Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1911-09-15 · 37 (15.9.1911) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2438141-2438327-2438364--2616-2442310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG ' :; - z - Nr. 37 iif- '(* tri TT 7 und jenseitsr4er;^eithaj sondern.jauch.;,fur dein; -iFriiidea ^«-rid; :^das Gleidi'gewicht Europas. ‘Aber "wohlgemerkt ein s.-o 1 c h,e s . Österreich, welches der H 0;r t der Fr je iheil -^und 'Sozialen. Gerechtigkeit, der nationalen und r e 1 i gi-: <ö se-h Gleichberechtigung aller seiner Bewohnerist. Dieser neu österreichische Standpunkt steht in starrem Gegensätze sowohl, zu den,’ altwie zu den antiösterreichischen -Bestrebungen, die einander großgezogen undrgestützt haben. Er bedeutet, den vollständigen. Bruch; -mit -allen toten Staatsrechten, die im gleichen Maße mit dem modernen österreichischen. Reichsgedanken, wie mit den natürlichen Rechten sämtlicher Reichs- Völker auf nationale Autonomie unvereinbar sind.= Als im Jahre 1867 die heutige Verfassung' ins Leben trat, glaubte man mittels derselben in Zisleithanien die deutsche, inTransleithanien die magy arische Vorherrschaft verewigen zu können. - ’ - Durch die Einführung des allgemeinen, .gleichen und geheimen Wahlrechtes, ist diesseits der Leitha ein für allemal jede einseitig deutsche Herrschaft unmöglich gemacht worden und auch in Ungarn wird das magyarische ’ Oligarchenregime an dem Tage seinem Ende entgegengehen, an welchem auf Grund des suffrage universelle die Be völkerung zur Wahlurne schreiten wird. Nicht nur das alte zentralistische System Bachs und Schmerlings ist für immer tot, auch das Werk des Sachsen - B e u s t, der d u a I i s t i s ch e D o p pelzen! ralismus hat sich nicht bewährt und wird in nicht allzu ferner Zeit . der — Vergangenheit angehören. Aber die Erfahrungen, die man mit ■ der Dezentralisierung des Reiches und mit der Ersetzung des Wiener Zentralismus durch den Pest er und Lemberger Zentralismus gemacht hat, lassen es keineswegs verlockend erscheinen, nach dem Programm der böhmischen - und polnischen Staatsrechtler die deutschtschechische und polnisch - ruthenische Frage zu lösen, und die Minoritäten in den gemischtsprachigen Ländern den jeweiligen Landtagsmajoritäten auf Gnade und Ungnade auszuliefern. Nein, die L ä n d e r a u t o n o m i e bedeutet eb ens cfwen ig eine Lösung der Üh Hl Nationalitätenfrage der Monarchie als der Dualismus i oder der Zehtj^ismüsV,: t , Es muß, vielmehr der richte Mittelweg zw ifs.c h e n d e m; Z e n t r a 1 i sm us und ,Fö d er.al is m us. er sf r ebt wer den, ^3. h. eine Verfassung, die gleich-i .mäßig den Ansprüchen 4er R e i c h s e i n-;h e 11 wie .der, n atiö'nalen G1 ei ch-| berechtigung entspricht. Das Donäufeich benötigt eine neue:; R ei chsverfassung, die nicht auf dem Prinzipe 3 er Herrschaft und Zweiteilung, sondern auf der Basis der Äjitonomje und A s s o c iat ioii aufgebaut ist. Der Staat des XX. Jahrhunderts muß K u 11 u r- und W i r t s cha f t s s t a a t sein, soll er den Ansprüchen seiner Bürger genügen. Gilt dies für jeden Staat, so ganz besonders für J u n g ö s t e r r e i c h, das umsomehr allen seinen Bewohnern die w eitgehendste poIitis ch e Fr eilt e i t u n d materielle Wohlfahrt zuteil werden lassen muß, als es weder eine nationale, noch eine religiöse, noch eine kapitalistische Staatsidee haben kann,_ sondern die Unterordnung aller nationalen, konfessionellen und Klassensonderinteressen unter die gemeinsame großösterreichische Reichsidee fordern muß. Alle chauvinistischen Parteien in Cis und Trans, welche den Frieden in der Monarchie systematisch untergraben, sind bis in die Knochen reaktionär, obwohl sie sich „freisinnig“ und „demokratisch“ zu nennen belieben; sie steuern direkt oder indirekt auf die Zertrümmerung Österreichs hinaus, auch wenn sie sich als pa- : tentierte Pächter des österreichischen Staats- | gedankens geberden, j Ja, noch mehr, sie gefährden nicht nur i den Frieden in Österreich, sondern auch j den Frieden Eurapas. . j Das' österreichische Problem ist eben ein europäisches; die Anbahnung j des Völkerfriedens im Donaüreiche ermöglicht auch den Frieden zwischen Germanen, Slaven und Romanen im übrigen Europa; die Verewigung des Völkerstreites im Häbsburgerstaate kann hingegen zum e uropäischen Brande, zum Weltkriege führen, der Hekatomben jüdischen Blutes kosten würde. Unter diesen Umständen ist für den Bestand Österreichs die Herstellung des Völkerfriedens unerläßlich und tatsächlich sind die Kämpfe in der Habsburger Monarchie seit dem Jahre 1848 bis 1p, : 1 * <t KS.5-; - ’X'C zur •Geg^äwiiVt.ih i c ht;Kämpfe. gägen die;^sternemhisciie^Reichsjclefe, sondern Kämpfe ■g ejg e ii. d i:e b e steji eh d e dualistiische’ S.t ara ts v e ui ä s s uh g, Kämpfe um die Macht im Staate. /• - ... IV. . ... - DieNotwendigkeit einer national-autonomistischeri . Verfassungsrevision. Wenn also 4er Bestand Österreichs für seine Völker eine Lebensfrage ist, wenn die Monarchie auf den bisherigen Ver fassungsgrundlagen, wie die Entwicklung seit 44 Jahren zeigt, sich n i c h t konsolidieren kann, dann ergibt sich die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung im Sinne der nationalen Autonomie'von selbst Tatsächlich wurde sie stückweise, ja in Mähren und der Bukowina durch Einführung der nationalen Kataster — leider mit Übergehung d e r J u’d e n — durchgeführt, und dadurch wurden auch die Reibungsflächen zwischen den einzelnen Nationen bedeutend vermindert. In der Schule, die nichts anderes sei, darf als ein Bildungsmittel, muß jede» V o.l k, unbehindert von allen anderen autonom sein, es muß aber die Kosten derselben aus den Steuern der Volks:- genossen auch decken. Gerade die 7 Schulfragen und ihre bisherige p a r t e i m ä ß i g e Behandlung waren bisher nur zu oft die Veranlassung von parlamentarischen Wirren und boten immer von neuem den nationalen Chauvinisten aller Völker Gelegenheit, die nationalen Leidenschaften bis zur Gluthitze anzufachen. Bald war es eine tschechische Universität, dann wieder ist es die Forderung nach einer italienischen oder rut h e n i s c h e n Universität, welche die Gemüter erhitzt. Ja, wir haben es sogar erlebt, ., daß wegen Errichtung eines Gymnasiums in C i 11 i die erbittertsten parlamentarischen Kämpfe geführt wurden! . Diese Zustände sind einfach unhaltbar, aber sie werden solange nicht beseitigt werden, als nicht die jetzige "unnatür- 1 i c h e Verfassung verschwindet, welche es ermöglicht, daß Angehörige des einen Volkes über die Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit von Schulen anderer Völker entscheiden. Mit welchem Rechte kann man z. B. von polnischer Seite den Ruthenen eine ruthenische Universität, ' von deutscher und slavischer Seite eine ita- Kleines Feuilleton. Jüdische Pilger in Marokko. In einem Berichte der „Alliance Israelite Universelle“ in Paris aus Marokko findet sich die folgende interessante' Schilderung der Pilger fahrt der marokkanischen Juden in der Zeit des jüdischen Pessach und Sdhewuoss des letzten Jahres. InNäzzan, das neben dem Flusse- Sebu und der Stadt Nazar liegt, befindet sich die letzte; Ruhestätte des heiligen Mannes Abbi Amram. Die Juden von Larache, Alcazar, Aszila, Mekincz, selbst von Fez pilgern zu seinem Grabe. Vom ersten Omertage ängefangen, bemerkt man eine Bewegung unter diesen Juden, die sich zu langen - Karawanen von Tausenden von Pilgern grup- ■ pieren. Da das wie heilig verehrte Grab sich nicht in Nazzan selbst, sondern einige Kilo-j meter von der Ortschaft entfernt befindet, führen die Besucher Proviant für mehrere Tage mit sich. Jung und Alt, vom Großvater bis zum £nkelkind, alles zieht hin, um dort in Zelten zu lagern und die ganze Zeit in frommem, inbrünstigem Gebet zu verbringen. Im letzten Jahre sind 6000 jüdische Pilger zu dem Grabe des Rabbi Ämram gezogen. Ihr Glaube ist so tief und unerschütterlich, daß sie, heimgekehrt an ihren : Familienherde, es jedem, der es hören will, haarklein erzählen,- wie der Heilige ihre Bitten erhört und erfüllt hat. Von den zahllosen Wundertaten, deren Ge-! schichte im Volke zirkuliert, sei hier eine erzählt, die auf die Gläubigen den mächtigsten Eindrude geübt und sie in ihrem Glauben bestärkt hat. j Zwei Kinder,' das eine gelähmt, das andere stumm, wurden aut den Grabstein des Rabbi Amram gelegt. Ein Dutzend von den Familien der kranken Kinder beigestellte Rabbiner verbringen den ganzen Tag im Gebet. Angstvoll steht die Menge umltfas Grab herum, überzeugt, daß der Verehrte im Grabe die Gebete der Rabbiner erhören und das erhoffte Wunder vollführen werde. Aber die Nacht sinkt herab und die armen Kleinen liegen, noch immer gelähmt und stumm aut dem Grabe. Die Mehrzahl der. Gläubigen hat sich unter die Zelte zurückgezogen, als gegen Mitternacht diejenigen, die bei den kranken Kindern Wache hielten, sehen, wie das gelähmte Kind sich erhebt, um zu seinen Angehörigen in das Zelt zp gehen. Es entsteht Tumult, Aufregung, man ruft das Wunder aus, alles ist aut .den. Beinen und niemand denkt an das stumme Kind. Dieses bleibt ■ allein, sich selbst überlassen, ruft mit einemmale seinen bisherigen Leiderisgenössen beim Namen. Der Heilige hat beide geheilt ... Seither bildet diese Wundertat das. Tagesgespräch in der Stadt. Amüsanter ist der Fall des Rabbiners, dem nadh langem Beten die Wunderkraft zuteil ward, niemals weniger als einen halben Duro (ein Geldstück) in seiner Tasche zu haben. Unsere braven Glaubensbrüder, die an diese Wunderkraft glaubten, nehmen seit jener Zeit den Rat und die Interverition dieses Rabbiners häufiger in Anspruch,- und sorgen dafür, daß die Verheißung in Erfüllungg ehe und dem frommen' Manne der halbe Duro niemals fehle. . Ist eine Bitte erfüllt und das Wunder geschehen, so beginnt das Festinahl. Die betreffenden Familien holen ihren reichlichen Proviant hervor, Hammel werden geschlachtet, Wein und Feigenlikör kredenzt. Nach dem reichlichen Mahle und dem hieraut folgenden langen Schläfe geht der Zug an den neben dem Grabe befindlichen sumptartigen Teich „El agna del santo“ (Wasser des Heiligen) genannt, vorüber. Man streicht die eingetäuchten Finger über die Gliedmaßen des eigenen Körpers, womit vom Körper jedes Unheil abgewendet werden soll. Besonders die Frauen, noch unwissender als ihre-Ehehälften, sind es, die dem „Heiligen im Grabe“ eine große wundertätige: Macht , zuschreiben, und wehe dem, der an ihr zu zweifeln \vagt. Die jüdischen Frauen in Marokko leben, mit Ausnahme einiger weniger europäisierter: Familien in völliger klösterlicher Zurückgezogenheit. Nur selten sieht man eine Frau aus dem jüdischen Volke'.allein ausgehen, es sei denn an eiriem Feiertage. Die jüdische Frau im Innern Marokkos verbringt fast ihr ganzes Leben .in ihrer' Behausung .Nur wenn ihre. Ehe - unfruchtbar geblieben und sie ein Gelübde macht, zum Grabe des Rabbi-Amram zu pilgern, geht sie mit Erlaubnis ihres Mannes ganz allein den weiten Weg nach Nazzan. Wie sehr der Glaube an die wundertätige Kraft des- Grabes von Nazzan Und des „Wassers des Heiligen“ im Volke-lebt, geht, aus einer Bemerkung eines marokkanischen. Arztes; hervor, der': sa^e: „Ich. selbstr.habeschon Kranke an das Grab des Rabbi Amram geschickt, gegen deren Nervenleiden. die Wissenschaft machtlos war, und ich leugne nicht, daß die Kranken in vielen Fällen geheilt wiedergekehrt sind.“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.