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Jüdische Zeitung · 1911-09-01 · 35 (1.9.1911) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
35 (1.9.1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 35 und dem Militär unter Anwendung aller Mittel (einige Angreifer wurden getötet) Ruhe herzustellen. Unter anderen wurden ausgeplündert: Jameson,Spezereihändler; B am et t, Juwelier; Prothewe; Möbelhändler; Newcombe, Konditor; H i p p s, Modist. Man ersieht daraus, daß von einer Hungerrevolte keine Rede sein kann. ■ 1 * . # . Der' „Dayly Telegraph“ eines der angesehendsiesenglischen Blätter, schreibt: „Was an den Vorgängen in Südwales am meisten überrascht, ist der Umstand, daß die Menge gerade nur die J u d e n angegriffen hat. Es ist unerklärlich, daß gerade diese friedliebendsten und gesetzestreuesten (loyalsten) Handelsleute angegriffen und ausgeplündert wurden. Von den traurigen Ereignissen war nie eine feindselige Haltung des Volkes gegenüber den jüdischen Geschäftsleuten zu konstatieren. Dem Korrespondenten des «Dayly Telegraph“ wurde an Ort und Stelle mitgeteilt, daß einige Huligans verabredet hatten, einen ganz bestimmten jüdischen Händler anzugreifen und dieser Umstand die allgemeine Revolte nach sich zog. Diese Ansicht wird mehrfach bestätigt. Die Vorfälle haben die Bevölkerung von Wales überrascht und entsetzt. Ebenso rätselhaft wie das Umsichgreifen der Judenhetzen ist auch der Umstand, daß sich sehr gutsituierte Bürger an den Plünderungen b eteiligt haben. Wieso Männer und Frauen, die gutbürgerlichen Kreisen angehören, darauf Verfällen konnten, alles zu rauben und zu stehlen, was ihnen gerade unter die Hände kam, diese Frage ist heute noch nicht aufgeklärt. Diejenigen, welche den Charakter des walischen Volkes kennen, glauben nicht, daß die Ausschreitungen noch fortgesetzt werden. Wohl ist es 'möglich, daß in Tredegar, Ebbw Vale u. a. O. die Plünderungen noch ahdauerri werden, doch glaubt man, daß der' Judenhaß nicht fortdauem wird. Es ist anzunehmen, daß die „ ehrsamen“ Bürger, welche an den Ausschreitungen teilgenommen haben, sich schleunigst von dem Pöbel -lossagen werden. Es muß hervorgehoben werden, daß sich einige, Bürger, darunter , Mr. Walter Lewis . und Edward Jones, bemüht haben, die Menge zu beruhigen und .daß es ihnen tatsächlich gelungen ist, einen Teil der Bergarbeiter vor Plünderungen zurückzuhalten.“ - * Deutsche Blätter über die Vorgänge in England. Der Londoner Korrespondent der „Münchner N. N.“ schreibt: „Seit der starken Einwanderung jüdischer Elemente aus Rußland und Polen, die die letzten Jahre brachten, haben Sachverständige antisemitische Ausbrüche in Großbritannien vorausgesehen, wo im gewöhnlichen Volke die Abneigung gegen den Ausländer von altersher sehr stark entwickelt ist. Ueberrascht hat nur, daß die Szene des ersten wirklichen ’ Ausbruches nicht das Londoner Ostend, sondern die Bergtäler von Südwales waren. Die Ausschreitungen in Tredegar und dem benachbarten. Ebbw Vale haben jedenfalls alles übertroffen, was in dieser'Beziehung in Deutschland vorgekommeii ist, und erinnern in der Brutalität, mit der die Juden behandelt wurden, wie ein hiesiges Blatt meint, direkt an.die russischen Pogroms. .In beiden Städten sind faktisch alle jüdischen Läden und auch vielejüdische Privatwöhnüngen geplündert und zerstört worden. Jeder Zug, der aus ihnen kommt, bringt Hunderte, Jliehender Juden. Die zuverlässigsten. Meldungen über die Ursache des Ausbruches besagen, daß seit einigen Monaten in diesen Städten offene Drohungen gegen die immer-'zahlreicher werdenden Juden ausgestoßen worden sind. Es wird-ihnen vorgeworten, daß sie in gewissen Geschäften, vor allem im Möbel-, Kleider- und Schmucksachenhandel ein Monopol erlangt haben und es in unnötig hohen Preisen ausnützen. Es wird weiter behauptet, daß sie viele der Häuser, in denen die ärmnsteh " Leute wöhnen, ' in ihre Hände gebracht haben, daß sie bei Rückständigkeit des Hauäzinses .rücksichtslos-Vorgehen, daß sje , den, Hajuszins .jüberall 'hinaufschrauben und ihre Mieter zwingen, in ihren Läden zu kaufen usW. Alle diese Dinge hätten das niedere Volk sehr -gegensie aufgebracht und der unruhige. Geist/ den die-;Streikepidemie erzeugt; habe, habe qann den,Apgrift,gusgelöst... r-«t- .W,'*f..3;J».e^.Ü3y<;Jpt^,p, rjdafi:.- es. auch sonst mit G'rößhfitänni'ens Immune tat vb'm 1 An t iSem i fismüs ”gr’ü rid 1 i eh aus ist. Seit dem Südafrikanischen Kriege hat er im Volke langsam, aber sicher.,,um. .sich' gegriffen. Augh die:neueste .englische. Roma n- 1 i t e r a t'u r ' zeugt überall von seinen Fortschritten. . '' : Man denkt mit Schrecken daran, welche Wirkungen ein Beispiel, wie es Südwales heute gibt, im Londoner Ostend haben kann, wo jetzt über hunderttausend Juden leben. Hier ist es während des Dockstreiks tatsächlich zu verschiedenen milderen, aber doch bedeutenden Ausschreitungen von ausgesprochen antisemitischem 'Charakter gekommen.“ * Ferner schreibt man der „N. J. K.“ aus London unter dem 25. d. M.: Immer neue, Hiobsposten treffen stündlich aus Südwales ein. Das, Volk hat sich nicht nur nicht beruhigt, es geht in seinem sinnlosen Wüten immer weiter und nimmt die bedrohlichste Haltung, gegen die Juden ein. Die Hauptschuld an den immer gefährlicher ausartenden „Riots“, wie man die „echt-russisch“ anmutenden Pogrome hier beschönigend nennt, (mißt man den gewissenlosen antisemitischen Demagogen zu, die die Wut des Pöbels in unverantwortlicher Weise schüren und unaufhörlich neues Vorgehen gegen die Juden predigen. Die schweren Ausschreitungen in Monmouths'hire sind keineswegs zu Ende. Im ganzen Lande erregt es das peinlichste Aufsehen, daß das Militär, obwohl es in genügender Anzahl vorhanden war, dennoch nicht helfend eingriff .'.und den Ueberfallenen Schutzgewährte. Die Miliz tat nicht das gerinste, die' Ausfälle der Wüteridfen zu verhindern, sondern sah dem schrecklichen Treiben, ganz nach russischem Muster,' teilnahmslos zu. In Tredegar standen allein 150 Mann, fünf Offiziere und eine Eskadron Husaren unter dem Befehl eines Majors. Fast zweihundert Mann befanden sich in der Nachbarschaft, und; in Cardiff lagen tausend Mann Infanterie. Trotz dieser soldatischen Schutzmacht überfielen die Aufrührer Mittwoch’ den 23. August nochmals' die jüdischen Häuser, drangen mit Gewalt in die Läden ein, Zertrümmerten die Einrichtung und streuten die Waren auf die Straße.* Die Beute, die sie mitnahmen,' wurde ihnen zwar zum Teil von" der 'Polizei "abgehommeri. Unterdessen predigten' die Hetzer "weiter den „gerechten Kämpf gegen die jüdischen Schädlinge“. Die sonst als friedlichbekannten Bergarbeiter sind' plötzlich1 in wilde Meuterer1 verLvpridelt. GSbz England steht vor’ einem RätseL Von einem Abflauen ' der: Pögromstinimung kann' keine ’ Rede : sein. immer weitere Kreise werden von dem TäUmel'-fe'rgriffen,' sogar' die besseren, gebildeten Gesellsbhaftsschichten! ’ Die' jüdische Bevölkerung hegt'die größte Besorgnis,' und wenn die Sache Juden und Judentum ' in der Darstellung Werner Sombarts von Dr. I. Taglicht. In dieser kleinen, aber sehr verdienstvollen Schrift des Rabbiners; Dr. L T a g l'i cli t .erfahren die in dem vielbeachteten Buche' Sömbarts: „Die J-ude-n u nd das Wir tsch af ts- 1 e b e n“ enthaltenen Aufstellungen eine gründliche kritische Widerlegung. Wie wertvoll auch einige Forschungsergebnisse Sombarts für die Aufhellung der Bedeutung der' - Juden 'für das Wirtschaftslebender Völker sind, so war, es anderseits dochnotwendig, die vielen Irrtümer Sombarts, seine vielfach1 unrichtige Auffassung jüdischer Literaturstellen, die zu ganz falschen ‘Werturteilen über Juden und Judentum Bähten,- autzudecken und klarzustellen. Das war umso notwendiger, als diese ungenügend fundierten Behauptungen mit der Autorität Sombarts gedeckt sind und daher als unanfechtbare Urteile gewertet werden wollen. Dr. Tag licht, der bestbekannte Kanzek redner, hat nun mit großem Geschick an der Hand quellenmäßigen Materials die Irrtümer Sombarts dort, wo er von jüdischer Religion und jüdischer Eigenart spricht, nachgewiesen und seine Trugschlüsse,: seine Einseitigkeit in der Beurteilung von Berichten und Tatsachen einer gründlichen, kritischen Beleuchtung unterzogen. So erscheint nach Sombart Gott den Juden in ihrer religiösen Vorstellung bloß als das schreckhafte, grauenerregende Wesen, vor dem sie in'stetem Zittern leben; nach ihm ist alles in der jüdischen Religion Wohlüberlegtheit und Zweck b ed a ch th eit. Eine These übrigens, die schon vor ihm von anderen aufgestellt wurde, nur daß Sombart, der sich in das Studium der jüdischen Literatur wirklich vertieft hat, jener These dogmatische Geltung verschaffen, sie mit dem Gloriole der Wissenschaftlichkeit und Objektivität umgeben will. Dr. Taglicht hat nun dieses Sombartsche Gefüge gründlich' zerstört. In einer innigen und anziehenden Sprache weist der Verfasser aut Grund eines ausgiebigen Quellenmaterials nach, wie sehr just bei den Juden das Verhältnis zu ihrem— Gott— das>—der-reinsten—und-rührendsten ■ HerzenStrömmigkeit, - der vertrauensvollen . Hingabe an den-gütigen' und allerbarmenden Vater , ist und Wie sehr. ihr Streben von jeherstets auf die V-erinne'rUchung der Religion gerichtet-war. t •; Mit der immer Wiederkehrenden Behauptung von der ZWeckbedachtheit (tachlis), die im jüdischen -Wesen :tiet eingesenkt seih soll, geht der'Autor schart zu Gericht.'-' Man muß den Realitäten-des-Lebens'völlig-.entfremdet seih, um -beharrlichdie :Zweckbedachtheit als'‘ j ü d is ch e W e:s e n s e-i g e n-h e i t zu kennzeichnen. Dr. '.Taglicht 'verweist aufdie Geschichte des jüdischen - Volkes;'* welches Jahrtausende ' dem Drange seines..Herzens-folgend, für ein I d'e al, für die Religion lebt und stirbt, er führt eine ganze Reihe beredter Zeugnisse ■ dafür ah, daß. die 'Religionden Juden-stets’ S e I b st z we ck,: fern von-jeder Zielstrebigkeit' war iund: daß1 Empfindsamkeit und Mitleid,- diese erhabene'' altruistische Gefühlsrichtung, von der-das ganze jüdische Religionssystem durchwegs beherrscht wird, bei keinem Volke-so. fest ■■wurzelt, : wie bei den Juden,- welche. inVder Uebung von-Werken-der Wohltätigkeit selbstlos und. unermüdlich sind. Sehr interessant ist ein Brief aus dem 17. Jahrhundert,, den der Verfasser aus der bekannten Sammlung der beiden Wiener Gelehrten, Dr. Wachstein,' Dr. Landau (Jüdische7 Privatbriefe .aus dem . Jahre 1640), anführt und der in rührender Weise den Kummer eines Vaters darj über zum Ausdrucke-bringt,- daß der Sohn sich; auchdenGe s c hä ft e n und nicht ganz „dem i Lernen“ hiqgibt. So sieht die angebliche Zweckbedachtheit in der jüdischen Religion aus 1 Eine scharfe Abtuhr erfährt Sombart dort, wo er von den Geldgeschäften, von dem Fremj denzins der Juden .spricht, und wo: er den Nach- I weis zu führen versucht, daß die Juden von 1 jeher ein Wüsten-und Wandervolk waren, Ackerbau ihnen hingegen stets fremd blieb. Schonungslos hält ihm der Verfasser - die Illogizität seiner Argumentation vor und fegt den künstlich errichteten Bau Sombarts, den letzterer allerdings mit großem Scharfsinn aufgeführt hat, ebenso vornehm als’ gründlich hinweg. Dr. List T KleinesFeuilleton/ '. Bibel urid Naturgeschichte. Für die Liebhaber Von Merkwürdigkeiten aut dem Gebiete der Kulturförsdiüng hat das Londoner Museum für'Naturgeschichte eine interessante kleine Ausstellung eröffnet. Es hat nämlich in einigen Nischen-im großen Saale des Erdgeschosses "Pflanzen, Tiere und ' Steine zusammengestellt, wie sie in der Bibel Vorkommen und wie sie uns'jetzt im Lichte der modernen Forschung'erscheinen/ Die Pflanzensind im' getrockneten Zustand, die-Tiere teils ausgestopft, teils in Abbildungen zu sehen,'die Steine sind in Glasflüssen wiedergegeben: Die Sache hat nicht nur für Theologien Interesse.'Wir sehen aus solchen -Zusammenstellungen; welche Schwierigkeiten die ersten Uebersetzer der Bibel; Deutsche wie ’Engländer, zu überwinden hatten, als sie eine ihnen persönlich ganzfremde Tier- und Pflanzenwelt ihren Landsleuten, und Zeitgenossen verständlich machen ■ mußten; wir Sehenaber auch, welche Fortschritte-wir in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis seit dem' 16. Jahrhundert gemacht haben. Selbst sehr gelehrte Männer jener Zeit Wußten mit den hebräischen Tier- und Pflanzehbezeichnungem oft nichts anzufangen und bedienten sich’ einer verallgemeinernden - Ausdrucjssweise, die den Sinn des Textes nicht mehr richtig wiedergab. So belehrt uns die Ausstellung des naturwissenschaftlichen Museums - darüber, daß das, Was die: Bibel mit „Apfel“ -bezeichnet, mit größter Wahrscheinlichkeit die Aprikose gewesjen ist, die mit der gegebenen Beschreibung beslser übereinstimmt. ' Die aus-Armenien stammende Aprikose war den Bewohnern Palästinas sehr gut bekannt, Während sie unseren Apfel nicht kannten. So nehmen auch die Herausgeber der revidierten englischen Bibel lan, daß die im Hohelied Salomonis erwähnte v,Rose“ Wahrscheinlich1 die Narzissegewesen ist. Auch - die Maulbeerbäume, die in den Büchern Samuelis Vorkommen, hält der skeptische Bearbeiter der Schrift nicht für solche; Sondern für eine Art Pappeln. Er schließt dies aus der Art, wie das .Wipfelrauschen der Bäume.geschildert wird. Die Ausstellung gibt uns ferner-Proben und

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