Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 daß nur entschlossenes und rücksichtsloses Handeln in Galizien, im Lande der Willkür der Schfachzizen und der Verderbtheit ihrer jüdischen Helfer, zum Ziel führen kann. Angesichts eines Feindes, dem kein Gewaltstreich zu blutig und kein Betrug zu kraß erscheint, gibts kein Zaudern und langatmiges Erwägen. Der Lemberger Parteileitung und allen galizischen Organisationen erwächst die heilige Pflicht, all ihre Kräfte ungesäumt in den Dienst unserer schwerbedrängten Gesinnungsgenossen in Drohobycz und Zloczow zu stellen. Daß auch die westösterreichischen Zionisten ihr möglichstes tun werden, die kämpfenden Genossen im Osten zu unterstützen, bedarf wohl nicht der Versicherung. Aus dem jüdischen Leben. Antijüdische Revolten in England. (Privat-Telegramm der Jüd. Zeitung.) Unser in England (Wales) weilender Gg. Herr Herrmann sendet uns folgendes Telegramm: „Seit drei Tagen hier ununterbrochen Ausschreitungen gegen Juden. Viele jüdische Läden sind bereits geplündert. Polizei machtlos. Militär wurde requiriert. * Die Juden und der Militärdienst in Rußland. Petersburg. Mit dem Aufgebote des ganzen amtlichen Apparats wird gegenwärtig die Organisation militärischer Jugendwehren in Rußland betrieben. Und seitdem 6000 „Knaben- Soldaten“ vor dem Zaren auf dem Marsfelde in Parade gestanden haben, — der jüngste „Rekrut“ 6 Jahre 9 Monate alt —, verschwindet die Fj-age der Jugendwehren gar nicht mehr aus den Spalten der Blätter. Sämtliche Knabenkompagnien in Rußland, die heute schon nach vielen Hunderten zählen, haben das eine gemein, daß sie keine Judenknaben aufnenmen. ln den jüdischen Gesellschaftskreisen hat man diese Erscheinung nicht unbeachtet gelassen.. Man sieht in derselben eine weitere vorbereitende Maßregel für das von den rechten Parteien mit der größten Hartnäckigkeit verfolgte Ziel, die Juden von der Ableistung der Wehrpflicht zu „befreien“ und damit die Rechtsgrundlage für die Beibehaltung der Rechtsbeschränkungen für die „Bürger zweiter Klasse“ zu gewinnen. Die Erreichung dieses Zieles ist nicht etwa bloß ein Lieblingswunsch der russischen Reaktion; das Kriegsministerium selbst stent der Befreiung der Juden vom Militärdienst durchaus sympathisch gegenüber. Angesichts dieser Sachlage wollen die Juden picht passiv bleiben. Die jüdische Gemeinde in Kischinew hat die Initiative ergriffen und es ist eine Deputation, bestehend aus jüdischen Teilnehmern des russisch-japanischen Krieges, nach Petersburg entsandt worden, um beim Kriegsminister und Minister des Innern die Erlaubnis zu erwirken, in Kischinew und Odessa jüdische Knabenkompagnien ins Leben zu rufen. Die reaktionären Blätter beschwören die Regierung, diese „jüdische Hinterlist“ zu vereiteln. Die Juden, schreiben sie, möchten nur deshalb Jugendwehren gründen, um Kämpfer für die Revolution heranzubilden. Es würden ähnliche Organisationen entstehen, wie seinerzeit die „Rote Garde“ in Finnland. Bei der gegenwärtigen judenfeindlichen Stimmung in den russischen Regierungskreisen ist es denn auch als sicher anzunehmen, daß die Regierung die Genehmigung zur Bildung jüdischer Jugend wehren versagen wird. * Das Rituabnordmärchen in Galizien. Krakau. Im Dorfe Irsiawitza bei Przeworsk drangen des Morgens mehrere mit Knütteln und Stöcken bewaffnete Bauern in das Haus des dortigen jüdischen Krämers Kelter, demolierten die gesamte Einrichtung, warfen die Waren durchs Fenster hinaus und schleppten Kelter und dessen Frau, die sich im Keller versteckt hatten, auf die Straße, wo sie von der ihrer harrenden aufgeregten Bauernschaft blutig geschlagen wurden. Die Gendarmerie nahm mehrere Verhaftungen vor. Wie festgestellt wurde, kam es zu diesen bedauerlichen. Ausschreitungen infolge einer angeblichen Ritualmordaffäre, von welcher ein zwölfjähriges Bauernmädchen zu erzählen wußte, deren Angaben bei der Bauernschaft des Dorfes Glauben fanden. Das Bauernmädchen erzählte nämlich, daß es in aller Frühe in den Laden des Juden Kelter getreten sei, um Einkäufe zu machen. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kelter int anstoßenden «Nebenzimmer einem auf dem Tische anscheinend leblos liegenden, kaum zweijährigen Bauernkinde Blut aus del) rechten Halsseite abzapfte. Diese Erzählung verbreitete sieb wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf. Die aufgeregte Bauernschaft rottete sich' zusammen, von den entlegensten Dorfenden kamen die Bauern mit Weib und Kind vor das Haus des Kelter, und als dieser aus Furcht vor der drohenden Haltung der Menge seinen Laden {schloß, fand das Blutmärchen immer stärkeren Glauben, und führte schließlich zu den erwähnten blutigen Exzessen. Eine Untersuchung wurde eingeleitet. * Maasenausweisung jüdischer Getreidehändler in Rußland. Odessa: In der Station Wolnowacha, in der Nähe von Mariupol, hat die Ausweisung aller Juden begonnen. Die Station Wolnowacha ist ein wichtiger Bahnknotenpunkt, wo viele jüdische Getreidehändler und Kommissionäre leben, ln Kiew hat eine Versammlung der ortsansäßigen Kaufmannschaft stattgefunden, die beschloß, die Regierung zu bitten die vielen gänzlich ungesetzlichen Ausweisungen von Juden und die Konfiskation ihrer Waren einzustellen, weil dieser Druck auf die wirtschaftliche Lage des ganzen Gebietes zurückwirkt. Der Aeltefste der Kaufmannschaft wies darauf hin, daß eine derartige Resolution zwecklos sei, weil Stolypin vor einigen Tagen Weisung gegeben habe, daß den Juden unter keinen Umständen irgendwelche Erleichterungen zu gewähren seien. * Der Zionismns vor dem Forum des russischen regierenden Senats. Petersburg. Die jüdische Gemeinde der Stadt Ostrolenka, Gouvernement Lomsha, führte beim regierenden Senat Beschwerde gegen den Gouverneur von Lomsha, der die Wahl des Herrn Pinchas znm Rabbiner wegen der Zugehörigkeit desselben znr „Gesellschaft der Zionisten“ annulliert hatte. Der Gouverneur herief sich auf ein Geheimzirkular Plehwes vom I 24. Juni 1903, in welchem die Gouverneure und Vorzug hat: sie ist so langweilig, daß sie gar nicht besucht (zu werden braucht. Tatsächlich führt die reformierte jüdische Religion zu einer doppelten Hypokrisie: 1. mit einigen seltenen Ausnahmen steckt hinter der reformierten Synagoge die vollständigste Irreligiosität resp. ein pöbelhafter Rationalismus, der die religiösen Vorschriften eintach als Last empfindet; 2. verdeckt diese zur Abstraktion reduzierte Retormsynagoge den unausrottbaren Rest echt jüdischen Fühlens, echt jüdischen Nationalismus, der eben nicht erlaubt, den letzten Sprung jenseits des Judentums zu machen. Darin liegt der innere Widerspruch des Reformjudentums: einerseits ist es eine Anpassung an das Christentum, andererseits aber — an den jüdischen Nationalismus. Da aber ein Widersoruch nicht lange existieren kann, so muß die Zeit seine Auflösung bringen — meistens endet die Geschichte mit dem vollständigen Verlassen des Judentums. Jedenfalls ist es erklärlich, warum die j,Reform“ so wenig Verbreitung unter den Juden fand,' sogar unter den westeuropäischen. Viel "konsequenter scheinen aut den ersten Blick diejenigen zu sein, welche die ungestutzte Synagoge bewahren wollen, und die eben meinen, das Judentum könne als religiöse Gemeinschaft fortexistieren. Wir werden da nicht von den sozialen Ursachen sprechen, die eine solche Fortexistenz einfach unmöglich machen. Protestantismus und Katholizismus können unter denselben sozialen Umständen koestieren, weil sie aus demselben sozialen Milieu herausgewachsen sind und deshalb auch analoge Einrichtungen besitzen: sie haben denselben Sonntag, sie haben fast dieselben Feiertage, sie haben aber auch dieselben Grundelemente. Das Judentum ist viel früher un(T aus einem ganz anderen sozialen Milieu entstanden und konnte, als Religion, nur solange seine Integrität bewahren, als die Juden einen fast selbständigen sozialen Organismus bildeten, wie es im Mittelalter der Fall war. Keine „Schomre- Schabos“ Vereine werden die volle Sabbatruhe retten können, wo. der Jude aus wirtschaftlichen Ursachen gezwungen ist, eben am Samstag zu arbeiten und nicht am Sonntag; jedoch, wie gesagt .darüber können wir" uns hier nicht weiter verbreiten. Aber die psychologischen Unterlagen; der „religiösen Gemeinschaft“ Und auch da steckt eine offenbare Hypokrisie. Denn das Wesen der jüdischen Nation, in einem bestimmten Land — in Palästina — mit einem bestimmten Literatur — unsere Bibel, unsere Psalmen, unser Talmud, unsere Gebete — alles, alles ist voll von palästinensischer Hoffnung, von jüdischem Schaffen in Palästina, vom Gotteshaus in Jerusalem. Da gibt es keinen Ausweg: entweder volle Religiosität, die also das ganze nationale Jerusalem in sich enthält — dann ist es Hypokrisie nach außen, wenn man die Diaspora verewigen {will, — oder aber Form ohne Inhalt, Gebete ohne Gefühl, Literatur ohne Sinn, Frömmigkeit ohne innere Religiosität — dann ist es Hypokrisie nach innen. Also wer wirklich die jüdische Religion als etwas Unzerstörbares, und | Unveränderliches betrachtet, der muß das Dias- [ poraleben der Juden als Veränderliches und Zer- ' störbares betrachten. Denn die jüdische Religion : ist vor allem eine nationale Religion. Das darf ja nicht vergessen werden. Man kann nicht bei der jüdischen Religion bleiben und dabei aus der jüdischen Nation herausgehen; denn sie sind synonym, weil geschichtlich zusammen verwachsen. .Wohl kann die Nation ohne Religion existieren, weil die Nation noch viele andere Elemente enthält, aber die jüdische Religion ohne jüdische Nation ist ein Nonsens, von den orthodoxen Rabbinern Westeuropas ersonnen— zur Beruhigung des jüdischen Gewissens ihrer Gemeinden. Nun kommt aber noch ein zweiter Grund hinzu Eine Religion, die sich nicht entwickelt, muß absterben. Und das, was wir jetzt in der protestantischen und katholischen Kirche beobachten, — das soziale Christentum, der Modernismus, die christliche Demokratie — beweist unsd am besten, daß sogar die vom Staate und den Völkern unterstetzten Religionen neue Bahnen suchen müssen, wenn sie ihren Einfluß auf die breiten Massen nicht verlieren wollen. Worin besteht aber die Entwickelung dieser Religionen? Nicht darin, daß sie wissenschaftlich-rationalistischer werden — Religion wird nie Wissenschaft werden ■—, sondern darin, daß sie sich mit sozialem Inhalte füllen. Sie können es tun,! weil sie ihren eigenen' sozialen, nationalen und politischen Boden besitzen, weil sie mit einem Worte aus. dem vollen Volksleben und Volksschaffen schöpfen können und dürfen. Aber wir Juden? Solange wir einen eigenen sozialpolitischen Bäu hatten, machte unsere Religion freilich die allerintensivste Entwicklung durch. Keine andere Religion hat sich zu jener Zeit so fortentwickelt, wie die unsrige. Der beste Beweis dafür ist ja die Tatsache, daß in unserer national-religiösen Literatur das g oldene Zeitalter nicht an den Anfang der Entwicklung — wie es bei den andern Völkern der Fall ist —, sondern an das Ende derselben gesetzt ist.. Aber man braucht nur die Entwicklung des Gottesbegriffes im palästinensischen Judentum sich zu vergegenwärtigen, um die durchgemachte Evolution richtig abzuschätzen. Oder man vergleiche den Mosaismus mit dem Prophetismus! Z. b. die Gesetze der Bibel über den Opferdienst mit den berühmten Worten Jerimias, wo er nicht die Brand- und Schlachtopfer als das Wesen des Judentums hingestellt sehen will, „Sondern nur dies ist, was ich ihnen gebot: Hört aut meine Stimme, so will ich euer Gott sein Und ihr sollt mein Volk sein.“ Wir sind in unserer Entwicklung stehen geblieben, aber seit wann? Seitdem wir unsere Unabhängigkeit verloren und keinen Boden für freies unabhängiges Schaffen mehr hatten. Da begann man den „Zaun“ aufzurichten, und unsere Religion wurde versteinert. Seit jener Zeit hat sie sich nicht mehr entwickelt. Sobald aber eine, Religion sich nicht entwickelt, muß sie mit der Zeit dem zersetzenden Einfluß des Rationalismus anheimfallen, oder aber durch eine andere ersetzt werden. Es ist also psychologisch ein Ding der Unmöglichkeit, in der Diaspora unsere Religion weiter izu entwickeln, also sie vor der Zersetzung zu retten. Wer mit dem religiösen Leben des Judentums vertraut ist, wüßte manches davon zu erzählen. Die orthodoxen Rabbiner wissen am besten, wie traurig es sich — von ihrem Standpunkte — mit der jüdischen Orthodoxie verhält. Aber eine jüdische Religion ohne Weiterentwicklung und ohne nationalen Inhalt — was bleibt da noch übrig? Was wollen sie retten, was wollen sie der Zukunft überliefern? Wo ist dann das jüdische Leben, das jüdische Fühlen? Das haben nun manche rationalisierende nationale Kompromißjuden eingesehen, und haben deshalb das rein Nationale hervorgehoben. Aber was versteht man unter dem rein Nationalen?