Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 36 die Aufgabe zuteil, bei dem Festmahle einen •Toast auf Herrn v. Gutmann auszubringen. Bravo, Herr Generaldirektor! Die Sache war glänzend inszeniert und Sie haben nichts verg^ssen^ was herhalten muß, wenn die Reklametrommel für Sie gerührt wird. Für Sie überdieß ein billiger Spaß, denn das Geld dazu — das gibt der JudM Aus dem jüdischen Leben. Aus Boskowitz wird uns geschrieben: Seit 3Jahren arbeiten die hiesigen jüdisch-nationalen Korporationen, speziell die Ferialverbindung „Laetitia“, darauf hhln, den „Boskowitzer Turnverein", der bisher teils liberal, teils Indifferent war, jüdischnational zu machen. Die Vorarbeiten waren bereits geschehen und man hatte es durchzusetzen gewußt, die vorjährige Plenarversammlung dazu zu bewegen, dem Jüdischen Turnverbande beizutreten. Gestern nun sollten der Plenarversammlung die neuen Statuten vorgelegt und der Verein auf streng jüdisch-nationale Basis gestellt werden. Im Verlaufe der Versammlung drangen plötzlich einige Sozialdemokraten ein und versuchten die Versammlung zu stören. Nachdem sie durch einige kräftige Fäuste von unserer Seite eines besseren belehrt wurden, konnte die Versammlung ihren weiteren Verlauf nehmen. Die neuen Statuten wurden einstimmig angenommen und dadurch' der Verein auf jüdisch-nationale Basis gestellt Als am Schlüsse dieser überaus würdigen Versammlung ein nationales. Lied voll Begeisterung angestimmt wurde, drangen die Sich1 inzwischen vor dem Versammlungslokale angesammelten roten Helden abermals gegen dasselbe vor. Es kam zu einer großen Keilerei, die erst nach längerer Zeit durch das' Erscheinen der Polizei ein Ende fand. Trotz alledem haben wir unser Ziel in dieser Hinsicht erreicht. Unsere Jugend ist begeistert und sieht kampfbereit Ider Zukunft ins Auge. •* Der Newyorker Bürgermeister und die jüdische Nationalität Der Newyorker Korrespondent unseres Budapester Bruderblattes „Zsido Szemle“ berichtet über einen interessanten Vorfall, der berichtet über einen interessanten Vorfall, der durchaus charakteristisch ist für die Art und Weise, in der der praktische .Amerikaner die Juden beurteilt Seit Monaten bereitete man sich in Newyork für das festliche Begehen des 4- Juli, des amerikanischen Nationalfeiertages vor. Als Hauptpunkt des Programms war ein „Festzug der Nationen" in Aussicht genommen, an dem Sich alle in Newyorklebenden Nationalitäten durch je eine Gruppe hätten vertreten lassen sollen. Und hier haben wir einen kleinen Freiheitskampf mit den Assimilanten auszufechten gehabt. In das Vorbereitungskomitee des Festzuges wurde zum Vertreter der Juden Rechtsanwalt Köhler, Sohn des Rektors des Cindnnatier Rabbinerseminars, erannt. Nach Verlautbarung dieser Ernennung schöpften die Jüdischnationalen Verdacht und erkundigten sich rechtzeitig, auf welche Weise Herr Köhler die Juden vertreten zu lassen gedenkt, und erfuhren hiebei, daß Köhler die personifizierte Bescheidenheit sei und bestrebt ist, jedes überflüssige Aufsehen zu vermeiden. „Die jüdische Gruppe werde keine Fahne haben, da es eine jüdische Fahne nicht gebe; die Israeliten werden am Festzuge bloß als treue Bürger der Vereinigten Staaten teilnehmen, ohne ihren besonderen Volkscharakter hervorzukehren, da es ein vjüdisches Volk nicht gebe“. Wenn dies seine heilige Ueberzeugung ist, warum hat er die Vertretung des jüdischen Volkes übernommen? Dies wäre die rätselhafte Frage, wenn Herzl im Mauschel nicht alle Charakteristika sämtlicher Köhler gegeben hätte. Es ist dem Mauschel eigen, Auszeichnungen, Begünstigungen und Sinekuren aut die Rechte des jüdischen Volkes pochend, nachzujagen, um dann die Existenz eines Volkes selbstlos abzuleugnen. Der Vater des Bürgermeisters Gaylor war jedoch kein Reformrabbiner und scheint auch die jüdische Geschichte .sehr schlecht zu kennen, da er dem Wunsche der Jüdischnationalen, die sich wegen des Vorgehens des offiziellen jüdischen Vertreters an ihn wandten, ohne weiteres willfuhr. Im Festzuge wurde vor einer Gruppe eine Tafel mit englischer Aufschrift getragen, auf der es hieß: JUDEN. Unter den Fahnen der übrigen Nationen wehte auch unsere blau-weiße Flagge.“ - * Die Ausweisung dm* Juden von der Messe in Nisdhni-Nowgorod. Petersburg. In Nischni-Nowgorod findet gegenwärtig die berühmte Messe statt, zu der sich auch diesmal, wie alljährlich, zahlreiche jüdische Kaufleute eingefunden haben. Denn die Messe von Nischni-Nowgorod ist von ungeheurer Bedeutung für eine Reihe von Handels- und Industriezweigen, in denen die Juden hervorragend tätig sind. Bis jetzt glaubte auch die Regierung, gegen den zeitweiligen Aufenthalt der. jüdischen Kaufleute in Nischni-Nowgorod nicht einschreiten zu sollen und machte auch durch direkte Verfügungen eine Ausnahme vom Gesetz. Im laufenden Sommer soll jedoch mit der bisherigen Praxis gebrochen werden. Alle Juden, die nicht über das allgemeine Wohnprivileg verfügen, verfallen nach einer kürzlich aus Petersburg eingetroffenen Ministerialverordnung der Ausweisung, ungeachtet dessen, daß die Messe darunter in ganz außerordentlichem Maße leidet. Die sinnlose, handeis- und verkehrsfeindliche Maßnahme hat nicht nur die Juden, sondern auch die christliche Kaufmannschaft in die größte Unruhe versetzt, so daß der Präsident der Messe sich veranlaßt sah, in einem langen Telegramm |an Stolypin um die Zurücknahme der schädlichen Anordnung angelegentlichst zu bitten. Er weist darauf hin, daß die Durchführung der angedrohten Maßregel auch den Nichtjuden einen nicht wieder gutzumachenden Schaden bereiten würde; nicht nur die Millionengeschäfte, welche die nach Nischni-Nowgorod kommenden Juden gelegentlich1. der Messe mit dem Auslande machen, würden verloren gehen, auch die jüdischen Handwerker, die jahraus, jahrein bedeutende Arbeiten bei der Sortierung, Färbung, Zuschneidung der Stoffe usw. verrichten, seien unentbehrlich. Obwohl nun das wjohlbegründete telegraphische Gesuch auch die Gutheißung des örtlichen Gouverneurs gefunden hat, ist es bei dem gegenwärtigen judenfeindlichen Kurs der russischen Regierungspolitik sehr zweifelhaft, ob Stolypin den allseitigen Wünschen stattgeben wird. * Brandunglück in Aidin. (Kleinasien). Mitteilung aus dem Deutschen Bureau der Alliance Israelite Universelle. Wie der Schulleiter der Alliance Israelite Universelle telegraphisch berichtet, sind durch den Brand in Aidin, der besonders in dem dortigen Judenviertel gewütet hat, öOOFamilien mittel- und obdachlos geblieben. Zur vorläufigen Linderung der Not hat die Alliance Israelite Universelle sofort 5000 Francs auf telegraphischem Wege gesandt. ■* Von den judenfeindlichen Ausschreitungen in England. London. Die antisemitischen Unruhen in Südwales dauern fort. In der Stadt Monmout’hshire kam es Mittwoch den 23. August von neuem zu starken Ausschreitungen des Pöbels. Plünderungszüge wurden unternommen und viele Personen mißhandelt. Das Londoner Komitee der britischen Juden erhob im Ministerium des Innern Vorstellungen und erhielt das Versprechen, daß"' weitere Truppen nach Monmouthshire abgehen — 'U3H3)snzj9i[ japsL/w aqny aip um ‘uapjnA\ Seit dem Ausbruch der Judenhetzen in Südwales ist es auch im Londoner Judenviertel zu allerlei Feindseligkeiten gekommen, die jedoch' keinen gewalttätigen Charakter hatten. '*• Ein russischer Polizeichef als Mörder. In Uralsk geschah das auch für Rußland merwürdige Ereignis, daß der oberste Hüter Juden — die Kaufleute Benjaminowitsch und der öffentlichen Ordnung, iPolizeichef Liwkin, zwei Bjelostozky — eigenhändig erschoß. Die unglücklichen Opfer mußten es büßen, daß sie sich erkühnt hatten, gegen die unerträgliche Erpressungsucht des Polizeichefs, dem sie allmonatlich ihren „Tribut“ entrichten mußten und der den Tarif für diese „Abgaben“ immer höher schraubte, bei der Vorgesetzten Behörde Beschwerde zu führen. Nach vollzogener Tat erklärte der 'Mörder kaltblütig: „Nun werden die Jüdlein keine Beschwerdeschriften mehr schreiben!“ * Zur ^Reform“ der russischen Anwaltsordnung Petersburg. Im Justizministerium wird zurzeit eifrig an einem Gesetzentwurf zur Reform des Advokaturwesens gearbeitet. . Ueber die Natur der geplanten' Reformen wurde bis jetzt von seiten des Ministeriums nichts Bestimmtes verläutb'art. Bei dem gegenwärtigen extrem-antisemitischen Kurs' der russischen Regierungspolitik und insbesondere bei der bekannten erzreaktionären und judenfresserischen Gesinnung der leitenden Beamten des Justizministeriums kann jedoch kaum ein Zweifel darüber bestehen, daß diese Reformen in erster . Reihe gegen die Juden gerichtet sein werden. In juristischen Kreisen zirkuliert denn auch das ganz bestimmte Gerücht, daß den jüdischen Rechtsanwälten verboten werden soll, als Vertreter christlicher Auftraggeber vor Gericht aufzutreten. * „Echtrussische“ Phantasiekraft Odessa. Unter der Spitzmarke „Die Basler Verschwörung“ veröffentlicht die berüchtigte „Semschtschina“ einen „Bericht“ über den zehnten Zionistenkongreß. Der Korrespondent des famosen Patriotenblattes schildert den Kongreß als geheime Verschwörerversammlung, wo neben den zur Irreführung der „Gojim“ abgehaltenen öffentlichen Sitzungen auch geheime Beratungen über allgemeine jüdische Fragen abgehalten wurden. Freilich sei es schwer gewesen, sich ku den geheimen Sitzungen Zutritt zu verschaffen, zum Glücke für die christliche Welt gebe es aber immer ein Jüdlein, das sich bereit finden lasse, die Geheimnisse, die sich hinter den Kulissen abspielen, zu verraten. Von einem solchen Jüdlein habe er, der Baseler Korrespondent der Zeitung, in Erfahrung gebracht, daß man in der geheimen Sitzung Beratungen darüber gepflogen hätte, wie all den Prozessen über religiöse Morde in Kiew, Warschau, Radom, Bukarest usw. ein Ende gemacht werden könnte. Der gut informierte Korrespondent weiß von einem Beschlüsse zu berichten, es keinesfalls dazu kommen zu lassen, daß die Juschtschinsky-Angelegenheit als Ritualmord enthüllt werde. Ferner sei beschlossen worden, überall die revolutionäre Bewegung, ähnlich wie in den Jahren 1905—1906, zu fördern, ganz besonders aber soll diese Bewegung in Rußland unterstützt werden. An den geheimen Sitzungen hätten sich Vertreter des britischen Reiches beteiligt, die das Versprechen abgegeben hatten, in Petersburg in Sachen der Ritualmorde ihren Einfluß zugunsten der Juden geltend zu machen. In diesen Sitzungen habe es sich auch klar herausgestellt, weshalb die Juden so sehr gegen die Autokratie sind. In den parlamentarischen Ländern, wie in Frankreich z. B., sei es möglich, die Politiker zu bestechen, während die Monarchen natürlich unbestechlich sind. Sodann wird etwas vom Berichte des A. C. über „das Kapitel des universellen jüdischen Fonds“ erzählt," wobei ganz gruselige Märchen über diese enormen Kapitalien aufgetischt werden. So werden die beneidenswerten Leser des einflußreichen patriotischen Blattes über die Ziele und Bestrebungen der zionistischen Bewegung informiert. Unsere Nationalsprache*). Referat Sokolow gehalten auf dem X. Zionistenkongreß. (Schluß.) Noch vor vier bis fünf Jahrzehnten w5r der einzige Repräsentant der hebräischen Literatur der „Mechabber“, der arme hausierende Pränumerantensammler für die Veröl.'entlichung des Manuskriptes, das er mit sich trug. Jetzt haben wir eine Literatur — ich will die Namen unserer Dichter und Denker nicht aufzählen. Sie kennen diese Namen, und wenn Sie sie nicht kennen, so (macht Ihnen die Unkenntnis keine Ehre. Wir haben eine Reihe von alten bewährten und von jungen aufstrebenden Kräften, die in jeder Li- •) Dieses glänzende Referat wurde von Sokolow in jener denkwürdigen Sitzung des Kongresses, in der ausschliesslich hebräisch verhandelt wurde, in klassischem Hebräisch vorgetragen. Die Übersetzung stammt gleichialls von Sokolow. (A.d. R.)