Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 35 (1.9.1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NATIONAL -JUDI5CHE5 OREAN Lrscuciniwöcnentuch.—Reuakuon, Administration und Inseratenaufnahmes IX., Liechtensteinstrafie 11, Telephon 12299. — Sprechstunden täglich von II —12 Uhr vormittags und 4- -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurfickgestellt- — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn* Ganzjähr. K10.—, halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. Für Deutschland: Ganzj&br. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für das übrige -- Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 b. Postsparkassenkonto 104067. Wien, Freitag den 1. September 1911. Nr. 35. V. Jahrgang Gesinnungsgenossen! . Der X. Zionistenkongreß ist vorüber und alle, die an ihm teilgenommen haben, stehen unter dem Eindrücke der imposanten Größe, die ihm die Zahl der Delegierten und Gäste, die Festlichkeit seiner Veranstaltungen, die Einmütigkeit seiner Willensäußerungen verlieh. Der tiete Ernst, der die Verhandlungen erfüllte, die strenge Sachlichkeit der Beschlüsse, die in den Kommissionen durch gründliche Arbeit vorbereitet wurden, heben den X. Kongreß zu ungewöhnlicher Bedeutung empor und bilden den verheißungsvollen Beginn einer neuen Arbeitsperiode. Durch Beschluß des Kongresses ist die. Leitung der zionistischen Bewegung nach Berlin verlegt und das Unterzeichnete Engere Aktions- Komitee mit der Führung der Parteigeschäfte betraut worden. Beseelt von dem Wunsche, durch eine Politik der Sammlung alle lebendigen Kräfte, die in unserer Bewegung tätig sind und sein können, zusammenzutassen, aus der Ideenwelt, die den Zionismus schuf, immer aufs neue den Geist zu schöpfen, der die Tat belebt, wollen wir dazu schreiten, die Tätigkeit unserer Organisation weiter auszubauen und für die planvolle Entwicklung unserer Institutionen zu sorgen. Wir werden sorgfältig bemüht sein, den jeweiligen politischen Verhältnissen Rechnung zu tragen und demgemäß gegenwärtig insbesondere für den weiteren Ausbau unseres Intormations- und Autklärungsdienstes in der Türkei bemüht sein. Im Vertrauen aut die tortschreitende Entwicklung 'des ottomanischen Reiches und in dem Bewußtsein, daß unsere Bestrebungen mit seinen wohlverstandenen Interessen übereinstimmen, hegen wir die teste Ueberzeugung, daß unsere Bemühungen zu den günstigsten Resultaten führen werden. Unsere Tätigkeit in Palästina, däewir als die Grundlage aller zionistischen Tätigkeit überhaupt betrachten, muß zielbewußt weitergeführt werden. Mehr und mehr werden wir die in langjähriger Versuchsarbeit gewonnenen Erfahrungen nutzbringend verwenden können. Von gleicher Bedeutung wie die politische und kolonisatorische Arbeit ist für uns die Pflege unserer national-kulturellen Entwicklung. Hiefür eröffnet sich uns neben der Förderung der jüdischen Geistesarbeit in allen Ländern, die unser Volk zu lebendigem Judentum und hierdruch zum Zionismus führen soll, ein besonderes Tätigkeitsfeld im Orient, dessen jüdische Bevölkerung wir aufklären und aut dessen Erziehungswesen wir unser Augenmerk richten müssen. Unsere nationale Sprache muß immer weitere Ausbreitung erfahren und immer mehr und mehr zur Gesamtsprache der Nation werden. Auch in dieser Beziehung hat der letzte Kongreß Großartiges geleistet. In einer ausschließlich hebräisch geführten Kongreßsitzung hat der Zauber unserer alten auterstandenen Nationalsprache mit unwiderstehlich magischer Gewalt unser aller Herzen ergriffen. Was früher nur ein sehnsüchtiges Verlangen war, beginnt jetzt zur Tatsache zu werden. So wollen wir unter Wahrung der unveränderlich feststehenden Grundsätze des Zionismus die größtmögliche Förderung der Palästinatätigkeit und die Belebung unserer nationalen Kultur anstreben. Gleichzeitig erwächst uns die Aufgabe, die bereits bestehenden Institutionen finanzieller Natur, unsere Banken, unseren Nationalstonds, unsere Landgesellschaften und alle vom Zionismus geschaffenen und unterstützten Institute zu erhalten und planvoll auszugestalten. In der Festigung und Ausdehnung der zionistischen Gesamtpartei, die in mächtigem Wachsen begriffen ist, erblicken wir die starke Basis und den zuverlässigen Rückhalt -unserer Arbeit. Die-aut diesem Kongreßäirungewöhnlich großer Zahl erschienene zionistische Jugend gibt uns eine neue Garantie für das siegreiche Fortschreiten unserer Idee. Im Sinne unseres neuen Statuts werden wir auch unsere Organisation, entwickeln, die Propaganda weiter ausbreiten und den dringend notwendigen Zusammenhang zwischen der Parteileitung und den Landesorganisationen und Förderationen her zustellen suchen. Wir übernehmen die Arbeit für die Erfüllung unserer mannigfachen und schwierigen Aufgaben mit dem innigen Wunsche, daß es uns gelingen möge, durch die Sammlung aller Kräfte die harmonische Zusammenarbeit in der Bewegung immer zu erhalten. Nur m gemeinsamem brüderlichen Schaffen wird die Kraft der zionistischen Idee sich machtvoll in sichtbaren Erfolgen offenbaren. Und so erwarten wir zuversichtlich, daß alle Gruppen und Richtungen innerhalb des Zionismus, daß jeder Zionist unserem- Werke seine tätige Mitarbeit widmen Wird. Otto Warburg, Viktor Jacobsohn, Arthur Hantke, Schemarja Lewin> Nahum Sokotow. Die Judenhetzen in England. (Eigenbericht der »Jüdischen Zeitungc.) Unser englischer Korrespondent, der sich derzeit in Südwales, dem Zentrum der antisemitischen Hetzen, aufhält berichtet: Die Ausschreitungen gegen die Juden in England haben leider einen viel schrecklicheren Umfang angenommen, als man ursprünglich und auf Grund der Zeitungsstimmen voraussetzte.' Ein Ende ist vorläufig nicht abzusehen. Die öffentliche Meinung steht den Vorgängen empört und fassungslos gegenüber. Die hervorragendsten Blätter schreiben, daß England durch diese bestialischen Ausschreitungen gegen die Juden unsäglich kompromittiert und ins Mittelalter zurückversetzt wurde. Tr e d e g ar(Süd-Wales).Hier begannen die Exzesse und haben den rüdesten Charakter angenommen. Samstag versammelten sich 200 bewaffnete Leute auf dem Hauptplatze (am hellichten Tage), durchzogen die Hauptstraßen, machten bei jedem jüdischen Geschäft Halt und plünderten es völlig aus. Die Waren wurden auf zu diesem Zwecke mitgeführten Fuhrwerken wegtransportiert Sonntag kam es noch ärger. Da versammelten sich die Huligans in der Kirche, verrichteten den Gottesdienst und sodann zogen die „Gläubigen“ gemeinschaftlich auf Raub aus. Die Polizei erwies sich zu schwach, wurde zurückgedrängt, die Exzesse dauerten bis Mitternacht, um welche Stunde endlich Militär erschien und die „frommen“ Plünderer verjagte. Montag suchten die Plünderer die benachbarten Städchen Rhymney, Ebbw Vale etc. auf und setzten die Arbeit fort. Ueber das Gebiet wurde das Standrecht verhängt. Als erstes wurde das Modewarengeschäft des Mr. Louis Stanis geplündert. Der Inhaber ist der angesehenste Bürger von Tredegar, hat viele öffentliche und kommunale Ehrenämter inne. Er warf sich der Menge vergeblich entgegen. Fenster und Türen wurden eingebrochen und in wenigen Minuten war er zum Bettler gemacht. Fast alle Juden sind obdachlos, da sie aus Furchtvor den bewaffneten Strolchen ihre geplünderten Wohnungen nicht zu betreten wagen. Die meisten sind unter Mitnahme weniger Habseligkeiten nach dem Norden geflüchtet Der unmittelbare Grund zu den Ausschreitungen ist noch immer nicht aufgeklärt. Eine Version geht dahin, daß der Generalstreik die Zufuhr von Lebensmitteln und Spezereien erschwert hat und die jüdischen Händler daher mit den Preisen in die Höhe gehen mußten. Die Folge davon seien die Exzesse gewesen. Die Art der Ausschreitungen jedoch macht diese Annahme hinfällig. Leamington. Dienstag. Die Unruhen dauern fort und die Vorfälle übertreffen alle Meldungen. Offiziellerseits ist man bemüht zu vertuschen und zu be’schwichtigen, doch läßt sich der rüd-antisemitische Charakter der Bewegung nicht mehr ableugnen Der Antisemitismus hat in Eng- 1 and festen Fuß gefaßt. Die Ausschreitungen haben einen derartigen Grad erreicht, daß überall Militär requiriert werden mnßte. In Tredegar allein liegen 1009 Mann, ln dieser Stadt wurde auch nicht e i n jüdisches Geschäft verschont. Die Version, daß die Exzesse als Abwehr der Preiserhöhung in der Spezereiwarenbranche aufzufassen seien, ist nichtig. Daß geht schon daraus hervor, daß als erstes das Mode- und Schuhwarenhaus Fines in Rhymney geplündert wurde. Fines ist seit 50 Jahren dort ansässig. Alle Städte im Distrikte Monmouth (Wales) wurden von den Juden fluchtartig verlassen. Mittwoch: In allen Eisenbahnstationen trifft man jüdische Flüchtlinge. Sie kampieren vielfach mit ihren Kindern im Freien, da sie aller Mittel beraubt sind. Die Polizei unternimmt im Plünderungsgebiete Streifungen und konstatiert, daß alle Judenwohnungen verlassen sind. Mit dem Streik haben die Exzesse nichts zu tun. Sie sind lediglich gegen die Juden gerichtet, kein christliches Geschäft wurde geplündert In Monmouthshir e wurde zuerst das Geschäft des Mr. Baranett angegriffen. Der Inhaber verscheuchte die Plünderer mit dem Revolver. Alle anderen Läden wurden devastiert. Erst spät gelang es der Polizei