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Jüdische Zeitung · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 39 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 nur ein zwingender Beweis dafür, wie stark die nationalen Kräfte in unserem Bezirke sind. Und die Lehre, die uns diese Wahlkampagne gegeben hat, ist die, daß wir nur unsere zerstreuten »und zersplitterten, ohne jeden einheitlichen Plan und ohne jede Führung arbeitenden Kräfte in unserem Bezirke zu einer einheitlichen schlagfertigen Organisation sammeln müssen, um unsere Sache zum sicheren Siege zu führen. Und tatsächlich ist denn auch das Verlangen nach einer solchen Sammlung seit den Junitagen dieses Jahres nicht verstummt und der feste Wille eines großen Teiles der jüdischen Wählerschaft der Leopoldstadt, sich eine jüdisch-nationale, w irtschaftlichpolitisch eOrganisation zu schaffen, scheint nun endlich greifbare Formen annehmen zu wollen. In den letzten .Tagen hat inan mit der, [Verbreitung eines Aufrufes für den zu gründenden „Jüdischen Volksverein für die Leopoldstadt“, der auch in der letzten Nummer dieses Blattes enthalten war, begonnen, und ich glaube, daß man der neuen Organisation wohl eine günstige Entwicklung prophezeien darf. Es bedarf nur einer energischen und zielbewußten Arbeit unserer Gesinnungsgenossen in der Leopoldstadt und der Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt wird sehr bald ein maßgebender und gewichtigter Faktor sein. Und gewiß wird unsere Arbeit für die neue Organisation durch den Umstand nur erleichtert werden, daß der Jüdische Volksverein mit (einem durchaus modernem demokratischen und gut jüdischen Programme in die Oeffentlichkeit tritt und die Hebung der politischen sowohl als auch der wirtschaftlichen und kulturellen Lage der jüdischen Bevölkerung in den Kreis seiner Aufgaben zieht. Die politische Lage der Juden! Muß man da wirklich noch immer auf das Abnormale der gegenwärtigen Stellung der Juden in der österreichischen Politik hinweisen? Auf die unglückselige Assimilationspolitik ' unserer bisherigen „offiziellen“ Führer, die nur zur Folge hat, daß wir Juden, anstatt national ausgleichend und vermittelnd zu wirken, durch die unwürdige, unvernünftige Anbiederung an die zur Zeit herrschenden Nationen nur die nationalen Hetzen verstärken. Einer endlichen Versöhnung der ^österreichischen Völker stehen wir hemmend im Wege und1 (ziehen ,uns die Verachtung der Völker zu,, bei denen wir politische Aftermieter sind, und den Haß derjenigen, zu deren Knechtung wir beitragen. Diese politische Unreife hat wohl schon der größte Teil unserer Volksgenossen überwunden. Darum wird gewiß das politische Programm’ unserer Organisation die vollste Zustimmung finden, das da die tatsächliche und vollständige Gleichberechtigung der Juden mit allen Nationen und Konfessionendes Reiches verlangt und für die endliche Versöhnung der österreichischen Nationen eintritt — durch die Einführung der nationalen Autonomie, welche Forderung nunmehr schon Gemeingut der ehrlichen Demokraten aller österreichischen Völker geworden ist. Und muß nicht auch die wirtschaftliche Lage der Juden Oesterreichs in immer steigenderem Maße der Gegenstand der ernsten Besorgnis sein? Wir leben jetzt in den Tagen der Teuerungsrevolten und die Betonung des wirtschaftlichen Moments ist ja jetzt ein Lieblingsschlagwort aller Politiker geworden, die ihre Position bei ihren Wählern behalten wollen. Und gewiß ist, daß die wirtschaftliche Notlage gegenwärtig eine allgemeine ist, die alle Völker und alle Stände trifft. Was aber bedeutet diese allgemeine wirtschaftliche Not gegenüber der wirtschaftlichen Notlage des jüdischen Volkes in Oesterreich? Wir haben eine spezifischjüdische Not und dieser wird gewiß nicht abgeholfen werden, wenn die öffentlichen Behörden daran gehen werden, die allgemeinen wirtschaftlichen Zustände zu heben. Wenn z. B. der Wiener Gemeinderat oder eine polnische Lokalbehörde zur Abhilfe der drückenden Wohnungsnot billige Kleinwohnungen errichtet, wer- . den diese Wohnungen an Juden vermietet werden? Wenn man die Lage der öffentlichen Beamten bessern wird, wird man von dem Prinzip der Nichtanstellung jüdischer Beamten abgehen? Wenn man Maßnahmen treffen wird, den Gewerbetreibenden und kleinen Kaufleuten billigen Kredit Zu verschaffen, werden Juden diesen Kredit bekommen, jüdische Gewerbetreibende, die durch die nationalen und klerikalen Genossenschaften auf dem Lande und in den Städten immer mehr und mehr aus ihren ohnehin schwachen wirtschaftlichen Positionen verdrängt werden? Oder haben die Juden etwas: von der sozialen Gesetzgebung unseres „Volksparlaments“ zu erwarten? Man will den „kteinen Mann“ retten, macht hunderte jüdischer HausiererfamiHen brotlos und dem „kleinen Mann“ geht es schlechter als je Zuvor! Greifen wir zur Selbsthilfe, Förderung der Erwerbstätigkeit der Juden durch Juden, Errichtung von jüdischen Spar- und Vorschußkassen, Förderung aller genossenschaftlichen Bestrebungen unter den Juden, Rechtschutz an Juden, die in ihren wirtschaftlichen Rechten gekränkt werden — das sind einige Mittel, die unsere Organisation zur Linderung der wirtschaftlichen Notlage der Juden vorschlägt und kein einsichtiger Jude kann sich der Richtigkeit und Notwendigkeit derselben verschließen. Innig aber mit der geschilderten mißlichen politischen und wirtschaftlichen Situation der Juden hängt ihre kulturelle Lage zusammen. Denn unsere politische und wirtschaftliche Notlage haben wir Juden ,ja zum größten Teil selbst verschuldet — durch die seit Jahrzehnten getriebene assimilatorische Politik. Und (diese Politik war und ist nur möglich, weil unsere Jugend in Schule und Haus durch eine unjüdische, ja direkt antijüdische Erziehung ihrem Volke entfremdet wird, und aus unseren Kindern jene Halbnaturen mosaischer Konfession oder Konfessionslosigkeit werden, wie sie unsere liberalen und sozialdemokratischen Führer darstellen. Darum müssen wir, neben der politischen und wirtschaftlichen Frage, auch der kulturellen Frage vollste Aufmerksamkeit zuwenden. Es ist lebhaftest zu begrüßen, daß der „Jüdische Volksverein für die Leopoldstadt“ sich auch dieser Aufgabe annimmt und sich für eine nationale Erziehung, für die Pflege nationaler Kultur einsetzt, und die Errichtung eines Jüdischen Volkshauses, eines Mittelpunktes des nationalen Lebens der jüdischen Bevölkerung unseres Bezirkes in Angriff nimmt. Bei diesen unseren Aufgaben muß uns vor allem eine gut ausgebildete und verbreitete, moderne, ehrlich geleitete jüdische Presse zur Seite stehen. Es wird daher Pflicht des Mitgliedes der neuen Organisation sein, für die weiteste Verbreitung unseres offiziellen Organes, der „Jüdischen Zeitung“ zu sorgen. Und so werden wir auf Grundlage unseres Programmes, unterstützt von unserer Presse und geleitet von dem ehrlichen Willen, unserem Volke zu dienen, vor unsere Volksgenossen in der Leopoldstadt hintreten und ihnen sagen: Wir Leopoldstädter Juden stehen jetzt vor der Wahl, ob unser Bezirk weiterhin eine Stätte für ausgediente Politiker und konfessionslose „Deutsche“, ein Tummelplatz der unwürdigsten und unseligen Cafehaus- und „Freunderl“-Politik sein, oder . ob endlich eine gesunde, kräftige nationale Politik inauguriert werden soll. Zum Nutzen nicht nur der jüdischen Bevölkerung der Leopoldstadt, sondern gewiß auch des ganzen jüdischen Volkes in Oesterreich, dessen politische und wirtschaftliche Position sicherlich eine große Stär- : kung erfahren wird, wenn gerade von Wien, Wie mir Sudanesen mitteilten, gäbe es auch in ihrem Lande sehr Zahlreiche -Juden, von denen viele durch einen helleren' Typus als die anderen Einwohner des Sudan auffielen. Nach den Mitteilungen meiner Gewährsleute .müßten sie im häuslichen Verkehr sich des Arabischen bedienen. Die h öh I e n b e wo h n e n d e n Juden am Dschebet Gurian, südlich von Tripolis, sprechen berberisCh, doch erkennt man sie sogleich an den lispelnden Jargon. Die Beni Hobab, ein arabischer Stamm südlich von Hedschas, bekennen äußerlich den Islam, beobachten aber das mosaische Gesetz. Ihr Scheich verstand sehr gut hebräisch, und ihr arabischer Dialekt ist mit hebräischen Phrasen durchsetzt. Weiter südlich nähert sich der Dialekt der Juden dem Himjaritischen Ge’ez. Außerdem wird ein mit Hebräisch gemischter Dialekt mindestens im Sdherz vielfach gesprochen. In Jemen bedienen sich die Juden des A r a b i s c h e n, wie wohl fast alle Juden der arabischen Halbinsel. Eines etwas abweichenden Dialekts, sowohl im Hebräischen wie im1 Arabischen, bedienen sich die Juden von 'Aden. Dasselbe scheint in Massauah der Fall zu sein. Die Juden in Persien sprechen persisch, aber nicht ganz übereinstimmend mit der Landessprache, und weder das medische Tat der Bergjuden, noch daä bekannte Judenpersisch der Juden von Buchara (und Samarkand. Die sehr zahlreichen Juden im ganzen westlichen Gebiete des Kaukasus mit Anschluß nach Süden sprechen grusinisch, und auch die aus diesen Ländern stammenden Juden in Jerusalem haben das Grusinische als Umgangs- und Familiensprache beibehalten. Nach Klaprotb sprechen die grusinischen Juden neben dem Georgischen noch einen verdorbenen hebräischen Dialekt, d. h. in Wahrheit neues Judenaramäisch. Selbst das! Aramäisdhe, das sonst bis aut geringe Reste in. seinem alten Gebiet verschwunden ist, hat sich bei den Jud noch in einem' engeren Bezirke lebendig erhalten ,und zwar ebenfalls als besondere Judensprache. Die Juden von Adarbaigan, der nordwestlichen, an das russische Kaukasusgebiet und die kleinasiatische Türkei grenzenden Provinz des heutigen persischen Reiches, sprechen zum Teil einen syrischen (also aramäischen) Volksdialekt, der ebenso wie ihrer Brüder in Zahu bei Moßül von dem der neuaramäisch sprechenden Urmia-Syer bei aller Aehnlichkeit doch erheblich abweicht. Außer hebräischen Fremdwörtern hat ihr Dialekt, den das gewöhnliche Volk für hebräisch hält, und der mit hebräischen Buchstaben von ihnen geschrieben wird, viele Hebraismen. Auch ist ihre Mundart stark von den historischen jüdisch-aramäischen Mundarten der Targumim und des Talmuds beeinflußt. Auch in der an Adarbaigan angrenzenden türkischen Provinz Kurdistan gibt es noch Judengemeinden mit .aramäischer Umgangssprache. Während die Juden von Diarbekr in ihren Häusern arabisch sprechen, aber die Männer, die häufig den Markt besuchen, auch türkisch, kurdisch und armenisch verstehen, sprechen die Juden von Dschazirat-al-’Umar am oberen Tigris in ihren Familien judenaramäis c h. Die Männer sprechen auf >dem Markte auch kurdisch, türkisch und arabisch. Wenn Niego sie in seinem Berichte hebräisch sprechen läßt, so beruht dies auf der ig der Bevölkerung selbst geläufigen Verwechslung. Seine Begründung, daß sie deshalb hebräisch als Familiensprache reden, weil sie alle aus der Gegend von Moßul stammen, läßt ebenfalls den Rückschluß zu, daß sie die Sprache der Juden um Moßul, also jüdisches Neuaramäisch sprechen. Im Jahre 1825 waren zwei gelehrte Juden aus Bagdad in Hanover. Sie redeten untereinander aeine dem Kenner des Hebräischen und Aramäischen halbverständliche Sprache, die sie auf Befragen „chaldäisch“ nannten. Sie klang anders und hatte andere Ausdrücke als die aramäische (chaldäisch genannte) Sprache sowohl von - Esra und Daniel wie von den Targumim. Diese gelehrten Männerv ersicherten, daß dies der jerusalemische Dialekt sei, der noch in Palästina gesprochen würde. Sie sprachen eben offenbar dieses hier genannte Judenaramäisch, das sich an das Neusyrische von Moßul anlehnt. Die Karäer aut de r Krim, besonders in Kertsch, Simferopol, Sewastopol und Eupatoria sprechen einen besonderen tatarischen Dialekt, dem die tatarische Mundart der krimisch— talmudischen Juden, der Krimtschaken, die heute gegenüber den Aschkenasim eine verschwindende Minderheit bilden, sehr nahe steht. Dieses karäische Tatarisch wird noch von 76 o/o aller Karäer im Russischen Reich gesprochen, 20 o/0 haben dafür das Russische eingelauscht, nur 4 lyo, wohl meist in Polen, sprechen das Jüdisch-Deutsche als Familiensprache. In aller jüngster Zeit machens ie schwache Versuche, das Hebräische bei sich neu zu beleben. Die Karäer Konstantinopels sprechen griechisch und ebenso das halbe Dutzend karäischer Familien in Jerusalem, während die größte karäische Gemeinde, die Karäer in Kairo, arabisch sprechen. Aber der bei ihnen häufige Name Mangubi (Mankup war die Hauptstadt der Krimgoten) deutet auf die Wechselbeziehung zwischen ihnen und der taurischen Halbinsel. Endlich wird von der kleinen karäischen Gemeinde in Halicz (Galizien) jüdischdeutsch gesprochen. Die Nachrichten über die Juden i n I n - dien und China sind oft sehr widerspruchsvoll. Seitdem die Juden aus ihrem indischen Jerusalem in Kranganor durch die Portugiesen vertrieben sind, haben sie keine politische Selbständigkeit in Ostindien mehr. Ihre Hauptsitze

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