Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 39 (29.9.1911)
- Date
- 1911-09-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438366--2638-2442334- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 39 proklamiert. Und das täglich sich wiederholende Leid der Juden der Sudetenländer liegt in ihrem . wirtschaftlichen Kampfe und in ihrer politischen Ohnmacht. Es geht darum, sie wirtschaftlich schlagfertiger und politisch mündig!zu machen — ihnen ein politisches, ein wirtschaftliches Rüdegrat zu geben —damit sie ihrer politischen Würdelosigkeit los und ihre eigenen Herren werden. Das Mittel hiefür ist nichts anderes, als eine vernünftige innerpolitisch e Bewegung mit der n at io n a 1-p o 1 i t i s che n Selbständigmachung der Juden und wirtschaftlichen Hilfeleistung für diese in der Folge. Das ist keine demagogische Formel, sondern eine sich täglich aufdrängende Wahrheit, der sich kein Einsichtiger verschließen kann. Sie würde in die Sudetenländer hinausgetragen — und es wäre zu erwarten gewesen, daß sie von den Parteileitungen sofort — weil ja am dringendsten — in den Bereich ihrer Tätigkeit aufgenommen wird. Doch es kam leider anders! Die mährischen ■ und böhmischen Distriktsleitungen stellten sich gegenüber der Forderung nach innerpolitischer Betätigung teils auf den Standpunkt vollkommener Negation, teils eisiger Passivität. Sie fürchteten, daß die innerpolitische Bewegung alle Kräfte aufbrauchen werde und daß so der zionistischen Bewegung Abbruch geschehen könnte. Es verfing nur wenig, als man darauf hinwies, daß Tatsachen vorliegen, die den von ihnen propagierten Zionismus als anationalen erscheinen lassen, daß aber gerade die innerpolitische Erziehung der Juden eine nicht zu umgehende Vorstufe des Zionismus bilde — kurz, als man es wagte die innerpolitische Bewegung als integrierenden Bestandteil der zionistischen zu ererklären. (Als Illustrationsfaktum sei erwähnt, daß am letzten mähr.-schles. Distriktstage erst in einer Kampfabstimmung eine Resulution akzep- -tiert wurde, die den Mitgliedern der zionistischen Organisationen nationale Betätigung zur Pflicht macht.) i Es sind seit dem Distriktstage Wochen verflossen. Die Reichsratswahlen sind .vollzogen worden — eine herrliche Gelegenheit, sich national tzu betätigen, pamals hätte iman dem Distriktskomitee ein kräftiges „Hie Rhodus, hie Salta“ zurufen solfen. Nichts geschah! Kein Sterbenswörtchen hörte man vom D.-K. Keine Anregung, keine Initiative, nicht einmal ein Wort der Aufmunterung im schweren Wahlkampfe. Es blieb also alles beim alten — die Distriktsleitung Verschlossen, kühl, wie wenn es um einen frechen Eindringling gienge, der nicht einmal einer Ab- Lebende Judensprachen.*) Eine ganze Reihe von Judensprachen hat sich bis aut den heutigen Tag erhalten. Voran das Jüdisch-Deutsche mit seinen polnischen, russischen, galizischen, rumänischen, seinen alten Mundarten in Deutschland und seinen neuen in der neuen Welt. Dann das J ud e nsp ani sch und das Judenpersisch. In Saloniki gibt es ein Judengriechisch, von dem die Dönme (zum Islam übergetretene Juden. Anm. d. Red.) eine besondere Mundart redeten .Heute sprechen sie bereits Türkisch. Anderes Judengriedhisch, das an die griechischen Mundarten Tauriens anknüpft, sprechen die Karäer Jerusalems und Konstantinopels. In Palästina sprechen die Samaritaner heute Arabisch, haben aber ihre alte aramäische Mundart als Gebetsprache beibehalten. Die Juden von Jemen sprechen einen arabischen Dialekt, dessen Eigenheiten wie bei allen Juden-Volksspradien aut ihre Aussprache des Hebräischen übergegangen sind .Der Dialekt von 'Aden gehört zu den jemenisdh-jüdisdien Mundarten. Diese selbst sind nordarabisch. Die seit alter Zeit in Marokko wohnenden Juden, die dorthin den Weg nicht erst mit den Arabern oder nach der Judenvertreibung aus Spanien gefunden haben, auf dem Atlas und in der Sahara, auch solche in den Städten Uesan, Fez, Tesa und Udschda (sprechen kein Spagnolisch'. Sie bedienen sich nach' Rohlf nur des Arabischen und in reinberberisdhen Gegenden des Sdhellan oder Tamasirht. In Marokko gibt es auch sehr zahlreiche spagnolisdie Juden. Nach Ibn Chaldun fanden bereits die Araber bei ihrem Einbruch in Afrika außer einzelnen in den Städten und auf dem Lande unter den Berbern wohnenden Juden einige berberische Stämme vor, die sich zum Judentume be- *) Ans dem jüngst im „Jüd. Verlage“, Köln a. Rh., erschienenen Buche «»Die Sprache der Juden“, von Heinrich Löwe. wehr würdig uüre — und so dürftees lange noch gehen, wenn nicht rechtzeitig Remedur geschaffen wird. Dazu ist aber vor allem ein we st.ö s t e r r e ich i sch er Parteitag berufen. Er muß entscheiden, inwieweit der innerpolitischen, nationalen Bewegung Raum in der Zionistischen Bewegung gebührt, und dann muß er mit dem verhängnisvollen Dualismus in der personellen Leitung,der beiden gleichwertigen- Bewegungen tabula rasa machen. Dies muß er tun, soll nicht unsere Bewegung in den Sudetenländern zu einer philantropischen herabsinken. H. M. Zur Berufswahl der jüdischen Abiturienten. Von Prof. Dr. A. K. Jüdische Turnlehrer. Alle Fakultäten sind überfüllt, der allgemeine Wettbewerb um eine Stelle ist sehr groß meine Wettbewerb um eine Stelle ist sehrgroß, die Aussicht aut ein baldiges und sicheres Einkommen aber sehr gering. Um diesen harten Kampf ums Dasein mit Erfolg bestehen zu können, ist nicht nur geistige, sondern auch körperliche Tüchtigkeit und Frische erforderlich. Außerdem sind aber noch andere reale und materielle Gründe vorhanden, welche die akademische Jugend aut den Turn- und Sportplatz führen sollen. Mit Rücksicht aut die modernen Bestrebungen, die die körperliche Ausbildung der Mittelschuljugend in den Vordergrund rücken, möchte ich vor allem die Hörer der Philosophie, die sich ja dem Mittelschullehramte zmvenden wollen, darauf aufmerksam machen, daß sie als geprüfte Turnlehrer und Jugendspielleiter viel sicherer und leichter eine Anstellung erhalten. Da die Unterrichtsbehörde den Tilrnunterricht an Mittelschulen womöglich von akademisch gebildeten Turnlehrern und Vertretern der scientifischen Fächer geleitet wissen will und an solchen Mittelschullehrern noch Mangel herrscht, so ist es schon deshalb sehr angezeigt, den Turnlehrerbildungskurs an der Universität und den Jugendspielleiterkurs, der alljährlich in der Osterwoche von Professor Emil Kern (Staätsrealschule Wien, XX.) abgehalten wird, zu besuchen und die entsprechenden ‘ Befähigungsprüfungen abZulegen.-, Hat man also als geprüfter Turnlehrer schon bei der Anstellung einen bedeutenden Vorsprung vor anderen Bewerbern, (man kann aber auch mit der Turnlehrerprüfung allein schon eine definitive Anstellung erhalten), so bieten Turnen und Jugendspiel in der Provinz oft die einzige Möglichkeit eines N'ebeneinkommensi das" man sich durch Ueberstunden verschaffen kann. Aber auch um die nationalen Bestre-’ bungen und die Regeneration der Juden können sich die akademisch gebildeten Turn-, lehrer viele Verdienste erwerben. Sie treten als Führer des Volkes im vollsten Sinne des Wortes ins Leben und können den bereits bestehenden jüdischen Turnvereinen als theoretisch und praktisch durchgebildete Vorturner — und an solchen fehlt es in den jüdischen Turnvereinen leider noch sehr — von unendlichem Werte sein. Sie können aber auch selbst Turnvereine gründen, wo noch keine bestehen, und so zur Hebung des Ansehens und Erstarkung der Juden ihr Scherflein beitragen. In Erwägung dieser Umstände sollen die jüdischen Hochschuler den Turnlehrerkurs, der zwei Jahre dauert und nicht nur unentgeltlich ist, sondern auch die Aussicht auf Turnstipendien ' eröffnet, zahlreich und gewissenhaft besuchen. Die Absolvierung dieses Kurses ist besonders den jüngeren Semestern zu empfehlen, die noch nicht mit jeder Minute sparen müssen und viel eher die Zeit aufbringen, im ersten Jahre Dienstag, Donnerstag und Samstag von 5—7 Uhr Nachmittag und im zweiten Jahrgange Montag, Mittwoch und Freitag von 5—7 Uhr Nachmittag, das praktische Turnen und außerdem an Sonn- und Feiertagen von 8—10 Uhr Vormittag die unent- - geltlichen Vorlesungen aus Anatomie zu besuchen. Zur Inskription in den Turnlehrerbildungsku’rs, die in den ersten Oktobertagen im Universitätsturnsaal stattfindet, genügt das Maturitätszeugnis. Es ist angezeigt, die Anmeldung nicht lange hinauszuschieben, da die Zahl der Frequetanten beschränkt ist. Besonders zu erwähnen wäre noch, daß praktische Fertigkeit im Turnen zum Besuch des Kurses nicht unbedingt erforderlich ist. Nähere Angaben über den Kurs selbst sind dem Anschlag in der Universität zu entnehmen. Eine politische Organisation für die Leopoldstadt. Der Ruf nach einer politischen Organisation, der in der letzten Zeit an die jüdische Wählerschaft der Leopoldstadt ergangen ist, wird Sicherlich in den weitesten Kreisen unseres Bezirkes ein freudiges Echo finden. Seitdem im Jahre 1907 zum ersten Male in unserem Bezirke der J ü d ische National verein mit seinem jüdischdemokratischen Programm aufgetreten ist, hat die Idee der politischen Betätigung der Juden auf nationaler Grundlage in unserem’ Bezirke große Fortschritte gemacht, Fortschritte, die in der -Verdopplung unserer Stihimenanzähl'bei den Reidisratsü'ahien dieses jahres durchaus nicht den genügenden und entsprechenden Ausdruck gefunden haben. Denn mit dem Wachsen der nationalen Idee, mit der fortschreitenden Durchdringung Jder jüdischen Wählerschaft der Leopoldstadt mit unseren national-politischen Ideen hat leider die Entwicklung unserer Parteiorganisation keineswegs Schritt gehalten. Und wenn uns trotzdem der letzte Wahlkampf einen so großen Erfolg gebracht hat, so ist dies eben (kannten. Diese Stämme wohnten zum Teil in der alten römischen Provinz Afrika, die weitaus meisten aber im heutigen (Marokko .'Idris! I. (zwäng sie zur Annahme des Islam. Wenn Ibn Ohäldun diese Berber „von ihren mächtigen Nachbarn, den Israeliten von Syrien“ das Judentum erhalten läßt, so können hier nicht jüdische Flüchtlinge das Judentum hergebracht haben, sondern nur große, aus Syrien stammende Judenschaften, die Nachbarn der Berber geworden waren. Aber offenbar haben sie die berberische Sprache angenommen, wodurch sie erst in die Lage kamen, diesen bekehrenden Einfluß auszuüben. Die heutigen Juden von Mzab, aut dem Teil von Algerien scheinen nach einem Bericht von Huguet ein mit Arabisch durchsetztes Berberisch zu sprechen. Aber die meisten der wenigen von ihm zitierten Wörter aus ihrem Munde sind hebräisch in tnoghrebinisdier Aussprache. Freilich sind es meist Bezeichnungen für Dinge, die irgendwie mit dem Gesetz oder Ritus in Verbindung stehen. Die Falaschas in Abessinien sprechen heute das Amharische (Amarina) in Amhara, ebenso wie das Tigrina in Tigre, während die Kuarena-Mundart ,die nach Joseph Halevy ihre ursprüngliche StammesspraChe gewesen ist, nur noch in der Provinz Kuara selbst von ihnen gesprochen wird, während sie -bei den Falaschas in Amhara und Tigre nur noch im Munde von alten Leuten und Gelehrten gehört wird. Das Hebräische ist ihnen gänzlich unbekannt, und sie wußten bisher nicht einmal, daß man irgendwo bei den Juden diese Sprache noch anwendet. Ihre heilige Sprache, in der die biblische Litteratur überliefert ist und vorgelesen wird,-ist das Ge’ez, die altäthiopisdle, seit mindestens sechs 'Jahrhunderten aus dem1 Volksmunde geschwundene Sprache, die auch den christlichen ÄbeSsiniern als Kirchenspradie dient. Faitlovitch erwähnt außerdem eine alte, von den Falaschas nodh bewahrte, jetzt im Aussterben begriffene Sprache, ohne daß er direkt sagt, daß er die Kuarena-Mundart oder einen Abkömmling von Kihr meine. Der Missionar Flad stellt es als die Hauptkenntnis ihrer Mönche, . Kahen (Priester) und Debtera (Schriftgelehrten) hin, daß sie arrt Sabbat, und an Feiertagen dem Volke die Abschnitte des Gesetzes, die in Ge’ez vorgelesen werden, ins Amharische übertragen können. Ihre Gebete und Lieder Seien meistens Auszüge aus den Schriften des Alten Testaments, und zwar in einem Gemisch von Aethiopisdh und ihrer eigenen Sprache. Auch er bestätigt, daß die Falaschasprache mit der hebräischen Sprache nichts gemein habe, daß sie diese weder kennen noch in ihr geschriebene Bücher besäßen. Wenn Rieh. Andree sich zu dem voreiligen Schluß verleiten ließ, daß es sich um keine echten Juden handle, so ist diese Ansicht durch Faitlovitchs gründlichere Untersuchungen widerlegt. Nach Heuglin sprechen die Falaschas neben dem Amharischen noch1 die Huaraza- oder Qoara(Kuära-)Sprache. Jedenfalls muß diese hauptsächlich aus Schmieden, Zimmerleuten, Maurern, Töpfern und anderen Handwerkern bestehende jüdische Bevölkerung zum großen Teile zweisprachig sein. Nur einige dialektische Unterschiede sind - zwischen, den Falaschas und Iden [ebenfalls Kuara sprechenden abessinischen Gamanten (oder Kamanten), die ebenfalls keine. Christen oder nur Scheinchristen sind. Von großer Ausdehnung ist auch das Marannentum in Abessinien. Wie es scheint, sind die -Tabiban, die von Krapt ohne weiteres den Jüden zugezählt wurden, schein-christliche Falaschas, die noch Sabbat- und Reinigungsgesetze wie ihre offenjüdischen Stammesgenossen beobachten. Ueber ihre Sprache sagt auch1 Faitlovitch nichts, ebensowenig wie er etwas über ihr etwaiges Verhältnis Zuden Gamanten äußert.