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Jüdische Zeitung · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 3ö - den übrigen Völkern der Monarchie präzisiert das Krakauer Programm folgendermaßen: Die nationale Einheit aller Juden und die Bestrebungen nacli einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina (selbstverständlich für die, die nicht im Lande bleiben können oder wollen) steht in. keinerlei Widerspruch zur Staaisidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen von Juden bewohnten Länder. Sie berührer keineswegs die Rechte und Pflichten der Juden gegenüber diesen Ländern und vermindern nicht das Gefühl der Anhänglichkeit, welches die Juden für sie empfind en. Insbesondere gilt dies von Österreich. Dieses von verschiedenen Völkern bewohnt, deren Siedlungsgebiet sich fast ausnahmslos über die Reichsgrenzen hinaus erstreckt, kann jene politische Existenz nimmer auf die Idee deseinheitlichen Nationalstaates aufbauen sondern muss seine Aufgaben gegenüber seinen Völkern darin suchen, deren Rechte und Pflichten im Rahmen der Reichseinheit anzuerkennen und zu f örd ern. In Österreich haben daher auch die Staatsbürger jüdischer Nationalität ein unantastbares Recht auf Schutz und Ausbau ihres nationalen Lebens. Eine Zur ückdrängung d es Antisemitismus ohne Ueberwindung seiner Nähr mutt er, des nationalen Hasses, ist eineUnmöglichkeit. Ueberall im gesamten Habsburgerreiche bei allen Volksstämmen zeitigt der extreme Nationalismus den Rassenantisemitismus und in fast allen gemischtsprachigen Gebieten der Monarchie wird der Nationalitätenstreit auf dem Rücken der Juden ausgetragen. Das hindert aber unsere assimilatorischen Juden nicht, der deuts chen, tsch ech is chen, polnischen und sonstigen Gemeinbürgschaft Heeresfolge zu leisten,obwohl sie auf diese Weise auchdem „konnatio nalen“ Antisemitismus tributär werden. Die Ausscheidung derjuden aus den fremdnationalen Lag e r n ist aber nicht nur ein Gebot der nationalen Ehre und Selbsterhaltung, sondern auch ein Hebel zu r S c hw ächung der chauvinis'tischenParteien, die in den gemischtsprachigen Gebieten mit Hilfe der Juden die anderen Nationen vergewaltigen wollen. In diesem Sinne nützt die jüdisch-nationalePolitik nicht nur den Juden, sondern auch allen national Unterdrückten und dem österreichischen Reichsgedanken. Unkenrufe. Im Salon der Zurückgewiesenen geht es wieder lebhaft zu. Den Herren Exzionisten bietet der soeben beendete zehnte Kongreß Öie billige Gelegenheit über die zionistische Partei — die sich erkühnt, weiter Zu leben, obzwar die Herren ihr nicht mehr angehören — herzu-. fallen. In der Wiener „Sonn- und Montagzeitung“ konstatiert Herr Dr. S. R. Landau, ehedem Redakteur der Zionistischen „Welt", daß der Zionismus nunmehr tot ist und in Blocks „Oesterreichisdher Wochenschrift“ stimmt das ehemalige Mitglied der österreichischen zionistischen Parteileitung Dr. Krenberger eine ergreifende Totenklage an und berichtet mit Tränen im Auge, daß in Basel dem Herzl’schen Zionismus der Garaus gemacht wurde. In der „Neuen Nationalzeitung“ läßt der Territorialist Dr. Max Schatz, der sonst unter dem Pseudonym Maxim Anin schreibt (will er diesmal nicht erkannt werden?), dieselbe Klage ertönen und sagt, der Zionismus sei eine „geistig hebräistische Mittelstandsbewegung“ geworden, der Geist Herzls sei von dem Pharisäer Achad Haams getötet worden. ■Doch merkwürdig! Während die Exzionisten und Territorialisten dem Zionismus angesichts des Verlaufes des zehnten Kongresses die Totenglocke läuten, sind die Teilnehmer desselben gehobenen Mutes und freudiger Stimmung nachhause gefahren, mit dem Bewußtsein, daß eine neue glanzvolle Aera.des Zionismus angebrochen ist. Und auch auf alle Objektiven, Unbeteiligten hat der Verlauf des Kongresses denselben Eindruck gemacht. Wir könnten daher über die Unkenrufe gewisser schaffensuntüchtiger Nörgler ruhig hinweggehen, wenn diese nicht Versuchten, ihrem persönlichen Unmut ein .sachliches Mäntelchen umzuhängen.. Nach ihnen ist. am zehnten Kongreß der wahre Herzische politische Zionismus begraben worden und die Chöwezion,, mit Ussjschkin und Achad Haam (der nebstbei gesagt, die Fehler der Chowewe Zion schärfer kritisiert hat als HerZl) an der Spitze, hätten auf der ganzen Linie gesiegt. Dies wird mit Aufwand von viel phrasenreicher Beredtsamkeit nachzuweisen versucht. Daraus wird weiter deduziert, daß der Zionismus für die Lösung der momentanen Judennot gar nichts zu bedeuten habe und daß er daher nicht mehr als.Ideal der Massen erscheinen könne. Es ist sehr schwer, gegen dieses Durch-, einander von veralteten Schlagworten und haltlosen Behauptungen mit Logik anzukämpfen. Wer heute noch mit den Kategorien: Hie politische Zionisten, hie Chowewe Zion arbeitet, der hat eben 10 Jahre gründlich verschlafen. Ist die Durchführung des Oppenheimschen Projekts, das schon Herzl am sechsten Kongreß in Aussicht stellte, Chowewe Zionismus-? Ist die Arbeit unter Ruppins Leitung in Palästina, die genau nach dem Rezepte des früheren politischen Zionismus: Änsiedlungsmethoden zu erproben, Stützpunkte Zu schaffen usw., kein Herzl’scher Zionismus? Vergißt man, daß Herzl es war, der die Gründung des Bezalel und der Anglo Palestine Company beschloß? Und die politische Arbeit? Ist es ein Rückschritt für diese, wenn wir seit zweieinhalb Jahren eine ständige politische Vertretung in Könstäntinopel haben? Däß der ausgezeichnete Mahn,-der sie zur ‘Zufriedenheit aller führt,. ins engere Aktionskomitee einträt? Ist der politische Zionismus deshalb tot, weil die Türkei vorläufig nicht geneigt ist, einen Charter im Herzl’schen Sinne zu geben? Ja, hat sie ihn denn zu Herzlsf Zeiten gegeben, hat der rein diplomatische Zionismus, den Dr. Landau übrigens bis heute blutig verspottete, mehr erreicht als unsere jetzige Ständige Vertretung? Wenn der Zionismus tot ist, weil die Chärteridee fällen gelassen werden mußte, dann war er schon unter Herzl tot, denn auch er mußte sie äufgeben. Und haben wirklich die „Chowewe Zion“ die Charteridee zu Fall gebrächt oder wären es nicht vielmehr die tatsächlichen Verhältnisse, die schließlich dem als Altmeister verehrten Führer der politischen Zionisten, Max 'Nordau, Zwangen, sie feierlich in der Eröffnungsrede des neunten Kongresses preiszugeben? Ist die Hebr.äisierung und Nationalisierung der Zionisten ein Abrücken von Herzl, der das berühmt gewordene Wort gesprochen hat: „Der-Zionismus ist die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland.“ Wozu also der Lärm? Seit vielen Jahren schon geht der Prozeß der gegenseitigen Durchdringung des politischen und des 'national-kulturellen Zionismus vor sich und die Synthese ist jetzt vollendet worden. Wenn die politischen Zionisten diese Entwicklung perhorreszieren, — warum haben sie ihren Widerstand gegen die Arbeit in Palästina aufgegeben? Wo warenihre Wortführer am zehnten Kongreß? Nordau und Marmorek, die beide , an diesem Kongreß teilgenommen haben, sind doch ganz einwandfreie Vertreter des reinpolitisdien Zionismus. Sie erhoben sich nicht nur gegen die Arbeiten des Kongresses, sondern sie wirkten eifrig an demselben mit. Denn die Entwicklung der letzten Jahre hat auch ihnen gezeigt, daß der Zionismus nur in jener Synthese bestehen könne. Die Ankläger haben aber der Entwicklung, die der Zionismus genommen, nicht folgen können. Sie verlangen vom Zionismus etwas, was er nie versprochen hat: für die augenblickliche Massennot des Volkes Abhilfe zu schaffen. Wenn tatsächlich Herzl einen Moment lang gedacht hat; daß dies möglich wäre, wenn er infolge dessen nicht abgeneigt war, zu dem „Nachtasyl“ Uganda zu greifen, so haben die Kritiker völlig recht: Dieser Gedanke ist im Zionismus nicht mehr lebendig. Ihn hat die „Ito“ -aufgegriffen und mit welchem Erfolge — das weiß alle' Welt. Diese Landau, Krehberger und Anin möchten den Zionismus aber als Territorialismus .mit. Palästina, als „Nachtasyl“ betrachten, wobei sie nur die Zeit vom 7. Kongreß (1905) bis heute verschlafen haben. Es muß ihnen gesagt werden: Eure Streiche treffen daneben. Niemand im Zionismus — auch kein einziger der alten Garde des politischen Zionismus —' sieht unsere Bewegung, als eine Notstandsaktion an, die momentanem ökonomischem Massenelend abhelfen kann. Der Zionismus ist etwas weitaus höheres. Er ist das Streben zur Erhaltung und Erneuerung des Judentums, zu welchem Ziele er geistige, politische und materielle Mittel gebraucht, um die hiezu nötige Vorbedingung: . die Heimstätte - in Palästina zu erringen. Dieses war und ist auch heute genau wie zu Herzls Zeiten das Endziel,- und am Baseler Programm ist nichts geändert worden. Nur die Methoden sind verbessert und bereichert worden. (Thne von der politischen auch nur ein Jota aufzugeben, sind die nationale n, kolonisatorischen und kulturellen hinzugetreten. Wir haben eingesehen, daß daß Endziel durch Arbeit erworben werden muß, daß es nicht als Geschenk vom Himmel fallen könne. Wie töricht und lächerlich der Standpunkt dieser Nörgler ist, geht schon daraus hervor, daß sie nicht mit einem Worte sagen können, wie sie sich eigentlich die Erreichung des Endzieles vorstellen. Sie würden, in die Enge getrieben, gewiß sagen: nur die politische Methode führt zum Ziel. Gut. Nehmen wir an, die kolonisatorische Und kulturelle Arbeit in Palästina sei wertlos, sie schaffe nicht einmal Stützpunkte für die Politik, vermehre nicht Zahl und Einfluß der Juden'im Lande, wirke nicht auf das» Judentum in der Diaspora. Aber es wird doch niemand behaupten können, daß diese Arbeit, die zudem noch der Türkei den eminenten Nutzen demonstriert, den sie von einer jüdischen Massenansiedlung haben könnte, der politischen schadet! Was wollen also die Herren? Den Zionismus dafür verantwortlich machen, daß er seine politischen Methoden den geänderten Verhältnissen in der Türkei angepaßt hat? Wir wissen wohl, was sie wollen. Die einen, die im Zionismus nur Befriedigung ihrer Eitelkeit suchten und dabei enttäuscht wurden, suchen alles mögliche zu tun, um die allgemeine Aufmerksamkeit von den rapiden Fortschritten des Zionismus auf ihre werte Person abzulenken. Die andern, die vielleicht tatsächlich noch an Iden politischen Zionismus als Nachtasylschaffer glauben, suchen im Territorialismus das Heil und, um diesen zu glorifizieren, muß der Zionismus herabgesetzt werden. Der Territorialismus ist nun schon 6, und wenn man den Ugandismus dazu rechnet, 8 Jahre alt. In dieser Zeit hat er vergebens das Nachtasyl gesucht und sonst absolut nichts geleistet. Es ist eine Anmaßung sondergleichen, nach solchem Schiffbruch noch den Territorialismus gegen den Zionismus auszuspielen, der, ohne die Prätention, dem Massenelend schnell abhelfen zu wollen, in steigendem Maße Erwerbsgelegenheiten für Juden in Palästina schafft. Die Herren Anin, Krenberger und Landau sind die Hauptaktoren in dem von der Ito geplanten Emigrantenkongreß, der bis heute allerdings immer nur verschoben wurde und nicht zustande kommen will. Wir raten ihnen, doch zunächst einmal zu beweisen, was sie können, ob sie imstande sind, auch nur einen Volkskongreß zusammenzubringen, wie der Zionismus schon 10, und mit ihm audh nur einmal den hundertsten Teil von dem praktisch zu schaffen, was der Zionismus, der vor allem ' eine geistig-politische Bewegung ist, in einem Jahre praktisch' leistet. Bis dahin werden sich . diese Herren und ihre Geistesverwandten schon gefallen lassen müssen, daß wir sie teils als zersetzend wirkende Nörgler, teils als schaffensunfähige Politikaster ansehen, die mit ihrem

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