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Jüdische Zeitung · 1911-09-08 · 36 (8.9.1911) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
36 (8.9.1911)
Date
1911-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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■JÜDISCHES OREFV Erscheintwöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahmet IX., Liechtensteinstrafie 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von »1—12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk- 3.—. Für das übrige ascasaanoeBscaoeaoaocas Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. caocBocaoczacKicaocascaacas Nr. 36. Wien, Freitag den 8. September 1911. V. Jahrgang Die politische Lage in Österreich und die Juden. Von Dr. K. I. Das 2. österreichische Volksparlament. Das 1. österreichische Volksparlament hat ein vorzeitiges Ende gefunden; es wurde nach vierjähriger .Tätigkeit“ aufgelöst. Die Neuwahlen haben aber keine Klärung der verworrenen politischen Situation gebracht! Der Grund dessen ist der, daß weder die österreichische Wählerschaft im allgemeinen noch die jüdische insbesondere sich über die Ursachen klar wurde, welche den parlamentarischen Apparat seit Jahrzehnten an einer rationellen Arbeit verhindern, sowie immer von neuem den Nationalitätenhader und in weiterer Konsequenz den Antisemitismus zeitigen. Die politischen Parteien schieben nun die Schuld an diesen traurigen Verhältnissen auch im 2. Volksparlamente einander zu, sind jedoch alle zusammen an ihnen mitschuldig, indem sie der Bevölkerung die Wahrheit vorenthalten. Die eigentlichen Ursachen unserer parlamentarischen Wirren sind schon sehr alt, sie reichen bis zum Jahre 1867 zurück; denn unsere bereits chronische parlamentarische Krise dauert bereits so lange wie die dualistische Reichsverfassung. Sie wird aber erst dann ihren Abschluß finden, wenn an deren Stelle eine andere, den Existenzbedingungen des Donaureiches und seiner Völker entsprechendere Verfassung getreten ist. Den Beweis für die Richtigkeit dieser Auffassung liefert aufs glänzendste auch das 2. Volksparlament. Das 2. Volksparlament bewegt sich in den Bahnen des i., es wandelt dieselben Irrwege, wie die früheren Parlamente und löste bisher keine einzige der ihm obliegenden Aufgaben. Als die Wählerschaft vor einem Vierteljahre auf Grund des allgemeinen, gleichen direkten Wahlrechtes zum zweitenmal zur Wahlurne schritt, glaubte sie, daß nun eine neue Aera in Oesterreich beginnen werde: Die Modernisierung Oesterreichs, die Zurückdrängung des Nationalitätenhaders und des Antisemitismus, sowie die lnaugurierung einer großzügigen Wirtschaftspolitik. Keine von allen diesen Erwartungen hat das 2. Volksparlament bisher erfüllt und wird sie auch in Zukunft nicht erfüllen. Derselbe reaktionäre Geist welcher im 1. Volksparlament vorherrschte, triumphiert auch im 2. Volksparlamente, die nationalen Streitigkeiten dauern ungeschwächt fort und spitzen sich wieder zu, der Antisemitismus hat im deutschen Nationalverband der stärksten parlamentarischen Partei seine Wiederauferstehung gefeiert und die ökonomische Tätigkeit wird durch die Nichtangriffnahme der Sozialversicherung sowie die Behandlung der Fleischfrage illustriert. Die Schuld an dieser Unfruchtbarkeit auch des 2. Volksparlamentes liegt einerseits, wie bereits früher betont, in der verfehlten Politik der einzelnen parlamentarischen Parteien, anderseits aber macht auch unsere jetzige Verfassung (die Quelle und der Ausgangspunkt der staatsrechtlichnationalen Kämpfe in und zwischen beiden Reichshälften) eine andere Politik unmöglich. Der „J ü d. N a t i o n a 1 v e r e i n“ erstrebt deshalb, die Erhaltung und Stärkung eines Völkerstaates Oesterreichs und im Rahmen der Staatsidee eine politische Organisation .der österr. Juden zum Schutze 'ihrer nationalen Selbständigkeit und zur Förderung ihrer kulturellen, poli tischen und wirtschaftlichen Interessen. Die ungleichmässige Verteilung der einzelnen Nationen in den Kronländern Oesterreichs und die daraus resultierende. Vergewaltigung - nationaler Minderheiten erfordert im Interesse des für das Staatswohl unerläßlichen nationalen Friedens die Schaffung der nationalen Autonomie. Eine über den Völkern stehende starke zentrale Reichsgewalt hat die Aufgabe, die natürliche Autonomie mit den gesamtstaatlichen Interessen in Einklang zu bringen. Der.Jüd. Nationalverein* erstrebt die Erlangung der nationalen Autonomie für die Juden in Oesterreich und unterstützt daher jede Bemühung, welche auf die Verwirklichung einer nationalen Autonomie für alle Völker hinzielt * * * Tatsächlich ist die nationale Autonomie in gleichem Masse für O e ste’r reich, wie für das jü dische Volk eine Lebensfrage. Oesterreich, die Gesamtmonarchie, kann nicht gesunden, solange die nationalen Zwistigkeiten das Parlament lahmlegen, die jede Parteigruppierung nach politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten verhindern und auf diese Weise auch jeden kulturellen und ökonomischen Fortschritt hemmen. Das j ü d i s c he Volk aber im Donaureiche bedarf als feste Grundlage einer jüdischen Volkspolitik, seine Anerkennung als gl ei chb erechtigtes Volk und der Zusammenfassung seiner zerstreuten Glieder zu einem einheitlichen nationalen Körper. Beide Forderungen erfüllt die nationale Autonomie. Sie bezweckt die gesetzliche Organisation der h e u t e staatsrechtlich noch nicht e x i sti ere nd er österreichischen Nationen, somit auch der J u d en, mit dem Rechte der Selbstverwaltung in ihren spezifisch nationalen und kulturellen Angelegenheiten. Die nationale Autonomie ist aber nicht nur eine Notwendigkeit unter dem Gesichtspunkte der Konsolidierung des Donaureich es in der nationalen Konsolidierung des jüdischen Volkes, sondern auch ein wirksames Mittel zur Ueberwindung des Antisemitismus. Es ist ein Hauptfehler der jüdischassimilatorischen Politik, daß sie den engen Zusammenhang zwischen Nationalitätenstreit und Antisemitismus übersieht oder ihn mindest nicht genügend Rechnung trägt. Der Dualismus bewirkt es, daß das österreichische Abgeordnetenhaus — genau so wie der ungarische Reichstag und alle anderen Körperschaften der Monarchie — statt einer Stätte positiver Arbeit im Interesse des Reiches und der gemeinsamen kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der einzelnen Reichsvölker zu sein, ununterbrochen den Tummelplatz maß- und zielloser Nationalitäten sowie Rassenkämpfe bildet. Unsere Verfassung ist eben nicht angepaßt der Natur des österreichischen Völkerreiches, sie kennt nur zwei R e ic hs h ä 1 f e n, statt elf Völker, für sie existiert speziell kein jüdisches Volk, sodern nur eine jüdische Konfession. Eine Umgestaltung dieser Verfassung ist daher sowohl vom gesamtösterreichischen wie’vom jüdisch-nationalen Standpunkte aus die dringendste Notwendigkeit. II. Die Jüdischnationalen und die österreichische Nationalitätenfrage. Die J üd is c h nationa 1 e n betrachten die J u d e n als Nation. Nationale Eigenart, gemeinsame Geschichte und gemeinsame Not sind nebst der Religion wie in der Vergangenheit, so auch in der Gegenwart der nationale Kitt des jüdischen Volkes. Die Jungjuden wollen ihre Erhaltung, ihre ku 1 turel 1 e B1 üte und den materiellen Wohlstand aller jüdischen Volksgenossen. Der jüdische Nationalismus ist kein chauvinistischer, offensiver, sondern ein defensiver. Nicht im Kampfe gegen andere österreichische Völker, sondern in der positiven kulturellen und ökonomischen Arbeit für das eigene jüdischeVolk gipfelt dasWesen der jüdischen N ati onal po 1 i t i k. Sie muß daher naturgemäß modern jüdisch, modern sozial und modern österreichisch sein. Diese Prinzipien vertritt auch der ,.Jüd. Nationalverein in Österreich“ auf Grund des im Jahre 1906 am Krakauer Parteitage formulierten Programms. Der rJüd. Nationalverein“ sowie überhaupt die gesamte jungjüdische Bewegung erstrebt aber in erster Linie die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Nation im österreichischen Völker reiche. Die Stellung zur österreichischen Reichsidee, zu

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