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Jüdische Zeitung · 1911-08-25 · 34 (25.8.1911) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
34 (25.8.1911)
Date
1911-08-25
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr: 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 Unter andern wies Rabbi Nahum auch auf verschiedene Gewalttätigkeiten hin, die in jüngster Zeit gegen jüdische Kolonisten in Palästina seitens ihrer arabischen Nachbarn verübt wurden. Der Grosswesir gab seiner Überzeugung Ansdruck, dass es sieb bei allen diesen Ausschreitungen nicl.t uin die Folgen einer antisemitischen Agitation handle, vielmehr scheinen, ihm hier. gewöhnliche Eohheitsvergehen vorzuliegen, wie sie in der Provinz häufig auch gegen Christen und Mohammedaner begangen würden. Darauf teilte Eabbiner Nahum dem Grosswesir mit, er gedenke dem Minister des Innern H a 1 i 1 Bey einen Vorschlag zu unterbreiten, wonach die Regierung einen Gendarmerieposten im Vilajet Beirut nnd einen zweiten Gendarmerieposten im Musstarifat Jerusalem einrichten möge, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit in den von jüdischen Kolonisten bewohnten Gegenden aufrecht zu erhalten. Die jüdischen Kolonien würden zu den Kosten dieser neuen Einrichtung gerne beitragen. Der Grosswesir fand diese Idee durchaus beachtenswert und versprach, den Vorschlag in Gemeinschaft mit dem Minister des Innern einer wohlwollenden Erwägung zu unterziehen. Im weiteren Verlauf der Unterredung brachte Eabbi Heim Nahum die Frage des Bodenerwerbs in Palästina zur Sprache. Wie erinnerlich, hätte der Grossrabbiner schon vor einigen Monaten die Aufmerksamkeit des Grosswesirs auf die Haltung mancher Beamten in Palästina gelenkt, die den Juden beim Abschluss von B denkäufen und -Verkäufen Schwierigkeiten in den Weg legen. Damals bat Grosswesir Eabbi Nahum um nähere Details und versprach tatkräftige Abhilfe, falls sich die Beschwerden als begründet erweisen sollten. Der Grossrabbiner berief sich nun auf dieses Versprechen und machte dem Grosswesir von zwei Vorfällen Mitteilung, die sich letzthin abgespielt haben und bei denen es sich einerseits um einen Bödenkauf im Bezirke B eer Scheba, anderseits um einen solchen in der Umgebung von Gaza handelt. In beiden Fällen ist es den Käufern, ottomanischen Juden, nicht gelungen, den Kuschan (die Urkunde über den rechtsgültigen Kauf eines Grundstückes) zu erhalten. Der Grosswesir ersuchte Eabbi Haim Nahum, ihm schriftlich alle Einzelheiten dieser beiden Angelegenheiten zu unterbreiten; er werde dann persönlich eine strenge Untersuchung gegen die betreffenden Beamten einleiten. Assimilation und Judentum. Es hat in Galizien viel Aufsehen erregt, daß der alte Bankier Mendelsburg auf dem Totenbette die Taufe nahm, oder, wie die Fama behauptet, über Veranlassung seiner katholisch gewordenen Söhne getauft und auf dem katholischen Friedhofe in Krakau beerdigt wurde. In der Judengemeinde Krakau hat sich das Aufsehen zu einem' allgemeinen Aergernis verdichtet. War doch! der Verstorbene ehedem Kul-, tusvorsteh'er der Gemeinde und hat daselbst als Handelskammerpräsident und Reichsratsabgeordneter eine große Rolle gespielt. Die Judengemeinde 'hat ihrem Aerger wohl etwas drastisch dadurch Ausdrude gegeben, daß sie die Spende der katholisch gewordenen Erben für die jüdischen Armen ablehnte. Da eine derartige Ablehnung nicht ,üblich ist und die Armen schädigen kann, so erkläre ich mir das Vorgehen in der Weise, daß die Vorsteher der Krakauer Judengemeinde, somit einer Gemeinde, deren Mitglieder in überwiegendster Zahl streng konservativer Observanz sind, sich diesmal genau an die Satzung gehalten. haben, für jüdische Wohltätigkeitszwecke von Andersgläubigen keine Spenden anzunehmen (in Spenden an Andersgläubige besteht keinerlei Beschränkung), was in diesem Einzelfalle wohl zu billigen ist! Was aber aen Aerger der Krakauer Juden betrifft, so sollten sie sich. im Punkte Abfalls vom Judentum doch mit der Philosophie des nil admirari nachgerade abgefunden haben; denn es ist eine traurige, aber leider nur zu wahre Tatsache, daß seit Jahrzehnten die „feinsten“ Krakauer Judenfamilien systematisch vom Judentum abfallen und auf dem Wege von polnischen Juden, j üd. Polen und Schließlich katholische Polen werden. Ich erinnere da an die Baruchs (jetzt Modzimirskis), Feintuchs, Rosners, Blumenstocks (jetzt Haibans) etc. etc. Es geht eben den katholisch gewordnen Söhnen dieser Judenfamilien gegen den Strich, ihren Stammvater auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu sehen, noch mehr aber, Berichte über so ein jüdisches Leichenbegängnis in den Tagesblättern lesen zu müssen. Auch die Art und Weise des Abfalles ist typisch; denn der gleiche Vorgang spielte sich heim Tode Prof. Blumenstocks ab; auch er wurde einige Tage vor seinem Tode getauft. Der alte Mendelsburg war also nur einer von vielen! Er war aber jn seiner 'Art eine bedeutende politische Persönlichkeit in der galizischen Judenheit. Denn außer den hohen Würden, zu denen er es gebrav hat er die Spezies „Jüdische Polen“ so zu sagen erfunden. Und das kam so: Im ersten Reichsrate, der aus allgemeinen Wahlen hervorging, hielt der Abgeordnete der Krakauer Handelskammer (eben der Verstorbene) eine Rede, die nicht durch ihren sonstigen Inhalt Aufsehen» ja Verblüffungerregt hat, als durch das Bekenntnis des Redners „Zum jüdisC ften Polentum“. Er sagte etwa: in Galizien gebe es Polen christlichen und Polen mosaischen Bekenntnisses, er (Redner) gehöre zu den letzteren. Dazumal standen alle Juden Galiziens mit den Ruthenen im Lager der Verfassungspartei, deren Mitglieder die beiden anderen jüdischen Abgeordneten Galiziens Hönigsmann und Mieses waren. , j . t i t . Ueber ' diese Erklärung Mendelsburgs herrschte im Parlament Verblüffung; denn bisher hatte man wohl von polnischen Juden gehört, nicht .aber von jüdischen Polen. Auch die Publizistik besprach diesen Aufsehen erregenden Vorfall und der große Dichter und Erzähler Karl Emil Franzos; der seine Zugehörigkeit zur jüdischen Religion stets betonte, widmete ihm in der „Neuen Fr. Presse“ ein Feuilleton „Jüdische Polen“, welches diese Seite des Judentums in geradezu klassischer Weise ironisierte! Die katholisch gewordenen Sprößlinge dieser vornehmen Judenfamilien sind nicht nur undankbar gegen das Judentum, wenn sie jede Spur ihrer Abstammung verwischen Wollen, sondern schädigen sich selbst im Ansehen. Denn beispielsweise waren die Blumenstocks eine der angesehendsten und geachtetsten Judenfamilien Galiziens und Russisch-Polens. So wußte fast jeder Jude in diesen Landen, wer ein Blumenstock ist; man war in Judenkreisen stolz auf den jüdischen Universitätsprofessor Blumenstock! Um aber zu wissen, wer ein Halban ist, muß man schon zunächst in der polnischen und dann in der juristischen und medizinischen Fachliteratur bewandert sein! Die Sprößlinge dieser Familien werden aus „Einer von Hundert“ eben „Einer aus Hundert“. Daß nur die Assimilation diesen crschrekkenden Abfall vom Judentum verschuldet hat, beweist die Statistik mit der Wucht ihrer Ziffern. Die rapide Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Italien und die Zunahme der Taufen in Wien sprechen da eine deutliche Sprache. Die Assimilation verlangt ein vollständiges Aufgehen der Juden in die Bevölkerung, deren Land ihnen Vaterland geworden ist. Mit dem Abstreifen alles Jüdischen wird auch die Religion, die von den Asshnilanten ohnehin nur als. Last empfunden wird, beiseite geschoben. In Galizien ist es in diesem Punkte noch gut bestellt. Denn trotz der offiziellen Statistik, welche alle Juden zu den Polen rechnet, spricht die überwiegende Mehrheit der Juden untereinander jüdisch und bewahrt durch jhr starres Festhalten am Zeremonialgesetze ihr Judentum. Die weise Lehre Maimunis, die Sprache des Landes, in dem die Juden wohnen, anzunehmen, darf nicht dahin führen, das Judentum aufzugeben. Die spanischen Juden des Mittelalters waren in diesem Belange Meister! Sie haben die spanische und arabische Sprache vollkommen beherrscht, haben die Landestracht angenommen, hielten aber ihr Judentum hoen; sie bekleideten als Juden hohe Staatsämter und genossen hohes Ansehen. Wie die maßgebenden polnischen Kreise selbst über die Assimilation denken, geht aus dem Ausspruche Adalbert Dzieduszyckis „Die Assimilation ist die Lüge des 19. Jahrhunderts“ unzweifelhaft hervor. Dieser bedeutende polnische Staatsmann, der auch ein bedeutender Gelehrter und Schöngeist war (die Polen nannten ihn Athener), ließ sich wohl die polnischen Stimmen der Juden bei allgemeinen Wahlen und im Polenklub als nützlich gefallen, empfand aber das Pole nt um der Juden als Lüge. Man frage übrigens einen polnischen Bauern oder ländlichen Gewerbsmann nach der nationalen Zugehörigkeit seines Landsmannes im Kaftan, er wird schlagfertig und ungescheut „Jud“ sagen und sich sehr wundern, wenn man ihm sagt, es sei ein Polq, Judentum und Christentum sind in Galizien strenger geschieden als die Kasten Indiens. Den Renegaten möchte ich einen Ausspruch Jakob Wassermanns über die orientalischen Juden der ersten christlichen Jahrhunderte Vorhalten, der noch heute auf sie paßt. Er sagte etwa: „Die Juden, Welche die Taufe nahmen, machten ein Geschäft. Denn wenn sie Religion suchten, hatten sie sie bei sich selbst aus erster Hand. Das Transizendentale der jüdischen Religion ist von keiner der Tochterreligionen in der Vollkommenheit übernommen worden, wie wir sie haben.“ Die Taufe der Mendelsburgs, Rosners Jet tutti quanti wird daran nichts ändern, wenngleich ich den Trost, der verdorrte Ast mag abfallen, als einen schwachen empfinde. Das Judentum verliert leider an solchen Ungetreuen gute Kräfte, die ihm wohl nützen könnten! Aber vorläufig läßt es sich nicht ändern. Mit diesen Ausführungen will ich der Frage, ob es den Juden Galiziens nützlich ist, zu den Polen zu stehen, nicht vorgegriffen haben. Ich halte derartige Fragen erst dann für diskutabel, wenn die Polen, diese klügsten Politiker Oesterreichs, in weiser Voraussicht dessen, was kommen muß, dem Bukowinaer Landtag folgen und die jüdische Nationalität anerkennen werden. Mit dem Wunsche, daß es bald geschehen möge, schließe ich. Marienbad. Dr. Isaak Kohn. Die Böhmische Industrialin Wien, I., Wipplingerstr. 2 verzinst Einlagen auf Jk II - Einlagsbücher mit - | Telephonmunmern 23067,23068,33069,18347,21&13 — Atöentapltal K 30,000 000.- 01 — emittiert eigene Bank- 4 ]0 - Schuld - Verschreibungen. - 4 II 0 2, ofee

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