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Jüdische Zeitung · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Ich ließ, da das'Aeußere täuschen kann, mir die offizielle Präsenzliste geben und fand unter 398 Delegierten ganze 21 Juden. Sehr wahrscheinlich ist es, daß unter diesen 21 Glaubensgenossen fünf oder sechs aus dem Judentum ausgetreten sind. Aber selbst rund 20 von rund 400 Delegierten geben einen Anteil der Juden an der offiziellen sozialistischen Parteivertretung von 5 Prozent. Schwarz auf weiß kann man es der verlogenen Gesellschaft nathweisen, daß nur in der „ehrlichen“ urdeutschen Phantasie von einer Verjudung der sozialistischen Vertretung gesprochen werden kann. Gewiß, Singers Nachfolger ist ein Jude. Rechtsanwalt Haase ist noch nicht unter die Dissidenten gegangen. Aber in dem Parteivorstand, der aus 2 Vorsitzenden, 6 Schriftführen und einer Beisitzerin besteht, ist Haäse der einzige Jude. Der Einwurf also, die Parteileitung der Sozialdemokratie ist verjudet, widerspricht gleichfalls der Wahrheit. Haase ist ob seines Radikalismus bei den Revisionisten nicht sehr beliebt. Allgemein ist man jedoch der Ansicht, daß es einen bescheideneren und anspruchsloseren Herrn in der Partei kaum gibt als den Rechtsanwalt Haase. Nicht Streberei hat ihn zu dem höchsten Ehrenposten der Partei verholfen. Nur auf dringliche Bitte Bebels hat er ihm übernommen. Der Parteitag hat aber auch gezeigt, wie wenig die jüdischen Studenten es schmerzhaft tu empfinden brauchen, wenn man sie in judenreinen Korps, deren Zentralpunkt Jena ist, nicht haben will. Die urdeutschen Herren haben sich in einer Weise bei dem Marktfest der Partei benommen, daß auch bürgerliche Kreise darüber -empört waren. Daß es an antisemitischen Redensarten nicht gefehlt hat, ist selbstverständlich. Geradezu .ein köstlicher Beitrag zur Psycholo-, gie der Mitglieder judenreiner Korps ist folgendes wahres Erlebnis. Ein betrunkener Student | lärmt und tobt , aüf den Straßen und wird verhaftet. Auf dem Wege zur Wache schreit er empört, hinaus in die thüringischen Lande: „Jüdisches demokratisches Volk kann sich hier-alles.erlauben; aber ein nationaler Antisemit darf nicht ruhig seines Weges ziehen.“ * Antisemitismus in den Budapester Schulen. Der aus Martonbarsa nach der Hauptstadt gebrachte Lehrer Johann D o b o s, derzeit diri- ’ gierender Lehrer an der Mädchenschule in der Oberen Waldzeile, hat vor Beginn des neuen Schuljahres den Lehrkörper zu einer Konferenz berufen, in welcher er den Antrag stellte, die Schüler in Hinkunft nach Konfessionen und Klassen einzuteilen,- d a s heißt die katholischen und die jüdischen Schüler in separaten Klassen einzuteilen und sie von einander gesondert zu unterrichten. Die Lehrer und Lehrerinnen der Schule wollten ihren Ohren nicht trauen und dachten erst, der Herr Direktor mache einen schlechten Scherz. Als er aber die Vorteile seines — wie er sagte — neuerdachten Planes auseinandersetzte, sahen sie, daß er vollen Ernstes daran denke, den Rassenhaß künstlich zu'züchten. Ein Sturm der Entrüstung seitens der Lehrkräfte war die Antwort auf diese friedenstörende Absicht, und der Herr Direktor mußte sich wohl oder übel bequemen, alles bäirii Alten, zu lassen. Die Sache blieb natürlich kein Geheimnis., Als ein Schulstuhlmitglied den Herrn Direktor Zur Rede stellte, kam er in Verlegenheit und begründete sein kongregationistisches Verhalten damit, daß er dies vom Gesichtspunkte des Religionsunterrichtes für vorteilhaft hielte. Selbstverständlich wurde der Fall auch der Unterrichtssektion mitgeteilt und schon in den nächsten Tagen dürften auch nach dieser Richtung hin strenge Maßnahmen, .getroffen werden. „Wir meinen,“ schreibt ein Budapester Blatt, „daß diese Pille idj£, Rpcj^sqljpeiben und Verordr nungen nicht . erledigt werden können. Es ist Pflicht des Magistrates,, durch Statuierung von Exempeln den Köngregätionsisten 'die Lust zu benehmen, in den hauptstädtischen Schulen, für welche die gesamte Bevölkerung der Hauptstadt solch große Opfer bringt, konfessionellen Hader zu stiften. Die Wiederholung solcher Vorkommnisse kann nur mit den energischesten Maßnahmen begegnet werden.“ * Ein jüdisches Nationaltheater in London Aus. L o n d ö n wird dem Pester Lloyd berichtet: Dieser. Tage wurde im Eastend von Sir Francis Montefiore, einem Enkel* des berühmten Philantropen, der Grundstein zu einem jüdischen Nationaltheater gelegt, das zu Ehren eines bekannten amerikanischen Tragöden den Titel ' „F e i n m a n ns jüdisches Volkstheater“ führen soll. In dem heuen Bühnen-; hause soll das national-jüdische Drama und Volksstück eine dauernde Pflegestätte finden. Das Programm des Instituts umfaßt nicht bloß dramatische Werke aus der älteren und neueren Geschichte der Juden, sondern auch Uebersetzungen; von Dramen aus fremden Literaturen -ins „Jiddische“, dem von der kolossal angewachsenen jüdischen Bevölkerung des Eastend gesprochenen bekannten Jargon. Wie Sir Montesiore in seiner Rede hervorhob, gedenkt die Leitung des Theaters auch bürgerliche Theaterstücke zur Aufführung bringen, aus denen die Reinheit und Schönheit des jüdischen Familienlebens hervorgehen soll, und die ein getreues Bild vom Wesen .der jüdischen Kultur liefern sollen. Auch dramatische Schilderungen aus dem Zeitgenössischen Leben der Juden in Palästina sind für das Repertoire dieses Theaters in Aussicht genommen. Hiezu muß bemerkt werden, daß in London schon seit-vielen Jahren ein Theater besteht, das „Pavillon“ in Whitechapel-Road, das sich mehr oder, weniger konstant mit der. Aufführung von Theaterstücken in jüdischer Mundart befaßt. Hier gelangen nicht bloß Dramen und Melodramen aus der Geschichte der Judenverfolgungen alter; und neuerer Zeit in aller Herren, Ländern zur Darstellung, sondern auch klassische Dramen, wie Hamlet“, „König Lear“ etc., mit namhaften Gästen. Allerdings stehen diese Vorstellungen, die Einzelgäste ausgenommen, zumeist auf einem tiefen Niveau. Außer dem genannten Theater in Whitechapel gibt es noch zwei jüdische „Music Halls“ im Eastend, de.ren Programm ausschließlich VarietenunTniem im „jiddischen“ Jargon umfaßt. Hier 'treten Coupletsänger und Tänzer beider Geschlechter aus Galizien und Russisch-Polen-auf. . Diese Vorstellungen haben auch engljsdj? Besucher aus dem Eastend, unter denen es nicht wenige gibt, die infolge ihres geschäftlichen pnd amtlichen Verkehrs mit der vielfach nur des'Jiddischen mächtigen Bevölkerung, genötigt sind, sich diesen Jargon wenigstens in seinen Elementen anzueignen, wie das zum Beispiel bei den polizeilichen und sonstigen behördlichen Organen der Fall ist, für die sogar eine eigene „Sprachschule“ zum Erlernen des Jargons eingerichtet werden mußte i. Jüdische Kommilitonen! Nach, schweren Kämpfen hat das Exekutivkomitee zur Anerkennung der jüdischen Nationalität bei den akademischen Behörden durchgesetzt, daß die jüdische Studentenschaft .in ,0er offiziellen Statistik in einer eigene n.-n-atiön a.l e n Rubrik geführt werde,- Air Eüch; Hegt es nun, durch die entsprechende Ausfüllung der Inskriptionsnationale (Muttersprache— —, Zusatz: jü disch e r-N a tio n a 1 i tä t) dafür zu sorgen, daß die Oeffentlichkeit erfahre, wie hoch der Prozentsatz der jüdischen Studierenden an jenen Hochschulen ist, die uns als einen „geringfügigen Bruchteil, als geduldete Gäste“ behandelten und uns die Gleichberechtigung absprechen. Es ist Ehrenpflicht jedes aufrechten, jüdischen akademischen Bürgers, sich nicht Teig und unwürdig als Angehöriger irgendeiner fremden Nationalität zu bezeichnen, die den Juden als minderwertig erklärt iind behandelte Jeder jüdische Student bekenne sich offen und stolz zu seinem Volke, das durch seine tausendjährige Kultur der Welt mehr gegeben hat, als jedes andere! Jüdische Hochschüler! Erfüllet Eure Ehrenpflicht! Nürder wird.; geachtet, der sich selbst ächtet! -Das Exekutivkomitee. ilf sind an der Westseite Kotschiin, Bombay, Konkän und.Poona. Sie unterscheiden sich in weiße, und schwarze Juden, sowie in die Beni Israel. Diese haben ihren Mittelpunkt in Konkan gegenüber von Bombay, und sprechen, wie die Mehrzahl ihrer Landleute, mänratthisch, das sie mit Sanskritbuchstaben schreiben. Desgleichen sprechen die Juden von Puna (Poona) diese Sprache. Ihre jüdischen Zeitschriften enthalten alle einen mahratthisehen und einen englischen Teil. ,. Dagegen sprechen die weifien und die schwarzen Juden,.die früher eine politische Selbständigkeit in Kranganor hatten, und sich 1565 nach Kotschin flüchten mußten, das,drawidische Malajalam. Die weißen Juden sind unzweifelhaft echte Nachkommen des Hebräerstammes. Wie weit die.schwarzen Juden sich mit Eingeborenen gemischt haben, muß unentschieden bleiben. Glover hebt grade von ihnen hervor, daß sie ebenso wie die andern mit dem Hebräischen vertraut sind. Auch , für Bombay unterscheidet er zwischen schwarzen und weißen Juden. Eine alte Siedlung nennt er auch die a f g h a n i s c h e n Juden von Kalkutta. Doch dürften die meisten oder sehr viele Juden daselbst arabisch sprechen, da dort eine, besondere jüdische Zeitschrift in arabischer Sprache erscheint. Die indischen Juden haben von altersher enge Beziehungen zu den jemenischen gehabt ■ und ihre. Aussprache des Hebräischen ist der von ‘Aden ähnlich. Durch' die Zugehörigkeit ’ Adens zur Präsidentenschaft Bombay und durch die. Kenntnis des Englischen hat dieser Zusammenhang sich nur noch befestigt. In jüngster Zeit gibt es auch aschkenasische. Juden in Indien, ebenso wie in der Stadt 5Aden. Die chinesischen Juden in K’ai Fong Fu sollen nach der gewöhnlichen Ueberlieferiing zur Zeit der Han-Dynastie, also im erstennach-- christlichen Jahrhundert, hach China gekommen sein. Ein anderer Bericht leitet sie ebenfalls aus- Persien ab,- aber aus der sassanidischen Zeit. Berthold Läufer will glauben, daß sie im Z wölften Jahrhundert aus Indien gekommen seien. Er sieht die zugrundegehende Judensiedlung von K’ai Fong Fu für einen Rest größerer Kolonien ah, die auf indisch - jüdischer Einwanderung zurückgehen. Heute sprechen diese wenigen, noch Juden gebliebenen Reste einer früheren zahlreichen jüdischen Bevölkerung in Hünan nur noch chinesisch. Doch haben sich, nach Andree bei ihnen persische Wörter und Redensarten bis in. die neueste Zeit erhalten. Die wesentlichsten Punkte der- Uebereinstimmung sind nach Läufer die 53 Abteilungen des Pentateuch und die Zählung von 27 Buchstaben ' des Alphabets bei den persischen ebenso wie bei den chinesischen Juden. In den in K’ai Fong Fu gefundenen hebräischen, mit Noten begleiteten Handschriften; finden sich manche mit hebräischen Buchstaben geschriebene persische Wörter. Eine Inschrift von 1489 nennt den Rabbi mit dem persischen Worte ustad (chines. transkr.: wu-se-ta). Das Hebräische ist diesen Juden unbekannt geworden. Dagegen gibt es in Hongkong und Shanghai sehr zahlreiche Juden, die arabisch oder indisch als Muttersprache reden, und deren Vorfahren vor nicht zu langer Zeit aus Indien oder-.über Indien dort eingewandert sind. Außerdem sprechen sie englisch. So spiegelt sich in den Sprachen, die die Juden in den verschiedenen Ländern ihres Aufenthaltes sprechen, das Geschick wider, das sie durch die .Länder .getrieben hat. Es sind, die Sprachen des. jüdischen <jälut. Aber in ihnen hat sich der jüdische Stamm die Luftwurzeln geschaffen, .aus denen.er,.in Ermangelung gesunder Wurzeln in der eigenen angestammten! Sprache, die Kraft zieht, um die- Tage des Gälut zu überdauern, und die? Lehenskraft zu erhalten, tim wieder in heimischer. Erde und heimischer Sprache wurzeln.-zu können. . . . " f

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