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Jüdische Zeitung · 1911-09-15 · 37 (15.9.1911) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
37 (15.9.1911)
Date
1911-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. Nr. 37. Wien, Freitag den 15. September 191T. V. lahrgang Das korrekte England. Vor wenigen Jahrzehnten noch wurden in England Schafdiebe gehängt, Bankerotteure und Schuldner, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten oder wollten, wurden in den Schuldturm gesteckt und man ließ sie verhungern, buchstäblich ^verhungern, und wenn es sich auch nur um einen Schilling handelte. Denn keinem Volke ist das persönliche Eigentum, der Besitz des Nächsten so absolut heilig, wie dem korrekten englischen Volke. Wenn auch das Verfahren gemildert wurde, so steckt dem Briten noch heute diese Korrektheit tief in den Knochen. Und ebenso heilig ist ihm die persönliche Freiheit In seinem .Schlosse und in seiner Hütte ist er unumschränkter Herr. Gegen seinen Willen darf niemand die Grenzen seines Besitzes überschreiten, und sei es der Vertreter der höchsten Regierungsgewalt. Es gab englische Könige, die nicht dran glauben wollten. Sie mußten "JdenrUnglauben teuer büßen. Ihre korrek- 'ten Untertanen Haben sie um einen Kopf kürzer gemacht. Und nun kommt uns die Kunde, daß diese selben korrekten Engländer am helllichten Tage in jüdische Kaufläden eindringen, die Besitzer verjagen, alles was nicht niet- und nagelfest ist, stehlen und wegschleppen, den Rest zertrümmern sie. Nicht in besinnungsloser Wut, nein, hübsch vorbedacht. Sie halten erst Beratungen in der Kirche und in öffentlichen Lokalen ab, führen Wagen mit sich, diese praktischen Engländer, um die Beute besser fortschaffen zn können, streng methodisch, mit englischer Genauigkeit geht es da zu. Und sie sind beileibe kein zusammengetriebenes Gesindel, die Herren Plünderer. Gut situierte Bürger, Gentlemans und Ladies., haben wacker mitgestohien und mitgeplündert Man kann sich das alles nicht erklären. Pogroms in England! Einfach unfaßbar! Und doch ist die Lösung so einfach. Ein Prozeß der sich im Laufe zweier Jahrtausende so oft entwickelt hat, geht nun in Englard vor sich. Uns Juden gegenüber werden höchststehende Menschen 'zu Barbaren. Da * nützt keine Zivilisation, keine Bildung, keine große Vergangenheit, keine gute Veranlagung, die Bestie triumphiert. Was hat doch die Dreyfusaffaire aus den liebenswürdigen, ritterlichen Franzosen gemacht! Wie gemein, hinterlistig und feige wird doch der rechtschaffene, wackere Deutsche, wenn es sich um Juden handelt, wie grausam und bestialisch der gutmütige russische Bauer, wie brutal und reaktionär der polnische uud der finnische Freiheitskämpfer, welcher bei der zarischen Regierung um Ausnahmsgesetze gegen die Juden bettelt! In England ist kein Wunder geschehen. Es hat sich nur gezeigt, daß auch der stolze Engländer über den traurigen Judenzauber nicht erhaben ist, er unterliegt seiner Macht, wie die anderen. Er ist zur Bestie geworden, wo alles zur Bestie wird. England hat einst einen herrlichen Fürsten besessen, Richard Löwenherz, den Spiegel aller ritterlichen Tugenden, hochherzig, edel, tapfer, grimmig und ehern, wenn starke .Feinde ihm den Weg vertraten, sanft und gut, wenn Freunde und Schwache sich ihm nahten So schildert ihn die Geschichte. Wir Juden aber wissen es besser. Wir haben ihn als feigen Strauchdieb und herzlosen Lumpen kennen gelernt. Der edle, stolze, ritterliche Fürst ließ jüdische Greise und Weiber auf die Folter spannen, ließ ihnen die Zähne ausreißen, hübsch langsam und einen nach dem anderen, ließ ihnen die Glieder brechen, bis sie ihm „freiwillig-1 ihr Geld auslieferten. Er tat das oft und gern. Für alle'Welt war er der Tugendbold, für uns der Schurke. Für alle Welt ist England ein leuchtendes Vorbild, repräsentiert den Triumph der Zivilisation, der Freiheitsliebe und Gerechtig-, keit, für uns ist es nunmehr ein Land, wie andere Länder, wie : Rußland-und Rumänien. Für die seichten liberalen Schwätzer sind diese Ereignisse ein schwerer Schlag. Sie betrachten den Antisemitismus sozusagen über die Achsel, als ein Produkt der Unkultur, das mit dem Fortschritte schwinden muß. Zivilisierte Menschen können nicht Judenhasser sein! Nun ‘muß gerade im kultiviertesten, im zivilisiertesten europäischen Staate, in England, dieser mißachtete Antisemitismus seine Auferstehung feiern. Und nicht etwa in der feineren Form des gesellschaftlichen Boykotts, nein, in der barbarischesten, ä la Russe. Wir Zionisten feiern wieder einen traurigen Sieg. Die Tagesgeschichte hat wieder einmal die Richtigkeit unser Anschauung erhärtet. Der schwache Fremdling fordert den lieben Nächsten zur Gewalttätigkeit heraus. Kultur und Zivilisation können den Ausbruch verzögern, aber nicht dauernd verhindern. Und so lange wir Juden als schwache Fremdlinge den anderen gegenüberstehen, so lange werden wir nicht Rast und Ruhe finden. Unsere Schutz- und Hilflosigkeit ist ein Lockung zur Barbarei und der englische Gentleman vermag ihr ebensowenig zu widerstehen, wie der russische Bauer. Die politische Lage in Österreich und die Juden. Von Dr. K. III. Unmögliche Lösungen der Nationalitätenfrage. Seit Jahrzehnten sind in den verschiedensten Teilen des Reiches Versuche gemacht, und auchvon assimilatorischjüdischer Seite gefördert worden, die darin gipfelten, die einzelnen Nationalitätenfragen der Monarchie, die deutschtschechische, die polnisch-ruthenische, die ungarische, die südslawische etc. getrennt zu lösen. Alle diese Versuche sind gescheitert, weil diese Fragen nur in i h r e r G e s a m theit, nach einer einheitlichen Methode lösbar sind. Es ist ein unhaltbarer Standpunkt; wenn die deutschbürgerlichen Gruppen die nationale Abgrenzung in Böhmen erstreben, ihr in Mähren zustimmen, sie aber in Steiermark und Tirol ablehn e n- Was sie von den Tschechen fordern, verweigern sie den Slowenen und Italienern, als — Landeszerreißung. Aber umgekehrt perhorreszieren die böhmischen -Staatsrechtler die von den deutschbürgerlichen Gruppen begehrte nationale Abgrenzung als Zerreißung des „glorreichen Königreiches Böhmen“, fordern jedoch für die Tschechen Wiens und Niederösterreichs die — nationale Autonomie. Genau so machen es auch die allpolnischen und magyarischen Chauvinisten. Die ersteren begehren einerseits eine Erweiterung — der ohnedies genügend weit reichenden — galizischen Landesautonom i e,v erweigern aberanderseits den galizischen Juden, Ruthenen und Deutschen jede nationale Autonomie. Ganz nach dem Vorbilde der allpolnischen Chauvinisten treten die ma g y arisch-oligarchischen Parteien auf. Sie kämpfen unaufhörlich gegen den Wiener Zentralismus an, vergewaltigen aber unter der Firma des „einheitlichen ungarischen Nationalstaates“ seit dem Jahre 1807, die deute h-rumänisch-slawische Bevölkerungsmehrheit und insbesondere dieAutonomie Kroatiens. Alle diese Standpunkte sind auf die Dauer unhaltbar und gleichmäßig unvereinbar mit den Existenzbedingungen Gesamtösterreichs und denen seiner Völker. Der Monarchie der Habsburger kann weder als Gesamtreich, noch in ihren einzelnen Gebieten (abgesehen von einzelnen einsprachigen Kronländern) ein einheitlich nationaler Stempel aufgedrückt werden; denn jede nationale Vergewaltigung, sei sie nun Germanisierung, Czechisierung, Polenisierung, Verwelschung oder Magyarisieiung muß die national Vergwaltigten dem österreichischen Reichsgedanken entfremden, und so künstlich eine antiö-sterreichische Irridenta züchten. Tatsächlich haben periodisch die sogenannten a 1 t-österreichischen Parteien in verschiedenen Gebieten der Monarchie a ntiösterreichische Gruppen großgezogen, die freilich bald von der politischen Bildfläche verschwanden, weil eben Österreich, wie bereits sz. Bismarck, Palacky, C. r i s p i, schon betonten, eine Notwendigkeit ist, nicht nur für alle Völker dies-

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