Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 36 (8.9.1911)
- Date
- 1911-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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kr. 36 r ._ JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 ganzen Getue nur eines erreichen: den Assimilanten Waffen gegen das jüdische Volk und seine heißesten Bestrebungen zu schmieden. Die Versicherung im Dienste des jüdischen Volkes. Die zionistische Bewegung ist über das erste Eritwicklungsstadium des himmelstürmenden Idealismus hinausgewachsen in das Stadium praktischer Betätigung. .In noch höherem Grade als jeder anderen nationalen oder sozialen Strömung erwächst unserer Bewegung, welche das gesamte kulturelle und wirtschaftliche Leben der Nation zu durchdringen berufen ist, die Pflicht, alle gesellschaftlichen Konzentrationspunkte des modernen Lebens zu erfassen und unseren Zielen dienstbar zu machen. Die hohe Bedeutung,, welche den modernen Assoziationen des wirtschaftlichen Lebens vom organisatorischen Gesichtspunkte aus zukommt, haben wir seit langem erkannt und richtig gewürdigt. Lehrt uns doch die Erfahrung sämtlicher kraftvoll organisierter, namentlich der sozialen Parteien aller Länder, daß wirtschaftliche Vereinigungen sich als die kräftigsten Stützen des Parte (leb erjs uij.d der politischen Organisation, ‘als die hohe Schule für Parteitreue und Parteidisziplin bewährt haben. Die deutsche und österreichische Sozialdemokratie verdankt die Festigkeit ihrer Organisation in erster Linie den Krankenkassen, die wirtschaftlichen und ethischen Grundgedanken der national-sozialen Parteien des deutschen Reiches haben durch die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften in breiten Bevölkerungsschichten Wurzel geschlagen, die Wechselseitigkeitsorganisationen in romanischen. Ländern haben mehr als einmal nicht allein Parteienkonstellation des ganzen Staates, sondert sogar den Gang historischer Ereignisse beeinflußt. Auch auf dem Boden unserer Bewegung haben alle bisherigen Versuche, die Juden als ■.solche wirtschaftlich zu organisieren und ihnen dadurch den realen Wert unserer Ziele auch für die unmittelbare Gegenwart vor Augen zu führen unsere Erwartungen in. vollstem Maße erfüllt. In den Ländern, in denen die Organisation unserer Partei sich bereits zu hoher Blüte entwickelt hat, haben wirtschaftliche Einrichtungen der verschiedensten Art eine segensreiche Tätigkeit für die breitesten Kreise der jüdischen Bevölkerung entfaltet. Unsere PaLästinabahk hat fes verstanden, in wenigen Jahren eine große Anzahl genossenschaftlicher Einrichtungen in den Kolonien sowohl als auch in den Städten um sich zu gruppieren und dadurch die wirtschaftliche Kraft des Landes in einer noch vor wenigen Jahrzehnten ungeahnten Weise zu heben. Was dort unsere landwirtschaftlichen Genossenschaften und unsere Baugenossenschaften für den Wohlstand der Judenschaft und damit für die höchsten Ziele unserer Bewegung geleistet naben, ist zu sehr bekannt, als daß es einer Wiederholung bedürfte. Auch in den Ländern der Zerstreuung ist es uns gelungen, durch wirtschaftliche Einrichtungen unserer Partei — hier sei nur an die Volksvorschußkassa in Prag und an die Kreditunion in Lemberg erinnert — die von den öffentlichen Gewalten leider nur zu oft vernachlässigten und hintangesetzten Wirtschaftsinteressen der Judenschaft zu fördern. Das Vertrauen nicht nur unserer Gesinnungsgenossen, sondern auch jener Juden, welche sich bisher aus mißverstandener Assimilationstendenz oder einfach aus Gleichgiltigkeit von unserer Bewegung abseits gehalten haben, wendet sich in immer steigendem Masse den wirtschaftlichen Einrichtungen unserer Partei zu. Es ist dies die natürliche Folge des Umstandes, daß sich bei allen Klienten dieser Einrichtungen immer mehr die Ueberzeugung Bahn bricht, daß sie bei von Volksgenossen geleiteten Institutionen stets freundschaflicheres Entgegenkommen und innigeres Verständnis für ihre Bedürfnisse finden als bei Personen, die ihnen zumeist fremd, wenn nicht feindselig gegenüberstehen. Wir glauben daher nur in Konsequenz des •bisher Erreichten fortzufahren, wenn wir daran gehen, neuerlich eine weitverzweigte Einrichtung des modernen Wirtschaftslebens in den Dienst unserer Partei zu stellen. Es handelt sich um die Versicherung in allen ihren Formen. Wir rechnen hiebei auf die' Mitwirkung eines viel weiteren Kreises von Gesinnungsgenossen, ja, an die Mitarbeit und Unterstützung jedes Juden. Wir glauben mit vollem Recht erwarten zu dürfen, daß kein Jude die ihm von uns dargebotene Gelegenheit verabsäumen wird, sich Vor Abschluß eines Versicherungsvertrages, der, wie kaum ein zweites Geschäft des täglichen Lebens, auf Vertrauen und sachkundiger Information des zu Versichernden basiert, mit den bewährten und selbstverständlich korrekten und uneigennützigen Fachmännern beraten wird, welche die Landessammelstelle des JNF zur Versorgung der Agenden ihrer Versicherungsabteilung ausersehen hat. Die Klagen darüber, daß es dem vielbeschäftigten und schwer uni seine Existenz ringenden gewerbsmäßigen Versicherungsagenten nicht immer möglich ist, hiit aller Sorgfalt die Interessen des zu Versichernden wahrzunehmen, kehren immer wieder. Diesem Uebelstande abzuhelfen, ist der nächste, im Interesse jedes einzelnen Volksgenossen gelegene Zweck unserer neuen Einrichtung . Darüber hinaus aber verfolgt diese Institution die weitergehenden organisatorischen Ziele unserer Partei. Die vollkommenste Durcnführung dieses Gedankens, nämlich die Einrichtung «iner selbständigen weltumfassenden jüdischen Versicherungsgesellschaft hat sich derzeit infolge unüberwindlicher technischer Schwierigkeiten als undurchführbar erwiesen. Es ergab sich daher als vorläufiger Ausweg, die organisatorischen Ziele, welche die Errichtung einer eigenen Versicherungsanstalt ins Leben gerufen wurde, deren Aufgabe es sein wird, die zweckentsprchende Durchführung des Versicherungsbedürfnisses aller Stammesgenossen unter vollster Rücksichtnahme auf die Interessen der zu Versichernden zu gewährleisten. Durch diese .Versicherungsabteilung soll zunächst erreicht werden, daß die zu Versichernden in streng korrekter, freundschaftlicher und sachkundiger Weise beraten wei> d.en, des weiteren, daßnicht der einzelne Versicherte als der naturgemäß schwächere Teil der macht- und sachkundigen.Versicherungsanstalt gegenübersteht,. sondern daß ihm in Gestalt unserer Organisation ein Anwalt erwächst, der eine nachdrückliche Vertretung seiner Rechte und Wahrnehmung seiner Interessen wirksam durchzuführen in der Lage ist. Was dies sowohl bei der Schadenersatzregulierung bedeutet, liegt auf der Hand. Die ziebewußte und energische Verwaltung aller bisheriger Unternehmungen unserer Partei bildet die sicherste Gewähr dafür, daß auch im vorliegenden Falle der angestrebte Vorteil für unsere Stammesgenossen recht bald und ausgiebig erreicht wird. Nicht minder wichtig, ja sogar noch ungleich bedeutender ist aber der Wert unserer neuen Einrichtung für die Organisation unserer nationalen Bewegung überhaupt. Die neue Einrichtung soll zunächst dazu dienen, dem jüdischen Nationafond, diesem dem.Herzen jedes Juden heiligen Volksvermögen, das the Erfüllung unserer höchsten Ideale zu verbürgen bestimmt ist, alljährlich einen ansehnlichen Ertrag zuzuführen, jeder Jude,' welcher unserem Aufruf Folge leistet, erreicht damit, daß ein namhafter Teil des Gewinnes, welcher sonst aus seiner Versicherung der Versicherungsgesellschaft zufallen müßte, unserem Volksvermögen zugute kommt. Wenn — wie wir dies bei dem oft gepriesenen Volksbewußtsein und dem gesunden wirtschaftlichen Sinne der Juden mit Bestimmtheit erwarten zu können glauben — unser Aufruf auf fruchtbaren Boden ¥ällt,s o [können sich diese Einkünfte im Verlaufe weniger Jahre zu einer imponierenden Höhe entwickeln. Allein auch mit diesem Vorteil betrachten wir den Wert unserer neuen Einrichtung keineswegs als erschöpft. Wir legen nicht minderes Gewicht darauf, von nun an durch die Macht unserer Organisation für alle Zukunft sicherzustellen, daß die Millionen von Versicherungsprämien, welche alljährlich aus den Taschen tier Judenschaft den verschiedenen Gesellschaften Izufließen, nicht mehr kontrollos volksfremden, ja vielleicht sogar volksfeindlichen Zwecken!zugeführt werden können. Nunmehr wird selbstverständlich darüber gewacht werden, daß die Gesellschaften, mit denen die jüdische Versicherungsabteilung in Verbindung steht, wo immer sie als wirtschaftliche Machtfaktoren auf dem Kapitals- oder Arbeitsmarkte auftreten, den jüdischen Interessen die schuldige Berücksichtigung zuteil werden lassen. Was dies zu bedeuten hat, bedarf keiner näheren Erläuterung, wenn man bedenkt, daß die Versicherungsgesellschaften als Käufer von Wertpapieren, als Gläubiger auf dem Hypothekenmarkte, als Kreditgeber gegenüber Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften einen mächtigen Kapitalsfaktor repräsentieren, daß sie in ihrer Außen- und Innenorganisation ein Heer vpn Beamten unterhalten, daß sie ausschließlich tausenden von Aerzten durch Verwendung bei vertrauensärtzlichen Untersuchungen regelmäßige Beschäftigung zuzuführen in der Lage sind. Unsere Bewegung wird, wenn ihr bei dem neuen Unternehmen die Mitwirkung aller Juden auch nur annähernd im erweiterten Maße zuteil wird, binnen wenigen Jahren wieder einmal 'gezeigt haben, welche wirtschaftliche Macht die rege Intelligenz und die reiche Erwerbskraft Unseres Volkes repräsentiert, so bald sie nicht mehr unter volksfremden Elementen zerstreut, sondern durch eine kraftvolle Organisation Zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt sind. Wir resümieren: Jeder Jude, der diesem Aufruf folgt, erreicht zweierlei, für sich als einzelne Person und für sein Volk als Gesamtheit. Für sich, daß er durch eine streng reele, sachkundige und uneigennützig geleitete Organisation vertrauenswürdigen Rat und Auskunft in allen Versicherungsangelegenheiten findet, daß er billig und kulant versichert wird, und daß ihm während des ganzen Bestandes seiner Versicherung jederzeit der Schutz und die Hilfe einer machtvollen .Organisation zur Seite steht. Für die Gesamtheit, daß er neben seinen eigenen Interessen auch das Wachsen unseres Nationalfonds fördert und allen Trägen und Gleichgültigen ein beredtes Beispiel gibt, ein nachahmungswürdiges Vorbild dafür liefert, welche werbende Kraft für das Wohl unseres Volkes, für die Erreichung unserer höchsten kulturellen Ideale dem kraftvollen Organisatorischen Zusammenschlüsse aller Volksgenossen innewohnt. Eine „jüdische“ Stiftung. Herr Rudolf Ritter von G u t m a n n, der Mitbesitzer der Witkowitzer Eisenwerke, hat vor einiger Zeit den Betrag von’ 700.000 Kronen zum Zwecke einer Altenheim-Stiftung für ausgediente Arbeiter der Witkowitzer Werke gewidmet. Aus dieser Widmung wurden in Witkowitz vorerst vier Häuser errichtet, welche nunmehr der Benützung zugeführt wurden. Dies ging natürlich nicht ganz klanglos vor sich, was immerhin am Platze wäre. Daß aber diese Häuser, die eine Stiftung eines Juden, des Mitbesitzers der in nur jüdischen Händen befindlichen Gewerkschaft, darstellen, durch den Ortspfarrer nach katholischem Ritus eingeweiht werden müssen, das hätte ujohl niemand für möglich gehalten. Es muß jedem nur halbwegs jüdisch denkenden und fühlenden Menschen die Schamröte ins Gesicht treiben,, wenn er sieht, wie weit jüdische Indolenz bei unseren Geldaristokraten gehen kann, da sie nicht mehr das Gefühl aufbringen, in der katholischen Weihe jüdischer Wohltätigkeitsstiftungen eine Beleidigung zu erblicken. So müssen wir es denn nur noch als logische Konsequenz ansehen, wenn der taktvolle Herr Pfarrer, der an den Generaldirektor Sch uster (einen bekannten Christlichsozialen) und die anderen zahlreichen Festgäste eine Ansprache hält, des edlen Spenders nicht mit einem Worte gedenkt, ja seinen Namen in der ganzen Rede nicht nennt! Dafür ergoß er seinen ganzen Weihrauch über den alllgewaltigen Generaldirektor Schuster, der förmlich als der eigentliche Wohltäter auch von anderen Rednern gefeiert wurde und mit einer unnachahmlichen Nonchalance all die Anstrudelungen über sich ergehen ließ. Erst einem Direktionssekretär ward dann