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Jüdische Zeitung · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 der Wiederaufrichtung der gtsamtösterreichischen Landes- Organisation und wollen nunmehr energisch an ihrer Verwirklichung arbeiten. Wir wollen diese große Frage nicht durch Schaffung von Majoritäten bei Konferenzen und Beratungen lösen. Auch die momentane Zusammensetzung des bestehenden Komitees soll diese Lösung weder beschleunigen noch verzögern, die Wohl¬ oder Abgeneigthpit derzeit an leitender Stelle stehender Personen kann für die Lösung dieser elementaren Frage nicht maßgebend sein. Einzig allein der Wille der Gesamtheit aller österreichischen Zionisten. Der Wille zur Einheit aber ruht in allen, das beste Mittel ihn frei zu machen, ist die Propaganda in der b reitest e n zioni stischen Oeffentiichkeit. Wer uns in dieser Arbeit fördern will ist uus willkommen. Wir werden allen, die mit uns die Wiederaufrichtung der österreichischen Gesamtorganisation erstreben, in den Spalten dieses Blattes Raum zur Aeußerung ihrer Ansichten gewähren. Als erste Aeußerung. in dieser Richtung lassen wir einen Artikel unseres Gg. Adolf Böhm folgen: Die Organisationsfrage in Westösterreich. (Zum 3. westösterreichischen Zionistentag.) Von Adolf Böhm, Wien. ln kurzer Zeit wird der dritte wesiösterreichische Zionistentag zusammentreten, den als wichtigste aktuelle Frage jene der Neuorganisation der Föderation beschäftigen wird. „Föderation“ ist eigentlich für den Verband ein unzutreffender, zu weitgehender Ausdruck. Westösterreich ist noch gar keine Landesorganisation, soll und muß aber eine solche werden. Das ist eben die izu lösende Frage. Der jetzige Zustand hat sich dadurch herausgebildet, daß sich vor 4 Jahren von dem be- —.gehenden Landesverband „Oesterreich“ Galizien losgetrennt hat. Das Landesstatüt blieb bis heute auf dem Papier stehen, praktisch aber hatte es scheinbar keine Bedeutung. Scheinbar — denn das galt nur für das Landeskomitee, das durch die Losreißung Galiziens illusorisch wurde. Dagegen blieben die drei Distrikte: Böhmen, Innerösterreich und Mähren-Schlesien auf Grund dieses Landesstatuts autonom konstituiert und repräsentierten nach dem Verschwinden des Landeskomitees die einzigen Organisationsformen, die — wenn man so sagen darf — parteirechtlich fundiert waren. Diese drei Distrikte fühlten natürlich das Bedürfnis nach organisatorischem- Zusammenschluß. In den Vorkonferenzen, welche ihre Vertreter am 10. Mai 1908 in Brünn abhielten, wurden die Grundzüge dieses Zusammenschlusses besprochen, und am 1. westösterreichischen Zionistentag, der am 28. und 29. Juni 1908 gleichfalls in Brünn stattfand, erhielten dieselben die Sanktion. Diese Grundzüge, die auf dem Brunner Parteitag beschlossen wurden, waren die folgenden: Die Distrikte behalten Ihre ihnen als Teile der zionistischen Landesorganisation zustehende Autonomie, soweit sie sich derselben nicht ausdrücklich begeben. Die 3 Distrikte bilden einen westösterreichischen Distriktsverband. Eine Aenderung des Verbandstatüts welche eine Einschränkung der Distriktsautonomie i|nvoIviert, setzt die Zustimmung aller 3 Distrikte voraus. (Siehe Jüd. Ztg. 1908, Nr. 27, Seite 3.) Wie aus diesen Sätzen hervorgeht, beruht der Zentralverband lediglich auf einem Vertrag der drei Distrikte, die auf Grund eines fiktiven Landesstatuts als autonome Einheiten auftraten. Prüft man die Gründe, welche zu dieser etwas schwerfälligen Konstruktion geführt hatten, so liegen sie teils darin, daß damals noch immer an eine baldige Wiedervereinigung mit Galizien gedacht wurde, 'und das Zentralkomitee daher nur als eine Arbeitsgemeinschaft der westlichen Distrikte, die auch unter einem künftigen gesamtösterreichischen Landeskomitee aufrechterhalten werden sollte, betrachtet wurde'— genau so, wie sich dies ursprünglich auch das Lemberger Z.-K. in bezug auf Galizien vorgestellt hatte — teils war es bei den damaligen Kämpfen wegen der Nationalpolitik nicht möglich, eine straffere Zusammenfassung der Distrikte herbeizuführen. Der Zentralverband wurde allseits nur als ein organisatorischer Notbehelf und als ein Provisorium angesehen. Aber nach einem ungegeschriebenen, aber stärksten österreichischen Gesetz, scheint sich das Provisorium zu einem Definitivum auszuwachsen. Der zweite westösterreichische Zionistentag 1910 änderte den Rechtszustand nicht, wenn auch auf ihm eine Stimmung nach stärkerer Konzentration sehr deutlich zum Ausdruck kam, und so dauert dieser Zustand bis heute. Seither hatte sich überdies durch verschiedene Umstände, teilweise durch Differenzen wegen der Nationalpolitik, andererseits infolge von Reflexen der Parteikämpfe in der Gesamtorganisation, die Situation im Verband sogar noch verschlechtert. Durch den Verlauf fdes Kongresses, der den Frieden in der Gesamtorganisation hergestellt und ein neues Organisationsstatut angenommen hat, ist aber eine völlig neue Lage auch für Westösterreich geschaffen worden, welcher der Zionistentag gerecht werden muß. Es handelt sich meiner Meinung nach darum, Westösterreich im Sinne des neuen Organisationsstatutes einem richtigen Landesverband zu machen. 'Der jetzige Zustand ist schon nach jenem Statut völlig unhaltbar. Das Statut kennt nur Landesverbände, aber keine Distriktsverbände, die miteinander Verträge schließen. Der alte Landesverband Oesterreichs existiert nun schon 4 Jahre nicht. Von der früheren Zentralleitung wurden daher dem Verband Westösterreichs die Rechte einer Landesorganisation zugestanden, weil sonst ein unmöglicher Rechtszustand gegenüber der Gesamtorganisation eingetreten wäre. (Kongreß- und Jahreskonferenzbeschickung, Schekel usw.) Tatsächlich ist also Westösterreich ein Landesverband schon seit 4 Jahren, der aber kein desverband schon seit 4 Jahren, der aber kein Landesstatut hat. Dfesem Zustand muß aus zwingenden organisatorischen^ Gründen ein Ende bereitet werden. Der nächste Zionistentag muß ein Landesstatut nach Muster des deutschen schaffen. Diese Aenderung der Rechtsform der Organisation bedingt aber auch eine solche ihres Wesens. Bisher war der Zustand so, daß das Zentralkomitee ziemlich ohnmächtig blieb, während die Distriktskomitees und Distriktstage autonom waren und dem Zentralkomitee sowie dem Verbände Bedingungen vorschreiben konnten. Ich sage dies ohne jede Kritik, sondern konstatiere nur tatsächliche Verhältnisse. Ob dieser Zustand für die Sache gut war oder nicht, will ich hier nicht erörtern. Daß aber dadurch das Zentralkomitee nahezu lahmgelegt wurde, ist für mich, der ich demselben seit seiner Scnaffung angehöre, ein Axiom geworden. Es ist ein gänzlich unhaltbarer Zustand, daß die Unterverbände der Oberleitung quasi übergeordnet sind. Diese muß im Gegenteil — wie das in den anderen Organisationen der Fall ist — tatsächlich die Zentralgewalt repräsentieren, welche in allen Dingen den Unterabteilungen vorgesetzt ist, und ihre Macht direkt vom Zionistentag erhält. Man wird einwenden daß in Westösterreich ein solches Landeskomitee wegen der zwischen den Distrikten bestehenden Meinungsdifferenzen nicht möglich sei. Darauf möchte ich zunächst erwidern, daßdies gar kein Einwand ist. Sind denn in den Distrikten, ja in den Vereinen keine Differenzen vorhanden? Ich glaube im Gegenteil, je enger und kleiner man eine Vereinigung schafft, um so schärfer spitzen sich in ihr. die Gegensätze zu, umso peinlicher werden Majorisierungen empfunden; je größer aber ein Verband ist, desto eher können sich die Gesinnungsverwandten zu größeren Gruppen zusammenschlie-* ßen und im Gesamtverband ihren Willen im Verhältnis ihrer Stärke durchsetzen. Ferner denke ich an ein Landeskomitee, das — genau so wie das heutige Zentralkomitee, und wie es in Deutschland der Fall ist — aus Vertretern aller Distrikte und Gruppen (wenn man wiH: Parteischattierungen) zusammengesetzt ist und nicht, wie das frühere österreichische Landeskomitee, bloß aus Mitgliedern in Wien besteht. Dieses Landeskomitee muß, wie in Deutschland, eine fünfgliedrige Exekutive am Sitz des Präsidiums haben. Der heutige Zustand, daß zwei Leute die Exekutive bilden, ist unhaltbar. Es hat sich gezeigt, daß bei längerer Verninderung des einen Mitgliedes die gesamte Arbeit des Zentralkomitees auf den Schultern eines einzigen liegt. Auch in der Budgetierung muß da9 Landeskomitee allen anderen Komitees vorangehen. Es geht nicht an, daß sein Budget davon abhängt, welche Beträge die Distriktskomitees entbehren können. Daß diese äußerst geringfügige sind, mit denen sich nichts schaffen läßt^ habe ich im Zentralkomitee stets schmerzlich empfunden. Unser Budget im Z.-K. ist heute nicht mit 10 Prozent jenes Betrages dotiert, welcher z. B. der deutschen Landeszentrale zur Verfügung steht. Mit dem bisherigen lächerlich kleinen Budget konnte das Zentralkomitee natürlich kein Parteisekretariat errichten, dessen Existenz sicherlich die Voraussetzung für eine ersprießliche Arbeit ist. Es wird von mancher Seite eingewendet werden, daß wegen der Frage der National- Politik eine Einigung in vorgeschlagener Weise nicht möglich sein wird. Ich bin diesbezüglich direkt gegenteiliger Ansicht. Ich halte es vielmehr für eine zwingende Notwendigkeit, daß der Zionistentag bezüglich der Nationalpolitik klare, eindeutige Beschlüsse faßt. Der Inhalt derselben kann, meiner Ansicht nach, wenn eine Einigung möglich sein soll, nur der sein, daß einerseits klar ausgesprochen wird, daß die zionistische Organisation keine politische ist, anderseits aber den Zionisten Westösterreichs die bindenden Beschlüsse des gesamtösterreichischen Parteitags von Krakau (1906) in Erinnerung ge- ' bracht werden und der Jüdische Nationalverein als politische Vertretung der westösterreichischen Zionisten insolange anerkannt wird, als sich seine Leitung aus Gesinnungsgenossen zusammensetzt. Ein weiterer Einwand, der erhoben werden wird, ist jener, daß durch Schaffung eines Landesverbandes Westösterreichs der Wiedervereinigung Gesamtösterreichs präjudiziert werden würde. Auch ich stehe auf dem Standpunkt, daß letzten Endes die Wiederherstellung der gesanrtösteri exhischr n Landesorganisation angestrebt werden muß. Ich sehe gar keinen zwingenden Grund, welcher dieselbe unmöglich machen würde. Daß die zionistische Arbeit einheitlich geführt werden kann, zeigt am besten die höchst erfolgreiche Tätigkeit der Sammelstelle des Nationalfonds; desgleichen habe ich mich bei (meiner letzten Reise nach Galizien überzeugt, daß auch für Palästinaagitation ein gemeinsames Vorgehen und eine Zentralstelle nur förderlich wäre. Wa9 die Landespolitik betrifft, so kann die formelle Trennung auch in Galizien leicht durchgeführt werden. Inhaltlich aber könnte ich nur einen höchst wünschenswerten Zustand darin sehen, wenn auch in der Landespolitik die 2 ionisten Galiziens nicht getrennt marschieren würden, denn nur eine politische Landesorganisation kann in Wahrheit die Einheitlichkeit der jüdischen Politik in Oesterreich und die Orientierung derselben ausschließlich nach den Gesamtinteressen der österreichischen Judenheit verbürgen. Trotzdem ist jener Einwand nicht stichhaltig. Die Wiedervereinigung mit Galizien kann nicht heute oder morgen geschehen, sie erfordert langwierige Verhandlungen. Soll in der Zwischenzeit die westösterreichische Organisation das Provisorium weiterschleppen und die Arbeit darunter leiden? Und wird eine starke westösterreichische Organisation nicht mehr Anziehungskraft für Galizien haben, als die heutige schwache, die niemand imponieren kann? Und kann nicht ein starkes Landeskomitee die Verhandlungen mit Galizien viel nachdrücklicher führen, als ein ohnmächtiges Zentralkomitee, das keinen Schritt machen kann, ohne sich vorher der Zustimmung von 3 :Distriktstagen zu versichern? Ich behaupte daher, daß auch für die Wiedervereinigung mit Galizien die Schaffung eines starken westösterreichischen Landesverbandes eine notwendige Voraussetzung ist.

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