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Jüdische Zeitung · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr: 36 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 teratur einen Ehrenplatz einnehmen könnten, und wir haben , ein hochbegeistertes Publikum. Sie hätten unsere Versammlungen sehen sollen, die Tausende unserer Jugend, die unsere Zukunft bildet! Ich erwähne die hundert Gedenkfeier Versammlungen im Todesjahre Smolenskis, die Trauerkundgebungen für L i I ie nb 1 um, Lewinsky und Sdheter, das Jubiläum unseres Mendele, die imposante Harkavi-Feier und viele .andere, -wo es sich zeigte, wie das» Volk wieder begonnen hat zu verstehen, wo seine Kraft liegt. Wir besitzen Verlagsgesell-» schafften; Achjasaf hat Bedeutendes geleistet; •Tusdhijah, Biblotheka Hagedolah Ben-Avigdors entfaltete ynit bewundernswerter Ausdauer eine vielseitige Tätigkeit, besonders aut dem Ge-' biete der Schul- und Lehrbücher, die Odessaer Morijah hat Gediegenes geschaffen; die moderne Literatur findet bei Safrus, Jugend- und Kinderliteratur bei Haor, Haciiinuch und kunstvolle Uebersetzungen bei Meturgeman sorgfältige Berücksichtigung. Jener Teil des Schrifttums,, der denn Leben am nächsten steht, die Publizistik, entwickelt sich nicht weniger. Die Tageszeitung Hazefirah hat ihret alten Leserkreis wieder gefunden, der Heed H a s m a n kämpft augenblicklich mit Schwierigkeiten, die er aber überwinden wird, der H as c h i 1 o a c h gdeiht und in Palästina erscheinen die alten und häuten sich atue Zeitschriften und Broschürenserien, die uns das Unmittelbarste Vermitteln, den Erdgeruch Palästinas. Und der Milon Ben-Jehudas, dieses unglaubliche Riesenunternehmen eines Einzelnen, schreitet vorwärts. Ich -könnte auch noch unseren alten wackeren Verein Mekize Nirdamim erwähnen, der in den letzten Jahren die Herausgabe alter Manuskripte imit großer Tüchtigkeit zu betreiben begann, aber ich kann hier nicht vollständig sein. Und_ spricht man von Arbeit, so soll es - gesagt werden: Nirgends sehen wir eine so unentwegt systematische Arbeit, die sich Achtung erzwingt, nirgends so konsequent durchgeführte Bemühungen, wie aut dem Gebiete unserer Volkskultur. L . Seht euch dochdie Fortschritte der! hebräischen Redesprache an! War noch vor einigen Dezennien der Träger (der hebräischen Literatur der hausierende Mechabber, so war der Vertreter der hebräischen Rede der exotische Meschulach oder der Wunderrabbi an Sabbattagen — etwas Weltfremdes^ Abenteuerliches. Wir selbst haben diese Entwickelung durchgemacht, wir selbst haben an ihr imitgeschaffen. Ich erinnere mich, als ich vor dreißig Jahren in einer Versammlung hebräisch sprach, sagte mir •ein kritisch gerichteter Freund: Sie sind ein ■Träumer .— meschugge wollte er sagen, nur wählte er ein milderes Wort. Vor zehn Jahren Sagte;er mir bei ähnlicher Gelegenheit: Sie sind ein Poet, und jetzt macht er mir Komplimente, ich sei ein Prophet gewesen. Nein, lieber Freund ■— nur ein ganz gewöhnlicher Jude, nur ganz ungekünstelte freilich nicht dumme Juden waren, wir alle, die sagten: Ohne Rede wird der Sprachleib zum Sprachleichnam und ist die Schriftsprache die höphste Anwaltschaft der Sprecheinheit, so bleibt die gesprochene Sprache der dazu (höchst :nötige Lebensstrom. Wir begannen zu sprechen und viele lachten. Hier in Basel sagte mir jemand aut einem der ersten Kongresse, er habe den Eindruck, als ob ich zu ihm ‘,,dawente“ (orte) — die Töne klangen ihm so synagogal. Schaut Euch jetzt um und Ihr werdet sehen, wohin die Linie zionistischer Entwicklung läuft! Wir hatten „Safa-Brurah-Vereine“, wir haben jetzt in Rußland gegen fünfzig „C h owewe-Sfas-Ewer-Verein e“, wir arbeiten ■zuletzt an der „Histadruth Lesafah Uletarbuth Ibrith“ und „Hatechijah“ — eine große hebräische Verlagsgesellschaft, bei der sich (große Mäzene hebräischen Schrifttums zusammenfinden, soll gegründet werden. Ich könnte sagen: Nach so wenigen Jahren des Wirkens sind unsere Erfolge größer fast, als vorher kühnste Hoffnung erwarten konnte. Wo in der Welt ist eine alte Sprache im Laute einiger Dezennien lebendig gewor en?Ich könnte sagen, wir, die national-kulturellen Zionisten, sind zu einer Macht herangewachsen, mit der man wohl oder übel rechnen muß, und die nicht weit hinter uns liegenden "Zeiten sind grüridlich! vorbei, wo man wähnen durfte, man könne diese Bewegung totschweigen oder mit ein paar seichten Späßchen abtertigen. Diese Sachlage bezeichnet gewiß einen höchst erfreulichen Fortschritt. Zugleich aber erwächst aus ihr die ernste und dringliche Mahnung, daß wir nun um so fester halten an. den Grundsätzen, denen wir unsere bisherigen Erfolge verdanken. Ich gehöre nicht zu den Zufriedenen. Ist es auch unter uns Zionisten in dieser Beziehung 'etwas .besser geworden — „was sind wir, wenn wir allein sind?“ Wir müssen ja das ganze Volk gewinnen — und draußen sieht es düster aus mit dem jüdischen Nationalbewußtsein und mit der Nationalsprache! Im Westen ist Hebräisch eine Reliquie, in Rußland — ist es bedroht. Die gelehrten Vertreter der Wissenschaft des Judentums schreiben in allen möglichen Sprachen, hur nicht in ihrer eigenen. Die jüdischen Gemeinden führen .ihre Bücher und ihre Korrespondenz in allen Sprachen der Welt, nur nicht in ihrer eigenen. Man müßte ein Mezzotanti sein, um die Chronik des jüdischen Lebens in letzter Zeit noch verfolgen;zu' können. Wir verstehen einander nicht mehr und damit ist alles aufgelöst. Der Mangel einer gemeinsamen Sprache die hebräische Slprachenentfremdung ist die größte unserer .Schwächen. Hier müssen wir eingreifen, hier gilt es national zu wirken und Zionismus zu schaffen. Viel geistige Tat und viele materielle Mittel sind erforderlich, um das Ziel Zu erreichen; deshalb kann eine einzelne Institution nur wenig, eine einheitliche Bewegung aber Vieles und Großes erringen. Zunächst für Palästina — denn wo drückt sich der süße Klang unserer Sprache inniger laus, wo drängt sich ihre bezwingende Gewalt mächtiger zum Herzen, wo ist es so geboten und möglich, die gärige Sprache aufleben zu lassen wie dort? Aber wir. müssen auch hier alles anstreben, damit wir wenigstens einen Teil erreichen. Hochverehrter Kongreß! Der Worte sind genug gewechselt worden; wir wollen Taten sehen, aoer den Taten gehen Gedanken voran. Ich werde es versuchen eine Reihe von Thesen und (eine Reihe von Vorschlägen darzulegeri. Thesen. I. Die Verbreitung und Verlebendigung der hebräischen Sprache in Palästina, ihre Geltung —neben der Staatssprache — als Schrift- und Volkssprache, ihre Förderung und Verschönerung bilden einen integrierenden Teil unseres Arbeitsprogrammes. II. Die Hebräisierung des orientalischen Judentums durch Schulen, Vereine, öffentliche Vorträge etc. ist die dringendste KulturptliClrt des Zionismus. III. ln der Diaspora haben, nach unserer Auflassung, die Gemeinden die Pflicht, das jüdische Bewußtsein zu erhalten und zu kräftigen, da dieses Bewußtsein hauptsächlich in der hebräischen Sprache wurzelt, so ist diese Sprache mit allen erdenklichen Mitteln zu pflegen. Diejenigen von uns, die sich an Gemeindeleitu nge n beteiligen, naben die Pflicht, die Erkenntnis dieser Notwendigkeit durchdie W iedereinführungdes Hebräischen zur Tat zu gestalten. IV. Der Zionismus hat die Ehrenpflicht in all seinen Institutionen, Bureaux und Vereinen in dieser Beziehung vorbildlich zu wirken. 1 V. Jeder Verein hat für die Einrichtung von hebräischen Schulen und Sprachkursen zu sorgen und das Zentralbureau übernimmt die Pflicht, das (nötige Material zu lietern. Für die Erreichung dieser Zwecke stelle ich folgenden Antrag: Der X. Zionistenkongreß anerkennt die Notwendigkeit. einen hebräischen Schulverein zu gründen, der die Wiederbelebung der hebräischen Sprache als gemeinsamer Nationalsprache des jüdischen Volkes bezweckt. Dieser Zweck soll erreicht werden durch.- ia) Errichtung von hebräischen Freischulen, die nach Maßnahme der Mittel zunächst in den Großstädten errichtet werden und in denen der Unterricht unentgeltlich erteilt werden soll. Das Hebräische soll in diesen Freischulen wie eine lebende Sprache nach einem einheitlichen Lehrentwurt gelehrt werden. b) Vorbereitende Schritte zur Erhaltung bestehender Schulen und zur Gründung neuer hebräischen Mittel- und Hochschulen in Palästina und womöglich auch in der Diaspora. c) Drucklegung und Subventionierung hebräischer Lehr- und Lesebücher für den Gebrauch der Freischulen, der zu gründenden Lehranstalten- und des Privatunterrichts. Zur Deckung der Ausgaben nimmt der projektierte Verein jährliche Mitgliedbeiträge in Aussicht. Der Verein wird von Zionisten gegründet und wird vom Zentralbureau aus mit dem nötigen Material unterstützt. Außer dieser pädagogisch-kulturellen Arbeit müssen wir für die Sprache selbst sorgen. Auch in dieser Beziehung halte iCh es für notwendig, b^inäChst die Prinzipien aufzustellen und dann die sich hieraus ergebenden Anträge zu machen: Es ist unsere P-flicht,die Sprache zu wahren, sie vom Fremdartigen zu säubern und durch eine sorgfältige Entwicklung der in ihr vorhandenen Keime zu immer größerer Leistungsfähigkeit auszubilden. Unsere Sprache ist so reich, daßjnan selten .umsonst sucht, wenn man nur wirklich sudvt. Es fehlt vielen von uns nur leider viel zu sehr (an. traditionellem Wissen und nationalem Selbstgefühl; wir sind so sehr von anderen Kulturen abhängig, daß wir immer von demütiger Bewunderung vor dem Fremden uns erfüllen lassen, während wir vieles in unserem eigenen Schrifttum finden können. Es wird manches Gute geschaffen, aber oftmals stolpern wir über willkürliche und geschmacklose Novitäten. Es werden picht nur Sprachfehler, es werden auCh Sprachtrevel 'begangen. Die Wortbildnerei muß geregelt werden. Unsere nationale Sprache vereint reine Ursprünglichkeit und Weiterbildsamkeit und hohes Alter mit jugendlicher Frische. Sie ist ein Werk aus einem Guß und Fluß. In der Teilbarkeit, Versetzung und Zusammensetzung besitzt unsere Sprache eine Vielgestalt, die sich wendet ,und kehrt und nach allen möglichen Richtungen fortschreitet. Als Ursache hat sie eine Klarheit Zur Mitgift, die jeder Lehnsprache tnangelt. Sie ist anschaulich gebildet und lebt im> Anschauen. Sie senkt sich1 in die Tiefen des Gemütes, sie hat kindliche Einfalt treu bewahrt, ist bündig in der Darstellung, erbaulich in der Rede und kernig im Spruche. Sie läßt in Wissenschaft und Kunst niemals Kenner und Könner im Stich, sie kann, treu gepflegt, mit dem Entwicklungsgänge Schritt halten, für jede bessere Gestaltung unseres Volkes passen, für jede Lebensfülle (zureichend sein und mit dem1 Wachstum des Volkes an Bildsamkeit zunehmen. Nur müssen die Wortbildner aut die Llrgesetze der Sprache Rücksicht nehmen. Niemand hat Fug zu fragen: Hat schon jemand so gesagt? Man muß prüfen: Darf man so sagen? Ist es besser nicht auszudrücken? Man muß also zunächst den ganzen Sprachschatz kennen. Im Erwecken scheintoter Urwörter liegt eine wahre Mehrung und Sprachstärkung. Kein Wort ist für ausgestorben Zu achten. Begrabene Wurzeln, die noch grün sind und in vollem Wachstum neue Stämme, Aeste und Zweige treiben können, bringen Segen und Gedeihen. Jedes wieder in Gebrauch kommende Wort ist eine reichhaltige Quelle. Ein nicht zu veracht en des Hiltsmittel zur Bereicherung unseres Sprachschatzes bilden auch unsere hebr äischen Eigennamen — die Gesamtsprache hat hier Fundgruben und Hilfsquellen, die wahren Sparbüchsen und Notpfennige des Sprachschatzes. Das hebräische Namensystem ist das möglichst entwickelte und mit der feinsten Systematik durchgeführte. Alle unsere Namen hatten ursprünglich eine tiefe sinnvolle Bedeutung. Was unserer Ahnen Geist, Herz und Sinn erhob und bewegte, was ihnen hoch und hehr, groß und schön erschien, das ließen sie in den Namen wiederklingen,'die sie ihren Kindern alsbald nach der Geburt als erstes Angebinde, als dauernden Besitz und bleibenden Schmuck fürs Leben beilegten. Benützen wir diesen Stoff in der Sprache und nebenbei bemerkt: wagen wir es, uns auch wieder hebräisch zu nennen, auch wenn das gegenwärtig nicht üblich ist. Es gibt etwas Höheres als willenlose blinde Unterordnung unter das „Uebliche“, das ist ein erkanntes Uebel bekämpfen mit dem Mute der Tat Der Mensch kann, was er will. Wollen wir nur! Die Tatsache der Entjudung der Namen beruht aut der breiten Grundlage der Nachahmungssucht. Es ist wahrlich nicht schön, daß wir so oft und so bereitwillig unseren Vaternamen verleugnen, indem wir ihn umgestalten, verstümmeln und entstellen. Der Vatername ist doch für jeden anständigen Menschen, der anständiger Eltern Kind ist, auch ein Stück seiner angeborenen und angeerbten Ehre. Aber freilich die Verblendung und Hartsinnigh banka Filiale Wien i- Heppengasse 12. 4 Aktienkapital und Reserven: IC 95 Millionen. 0[ Wechselstuben ln Wien: 1. Herreng. 12, 11. Praters tr. 24, VII. Mariahilferstr. 84, X. Favoritenstrasse 95, XVI. Nenlerchenfelderstrasse 41. 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