher Inangriifnahme der seit Jahrzehnten versprochenen wirtschaftlichen Reformen, so hat das soziale Elend gerade in den Massen des jüdischen Mittelstandes und Proletariates Dimensionen angenommen, die nach Sanierung der trostlosen w.rtschaftlichen Verhältnisse förmlich schreien. Die Jungjuden betrachten es daher a s einen wesentlichen Bestandteil natlonaer Be.ä.igung, für die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der armen, e.endcn undcn.erbten Volksgenossen einzutreten. uei der eigenartigen sozialen Struktur des jüdischen Volkes und speziell auch des jüdiseien Proletariats kann allerdings die jüdische Sozialpolitik nicht das Gepräge der a ten Parteischablonen und einseitiger Klassenpolitik im überlieferten -Sinne tragen. Am allerwenigsten dürfen ihre Vertreter die Verschärfung der Klassengegensätze fördern. Sowohl die momentan erreichbaren Sozialreforipen, als auch andere Wirtschaftsformen können nur. durch das Z u s a m me n w i r k e n der produzierenden Volksschichten verwirklicht werden. Bei der Beschaffenheit unseres Parlamentarismus und der Zusammensetzung der einzelnen Parteien wird man allerdings gut daran tun, möglichst wenig auf die Staatshilfe zu bauen und um so energischer den Weg der „Selbsthilfe“ zu betreten. Das geeignetste Mittel dazu bildet die -Assoziation. Ansätze dazu bilden auch die gewerblichen Genossenschaften, die allerdings an Haupt und Gliedern reformiert werden müssen. Was unsere Gewerbetreibenden vor allem zu ihrer Existenz bedürfen, ist der genossenschaftliche Großbetrieb und als Mittel hiezu die Erlangung billigen, leicht zugänglichen Kredites. Ebenso dringend für sie wie für unsere Industrie ist allerdings auch ein entsprechender Absatz ihrer Erzeugnisse, im Inlande und im Auslande. Im Interesse der Industriellen und Kleingewerbetreibenden liegt daher vor allem eine Hebung der Kaufkraft der arbeitenden Masse, also weitgehender Arbeiterschutz’. Nur kaufkräftige Arbeitermassen sind in der Lage, dem Kaufmann und Kleingewerbetreibenden einen Absatz seiner Waaren zu sichern, sowie anderseits nur unter der Voraussetzung ein großzügiger Arbeiterschutz möglich ist, wenn- Industrie, Handel und Gewerbe durch eine vernünftige Zollpolitik und Steuergesetzgebung gefördert werden. Darum muß-nicht nur das einheitliche Zollgebiet mit Ungarn aufrecht erhalten, sondern auch unser Export in die Balkanstaaten mit allen möglichen Mitteln erstrebt werden. Unter diesem Gesichtspunkte ist die entschiedenste Bekämpfung, sowohl der nationalen wie der wirtschaftlichen Politik der magyarischen Oligarchie notwendig, da diese nebst den österreichischen Großgrundbesitzern, das Haupthindernis freundsdiaftlicher, ja intimer Beziehungen Oesterreichs zu den Balfcansfaaten und das Haupthindernis der wirtsch aftln c h e n Expansion der Monarchie daselbst bildet. Ueberhaupt wird viel zu sehr von-allen Parteien der schädliche Einfluß des Großgrundbesitzes auf unsere gesamte wirtschaftliche, politische und nationale Entwicklung übersehen. Von antisemitischer Seite, insbesondere wird immer einseitig der Kampf gegen das mobile und speziell gegen das jüdische Kapital geführt, aber von jenem unmobilen Kapftaf der Feudal-Magnaten, deren Großgrundbesitz die Kleinbauern verschlingt,, die arbeitslosen landwirtschaftlichen - Proletarier in die Städte treibt und' dort'die Arbeitslöhne" drückt, schweigt man. . Daß gerade der Großgrundbesitz eine sehr traurige Stellung ebenfalls in den nationalen Streitigkeiten unserer Monarchie einnimmt, wird auch übersehen. In Böhmen hat der Großgrundbesitz seine Friedensmissfon zwischen Deutschen und Tschechen keineswegs bisher erfüllt, sondern im Gegenteil wiederholt (durch Förderung übertriebener nationaler und speziell staatsrechtlicher Bestrebungen) sich hinderlich dem deut sch-tschechischen Ausgleich erwiesen. in G a 1 i z i en fördert der Großgrundbesitz wieder den all'polnischen Chauvinismus und in Ungarn ist er die Seele der gegen die nichtmagyarischen Nationalitäten sowie gegen den einheitlichen Reichsverb'and der Monarchie gerichteten chauvinistischen und seperatistischen Tendenzen. Eine auf die politische Konsolidierung der Habsburgermonarchie gerichtete neu österreichische, sozial österreichische. Reichspolitik muß daher eine Hauptaugenmerk der Agrarfrage zuwenden.. Es muß daher der Ankauf von Latifundien durch den Staat, die Aufteilung an Bauern, auch an jüdische, unter Förderung von genossenschaftlichen Siedlungen und Rentengütern erstrebt werden (siehe Programm des jüd. Nationalvereins). Eine neuösterreichische und neujüdische Wirtschaftspolitik hat also gemeinsame Ziele, wie es ja überhaupt das charakteristische Merkmal der jüdischen Renaissancebestrebungen ist, daß sie sich decken mit den Forderungen, welche die unerläßliche Vorbedingungen einer nationalen Konsolidierung und wirtschaftlichen Regenerierung Oesterreichs bilden. Das neue Oesterreich muß ein Rechtsstaat, ein Kulturstaat und ein Wirtschafts9taat sein, es muß die Gleichberechtigung aller Seiner Bewohner in nationaler, konfessioneller und autonomischer Hinsicht verwirklichen, um seiner historischen Mission gerecht zu werden. An dieser wollen wir jüdischen Moderne mitwirken, unserem jüdischen Volke Zum Schutz, Großösterreich zum Nutz, allen Hetzern zum Trutz. Parteinachrichten. Mitteilungen des i.-ö. D.-K. Außerordentlicher Distrikstag. Das i.-ö. D.-K. beruft für Sonntag, den 22. Oktober dieses Jahres, 9 Uhr vorm., im Saale XL, Türkenstraße 9, einen a. o. Distriktstag ein, um die Stellung der im Distriktsverband Innerösterreichs vertretenen Vereine zum Zionistentag zu beraten und den neuen Organisationsentwurf für Westösterreich zu diskutieren. Auszug aus dem Distriktsstatut. § 8. Beschließende Stimme am D.-T. haben lediglich Delegierte von dem Distrikt angehörenden Vereine, die ihrer Verpflichtung zur Entrichtung des Verbandsbeitrages (Parteisteuer) entsprochen haben. § 9. Außer der ord. Parteisteuer, die für Studenten und Arbeiter 60 h, für Bürger K i.— beträgt, haben die Bürgervereine 50 o/0, die Studentenvereine 100 o/o der von ihren Mitgliedern gezahlten Parteisteuer an das D.-K. zu entrichten. Befreit von dieser Steuer sind Vereine, die noch nicht zwei Jahre bestehen. ‘Referate über den X. Kongreß-. In den Sukkoth-Halbfeiertagen werden die Delegierten am; X. Kongreß, Gg. Adolf Böhm, und Dr. Zweig ihre Kongreßreferate erstatten. Ort und Zeit werden in der nächsten Nummer bekanntgegeben. Für die Mitglieder des „Zentralvereins“ wird ein spezielles Referat erstattet werden. -Schekelsammlung 1911. An diejenigen Gg., welche noch ‘ keine Schlußrechnung über die übernommenen Schekeiblocks gelegt haben, ergeht hiemit die letzte Aufforderung, dies bis längstens Dienstag, 0. 3. Oktober im Büro, IX., Türkenstraße 9, zu tun, da sonst ihre . Namen in der nächsten Nummer der „Jüd. Zeitung“ veröffentlicht werden. Die Böhmische Industrial-Bank-Filiale i& Wien, I., Wippling,erstr. 2 Telephonniiingierii 23067,23068,069,18347,21813 — Aktienkapiiai K 30,000 000.— verzinst Einlagen auf Einlagsbücher mit - tl emittiert eigene Bank- Schuld - Verschreibungen 1! 0 4 0'ge

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