Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 38 (22.9.1911)
- Date
- 1911-09-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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k E, U W y Vf ■ ,11 ff Ü' 't--. ’A? nv Hl:: Ü;T- $: >? i*- d#’ iiVn: >. ivf-: V f;\ Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 38 In Australien leben nicht viel Juden, ihre Lage sdieint günstig?u sein. Dasselbe kann man auch von den südafrikanischen Juden Die Juden in den Wiener Schulen. behaupten. In der Türkei wiederholt sich das in unserer Geschichte leider oft gesehene Beispiel, daß Juden dazu beitragen, den Juden zu schaden. Die Alliance israelite-Leute entblödeten sich nicht, in Wort und Schrift die zionistische Bewegung zu denunzieren und als staatsgefährlich liinzustellen. Das Gesamtjudentum aber hat dennoch keine Ursache zu verzagen: der'Zionistenkong r e ß in Basel hat die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Allerwärts regen sich die jüdischen ‘Kräfte. Die jüdischen Hilfsgesellschaften haben im Laufe der Jahre manches gelernt. In kurzem soll ein jüdischer Emigrationskongreß tagen. Einerseits sieht man die jüdische Vergangenheit stüdeweise abbröckeln, die Juden zu Hunderttausenden ihre Wohngebiete verlassen, viele Volksteile absplittern, die Assimilation die jüdische Bevölkerung in den westeuropäischen Ländern dezimieren; andererseits aber bemerkt man wie sich die Zerstreuten Kräfte sammeln, wie das jüdische Nationalgefühl erstarkt, wie das Judenproblem ernst und würdig behandelt wird. Zwei Tendenzen ringen in unserem Volksleben miteinander: Auflösung und Zusammenfassung. Verschlingt die eine Tausende unserer Stammesgenossen, so schart die andere in demselben Zeiträume Zehntausendeum ihre Fahne. Darum blicken wir trotz der traurigen Gegenwart dennoch voll Hoffnung in die Zukunft. Wenn auch unsere Vorposten keine andere Meldung als „Feinde ringsum“ zu erstatten haben, so macht uns das nicht bange; wir haben unser Heil nur von uns allein zu erwarten, und wenn wir unsere Scharen zählen, so finden wir ihre Zahl größer und ihre Kräfte verdoppelt. W. Stolypin. Ein finsterer, blutiger und grausamer Henkersknecht ist mit ihm gefallen. Dieser Mann mit den glatten, europäischen Manieren, welcher bei Beginn seiner Laufbahn mit liberalen Ideen kokettiert hat, und eine Zeit die Hoffnung , des fortschrittlichen Rußlands bildete, hat ärger gewütet, als alle seine barbarisichen Vorgänger, Er hat die Kerker überfüllt, in einem Jahre mehr Hinrichtungen vollziehen lassen, als vordem in 10 Jahren stattfanden, Gefangene foltern und in Sibirien verhungern lassen, die Duma Zertreten. Als Wüterich im Frack, Scharfrichter mit Glacehandschuhen, hat er es unternommen, die wahnwitzigste Grausamkeit in europäische Formen zu kleiden. Wo sich seine Vorgänger mit einfachen Befehlen begnügten, hat er Gesetze einbringen und von den Hulligans im Senate und der Duma sanktionieren lassen. War er in der Verfolgung seiner politischen Gegner unerbittlich', so kannte er den Juden gegenüber überhaupt kein Maß lind Ziel. Noch in den letzten Tagen ließ er die jüdischen Kranken, aus den Heilbädern vertreiben und war gerade dabei, ein Gesetz zu fabrizieren, welches Banken und Privaten verbieten sollte, den jüdischen Kaufleuten Kredit Zu gewähren. Er ist tot, unter Qualen gestorben. Wenn die von der russischen Zensur durchgelassenen Zeitungsnachrichten nicht gefälscht sind, hat er noch auf dem Sterbelager seinen blutigen Götzen angebetet, dem Pogromzaren seine Reverenz erwiesen. Zum niedrigen Werkzeug der Reaktion geboren, hat er als Henkersknecht gelebt und ist wie ein Knecht gestorben. Das 'Mitleid schweigt, die Erde ist um ein Monstrum ärmer. Viele fühlen sich veranlaßt, den gewaltsamen Tod des Mannes, wohl nicht den Mann selbst, zu beklagen, well er Anlaß zu Judenverfolgungen geben wird. (Naive Gemüter!>Als ob die f/eranlassun- I gen zu Judenmorden in Rußland nicht feil wären, j wie die Brombeeren. Wenn die Regierung einen Anlaß braucht, ist er da. Ob nun Stolypin fällt oder ein Ziegelstein vom Dach: Der Jud ist schuld dran! Das Schicksal unserer Brüder in Rußland ist traurig und mehr als der lebende Stolypin kann sie der tote auch nicht quälen! Die. ausgezeichnete „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juri e n“ veröffentlicht in ihrem Heft vom 7. August 1911 eine Untersuchung über die Zahl der Juden an den Wiener Schulen. Wir entnehmen sie aus folgendem: An der Universität Wien wraren: 1904 5 1905/6 1906/7 1917/8 19 8/9 Gesamthöreranzahl 7569 7687 8080 8339 8502 Davon Juden 1691 1857 1893 1992 2120 Perzentsatz 22,31 24,15 23,42 23,88 24,93 Es geht aus diesen-Zahlen hervor, daß nicht nur die absolute Zahl der jüdischen Hörer, sondern auch die relative gestiegen ist. Ein Viertel aller Un'.verritätshörer waren 1908/09 Juden. Von den jüdischen Hörern gehörten in diesem Jahre der juridischen Fakultät 884 oder 41,69°o aller jüdischen Hörer medizinischen „ 629 „ 29,67°,o „ ,, „ philosophischen „ 607 „ 28,64% „ », „ Im Verhältnis zum vergangenen Jahre ist die Betei igung der Juden am juristischen Studium zurückgegangen, was woni in der immer enger werdenden Abscnließung der öffentlichen Aemter gegen die jüdischen Bewerber seinen GrunS hat. Der Prozentsatz in den Fakultäten selbst war folgender: Von je 100 Juristen waren Juden .... 25.51 Von je 100 Medizinern waren Juden . . . 35.96 Von je 100 Philosophen waren Juden. . . 19.84 An der technischen Hochschule gab es 1908/9 von 3071 Hörern 778 Juden, also den vierten Tei’, obZwar die Frequenz der Juden gegen die Vorjahre abgenommen hat, was gewiß ebenfalls in den erschwerten Möglichkeiten der jüdischen Techniker, in öffentlichen Diensten unterzukommen, seihen Grund hat. An der Hochschule für Bodenkultur waren im letzten Jahre von 911 Hörern 36 Juden, das sind zirka 4 Prozent. Gegen die Vorjahre zeigt sich ein ziemlich rasches Ansteigen der SchülerzäfiJ: ‘ An der Tier ärztlichen Hoch schule waren von 443 Hörern 21 Juden, an der Akademie der bildenden Künste von 231 Hörern 17 (6.200/o). An der Exportakademie waren von 352 Hörern 138 Juden oder 39.20 0/0, mehr wie jede andere Konfession. An der Israel-theologisChen'Lehranstalt zählte man 1908/9 28 Hörer gegen 33 im Vorjahre. Insgesamt waren: im Wintersemester 1908/9 3138 Juden an Wiener Hochschulen inskribiert, 22.76 0/0 der Gesamtzahl. Bei den Mittelschulen war der Perzent - satz der Juden 1908/9 im Durchschnitt 25.5 o/0. (Davon am stärksten mit Juden besetzt waren die Realgymnasium 44 0/0.) Das Gymnasium war von den Juden viel stärker beschickt, als die Realschule. Auch' an den Mädchengymnasien war ein hoher Perzentsatz von jüdischen Schülerinnen: 40 o/0 (131 von 327). Dagegen befand sich an den Lehrerbildungsanstalten kein einziger Zögling, an der staatlichen Lehrerinnenbildungsanstalt bloß 2, insgesamt an allen Lehrerinnenbildungsanstalten bloß 12 Schülerinnen.; Dies ist der Ziffernmäßige Nachweis d afür, daß durch das ehrist 1 idhsoZiale Regime den Juden dieser Erwerbszweig, in dem sie früher in ansehnlicher Zahl tätig waren gänzlich gesperrt wurde. Nicjht einmal das „Perzentverhältnis“ das Herrn Uriel nach russischem Muster für die Militärärzte einführen wollte, besteht auf dem Gebiet der Lehrerzögr ' linge für Unterrichtsanstalten. Bei den Handelsschulen war der Perzentsatz der Juden ein sehr höher. Bei den 3 Akademien 45 bis 46 o/0, an der Gremialschule 221fso/0t an den niederen Handelsschulen I60/0. An den städtischen Volksschulen gab es 1908 7.36 o/0 jüdische Schüler. Die Perzentzahl derselben ist in fortwährendem Abnehmen, während jene an den Privatvolksschulen, die übrigens Zum Teile rein jüdische sind, im Zunehmen begriffen ist. (1908: 7.36 o/0 gegen 1907: 5.70 o/0). Auch dies ist ein Beweis dafür, daß — wie die wissenschaftliche Zeitschrift sagt — „die Eltern das Bestreben zeigen, ihre Kinder von den gegen früher sich ständigverschlechterndenundstarkikler 1 k a 1 i s i e r t e n öffentlichen Volksschulen fernzuhalten. Wer einigermaßen in der Lage ist, Schulgeld zu zahlen, verwendet es, seine Kinder von den in klerikalen Seminaren aufgewachsenen Lehrern erziehen zu lassen.“ Die Abnahme der Zahl j üd i s ch e r L ehr e r wird natürlich gleichfalls durch die Statistik nachgewiesen. Von je 100 Lehrern waren Juden: 1904: 3.29 ' 1908: . 2.41. Von 5390 Lehrern und Lehrerinnen waren 1908 im ganzen 130 Juden! Die wissenschaftliche Zeitschrift sagt: „Diese Ziffern legen ein beredtes Zeugnis ab für die antise- . mit i sehe Strömung, welche bisher inderfstädt i sch enVerwaltungWiens geherrscht hat ... Noch schlimmer steht es, wenn man die Zahl der jüdischen Lehrer mit den jüdischen Schülern selbst in Beziehung setzt ... Auf je 100 Schüler entfielen jüdische Lehrer 1904: 0.91, 1908: 0.74. Das ist ein geradezu trauriges und beschämendes Resultat. Man kann ruhig sagen, daß de; jüdische LeTrer an den öffentlichen Volksschulen Wie is dem Aussterben geweiht ist.“ Auch bezüglich der Kindergärten, von denen zwei nur für jüdische Kinder bestimmt waren, zeigt sich der zunehmende Einfluß der Klerikalen, indem nicht weniger als acht von geistlichen Korporationen unterhalten und vier außerdem von solchen geleitet wurden. Aus diesen Zahlen, die ja nur längst Bekanntes erhärten, kann der jüdische Politiker nur einen Schluß ziehen: Die Bewegung zur Gründung jüdischer Sdhulen kräftig zu fördern, um Anstalten Zu schaffen, an denen die jüdischen . Lehrkräfte - Aufnahme finden und die - jüdischen Schüler dem Einfluß des klerikalen Geistes, der in den öffentlichen Schulen herrächt, ent zogen werden. Zur österreichischen Organisationsfrage. Der Zustand im zionistischen und jüdischnationalen Lager in Österreich ist in organisatorischer Hinsicht unhaltbar geworden. Es hieße sich selbst täuschen und den Fortschritt unserer Bewegung im Lande hemmen, wollte man sich noch länger dieser Erkenntnis verschließen. Die Idee von dem einen und untrennbarenjüdischen Volke ist der Ursprung, aus welchem unsere Bewegung hervorgegangen ist, von dort her schöpft sie alle Kraft und ohne diese Idee, wäre sie bedeutungslos und lächerlich. Die Form der Organisation in Österreich bedeutet eine Versündigung an der Idee von der Einheit. Statt einer Organisation haben wir drei und, wenn man genau sein will, mehr Organisationen. Vor zirka vier Jahren wurde die österreichische Landesorganisation zerschlagen. Unter der Vorgabe „spezifischer“ Interessen der einzelnen Kronländer wurde das jüdische Österreich in drei Teile zerrissen. In Lemberg und Czernowitz haben sich Zentralen etabliert, und bei einigen ist heute gär die Lust vorhanden, Gründungen in Böhmen oder Mähren folgen zu lassen. „Spezifische“ Interessen der einzelnen Krönländer werden natürlich wieder ins Treffen geführt. Indem wir unbedingt auf der Idee der nationalen Einheit der Juden in Österreich verharren, leugnen wir das Be-, stehen von „spezifischen“ Krönlan'dsinteressen, die sich nicht im Rahmen einer straffen einheitlichen österreichischen Organisation b efri e digen lassen. Wir beharren auf der Forderung