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Jüdische Zeitung · 1911-09-22 · 38 (22.9.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
38 (22.9.1911)
Date
1911-09-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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33SSE JE™L -JÜDISCHE!] OfflN ggg JÜDISCHE ZEITUNG Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inserate naufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich Von »! —12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Für das übrige eKleBacsscsscescBQcaocaocao Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. czocaocaacgacaocapcancaocao Nr. 38. Wien, Freitag den 22. September 191t. V. Jahrgang Jüdischer Volksverein für die Leopoidsladt. 1X . — Jüdische Mitbürger! Die letzten Reichsratswahlen, haben bewiesen, daß sich auch in der Leopoldstadt die Erkenntnis^. von der Notwendigkeit einer Jüdischen Organisation Bahn gebrochen hat, daß eine Zusammenfassung aller jüdischen Elemente von vielen sehnlich erwünscht und freudig begrüßt wird. Die Leopoldstadt, welche izufolge der Zahl und Art ihrer jüdischen Bewohner den Kernpunkt jüdischen Lebens in Wien und ganz Oesterreich repräsentieren soll, konnte dieser Aufgabe bisher nicht gerecht werden, wiel ihr jede Organisation und würdige Vertretung fehlte. Die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte dieses Bezirkes wurden bisher im Dienste unbedeutender und grundsatzloser Parteien und Fraktionen verzettelt. In wirtschaftlicher Hinsicht wurde so gut wie nichts geleistet, in nationaler Hinsicht einer törichten und schädlichen Deutschtümelei gehuldigt. Ueber leere Phrasen kam man nicht hinaus, für die wirtschaftlichen und nationalen Interessen der Juden in der Leopoldstadt wurde nichts geleistet. Unsere neue Organisation, der Jüdische Volksveieln für die Leopoldstadt, soll gründlichen Wandel schaffen. Auf dem Boden der jüdischen Nationalität stehend, "bezweckt er die Hebung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lage der Juden in ganz Oesterreich. Mittel zur Erreichung dieses Zweckes sind : Zielbewußte Agitation für die tatsächlich und vollständige Gleichberechtigung der Juden mit allen Nationen und Konfessionen des Reiches. Ehrliche Arbeit für die endliche Versühnung der ...Völker—in -Oester reic^f^vekhe-- lediglich durch Einführung der nationalen Autonomie für alle Völker, die Juden inbegriffen, Zustandekommen kann. Förderung der Erwerbstätigkeit seiner Mitglieder. Errichtung von jüdischen Spar- und Vorschußkassen. Förderung aller genossenschaftlichen Bestrebungen. Rechtsschutz. Gewährung unentgeltlicher R e c h t s h i 1 t\e‘ an die Mitglieder, falls diese in ihren wirtschaftlichen oder politischen Rechten als Juden gekränkt werden. Pflege der nationalen Kultur, moderne nationale Erziehung. Gründung von Volksbibliotheken und Lesehallen, Errichtung von jüdischen und allgemeinen Lehrkursen. Verbreitung der Kenntnisse der nationalen Geschichte und Sprache. Errichtung eines jüdischen Volkshauses in der Leopoldstadt als Mittelpunkt des nationalen Lebens der Juden in der Leopoldstadt. Publizistische Vertretung der Interessen des Vereines und seines Programmes durch ein modern und ehrlich geleitetes jüdisches Organ, welches alle Mitglieder zu minimalem Preise beziehen können. Vorbereitende Arbeit für die Schaffung einer jüdischen Tagespresse. Jüdische Mitbürger! Wer an der Verwirklichung dieses, das Interesse unseres Volkes fördernden Programmes mitarbeiten will, der trete dem neugegründeten Jüdischen Volksvereine für die Leopoldstadt bei. Beitrittserklärungen und Anfragen sind bis aut weiteres an die Adresse des Herrn Dr. Wolfmann, II., Förstergasse 3, zu richten. Auch sind Auskünfte bei den Vertrauensmännern des Vereines und der Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ einzuholen. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Allen unseren Lesern und Gesinnungs - Genossen entbietet die besten Glückwünsche zu 567* fWH Die Jüdische Zeitung“. Das Jahr 5671. Der Jude zieht am Neujahrstage die Bilanz des vergangenen Jahres, ln inbrünstigem Gebete fleht er um Vergebung der Sünden, welche sein Volk im abgelaufenen Jahre begangen hat. Es ziemt sich, das neue Jahr mit einer Rückschau über die Begebenheiten des vergangoti^nßitTzulerten. ... - . 'ln R u ß l a n d. wö mehr als die 'Hälffe^un’-' seres Volkes schmachtet, hat das Jahr 5671 keine Verbesserung der jüdischen Lage gebrächt. Das Gesetz über die Aufhebung des Ansiedlungsrayons fand in einer Dumakommission sein Grab, und wird wahrscheinlich nie ans Tageslicht gelangen. Der gesellschaftliche Antisemitismus und der Judenhass des Pöbels stiegen infolge des Ritualmordmärchens Juschtschinski. Die Prozentnorm für jüdische Studenten wurde strenger als je gehandhabt. Die Zahl der Ausweisungen mehrte sich in entsetzlicher Weise. Die Nationalisierung des Kreditwesens schränkte den ohnehin geringen Spielraum ‘jüdischen Wirtschaftslebens ein. Die jüdischen Kultur- und Bildungsvereine—wurden aufgelöst und die Sammeltätigkeit des jüdischen Nationalfonds verboten. Die zionistische Bewegung wurde als staatsgefährlich gestempelt und den russischen Juden untersagt, bessere Zeiten auch nur zu erhoffen. Allerdings fand der Urheber dieser Verfolgungen, der „Ordnuhgsmann“ Stolypin, das verdiente Ende. Sein Tod aber bedeutet für unsere Brüder in Rußland vermehrten Schrecken und allzubegründete Angst vor Pogromen. Auch in Oesterreich ist die Lage der Juden trotz der Niederlage der Christlichsozialen in Wien nicht besser geworden, ln Galizien machte die berüchtigte Schänkerverordnung tausende von Juden brotlos. Die Judenenqüete in Lemberg nahm sich neben den Repressalien der Verwaltungsbehörden und angesichts der brotlosen Schanker wie ein Hohn aus. Parallel mit den Repressalien auf wirtschaftlichem Gebiete ging in Galizien die politische Verfolgung. Die allgemeine Volkszählung bot dem galizischen Statthalter Gelegenheit, an 'allen;, welche „jüdisch“ als Umgangssprache angaben, sein Mütchen zu kühlen.^Die Durchführung der Reichsratswahlen und die Morde in Drohobycz waren nichts als Bekundungen desselben automatischen Systems, welches jede selbständige Regung des jüdischen Volkes mit brutaler Gewalt unterdrückt. In der Bukowina erzielten wohl die Jüdischnationalen bei den Landtagswahlen einen großen Erfolg. Die Uneinigkeit im jüdischen Lager schlug aber den jüdischen Manen empfindliche Wunden und war eine der Ursachen, derzufolge das zweite städtische Reichsratsmandat nicht einem Juden, sondern einem Antisemiten zufiel. In Wien hat der jüdisch-nationale Gedanke Fortschritte gemacht, in wirtschaftlicher Hinsicht aber haben sich die Verhältnisse der Juden verschlechtert. Wohl ist das Hausiergesetz' nicht ins Leben getreten; im Abgeordnetenhause hat sich jedoch eine Mehrheit für diesen fluchwürdigen Anschlag auf die Existenz von tausenden Familien gefunden. _In Ungarn ist der Antisemitismus längst gesellschaftsfähig geworden. Die antisemitische Volkspartei wächst von Tag zu Tag; antisemitische Angriffe im Parlamente sind nunmehr eine gewöhnliche Erscheinung. Die Haltung der Juden angesichts dieser Zustände ist erbärmlich: noch immer spielen sie die Rolle vom Patentmagyaren und verschließen vor der kommenden christlichsozialen Aera die Augen. In den anderen europäischen Staaten sind die Verhältnisse dieselben geblieben. In Rumänien geht es den Juden unter dem liberalen Kabinette ebenso schlecht, wie unter dem antisemitischen Regime. In Deutschlandist der Antisemitismus sogar in der sozialdemokratischen Partei Mode geworden. So wußten die Genossen der Rosa Luxemburg auf dem Jenaer Parteitag nichts entsprechenderes zuzurufen als „polnischjüdische Gemeinheit“. Der Auflösungsprozeß der deutschen Judenheit manifestiert sich wohl am lichsten in der stetig zunehmenden Anzahl von Mischehen und Judentaufen, wodurch ein modernes Maramentum geschaffen und die Lage der ungetauften Juden nur noch verschlechtert wird. Das freie England brachte; junsj heuer neben mehrfachen Erschwerungen der Einwanderungen von Juden einen Pogrjpm, wodurch erwiesen ward, daß bezüglich der Juden die zivilisierten Engländer ebenso fühlen wie die barbarischen Russen. Im zukünftigen jüdischen Zentrum des Golus, in Amerika, regt sich der Judenhass in deutlicher Weise. Gesellschaftlich wurden dort die Juden nie alsg leichwertig betrachtet, jetzt setzt auch die wirtschaftliche und politische Judäophobie ein. Juden werden, weil sie Juden sind, nicht zu Offizieren befördert; die Einw.anderungskommission besieht sich jeden Juden dreimal, bevor sie ihn ins Land läßt.

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