Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr: 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Schwierigkeiten gefaßt. Wir wissen nur zu genau, daß die uns gestellte Aufgabe keine leichte -ist, wir wollen-jedoch in -keiner Hinsicht, also auch in der Arbeit für die Nationalsprache nicht, ■den Brüdern im Osten nachstehen. Die Liebe zur alten Sprache lebt tief in der Seele des Volkes, keine Wühlarbeit und mag sie mit großem Eifer das Hebräische herahzusetzen suchen, vermag sie auszumerzen. Nicht nur der -Partei, ■ nicht nur der Bewegung, der gesamten Judenheit obliegt die Pflicht, sich des Hebräischen anzunehmen. Und hier heißt es Farbe bekennen! Insbesondere gilt dies von denen, die immer bereit sind die „heilige Religion“ |im -Munde zu führen und sie gegen die bösen Zionisten in „Schutz“ zu nehmen. Ohne hebräische S p r a ch e g i bt es keine jüdische Religion. Das völlige Fiasko des Reformjudentums hat es aufs deutlichste bewiesen. Die Stellungnahme zu hebräischen Sprache ist sohin Zum -Prüfstein für die jüdische Gesinnung geworden. Allerdings gibt es auch in der hebräischen •Sprache Unterschiede, die sich vielleicht gar nicht ausgleichen lassen. Wenn wir vom Hebräischen sprechen, so verstehen wir darunter die neue kernige, lebendige Sprache und betrachten es als unsere natürliche Pflicht, mit ihr vertraut zu werden. Im vergangenen Jahre veröffentlichte ein Wiener Gemeinderabbiner in einem hiesigen Blatte einen Aufsatz über die hebräische Sprache. Es hieß darin, der Unterricht-der hebräischen Sprache in den •Schulen müsse lediglich den Zweck verfolgen, die wichtigsten Gebete •den Kindern verständli ch z u m a che n. Es ist dies eine Auffassung, die nicht genug scharf bekämpft werden kann. Gewiß wollen wjr die Gebete des jüdischen Volkes kennen, in denen sich seine Seele widerspiegelt und die deutlich die Spuren seiner qualvollen und zugleich erhebenden Geschichte aufweisen. Hat jedoch die hebräische Sprache die einzige Aufgabe, uns mit den Gebeten be- -kanntzumachen, so sinkt sie auf das Niveau einer Gebetsprache herab, so hat sie, das Recht verwirkt zu existieren, dann hat die hebräische Sprache keine Existenzberechtigung. Wir alle, auch die die Sprache nicht verstehen, nur ihre jüngsten Leistungen kennen wissen aber, daß sie mehr ist als eine Gebetsprache, daß ihr eine Kraft innewohnt, die ihr zum steten Leben verhelfen wird. Und wir freuen uns alle, daß das Hebräische eine Tatsache geworden ist, die nicht mehr durch Phrasen totgedroschen und die nicht durch .gewissenlose Hetzer aus der Welt geschafft Werden kann, wir alle fühlen, daß die hebräische Sprache eine kraftspendende Quelle geworden ist. Wir alle sehen den Zeitpunkt nahen, da es nicht -mehr genügen wird, sich mit Worten zur jüdischen Nationalidee zu bekennen. V o 11 b r in - g,et die Tat, lernet hebräisch! Unsere Nationalsprache. Referat Sokolow gehalten auf dem X. Zionistenkongreß. '•";' Es gab eine Zeit, in der wir unsere nationale Sprache wie einen Augaptei Währten und pflegten. Sie wurde nicht nur -in ihrem Lande in grauer Vorzeit geschützt und; erhalten, sondern auch in den Ländern des Exils;’’ nicht nur in Synagogen und Lehrhäusern, sondefn auch in Gemeindestuben und in den Familien,; in den Wohnräumen der Reichen und in den 'Hütten der Armen, überall, wo ein jüdisches Herz schlug. Man labte sich an ihr, man gab sich alle erdenkliche Mühe, ihre Gesetze zu erforschen, ihren Geist zu erfassen, die feinsten Regungen und Töne ihr abzulauschen. Es gab eine Zeit, als sie betete, sang, lehrte, erzog und unterrichtete in Glaube und Geschichte, im Leben des Volkes und in den Angelegenheiten der Gemeinden. In dieser Sprache schrieb der Rabbi seine Thoraerklärungen, der Forscher die Ergebnisse seiner Studien, die Kehillah ihre Erinnerungen und Memorbücher; jeder Verein, klein oder groß, es mochte auch nur ein Verein von armen Handwerkern gewesen sein, das.. allererste was er tat, War die Anlegung eines „Pinkas“ mit einer schönen Einleitung, ja auch mit Programm, Geschäftsordnung und Organisationsstatut — und es war eine Selbstverständlichkeit, daß all dies hebräisch geschrieben sein mußte. Die Sprache der Nation mußte jedem jüdisches Beginnes die Weihe erteiten. lind wie lebte diese Sprache! Bald war sie erhaben, feierlich und majestätisch, bald — frei, leicht u nd sachlich; bald ergoß sie sich wie ein Lavastrom in Strafpredigten u. zuckte blitzessprühend ihr Schwert, bald girrte sie mit liebevoller Anmut wie eine Taube; sie hatte eine Kraftfülle — ohne rohe Gewalt, Schönheit ohne Schminke, Ruhe ohne Müdigkeit, hohes Alter ohne Falten und Kindlichkeit ohne Kinderei. Sie zeigte, daß sie alles vermöge, eine unversiegliche Quelle von Kraft und Lust, für jedes Gebiet geeignet, für jedes Zeitalter passend, dem Heiligen dienend und das Alltägliche umfassend, klar deutend und farbenreich, zart und blühend in junger Liebe in Schir-Haschirim, herzerschüt-' ternd und wenklagend mit Jeremjahu. Die urewigen Wege der Vorsehung erforschend mit Jjob, in unvergleichlicher, keuscher, naturreiner Bescheidenheit erzählend mit Ruth: Andere Zeiten kamen, schlaft hingen die Harten an den Trauerweiden an den Bächen Babylons. Die Lewiim wollten das Lied Gottes aut fremdem Boden nicht mehr anstimmen — sie stimmten es aber doch an: War ja der Aufschrei dieser Weigerung selbst einer der gewaltigsten Psalmen, der das Blut in den Adern erstarren läßt: Die Sprache trieb die herrlichsten Blüten weiter. Schon \v|ar das Land der Zerstörung nahe, als die Sprache in der Mischnah mit riesigem Reichtum und sinnesklarer Genauigkeit erstand, um späterhin das wunderbare „M eer des Talmud s“, das alle Küsten der Wohnsitze unseres Geistes umspülte und befruchtete, trotz gemischter Idiome, zu durchleuchten. Und wie erblühte 'diese Sprache wieder im goldenen Zeitalter der Juden Spaniens: Nie hatte in der Weltgeschichte eine solche Renaissance einer Sprache stattgetunden. Sind in tausend Jahren-nach Homer, Ovidius und Cicero neue Homer, Ovidius und Cicero erstanden? Aber mehr als tausend Jahre nach Jeschajahu, Jirmijahu und Jechezkel sind neue, gottbegnadete Seher erstanden, die Halewi, die Gabirol, die Ibn Esra — weil der Genius unserer Sprache nicht gestorben ist. Aber nicht nur ein dichterisches Blühen war es, £$ war auch ein Leben. Die Kette unserer nationalen Sprache zog sich ununterbrochen, sie umfaßte alle Wissenschaften und Künste, sie behandelte alle Fragen-der Gewerbe, alle Angelegenheiten des menschlichen Lebens — alles wurde in dieser Sprache geschrieben, sie begleitete uns auf allen Lebenswegen, sie ging mit uns durch das Tal der Todesschatten und siegreich trat sie von den Folterkammern aller Inquisitionen und Zensuren heraus. Und wissen Sie, welche weltgeschichtliche Verdienste unsere nationale Sprache hat? Nicht nur, daß sie der Welt die Bibel gegeben, sie hat auch die Sprachen der Völker veredelt und bereichert. Durch die Uebersetzurig unserer hebräischen Bibel hat Luther die Sprache seines Volkes in deren packender populärer Handhabung zu einem nie vorher geahnten Fortschritt gebracht, und von der englischen Sprache bezeugt Addison, daß sie unermeßliche Verbesserungen und Beiträge dem Eindringen der Hebraismen durch die Uebersetzung der Heiligen Schrift zu verdanken habe. Bekanntlich waren es hebräische Studien, die die Reformation angebahnt haben und diese Stadt Basel, in der wir heute tagen und diq für die Geschichte des Zionismus eine so große Bedeutung hat, war eben der Lern- und Lehrort, in dem die Pellicanus, Münster und Buxtort im 16. und 17. Jahrhundert von den Quellen unserer Saadja Gaon, Juda Chijug, Jona, ben Qannach, Jarchi, Menachem b. Saruk, die Kimchiden, Abraham und Moses Ibn Esra schöpften und neues Licht in der christlichen Welt verbreiteten. Wir lächelten, als man uns fragte; Wo ist euer Schrifttum? Möge man doch die Bücher- und Handschriftenverzeichnisse der großen Bibliotheken durchblättern: Wo ist ein Volk vorhanden, das eine so alte und reichhaltige Literatur besäße, wie das unsrige? Und diese Literatur und diese Sprache waren ja nicht für eine Priesterkaste oder Gelehrtenzunft bestimmt und diese Bücher und Schriften waren ja nicht ein Monopol für Klostermönche, sondern Gemeingut, Volksvermögen i Kein Volk in der Welt hat es so tiet verstanden wie das unsrige, welche Bedeutung die Sprache für die Erhaltung und die Entwicklung der Nationalität hat. Ja, was macht denn eigentlich eine Nation aus? Sind nicht außer der Abstammung Sitte und Sprache ihre Merkmale? Die Sprache ist eine Hochburg des Volkstums. Nur jenes Volk, welches den Wert seiner Spracne zu schätzen weiß, kann wahrhaft national fühlen und handeln. Wer für die Sprache kämpft, der kämpft damit auch für die Nation, und wenn erst einmal dem Volke die Wertschätzung seiner Sprache ins Herz gepflanzt worden ist, so daß es sie heilig hält gleich dem kostbarsten Kleinode, dann ist auch ein großer Teil seines Kampfes hierdurch beendet, dann wird das Volk seines inneren Wertes bewußt, dann erst wird ihm jenes Gefühl zuteil, welches nationale Kraft verleiht und unvergängliche Taten schafft. Bezeichnen wir ja mit dem Worte „national“ nicht allein die im Wesen eines Volkes seiner Gesamtheit nach ursprünglich eingeborenen oder allmählich entwickelten Eigenschaften, welche es von anderen Nationen unterscheiden, sondern auch in bezug aut den einzelnen Volksangehörigen das Gefühl dieser Eigenschaften und das Bewußtsein von ihrem Werte sowie endlich nicht minder das Bestreben, diese Eigenschaften ihrer ursprünglichen und edleren Art gemäß zu pflegen und weiter zu entwickeln. Eine gebildete Nationalsprache ist ein von den edelsten Geistern und Herzen errungenes Eigentum; jeder liebt in ihr, jeder pflanzte in sie zur Aufbewahrung und Fortentwicklung seine besten Gefühle und Gedanken, ein Frucht- und Blumengarten, in dem die Hände der Nation gearbeitet haben, seitdem diese da war. Und wenn Herder behauptet, die Sprache einer Nation sei ein Spiegel ihrer Geschichte, ihrer Taten, Freuden und Leiden, so frage ich: v o n w e 1 c h e r Sprache kann man dies mit mehr Recht behaupten, als von der hebräischen? Was unserem Stamm, unserem Volke im Laute seiner Entwicklung begegnet ist, welchen Bestand an Sitte und Lebenserfahrung es aus den Ursitzen aut die Weltbühne des Völkerlebens mitgebracht hat, wie es damit hauszuhalten verstand und aus eigener, freier Kraft den Besitz erhöhte, wie es sich fremden Einflüssen gegenüber verhielt, das alles erzählt uns nur die hebräische Sprache. Sie ist die lebendige Geschichte unseres Volkes, ln seiner Sprache lebt es die Vergangenheit und Zukunft zugleich, es schafft durch die Sprache unabLässig an seiner Wiedergeburt in den kommenden Geschlechtern aus der ueisteskraft der früheren. Die hebräische Sprache schöpfte aus der unbewußten Tiefe unseres Volkes, oder vielmehr unser Volk erschöpfte sein Wesen und die geistige Arbeit in der Veredelung der Gefühle und der Aufklärung des Verstandes, seine ganze Welt- Ansicht in der ihm ureigenen Sprache. So oft unser Volk seine Sprache autgegeben hat, ist ihm der wahre Quell seines Seins abgeschnitten worden. Seit Jahrtausenden ist Hebräisch das Band gewesen, welches neben der Religion uns noch zusammenhielt. Ja, nicht allein zusammenhielt, nein, als Form, in der die Werke unserer großen Dichter und Weisen Gestalt annahmen, die Seele der Nation immer zu neuem Leben entzündete. Die Restauration unseres Volkes unter Esra und N e c h e m i a begann mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache; die Rettungstat R. Jochanan Ben S a k k a i s für die Erhaltung des Volkstums nach dem Verlust der politischen Selbständigkeit war bekanntlich die Gründung einer Schule für jüdisches Wissen; die Wahrung der reinen Sprache unter den Judäern galt für unsere Weisen alseine Gewähr für die Erhaltung der Lehre, wie auch andererseits die Verwahrlosung der Sprache unter den Galiläern als ein böses Zeichen. Nur das nationale Wort hatte die erlösende Kraft. Auch die ptolemäische Zivnostenskä banka Filiale Wien i. Herrengasse «2. 4 Aktienkapital und Reserven: K 95 Millionen. Oll Wechselstuben I. Herreng. 12» 11. Praterstr. 24» VII* Mariahilferstr. in Wien: X. Favoritenstrasse 95» XVI. 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