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Jüdische Zeitung · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38 Für diese Lösung des organisatorischen Problems werde ich mich am nächsten Zionistentag, dem ein entsprechendes Statut unterbreitet werden wird, mit allem Nachdrucke einsetzen. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß trotz aller Meinungsverschiedenheiten — und in welcher Organisation gäbe es keine — der Wille zur Einheit und zur Schaffung einer arbeitsfähigen Zen-> tralgewalt, der schon am letzten Zionistentag. mit aller Macht durchgebrochen ist, angesichts des Verlaufes des Kongresses in den westösterreichischen Zionisten stark genug sein wird, um allen Hindernissen zu Trotz, eine lebensfähige Organisation zu schaffen. Wenn dies gelingen wird, dann kann man dem künftigen Landesverband Westösterreichs eine günstige Prognose stellen: Die überreichen Möglichkeiten, die der Zionismus in unserem Lande, wie nirgends anderswo besitzt, werden dann in hohem Maße zu Wirklichkeiten gestaltet werden können. Dieses Ziel vor Augen, muß und wird über allen klein-, liehen Fraktionsgeist der Wille kur Einheit sicherlich den Sieg davon tragen! Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in Wien. Aus dem städtischen Jahrbuch der der Stadt Wien 1008 entnehmen wir folgendes: Die Zahl der jüdischen Mischehen seit 1904 betrug: 1904 1 07, 1905 100, 1906 124, 1907 100, 1908 134. Die Zahl der jüdischen Ehen mit 5.990 bleibt hinter der allgemeinen Eheziffer von 9.4 ganz erheblich zurück. Die Zahl der Geburten bei den Juden war: ehelich unehelich zusammen 1904: 2875 466 3341 1905: 2767 388 3155 1906: 2637 406 3043 1907: 2663 393 3056 1908: 2442 ' 374 - 2816 geht daher ständig und Zwar sehr stark zurück. Von 1904 bis 1908, in 4 Jahren, liegt eine Abnahme von 525 oder 16 Prozent vor! Auffallend ist die hohe Zahl der unehe- 1 i c h e n Geburten (13 Prozent der Gesamtzahl). Vielleicht ist dies darauf zurückzuführen, daß in Wien viele Ostjuden leben, die sich, mit der Zeremonielltrauung begnügen. Trotz abnehmender Geburtenzahl ist die Sterbezahl im Wachsen begriffen: Bei den Juden waren Verstorbene: 1904: 1908, 1905 : 2104,. 1906: 1908, 1907: 1973, 1908 : 2115. Im Vergleich mit der allgemeinen Sterbeziffer war übrigens die der Juden sehr günstig. 1904 1905 1906 1907 1908 Allgemeine Ergebnises: 18,1 19,8 17,9 17,7 18,1 Sterbeziffer der Juden: 12,1 13, 12, 11,8 12,4 Vergleicht man Geburten und Todesfälle und ■ veranschlagt man, daß sich jährlich 6—700 Juden taufen lassen, so müßte die Zahl der Juden in Wien stagnieren. Das Wachstum ist tatsächlich nur auf auswärtigen Zuzug zurückzuführen. Eine empörende Rohheit eines orthodoxen Rabbiners. Vor wenigen Wochen ging durch die Presse die Nachricht, daß aus München eine Anzahl ausländischer Juden — hauptsächlich Galizianer — ausgewiesen wurden. Begründet wurde diese Maßregel mit angeblich „unlauterer Geschäftspraxis“ der Ausgewiesenen. Diese Nachricht fand nur wenig Beachtung. Man ist nach dem Pogrom in England und den von Tag zu Tag sich mehrenden Ausweisungen österreichischer Juden aus Preußen, für die eine fürsorgliche österreichische Regierung nie einen Finger rührt, an derlei Kleinigkeiten schon gewöhnt. Daß diese Ausweisungen den klerikalen Pfaffenzeitungen in Bayern Anlaß gaben, ihr antisemitisches Mütchen an den Juden zu kühlen und durch Verleumdungen und freche Entstellung der Tatsachen die1* Ausweisungen zu rechtfertigen, wird weiter nicht wundernehmen. In den Chorus der antisemitischen Schimpfereien stimmt nun auch ein orthodoxer Rabbiner. — Dr. Mayer ist sein Name — ein. Dieser saubere Herr ist Herausgeber eines Blättchens „Laubhütte“, das nichts Eiligeres zu tun hatte, als die antisemitischen Blätter nachzudrucken und sich dabei noch folgender Bemerkung zu erfrechen: „D i e s en Elementen, denen die Ehre der jüdischen Gesamtheit so wenig bedeutet, gönnen wirih rS chick s a 1.“ Hoffentlich werden die bayrischen Juden soviel Nackensteifheit beweisen, um diesen Rabbiner und sein Blättchen energisch abzuschütteln. Zu den Ausweisungen wird uns aus München noch geschrieben: Das einzige Verbrechen, das die ausgewiesenen Juden begangen, ist — daß sie Ausländer sind. Angestellte Untersuchungen haben ergeben, daß der Vorwurf unreellen Geschäftsgebarens völlig haltlos ist. Dieses Geschäft wurde nicht von den Juden erfunden, sondern echt deutsche Patrioten, wie z. B. Kommerzienrat .Schlossmann in Berlin, Stempel u. Co. in Leipzig, Weicker ün3”Hempffng in Chemnitz p. v. a. betreiben dieses Geschäft seit Jahrzehnten und haben sich dabei Titel, Ehren und Millionen erworben. Freilich, ein Unterschied besteht doch: während die großen Geschäftshäuser die Hemden durch ihre Reisenden um 12 Mark das Stück absetzen, begnügen sich die Juden mit. 5 bis 51/* Mark. Wer begeht nun das Verbrechen des „unlauteren Geschäftsgebarens“? (Charakteristisch für die Schwere des Vergehens der Ausgewiesenen ist, daß sie zahlreiche Offerte behufs Verkaufs ihrer Geschäfte von guten Deutschen erhielten. Aus dem jüdischen Leben. Ein Vorschlag zur Gewährung wirtschaftlicher Konzessionen an die Juden in Palästina. Die „Hazefirah“ -in Warschau erhält von ihrem Konstantinopeler Korrespondenten die telegraphische Mitteilung, daß dem türkischen Ministerium für Landwirtschaft, Bergbau und Domänenverwaltung von seinem Departementsvor-i steher Pawlos, der nach Palästina entsandt worden war, um die Lage der dortigen Landwirtschaft und Industrie zu erforschen, eine ausführliche Denkschrift in dieser Angelegenheit überreicht worden sei. Wie der Berichterstatter der „Hazefirah“ erfährt, gelangt Pawlos in seinem Bericht zu dem Schlüsse, daß es im Interesse der Entwicklung von Landwirtschaft, Handel und Industrie in Palästina unbedingt notwendig sei, den Juden größere wirtschaftliche Konzessionen zu gewähren. Ueber den Inhalt der hochinteressanten Denkschrift des Departementsvorstehers Pawlos ist der Berichterstatter der „Hazefirah“ in der Lage, noch folgende Einzelheitenzu melden: Pawlos klagt über die fortschreitende Verwüstung des Baumbestandes in den Wäldern des. Libanon. Da es in den staatlichen Forsten an genügender Aufsicht fehlt, fällen die Fellachen seit Jahrzehnten ungestraft die ’ wertvollsten Bäume und fügen dem Fiskus, aber auch der Landwirtschaft und dem öffentlichen . Gesundheitswesen durch diese frevelhafte Entwaldung der Berghänge den größten Schaden zu. Das Fehlen größerer Waldungen habe die nachteiligsten Folgen für das Klima und die Bodenbeschaffenheit des Landes gezeitigt. Pawlos berichtet ferner über seine Beobachtungen in der Umgebung von Jaffa. Er hat diese Gegend in Gesellschaft des Paschas von Jerusalem bereist. Er fand nun, daß die von der Meeresküste vordringenden Dünen und Sandflächen sich immer mehr ausdehnen und das ganze Gebiet zu versanden drohen. Die Regierung müsse hier energische' Vorbeugungsmaßregeln treffen. Das wirksamste Mittel zur Verhütung weiterer Schäden wäre nach Ansicht Pawlos’ Ö i e Gewährung weitgehender Konzessionen an die jüdische Bevölkerung Palästinas. Die Juden könnten auf den Sandflächen große Baumpflanzungen anlegen, insbesondere Eucalyptuswälder, durch , die auch die Sumpfgebiete saniert werden könnten, wie dies in den blühenden jüdischen Kolonien; so erfolgreich durchgeführt worden sei. — Der Korrespondent der „Hazefirah“ weiß schließlich zu berichten, daß die Vorschläge Pawlos’ in den maßgebenden Kreisen ernste Beachtung gefunden hätten und der Ministerrat sich1 in einer seiner nächsten Sitzungen mit der Angelegenheit befassen werde. Die Verlegung des Jerusalemer Deutsch-Isaraelitischen Waisenhauses nach Fedsche Der „Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina“, dessen Sitz in Frankfurt a. M. ist, unterhält bekanntlich in Jerusalem seit fast dreißig Jahren ein Knabenheim, das sogr nannte „Deutsch-Israelitische Waisenhaus“. Die Zöglinge besuchen zuerst die Schule und ergreifen dann ,ein Handwerk. 'Um nun keine größere Konkurrenz in dem Handwerkerberuf, der ohnehin in Palästina nur ein .notdürftiges Dasein gewährt, zu schaffen, verlegt der Verein sein Waisenhaus nach Fedsche, nächst Pethach1 Tikwah, um die Zöglinge^ur Landwirtschaft heranzuziehen. In der Vorstandssitzung, die dieser Tage stattfand, wurde beschlossen, so bald als möglich an die Ausführung des Projektes zu schreiten, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß für mindestens achtzig Zöglinge Raum zu schaffen sei. Der Leiter des Waisenhauses, Herr Dr. L. Grünhut aus Jerusalem, weilt gegenwärtig in Deutschland, um im Aufträge des Frankfurter Vereins neue Freunde und Förderer für die Anstalt zu’ gewinnen. Im Deutsch-Israelitischen Waisenhaus werden bekanntlich auch einige Waisenknaben aus ‘Kischinew, die bei dem dortigen Pogrom ihre Eltern verloren hatten, erzogen. * Tod des Majors d’Ormescheville Aus Paris wird berichtet: Am 11. September ist hier Major Baron d'Ormescheville, der militärische Ankläger im ersten Dreyfus-Prozeß, gestorben. * - Die Behandlung jüdischer ■Emigranten auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyd Infolge der vielen Klagen jüdischer Auswanderer über schlechte Behandlung auf den Schiffen des Norddeutschen Lloyds hatte die Verwaltung der jüdischen Emigrationsgesellschaft in Kiew eine Beschwerdeschrift an die Direktion der genannten Schiffahrtsgesellschaft gerichtet. In dem Schreiben war u. a. betont, daß die Emigrationsgesellschaft, falls ihre Forderungen betreffs einer korrekten, menschenwürdigen Behandlung der jüdischen Zwischendeckpassagiere nicht erfüllt werden sollten, genötigt wäre, die Beförderung der nach Galveston bestimmten Auswanderer auf den Schiffen einer anderen Gesellschaft zu bewerkstelligen. Daraufhin erhielt der Vorstand der Emigrationsgesellschaft von der Direktion des Lloyd die Mitteilung, daß eine auf dem Dampfer „Hannover“ eingeleitete strenge Untersuchung die Berechtigung einer -Reihe von Klagen ergeben hat, die seitens der jüdischen Passagiere dieses Schiffes erhoben worden waren. Demzufolge sei der erste Offizier der „Hannover“ entlassen und der zweite Offizier strafversetzt worden. Die schuldigen Matrosen und Schiffsdiener würden streng bestraft werden. Auch der Kapitän der „Hannover“, der für das Verhalten der Schiffsmannschaft verantwortlich sei, habe eine nachdrückliche Verwarnung erhalten. Die Direktion, des Nordd. Lloyd spricht schließlich ihre Ueberzeugung aus, daß die getroffenen strengen Maßnahmen zu den gewünschten Resultaten nicht nur auf dem Dampfer „Hannover“, sondern auch auf den anderen Schiffen des Nordd. Lloyd führen werden. Die Direktion werde ihr besonderes Augenmerk auf die anständige Behandlung der jüdischen Zwischendeckpassagiere richten. In einem zweiten Schrei' ben teilt die Direktion des Lloyd mit, daß sie Vorsorge getroffen habe, um die Uebelstände, die sich hinsichtlich der Beköstigung der jüdischen Emigranten ergeben hatten, abzustellen. * Die Juden In Mexiko. Ueber die Zahl der Juden Mexikos gibt es keine Statistik; es dürften zusammen nur wenige tausend Seelen sein, deren Mehrzahl in der Hauptstadt Mexikos wohnt. Eine Synagoge ist nirgends vorhanden, und selbst in der Hauptstadt ist es — außer an Jomkippur — schwer, ein Minjam zum Gottesdienst zusammenzubekommen. Ein großer Teil der Juden ist so assimiliert, daß er in Mischehe lebt und seine jüdische Abkunft vor der Außenwelt verheimlicht. Man geriert sich' als Franzose, Deutscher oder Engländer, aber nie als Jude. Materiell geht es den Juden gut; zum Teil sind sie sogar sehr reich.

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