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Jüdische Zeitung · 1911-09-29 · 39 (29.9.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
39 (29.9.1911)
Date
1911-09-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und InseratenaufnahirieIX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von »t -12 Uhr vormittags und 4—5 Uhr nachmittags.— Manuskripte werdetfcnicht zurückgestellt —Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K1Q.—, halbjähr. K5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. ftik. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige ewcBscBOGsscsacsocascsoGssi Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. eaoca3ca»caocaocaoraoci»cB» Nr. 39. Wien, Freitag den 29. September 1911. V. Jahrgang .Wo sind die liberalen Sieger von Wien? Wenn das Volk hungert, werden Bosniaken vor das Rathaus, und auf die Bellaria Husaren gestellt, und basta. Am nächsten Tage berichten die pauschalieren, die. halb und ganz bestochenen Zeitungen, daß es dem Bemühen' unserer wackeren Polizisten und Soldaten gelungen ist, den entfesselten „Pöbel * zur Raison zu bringen und die segensreiche bürgerliche'Ordnung aufrecht zu erhalten. Strebsame Rieht, r bemühen sich, einige willkürlich aus der Menge gegriffene Demonstranten mit unmöglich hohen Strafen zu belegen, der konservative und liberale Preßpöbel johlt Beifall und — das Volk hungert weiter. Österreichische Regierungskunst! Ruhe schaffen, sei’s auch eine Friedhofsruhe, eine Ruhe um jeden Preis, das treffen die Herren zur Not. Aber die Unruhe der Gemüter durch liebevolles Entgegenkommen besänftigen, durch ehrliches Bemühen, durch den Beweis des guten Willens, der feststehenden und anerkannten bitteren reichische Bürokratie nicht herantraut Dabei ist diese Aufgabe wirklich keine schwere, die Österreicher, und speziell die ‘Wiener, sind ein-geduldiges und gutmütiges Volk. Wenn die gemieteten Preßschmöcke von „wildem Abschaum4der Bevölkerung sprechen, welcher am 17. September in den Gassen Wiens seinen „wilden Instinkten“ ff eien Lauf gelassen hat, so sind das faustdicke Lügen. Wer die Demonstranten gesehen hat, kann wahrlich nicht von entmenschtem Gesindel reden: Schwer und ehrlich arbeitende Frauen und Männer, ' allerdings in verzweifelter - Aufregung, bildeten die überwiegende Mehrzahl. Und wer die Leute sind, über die man heute in den Wiener Gerichtssälen einfach barbarische Strafen verhängt, geht aus den Protokollen hervor: Lauter Männer ehrlichen. Berufes, qualifizierte Arbeiter, Handwerker und Privatangestellte, fast durchwegs: unbescholtene Menschen, welche nunmehr die -österreichische Regierungskunst und die Unfähigkeit und Verkommenheit der herrschenden politischen Parteien ins Elend, und ins Zuchthaus treiben. Wo sind in diesen unruhigen, schweren; Zeiten die liberalen Sieger Wiens, die bei den letzten. Wahlen den Christlichsozialen die Mandate abgenommen haben? Die Kunde voni Erfolge dieser Männer durchflog gleich einer Heilesbotschaft das Land! Aus den Klauen der. korrupten, volksfeindlichen Reaktionäre haben sie die Bevölkerung gerissen, umsie einer freundlichen) hellen Zukunft entgegenzuführen. Wo sind diese frischgebackenen Messiase, deren Programm, ira Wahlkampf lautet : „Nichts für uns, alles fürs Vo%?“ Wo sind sie jetzt, wo doch das Volk Rat und Hilfe mehr braucht als je? Man hört sie nicht und sieht, sie nicht Und wenn man am 17. September die , Menge durchsieht und . die Straßen mit I der Lupe abge^ucht hatte, nicht einen i dieser Freiheitshelden und Volksfreunde | hätte man gefunden. Ein Fiebersturm durch- ' rast das arme Wien, welches vor wenigen . Wochen diese famosen. Retter auf den i Schild gehoben hat, und sie verkriechen I sich und sind nicht zu sehen! | Die Herren haben sich eben ein weit ' wichtigeres Betätigungsfeld ausgesucht. | Herr Dr. N e u m a n n muß seine ganze | geschätzte Kraft und seinen erleuchteten i Verstand aufwenden, damit, Gott behüte, | im Semmeringgebiet nicht kranke Kinder- : lungen ausgeheilt werden. Man bedenke | nur: Die m'IIionenreichen Hoteliers, die j armen Südbahnaktionäre und andere not- | leidendeSchichtenderBevölkerung, könnten! durch die Anwesenheit einiger siecher | Proletarier- oder Bürgerkinder in der Nach- | barschaft ein paar Gulden verlieren. Frau I Hofrätin Bamschabel und Frau Bankier Veilchenduft — 60 Kronen Pension pro Tag — wollen airr;S|rmnering rodeln, drohen aber auszubteiben, wenn sich auf 10 Meilen im. 1.1Prniptpn- : ränge befindet: Heri^p^wlhelm Neumann streitet im Dienst dieser illustren Gesäßkünstlerinnen, hat momentan für seine Wähler keine Zeit. Herr Friedmann hinwiederum sammelt eifrig Geld unter den Fabrikanten, damit bei den nächsten Wahlen nur Abgeordnete gewählt werden können, die den Schlotbaronen genehm sind. Ein wirklich volkstümlicher Herr. Ganser und Denk, die Edlen, sitzen im deutschen Nationalverband unter der Fuchtel der Argrarier neben Wabe r und P o 11 a uf und sind ängstlich besorgt, sich nicht durch irgendwelche Anteilnahme an den Ereignissen in den Augen ihrer ländlichen Klubkollegen zu kompromittieren. Herr Dr. Ofner arbeitet vielleicht an einem Statutenentwurf für einen neuen frauenrechtlichen Verein, oder an einem Gesetzentwürfe betreffend die Zulassung der Frauen zum päpstlichen und bischöflichen Berufe oder an irgend einer anderen dringend notwendigen Sache, jedenfalls hat auch er keine Zeit und ist nicht zu sehen. Hat er doch dem österreichischen Volke die berühmte Lex Ofner geschenkt, dieses humane und klug konstruierte Gesetz, welches es den Richtern ermöglicht, denangeklagten Demonstranten doppelt so hohe Strafen aufzupelzen als früher. Damit glaubt er sich der Verpflichtunggegenüber seinen notleidendenWählem los und ledig. j i Wie hat doch ganz Wien gestrahlt,; insbesondere das jüdische Wien gelacht | und geleuchtet ob des großen »freisinnigen« Sieges! Es wird nicht lange dauern und man wird sich dieses gedankenlosen Lachens schämen. Die Bevölkerung hat .die christlichsozialen Roßäpfel angeeckelt weggeworfen und — liberale taube Nüsse aufgeklaubt. Die Unfähigkeit und Volksfremdheit der freisinnig sich nennenden Sieger tritt in diesen schweren Zeiten kraß zutage1. Ihnen blüht in nächster Zukunft das Schicksal ihrer Vorgänger, der alten Liberalen. Sie werden verschwinden, weil sie keinem Programme, keiner Idee, nicht der eigenen Kraft, sondern lediglich dem Unwillen der Bevölkerung gegen das christlichsoziale Parteiregime ihren Augenblickserfolg zu danken haben Ihnen fehlt die politische Existenzberechtigung. Die österreichischen Juden werden gut tun, von dieser neuen, Scheinliberalen Gruppe recht bald und recht weit abzurücken. Sie haben ihre Anhänglichkeit an die alte liberale Partei teuer bezahlt, die Gemeinschaft mit der neuen könnte sie wiederum in ein liberales Debakle verwickeln. Allerdings hat sich die Situation wesentlich gebessert Die österreichische Judenschaft ist heute kein herrenloses politisches Gut, dessen sich jeder Abenteurer bemächtigen kann. Die heute schon mächtige, gesunde jüdischnationale .Strömung wird sie davor bewahren, gänzlich in das trübe Fahrwasser der »Sieger von Wien« zu geraten. Eine Mahnung an den westösterreichischen Parteitag. Schon seit Jahren ringt die zionistische Organisation in den Sudetenländern nach neuen Betätigungsmögüchkeiten. „Begeisterung ist keine Heringsware, die man einpöckelt auf einige Jahre‘\ Der Kommers- und Schekeltaumel ist rasch verraucht und nicht einmal die rapiden/ Fortschritte in der Kolonisation Palästinas und der Intensivierung unserer Kulturarbeit .dortseibst haben es vermocht, die Juden der Sudetenländer aus ihrer Lethargie zu wecken, sie unserer Idee wirklich nahe zu bringen. Sie zeigen sich unseren nationalen Desiderien gegenüber verständnislos, während sie bei' fremdnationalen Angelegenheiten, wenn nicht mit der Tat, so siener tnit dem Herzen dabei sind. Diese Tatsachen sollten doch genügen, um die verantwortlichen Leiter unserer Bewegung in den Sudetenländern nachdenklich zu stimmen. Und tatsächlich haben sich einsichtsvolle Leute gefunden, die den Sitz der Krankheit ientdeckt haben und auch gewillt waren, inn radikal auszuheilen. Sie anerkannten, daß die bisherige Tätigkeit in den Sudetenländern solide Grundlagen für eine günstige Entwicklung der zion. Bewegung in die Breite schaffe, sie gaben aber der Wahrheit die Ehre, als sie den Mangel an jedweder Vertiefung des zionistischen Gedankens bitter beklagten. Und sie waren die gerechten Kritiker! Sie erkannten die Bedeut ung des Zionismus in seiner Universalität. Soll er die vielversprechende Renaissancebewegung des Judentums bleiben, dann muß er nolens volens für die täglichen Sorgen und Beschwerden der Juden ebenso hilfsbereit sein, als er sich als Begründer ihres ferneren Glückes

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