Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 34 eintrat, so wurde dies dadurch paralisiert, daß ein extremer Anhäger der „politischen“ Richtung, Kann, seinen Einfluß in dieser aufhob. Ferner hieß der Gegensatz nicht bloß Politiker und Praktiker, sondern auch : Politische und National-kulturelle Zionisten. Warburg war zwar Führer der Praktiker, aber der kulturell-nationale Zionismus hatte in der Leitung keinen Vertreter. Die folgende Entwicklung ist bekannt. Der Zionismus vertiefte sich auch im Westen sowohl national als auch kulturell, noch mehr aber drang die Richtung praktischer Palästinaarbeit durch. Sie zwang die Politiker zu immer größeren Konzessionen, der Nationalfonds wurde unter der Aegide Ruppins zur Arbeit in Palästina verwendet, die A. P. C. ausgebaut und die P.LD C. begründet Aber gerade bei letzterer zeigte es sich, daß noch immer latente Widerstände gegen jene Arbeit vorhanden waren; es kam zu großen Differenzen, die ihren Höhepunkt in den Angriffen Cowens gegen Warburg knapp vor dem neunten Kongreß hatten. Dieser Kongreß verlief resultatlos. Die „nur politischen“ Zionisten verschanzten sich und kämpften mit aller Kraft gegen eine Aenderung der Leitung im Sinne der national-kulturellen Zionisten und da beide Parteien gleichstark waren, konnte kein Resultat erzielt werden. Es blieb provisorisch bei der alten Leitung. Anderthalb Jahre sind seither vergangen. Der Kampf, welcher in Hamburg nicht ausgetragen wurde, tobte noch lange weiter. Es ist ganz klar, daß es anders rücht sein konnte. Standen sich doch zwei Anschauungen schroff gegenüber, deren jede das Primat förderte. Aber die Nationalisierung und Palästinisierung des Zionismus schritt im Westen, namentlich auch in Deutschland, immer weiter vor, immer mehr wurde die jüdische Entwicklung in Erez Israel der Brennpunkt des zionistischen Strebens und die alten Anschauungen der „Nurpolitiker“ verloren auch dadurch an Boden, daß sie durch den Umschwung in der Türkei in ihren Ausgangspunkten'erschüttert wurden. Damit war eine völlig neue Orientierung in der Partei, die sich schon lange vorbereitet hatte, endgültig besiegelt. Die alten Einteilungen und Differenzierungen hatten ihre Bedeutung völlig verloren und die Synthese beider Richtungen wurde vollendet, war geschaffen. Hatten die Anhänger der reinpolitischen Richtung bisher den Vertretern der anderen Strömung den Vorwurf gemacht, daß sie keine Organisationsgabe besäßen, sich für eine planvolle, systematische Arbeit nicht eigneten, haben sie aus diesem Grunde Bedenken getragen, die Machtmittel der Partei ihnen auszuliefern, so sind durch jenen Prozeß der steigenden Durchdringung auch des Westens, mit den Ideen der nationalkulturellen Zionisten zahlreiche organisatorische Kräfte, die früher im anderen Lager standen — man denke vor allem an die Wandlung, welche die Führer der deutschen Landsmannschaft vom neunten bis zum zehnten Kongreß durchgemacht haben — für jene Synthese gewonnen werden, so daß auch die letzten Zweifel an der Regierungsfähigkeit der Vertreter dieses synthetischen Zionismus geschwunden sind. Es mag hier eingefügt werden, daß speziell in Oesterreich, wo West und Ost sich die Hände reichen, wo sowohl die \ politische Denkweise des Westen, als die j national-kulturelle des Ostens schon früh- zeitig einander durchdrangen, diese Syn-! these schon seit vielen Jahren verfochten : wurde und in der praktischen Arbeit zum Ausdruck kam. Die Jahreskonferenz 1910 und darauf der zehnte Kongreß brachten den Umschwung zum Ausdruck. Zum erstenmal wurde auf diesem eine Leitung gewählt,! die überhaupt keinen Vertreter der „Nurpolitiker“, dafür aber zwei solche der national-kulturellen Richtung aufweist, ln der Bank (Aufsichtsrat) und .im Natitnalfonds (Genossenschaft) blieben aber die „Politiker“ in der Majorität Dieses Kompromiß, ist das Resultat des zehnten Kongresses. Es ist gewiß damit. noch nicht Die Seele Israels von Dr. Pasmanik.*) Bis zur Epoche Mendelssohns und der großen französischen Revolution war unser Ziel ein sehr klares: Wiederherstellung der jüdischen Nation im Lande der Väter. Das Ziel war klar, wenn auch die Mittel ganz in Nebel gehüllt waren. Aber was für ein Ziel stellt sich jetzt das jüdische Volk? Die Antwort tolgt aus dem Vorhergesagten: unser Volk als solches hat jetzt kein Ziel. Das ist unsere Schande, unser Brandmal und unser größtes Unglück. Zerbröckelt ist unser -Volk, und seine Teile verfolgen verschiedene Ziele. Und in dieser Zerbröckelung liegt sonderbarerweise etwas Ganzes. Nicht etwa nach den Ländern der Diaspora geht diese Zerbröckelung des Weltjudentums. Die verschiedenen Ziele finden dann ihre Anhänger unter den Juden der verschiedensten Länder. Im großen und ganzen bestehen jetzt im Weltjudentum 3 große Gruppen, die verschiedene, ja, entgegengesetzte Tendenzen verfolgen: die der Assimilanten, die der Nationaljuden und die der Zionisten. Erstens: die Gruppe der Assimilanten, die eine Auflösung des Judentums bezweckt; durch allmähliche Ausmerzung der jüdischen Werte soll unser Volk in der großen Masse der uns umgebenden Völker verschwinden. Das jüdische Problem verschwände, weil keine Juden mehr da wären. Das ist aber nur erreichbar, durch die radikalste Form der Assimilation: nur die Nachkommen der Getauften und der aus Mischehen Stammenden sind wirklich assimiliert. Aber auch nur unter einer Bedingung: wenn die Zahl derselben nur eine sehr geringe ist. Griffe die breite jüdische Masse zu diesem radikalen Mittel, go würde seine Wirkung versagen; das zeigt sich schon jetzt. Denn Assimilation bedeutet gemeinsame Beeinflussung der ln Vermischung gelangenden Komponenten. Das Judentum jaber ist so individuell, so charakteristisch, dab 'die anderen Völker mit ausgesprochener Individualität sich vor dem massenhaften Eindringen fremder Elemente wohl hüten werden, und dann Würde die Taufe nicht zur Assimilation, *) Aus dem soeben erschienenen Aufsehen erregenden Werke des unseren Lesern bekannten Autors: „Die Seele Israels“. Jüdiscner Verlag Köln, 1911. sondern zum Entstehen eines Marranentums führen, was wir heute schon in Großstädten mit häufigen Judentaufen1 beobachten können: die neuen Judenchristen bilden Gemeinden für sich, ohne innigen Kontakt mit den Christen, und ohne ganz vom Judentum Iosgeressen zu sein. Was man .aber heutzutage Assimilation nennt, ist gar keine. Außerhalb der Taufe gibt es keine Assimilation, auch wenn (die betreffenden Juden äußerlich an sich nichts mehr Jüdisches haben als ihren Namen. Denn im Innern dieser Assimilation steckt ein gut Stück jüdischer Seele, die bei jedem jüdischen Schmerz zuckt und bei jeder jüdischen Freude frohlockt. Anderseits: ist denn das Handeln dieser Leute von allen Rücksichten darauf, was die anderen sagen w erden, frei? Quälen sie sich nicht immer damit ab, das Jüdische in sich Zu verbergen — nicht zu vernichten, sondern eben zu verbergen? Und wird denn diese Assimilation von Würde begleitet, von der sie ja gerade hervorgeruten wurde? Wem werdet ihr das einreden, ihr sogenannte Assimilierte: uns oder den andern? Darin liegt ja das Tragische für euch: Ihr könnt und wollt euch gar nicht gründlich assimilieren. Ihr wolltet nur ein Kompromiß schließen, ohne zu bedenken, daß es Fälle gibt, wo das Leben keine Kompromisse zuläßt, sondern nur ein Entweder — Oder: entweder ganz verschwinden, oder aber ein ganz eigenes Leben schaffen. Ihr aber seid Halbe und deshalb ist eure Lage die schändlichste, denn die quaivollste. Es ist eine Lüge zu meinen, der dumme Antisemitismus sei nur daran; Schuld; wahr ist, dab daran euer unausrottbarer Semitismus schuld jst, d. i. |e!ure dreitausendjährige Geschichte, in deren Verlaufe ihr der Menschheit einen Gott und 'Veine Bibel, drei Weltregionen und drei Werterzeuger gegeben habt. Wo ist also euer Ziel? Wie alle Feiglinge, erhofft ihr alles von der Zeit, die allem, ohne euer Zutun, eine Lösung bringen soll. Und dadurch wurdet ihr euren Feinden verächtlich. Und wenn ihr abbröckelt, so geschieht es ohne Mut und ohne Ueberzeugung, jvodurch ihr den Zorn der Feinde noch mehr anstachelt. Und w'enn .ihr euch bloß als Deutsche, Franzosen, Engländer usw. erklären wolltet, könntet ihr es? Wer würde es euch glauben? Ihr selber glaubt es nicht; denn nichts Jüdisches ist euch fremd. Oder aber ihr habt den Mut, bis alles erreicht, aber der Fortschritt gegen den früheren Zustand ist ein bedeutender. Bei den Verhandlungen des Kongresses kam die neue Orientierung noch deutlicher zum Ausdruck, als in den Neuwahlen. Die Art und Weise, wie sich der Kongreß mit den Palästina- und Kulturfragen beschäftigte, zeigte den festen Willen der Organisation, in diesen eine energische und tatkräftige Richtung einzuhalten, die scharfe Stellungnahme zur Emigrationsfrage in welcher der zionistische Standpunkt (Resolution M o t z k i n) klar zum Ausdruck kam, beweist, daß keine wichtige Erscheinung des jüdischen Lebens dem Zionismus mehr fremd'bleibt. Aus den Verhandlungen werden eine Fülle von Anregungen ausgehen, und die Arbeit des Tages befruchten. Die straffere Zusammenfassung der Organisation wird den Prozeß der steigenden Politisierung der Bewegung befördern, die nach und nach die feuilletonistischen Anhängsel abstreifen wird, die aus der Zeit übrig blieben, wo der Zionismus noch keine sachlich positive Arbeit leisten konnte und die Kongresse nur Redetourniere waren. Die ernste, würdige und streng sachliche Antrittserklärung des Vorsitzenden der neuen Leitung, Prof. Warburg zeigt, daß wir nunmehr einer Aera ruhiger aber stetiger Arbeit entgegengehen. Jeder Zionist hat die unbedingte Pflicht, seine Kräfte fortan zu verdoppeln und mitzuarbeiten an dem unvermeidlichen Aufschwung, den unsere Bewegung nach langen inneren Kämpfen jetzt zweifellos nehmen wird. Drohobycz und Zloczow. Die vom Baseler Kongresse heimkehrenden Vertreter der galizischen Zionisten finden zuhause schwere und dringliche Arbeit vor. Die Reichsrätsersatzwahlen in Drohobycz und Zloczow stehen vor der Tür und es ist Höchste Zeit, die Wahlagitation einzuleiten. Die vergangene Wahlkampagne hat gelehrt, ans Ende zu gehen und das Tischtuch zwischen euch und der jüdischen Masse zu durdischneiden. Es wäre besser für euch und für die übrigen. Sie wären frei von jüdischen Sorgen, und die jüdische Masse würde sich abgewöhnen, sich aut ihre „großen Fürsprecher“ (Stadlonim) zu verlassen. So aber, wie es jetzt ist, seid ihr die unwillkürlichen Feinde des jüdischen Volkes. Wißt ihr, dab ihr, die sogen. Assimilierten, die Hauptursache des gegenwärtigen Antisemitismus seid? Ihr, die ihr ungebeten die Kultur der anderen Völker mitschaffen wollt, habt den antikulturellen Antisemitismus der Gegenwart am meisten großgezogen! Tut also den letzten Schritt, und die Lage wird sich klären. Tut ihn . . . wenn ihr es könnt. Aber ein klares Ziel sollt ihr haben, und tapter sollt ihr sein, und euer Leben oder euren Tod sollt ihr mit eigenen Händen schäften. Denn jetzt geht ihr mit Doppelseelen herurti, die Lüge glänzt in euren Augen, und die Unruhe steckt in euren Seelen: ihr habt keinen Gott, keinen Plan, kein Ziel, keine Zukunft: ihr seid Seelentrödler, pnd niemand will euch eure abgenutzten Waren abkauten. Die Assimilation hat Bankerott gemacht. Und das jüdische Volk zahlt noch heute die Prozeßkosten. Zweitens: die Gruppe der assimilierten Nationaljuden, die, abstrakt genommen, bestimmte jüdische Werte auch im Goluth in alle Ewig-, keit hin retten möchten. Wenn man „bestimmte Werte“ sagt, so müssen wir das nur cum granö salis nehmen. Denn im Grunde genommen ist gar nichts bestimmt. Die einen, besonders Westeuropa, rechnen zu diesen Werten die Religion, die anderen dagegen — speziell in Osteuropa — rechnen hierher undefinierbaren Nationalismus. Was nun die ersten anbetrifft, so bilden sie eine ganze Reihe von Abstufungen, deren Anfang schon zum Assimilantentum gehört, dessen Ende aber im mystischen Messianismus zu suchen ist. Ja, kann das' Judentum als religiöse Einheit tortexistieren? Es gibt ja eine ganze Masse Juden, die sich sonst in allen Beziehungen assimilieren, die aber trotzdem aus Pietät an der Synagoge hängen. Diese Synagoge soll aber ja nicht jüdisch-national sein, und die Religion soll ja von jedem Nationalismus geläutert sein. Es bleibt also ein abstrakter Begrift und eine jedes Inhaltes beraubte reformierte Synagoge, die den einen