Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Aas den innem rassischen Gouvernements werden dieJadeo massenhaft von der Polizei aasgewiesen; ans Lithauen treibt die grosse Armnt die Juden in die polnischen Landesteile. So bat sich die indische Bevölkerung des Gouvernements Kowno im letzten Jahrzent nm 21°/0 verringert. In Polen selbst. lassen sich die Juden vorzugsweise in den grossen Städten Warschau und Lodz nieder. Im Jahre 1893 betrag die jüdische Bevölkerung dieser beiden Städte 17% sämtlicher Jaden in Rassisch-Polen; im Jahre 1909 lebten bereits 24%, also last 1/i aller Jaden Russisch-Polens in Warschau und Lodz. Die Zahl der Juden in Warschau betrag im Jahre 1910 über 308.000 Seelen 39,4% der Gesamtbevölkerang; in Lodz betrag die Zahl der Jaden im selben Jahre 92.000 23%; in Lablin leben 31.000, in Bed in und Czenst« cliau je 22.000, in Bado m 17.000, in Ealisch und Petrikau je 14.000, in Siedlce, Snwalk and Sosnowice je 13.000, in Lern za 12.000 jüdische Seelen. Der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung ist besonders in den polnischen Eieinstädten oft recht hoch. Es gibt in Eassisck-Polen 25 Städte mit einer Einwohnerzahl von 10—20.000 Seelen; in 14 von diesen 25 Städten beläuft sich die jüdische Bevölkerung auf mehr als 50% der Gesamteinwohnerschaft. * .Das Begräbnis des Malers Josef Israels im Haag. Zu einer imposanten Kundgebung gestaltete sich des großen Künstlers Beerdigung. Hunderte warteten auf dem Begräbnisplatz am Scheveningschen Weg auf den Leichenzug Israels. Im Leichenhaus empfieng der Vertreter der Königin Ikhr. Roell die Trauernden. Im Trauerzug zug gingen die im Haag anwesenden Minister, die Direktoren der 'holländischen Museen und holländische Künstler, die Mitglieder des israelitischen Gemeinderates und zahlreiche Vertreter großer Vereine aller Richtungen mit. Zu Beginn der Trauerfeier wurde das Klagelied Davids: '„O Zierde Israels, auf der Höhe bist du erschlagen 1“ gesungen. Als Erster warf der Vertreter de*- Königin drei Schaufeln Erde in das Grab. Es folgte Landwirtschaftsminister Palma der dem Toten im Namen der Regierung und des niederländischen Volkes schmerzbewegt huldigte. Für die Stadt Haag sprach der Bürgermeister Ikhr. Karnebeek worauf der Vertreter der Künstlervereinigung dem toten Meister Worte der Verehrung Widmeten. Isaak Israels, der Sohn des gelegen, zählt -eine ansehnliche Gemeinde. Bezeichnend ist, daß sie, die durch' Unterwürfigkeit wie Geschicklichkeit ach auszeichnen, fn .kleiner Zahl, und . zwar als Händler unter den kau-dischen und lurischen Stämmen des westlichen. ^Persiens wohnen. 'v' Am stärksten vertreten sind sie im Bei&k von Soldus, westlich von Urmia unter dem Stamme der Karapapaks. Im Gebiet von Salmass bewohnen ihrer 500 bis 600 die Ortschaft Kun-eschehr. Im östlichen Teile der Provinz Aserbaidschan ist der Jude sehr selten anzutreffen. Der' Grand liegt in den Judenverfolgungen im 17. und 18. Jahrhundert in Täbris, Welche die unter den duldsamen, toleranten Mongolensultanen dort blühende jüdische Kolonie vernichteten. Ein Teil der Juden von Täbris trat zum' .Islam über, ein anderer Teil flüchtete zu den kurdischen Stämmen, die westlich des Urmiasees die Grenzgebirge beherrschen, wo sie mit Glau- -i ibensgenossen zusammentrafen, die den Handels- ■ wegen von Mossul und Bagdad aus folgend, hier sich vereinzelt niedergelassen hatten. Der Besuch des Cbachame, des wandernden Rabbiners, -der einmal jährlich schlichtend und mahnend, in jede Familie tritt und eine kleine Abgabe für sich leinzieht, verknüpft diese verstreuten Israeliten mit der übrigen Judenschaft Da die Juden des nordwestlichen Persiens einen mit hebräischen Worten untermischten Dialekt sprechen, treten sie mit den dortigen, das syrische Arabisch' pflegenden orientalischen Christen mit Leichtigkeit in wirtschaftlichen Verkehr. Verstorbenen, dankte. Im Trauergefolge befand sich auch Max Liebermann, der dein Freunde und Berufsgenossen die letzte Ehre erwies. s ’ * Absage eines jüdischen Künstlers an die russische Regierung. Der bekannte russisch-jüdische Bildhauer Naoum Aronson wurde dieser Tage von der russischen Regierung. eingeladen, sich am Wettbewerbe für das Denkmal das dem Andenken Suworows gestellt wird, zu beteiligen. Der Künstler, der ständig in Paris lebt, lehnte diese Einladung mit folgendem Schreiben ab: „Ich.habe mich überzeugt, daß ich als Jude in Rußland weder auf eine gerechte Kunst-Jury, noch sogar auf ein gewöhnliches kulturelles Verständnis für. meine künstlerischen Bestrebungen rechnen kann. Wenn einmal der gegenwärtige Hexensabbat .der falschen Patrioten von dem Schlage der Schwarzen Hundert ein Ende genommen haben wird, werde ich mich glücklich fühlen, an der gemeinsamen Arbeit für das geliebte Vaterland teilnehmen zu können.“ Der Brief ist eine Anspielung auf die Erlebnisse des Künstlers im Vorjahre, als er, trotzdem ihm1 vom Zar der freie Aufenthalt in ganz Rußland zugesichert wurde, infolge der Intriguen der Volksverbändler Rußland fluchtartig verlassen mußte. * Judenausweisungen aus dem Krankenhause. __ Odessa. Immer rücksichtsloser und grausamer wird die Abschiebung „wohnrechtsloser“ Juden in den Pferch des Ansiedlungsrayons durch die russischen Polizeibehörden gehandhabt. Das neueste Heldenstücklein auf diesem Gebiete hat sich das Odessaer Stadtamt geleistet. Es erließ eine Verfügung, die nach dem „Rjetsch“ auch schon zur Ausführung gelangt ist, Wonach die jüdischen Patienten der Walichowska- Abteilung des städtischen Krankenhauses unverzüglich, das Stadtgebiet verlassen und sich nach dem Ansiedlungsrayon zu begeben haben. Die Mandel- und Efhrogimernte in Palästina. Pet'hach-Tikwah. Die Mandelernte in , unserer Kolonie hat in diesem Jahre Verhältnis- J mäßig geringe Erträge geliefert. Ein Teil der , Früchte ist auf den- Jaffaer und Jerusalemer Markt gelangt, wo sie gute Preise erzielen. Auch! die Ausfuhr der Mandeln hat bereits begonnen. Die Efhrogim sind heuer quantitativ und. qualitativ vorzüglich’ geraten und stehen hoch im Preise, da die Ernteergebnisse in Griechenland, dem Hauptgebiete der Ethrogimproduktion, diesmal sehr ungünstig waren und auch' in Marokko der Ertrag der Pflanzungen infolge der dortigen Wirren äußerst gering ist. Lernet hebräisch! Von Ludwig Batö. Uns allen, die noch unter dem überwältigenden Eindrücke des X. Zionistenkongresses stehen, klingt der mächtige Ruf in der Seele nach: „Lernet hebräisch! Die Sonntagnachmittags-Sitzung, in welcher der „eiserne Mann“, Ingenieur U s s i s c h k i n, den Vorsitz führte und in der die hebräische Sprache zum erstenmal in ihre Rechte trat, weist der Entwicklung unserer Volksbewegung neue Wege. Mit unbeschreiblichem Jubel war das Auftreten der altneuen Sprache begrüßt und, in der allgemeinen Begeisterung standen die westeuropäischen Delegierten fast beschämt da, beschämt, weil sie dem Gange der Verhandlungen nicht zu folgen vermochten. . Einige kramten in alten Jugenderinnerungen, um durch Sammlung hebräischer Sprachbrocken zumindest einen Satz, wenigstens einen Ausdruck der Rede zu erfassen. Manche 'versuchten sich in Lavaters Kunst, um aus den Gesten der Redner den Sinn der Rede zu entnehmen. Vergebens! Wir alle fühlten, daß an dem Tage etwas Ewiges geschaffen wurde, daß Mir etmas Historisches erlebt haben. Der Kongreß.'hat uns vor zwei vollzogene Tatsachen gestellt: Er.hat uns die Unzulänglichkeit der deutschen, als ausschließlichen Verhandlungssprache! vor Augen geführt und der he¬ , Nr. 35 bräischen Sprache den ihr gebührenden Platz eingeräumt. Es ist unstreitbar, daß auf dem letzten Kongreße der Prozentsatz der deutsch verstehenden Delegierten ein viel geringerer war, als beispielsweise auf dem fünften. Die Ursache dieser Erscheinung liegt vor allem in dem steten Rückgang der'jüdischen Sprache. Das Jüdische iweicht immnier mehr dem Russischen und Polnischen in den östlichen, dem Englischen in den angelsächsischen Ländern. Auf diese Weise werden die jüdischen Massen der deutschen Sprache völlig ' entrückt, trotzdem sie noch vor kurzem unsere Kongresse voll und ganz beherrschte. Die zionistische Bewegung macht weiterhin große Fortschritte in Kreisen der eingeborenen gar manchen harten Strauß auszufechten hatte, jüdischen Bevölkerung in England, Amerika und im Orient, in Kreisen, dem das Jüdisch-Deutsch und das. Deutsche stets fremd war. Und so wuchs fort und fort die Zahl der Zionisten, die der deutschen Sprache vollkommen fremd gegenüberstehen, die jedoch in den meisten Fällen die hebräische Sprache beherrschen, die Sprache, welche der 8. Zionistenkongreß’, in Haag als offizielle Sprache der Bewegung proklamiert hat. Die hebräische Sprache, die die Haskala- Bewegung zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dem papiernen Dasein entrissen, der die Freunde Zions am Anfang der achtziger Jahre kräftige Töne des Lebens entlockt haben, die Sprache, die durch die zionistische Bewegung einen bis dahin ungeahnten Aufschwung nahm, die Sprache, die mit der jüdischen Volkssprache hat in kürzester Zeit nicht nur die frühere Position errungen, sondern, erstaunliche Fortschritte gemacht. Es ist heute allen klar: Sie allein ist die Zukunftssprache des jüdischen Volkes. Wir waren schon vor Jahren darüber einig, fügten jedoch fast zaghaft hinzu: das Hebräische könne niemals die Sprache der Diaspora werden. Wir trieben eifrige Propaganda für das Hebräische, wir waren im Herzen von seiner Nützlichkeit, Notwendigkeit und Vortrefflichkeit überzeugt — und verharrten! in (der früheren Unkenntnis der hebräischen Sprache.' Es gibt allerdings viele Milderungsgründe, die das Nichterlernen des Hebräischen in einem günstigerem Lichte erscheinen lassen. Wie dem auch sei, es muß uns allen klar sein, daß Wir vor einer vollzogenen Tatsache stehen: das Hebräische hat den ihm gebührenden Platz erobert. Es war durchaus, keine „penetration pacifique“, es war vielmehr ein Sieg nach langem, hartem. Kampfe. Nun werden wohl viele einwenden, daß es nicht möglich sei; die Sprache in ein oder zwei Jahren derart zu beherrschen, um' eine hebräische Rede halten oder an der Debatte teilnehmen zu können. Gewiß nicht! Vor allem genügt jedoch das Verständnis der Sprache, zum Sprechen selbst wird man sich dann leicht durchringen. Viel wichtiger erscheint mir hingegen die Frage, pb es möglich sei, sich auf die Weise, wie man moderne Sprachen lernt, die hebräische Sprache anzueignen? Wir dürfen uns nämlich über eines nicht hinwegtäuschen: A11‘ die hervorragenden hebräischen Schriftsteller und Redner der Jetztzeit sind aus den östlichen J e s c h iw o t hervorgegangen. Die alten •' Schulen, die alten Studien gaben ihnen die Grändlage, auf der sie ihre moderne hebräischen Kenntnisse ausbauen konnten. Man wirft daher unwillkürlich die Frage auf: Ja, ist es möglich, ohne Kenntnis des alten Schrifttums hebräisch. zu erlernen? - 1 Mit Stolzkönnen wir heute darauf hinweisen, daß1 die hebräische Sprache schon lange mehr keine Gelehrtensprache, ist, die mit der Kenntnis irgend eines Schrifttums untrennbar verbunden, . Der beste Beweis hiefür bildet das pulsierende hebräische L e b e.n in Palästina, die jüdischen Kinder mit hebräischer Muttersprache und id ie Jugend im Osten, die unsere alte Nationalsprache mit .einer bewunderungswerten Sicherheit beherrscht. Sie allesamt begannen nicht mit dem Studium des alten Schrifttums, sie alle suchten mit der Sprache auf die Art bekannt zu werden,.wie es bei den übrigen modernen Sprachen^ der Fall ist. Wir lassen uns nicht entmutigen, wir sind auf allerhand