Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 34 Stadthauptleute angewiesen wurden, Erkundigungen aber die in ihren Amtsbezirken bestehenden zionistischen Organisationen einzuziehen, die Propagierung des Zionismus zu verbieten, zionistische Versammlungen und Zusammenkünfte, > wie auch Sammlungen für zionistische Zwecke zu verhindern usw. Das Zirkulär empfahl ferner, hei der Bestätigung von Wählämtern in der jüdischen Gemeinde zunächst Erkundigungen über die Zugehörigkeit der Kan dida t en zur zionistischen Organisation einz u zi ehen nn d dem gern äss zu verfahren. Nach eingehender Beratung der Beschwerde sprach sich der Senat im Februar 1907 mit neun gegen drei Stimmen für die Annullierung der Verfügung des Gouverneurs aus, indem er darauf hinwies, dass das Gesetz keine Bestimmung enthält, wonach es verboten wäre, das Amt eines Rabbiners einem Zionisten zu übertragen. Die Frage wurde dann auf Veranlassung des Oberprokureurs des Synods nochmals der ersten Abteilung des Senats zur Erledigung überwiesen. Das Ergebnis ist nun diesmal ein ganz anderes als im Jahre 1907. Die überwiegende Mehrheit des Senats pflichtete der Ansicht des Justizministers bei, wonach „der buchstäbliche Sinn der Gesetzesbestimmungen keinen Zweifel übrig lässt, dass das Bestätigongsrecbt des Gouverneurs bei Babbinerwahlen der jüdischen Gemeinden unbeschränkt ist.“ Der Senat wies daher die Beschwerde der jüdischen Gemeinde von Ostrolenka ab. * Stolyplns neueste antisemitische Aktien. Petersburg. Stolypin, dessen Position seit langem als erschüttert gilt, klammert sich an jeden Strohhalm, um im Besitze der Macht zu bleiben. Neuerdings sucht er durch ostentative Hervorkehrung seiner antisemitischen Gesinnung; und Erfindung neuer Beschränkungen gegen die Juden die Gunst der Hofkamarilla zu gewinnen, er, der vor nicht allzu langer Zeit noch Wert darauf legte, als liberal zu gelten, der sogar ein Projekt zur Erleichterung der Lage der Juden ausgearbeitet hat, dessen Verwirklichung nur an dem Widerstande des Hofes scheiterte. Um sich also bei den erzreaktionären Hofkreisen in Gunst zu setzen, richtete Stolypin vor kurzem ein Schreiben an den Handelsminister Timaschew, worin er ausführt, dass es Zeit sei, gegen die Ueberhandnahme der Juden im Getreidekandel anznkä» pfen. Die Frage, wie die Juden zu verdrängen wären, will er einfach dadurch lösen, dass die Banken gehalten werden, die den Juden gewährten Kredite auf ein Minimum herabznsetzeu. Dieser Versuch, die Juden auch im Handelsleben einzuschränken, erschien selbst dem aus den antisemitischen Reihen hervorgegangenen Timaschew und dem Finanzminister Kokowzew so ungeheuerlich, dass sie gegen die Stolypinschen Projekte Front zu machen suchten. Darauf liess Stolypin in der Staatsdruckerei eine Broschüre anfertigen, die also betitelt ist: „Die jüdische Frage. Uebersicht der Urteile der russischen Presse“ und den Untertitel trägt: „Lieferung L Die Juden und der Getreidehandel.“ Die streng geheim gehaltene Broschüre, die aus der Kanzlei des Ministerrats vorläufig nur den Ministern und ihren Gehilfen zugestellt wurde, erweist sich als ein grobes antisemitisches Machwerk. Sie will eine Zusammenfassung der Pressurteile über die Jadenfrage sein, aber ausnahmslos sind darin bloss die Urteile antisemitischer Blätter abgedruckt, und zwar vornehmlich solch schmutziger Organe, wie des Dubrowinschen „Susskoje Snamja“, das sonst oft genug von der Regierung und ihrer Presse als ein Lügenblatt gestempelt worden ist. Abgesehen von den antisemitischen Pressstimmen enthält die ministerielle Broschüre judenfeindliche Auslassungen eigener Erzeugung, die den Weisheiten der antisemitischen Presse in keiner Weise nachstehen. So heisst es in der Stolypinschen Broschüre: „Die Juden bringen in den Getreidehandel alle Arten des Betruges hinein, die sie in den andern Handelszweigen anwenden.“ Noch bestimmter ist die offizielle Weisheit in den Worten formuliert: „Der Betrug in allen seinen Formen ist die unbedingte Voraussetzung des jüdischen Handels.“ In .diesem und ähnUchem Tone ist die gefährliche Schrift durchweg gehalten; ' - •' .- C ' * 4 ' i t- : . ■ 1 Gefährlich ist aber, das Hetzbüchlein nach jeder Richtung hin. Eine solche Sprache der Regierung muss alle Pogromgeister auf den Plan rufen. Die Phantasie der Mord- und. Raubprediger fühlt sich nach solchen offiziellen Kundgebungen beflügelt, und die Propaganda * der Pogrome wird sich schwerlich ohne reale Leistungen beruhigen lassen. . . Im Ministerium für Volksaufklärung wird gegenwärtig an der Vorbereitung eines Gesetzentwurfes gearbeitet, wonach für die Zulassung von Juden, die im Auslande den Doktortitel erworben haben, zu russischen Staatsprüfungen dieselbe Prozentaorm eingeführt werden soll wie für die Aufnahme von Juden in russische Universitäten. Es ist bezeichnend, dass diese Massj nähme mit der Notwendigkeit begründet wird, wohlhabende Juden, die die Mittel haben, im I Auslande zu studieren, mit den Armen gleichj zustellen. I * : Kandidaturen-für das Amt des Chief Rabbi. London. Wie der Londoner Korrespondent der „Birmingham Post“ erfährt, sind die führenden Londoner jüdischen Gemeindekreise einmütig 1 der Ansicht, dass die Stelle des verstorbenen j Chief Rabbi Dr. Adler im Interesse der britischen | Judenheit unbedingt schon in nächster Zeit neubesetzt werden müsse. Als aussichtsreichste Kandidaten kommen Chacham der spanischen und j portugiesischen Gemeinde in London, Dr. Moses ] Gaster, und der Dajjan Hyamson in Betracht. * Arztwahl in einer palästinischen Kolonie. Aus Jaffa meldet man der „N. J. K.-‘: In der galiäischen Kolonie Jemma bei Tiberias wurde Frau Dr. med. Blumenfeld zum Koloniearzt gewählt. * . Intervention beim Großwesir. Konstantinopel. Vor kurzem wurde in dem anatolischen Dorfe Maamoure bei Eski-Scliehir ein jüdischer Kolonist von einem einheimischen Muselmann ermordet. Diesen traurigen Vorfall hat der türkische Grossrabbiner Haim Na hum zum Anlass genommen, um den Grosswesir aufzusuchen und ihm die kritische Lage mancher jüdischen Kolonien, sowie dio Besorgnisse der jüdischen Ansiedler für die Sicherheit ihres Lebens und Eigentums zu schildern Die allgemeine Kulturgemeinschaft. Nun ist es klar, daß unter den gegebenen Umständen gerade diese Kulturgemeinschaft sich immer mehr verringern muß. Schon jetzt gibt es zwischen österreichischen, deutschen und italienischen Juden recht merkliche Kulturuntersdiiede, weil ja die Juden keine eigene Kultur schaffen, sondern sich der fremden Kultur der verschiedenen Länder anpassen, von denen ja jedes eine eigene nationale Kultur besitzt. Somit ist schon die Möglichkeit der alljüdischen Nation ausgeschlossen. Nun könnte man meinen, es ließe sich in der Diaspora wenigstens die Nationaütät der Juden bestimmter Länder, wo die Juden in sehr großen und kompakten Massen leben, retten. Was wird aber der Inhalt dieser national-jüdischen Kultur in Rußland oder Oesterreich sein? Da denkt man ja gewöhnlich jan die Sprache., Haben die Juden dun eine nationale Sprache? Manche antworten darauf: Jawohl, den sogenannten „Jargon“. Um so mehr, als in dieser. Sprache in den letzten 25 Jahren eine nationale Literatur entstanden ist. Manche dieser Jargonwerke haben sogar die Aufmerksamkeit des europäischen Publikums auf sich gelenkt. Jargon — eine nationale Sprache. Dieses Produkt der Assimilation an «das Deutsche soll auf einmal ür- ' wüchsiges Nationaljudentum bilden? Trotz aller Bemühungen hochverdienter und begabter Juden wird dieses Bestreben sicherlich keinen Erfolg haben. Die Geschichte zeigt uns, daß mit der Steigerung der Kultur des Landes, wo die Juden wohnen, auch die spezifische Sprache der Juden verschwindet. Schon heute spricht der größte Teil der Juden in Südrußland nicht Jargon, sondern russisch. Das echt konstitutionelle Rußland mit obligatorischer Volksbildung wird den Russifizierungsprozeß sehr beschleunigen — ohne Gewaltmittel, vielmehr aut ganz natürliche Weise. Denn der Jargon ist keine national-jüdische Sprache, ist gar nicht mit den* (ganzen Wesen des geschichtlichen Juden verbunden, sondern nur mit einer gewissen Epoche seiner. Geschichte, und zwar mit der finstersten und qualvollsten. Im Jargon kann der Jude weinen — nicht klagen, — sarkastischen Witz ausdrücken, aber nicht, seinen ewige Werte suchenden Geist kundg'dben, spotten, pber nicht fröhlich lachen: Und wenn seine groben Leiden aufhören werden, wenn er über sein feines Leid klagen/ oder seiner Siege sidi freuen wird, dann ist es aus mit dem Jargon. Und merkwürdig: all die Theorien über den künftigen Nationalismus des Diasporajudentums sind — russisch geschrieben. Der beste ■ Theoretiker dieser Lenre, Herr Dubnow, berührt die Sprachenfrage auch gar nicht. Er scheint sich an das Prophetenwort zu halten: „Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoth“. Die Juden seien eipe geistige Nation. Großartig. Und was soll dieser Geist enthalten? Nur die Werke, die ervor zwei Jahrtausenden geschaffen hat? Aber . diese sind religiös-ethischer Natur, die eben jetzt abzublassen beginnen, gerade weil wir in der Diaspora feie nicht weiterentwickeln können. Wenn man nun von dem Religiösen’ samt der Sprache der Bibel absieht, was bleibt dann noch übrig? . Nichts, £ls ein paar abstrakte Ideen und vage Vorstellungen. Man vergißt, daß das Nationale nicht jias Bewußte, sondern das Unbewußte der Volksseele jst, dasjenige, was das Leben — das gewöhnliche find das ungewöhnliche — ohne unser bewußtes Hinzutun Schafft. Das wirklich' Nationale im Juden, sein Gottesbegriff, sein Gerechtigkeits- und Wohltätigkeitssinn, seine Bibel und seine Propheten, sind nicht von den Rabbinern geschaffen, sondern den Bergen und Tälern Palästinas entsprungen, aus den naiven Seelen des palästinensischen Bauern hervorgewachsen, von Judas Geist befruchtet, von Israels Energie großgezogen. Wir konnten diese Werte festhalten, konservieren, solange wir an eine Rückkehr zur Unabhängilceit und Freiheit glaubten, solange wir - das Wiedererwachen Israels in Palästina ersehnten; aber sobald wir diesen Lebenszweck negieren, sobald - man die Diaspora nicht. als einen zeitweiligen, sondern als Dauerzustand hinstellt, wozu denn diese Werte konservieren? Und woher die Kräfte zum Konservieren nehmen? Wird sich nicht alles in eine „Wissenschaft des Judentums“ verwandeln, d. i. in Archäologie, Wie Wir efe in Deutschland erlebt haben, trotz der Zünz, Geiger, *F ränkel, Jost, Grätz, um nur einige zu 'nennen? Der Grundfehler dieser ganzen Theorie bestellt darin, daß: sie eine so eminent soziale Erscheinung wie d en Nationalismus nur psychologisch auffaßf, während in Wirklichkeit hier Zwei - Faktoren ’ Zusammenwirken: - der : biologisch-psychologische und der sozialpolitische. Beide Faktoren zusammen schaffen und entwickeln-das Nationale. Ohne nationale Wirtschaft keine nationale Entwicklung. Müssen die Juden aut eigene Wirtschaft verzichten, so müssen sie auch auf eigene Kultur verzichten. Ja,’ bevor Zebaoth durch Geist sprach, hatte er durch Kraft und Macht gesprochen. Das System des. Nationaljudentums in der Diaspora, als endliche Zwecksetzung des jüdischen Volkes, ist durch und durch1 intellektualistisch und abstrakt, nur für auserwählte Individualitäten bestimmt. Deshalb kann es auch nie zu einer Massenbewegung werden. Viel richtiger ..schon definiertn das aut diesem Standpunkte Stehende jüdische Proletariat das Problem: es verlangt nationale Autonomie, nur um die Juden sich frei ausleben zu lassen. Sollte dann das. Leben zur vollständigen Assimilation führen — um' so schlimmer. Sollte das Judentum das1 Nationale bewahren — um so besser. Bestimmte Zwecksetzungen werden da nicht gegeben. Da das ganze jüdische Problem hier nur vom Klassenstandpunkt betrachtet wird, fällt gerade die Frage des Volksideals weg, und,die geschichtliche Perspektive wird verwischt. Daß trotzdem diesei Beantwortung der Frage sogar vom Standpunkte des. jüdischen Proletariats falsch ist— dies zu beweisen, gehört nicht hierher, sondern muß Gegenstand einer soziologischen Untersuchung bilden;.denn da kommt die ökonomische Entwicklung resp. die wirtschaftliche Stagnation des jüdischenProletariats in Betracht. Somit ist die ganze'Lehre vom Nationaljudentum in der Diaspora nichts anderes als ein systematisches Kompromiß, ein Produkt der inneren Schwäche, des Fehlens aktiver Energie. Es ist a Iso keine endgültige Lösung des Judenproblems, wie es z. B. die Assimilation wäre, wenn sie konsequent durchgeführt werden könnte. Nun ist es klar, daß die inneren Erlebnisse und die äußeren Umstände kein Tempieren zulassen und eine klare, präzise Zwedksetzung. verlangen. Es ist kein Zufall, daß gerade in dem Momente; wo die Assimilation Bankbruch' erlitten hat, und wo andererseits die letzten Reste der jüdischen Werte zu verschwinden drohen, endlich einmal die potenzielle Energie, die in unserem Volke aufgespreichert ist, einen freien Ausgang sucht, und Zwar in'der Linie der geschichtlichen Entwicklung. Psychologisch ist es gänZ begreiflich', daß der Jude seiner - historischen Indivw düalität treu!zu bleiben (versucht: es ist' dies eine einfache Folge des BeharrungsprinZjps. "Und -somit ist im Judentum die dritte Strömung entstanden : der-Z i o,n i s m u s.