Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 5 (1911)
- Issue
- 34 (25.8.1911)
- Date
- 1911-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2438141-2438327-2438361--2582-2442273- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JIDECHE ZEMMj mr ■ NFITIDNRL -JJDI5CHE5 ORGAN Erscheint wöchentlich.—Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Liechtensteinstraße 11, Telephon 1229% — Sprechstunden täglich von »1 -12 Uhr vormittags und 4 -5 Uhr nachmittags. — Manuskripte werden nicht zurückgestellt — Abonnementspreise: Für Österreich-Ungarn: Ganzjähr. K10.—,halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3 Für Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Für da»übrige cMDcaacz&cBocBooBocsocaacao Ausland ganzjähr. Frcs. 15.—. Einzelexemplare 20 h. Postsparkassenkonto 104067. caocsot3sacaocsaoasoaaocBo<x> Nr. 34. Wien, Freitag üen 25. August 1911. V. Jahrgang An die neue Leitung. Die neue Leitung, welche der 10. Zionistenkongreß gewählt hat, entspricht in ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung vollkommen den Anforderungen, die man angesichts der Größe und Vielfältigkeit, der zionistischen Arbeiten, an diese stellen kann. An der Spitze steht Professor Dr. Otto Warburg, der in seiner Person die seit einigen Jahren im Zionismus herrschende und immer mehr als Kernpunkt der zionistischen Arbeit erkannte Richtung der systematischen Palästinarabeit verkörpert. Professor Warburg und seinem Mitarbeiter Dr. Ruppin, dem Leiter des Palästinaamtes in Jaffa verdanken wir so ziemlich alles, was in der letzten Zeit in Palästina geschaffen wurde. Persönlich1 eine vornehme Patriziernatur, verfügt Warburg über ein umfassendes Wissen und eine reiche praktische Erfahrung auf kolonisatorischem Gebiete. Als bisheriger Leiter des Palästinaressorts in Berlin hat es Warburg verstanden, alle in der Palästinaarbeit tätigen Kräfte heranzuziehen, und speziell die westösterreichische Organisation hat mit seinem Ressort stets die besten Beziehungen unterhalten.. Erst, vor kurzem hat die Mitarbeit unserer' Organisation mit seinem Ressort durch die aut seinen Wunsch erfolgte Uebernahme der von ihm begründeten Zeitschrift „Palästina“ eine neue Arbeitsgemeinschaft geschaffen. Es ist kein Zweifel, daß unter Warburgs Leitung vor allem das System der kollegialen Beratung und Beschlußfassung in allen Fragen und eine Integrierung aller Kräfte voll zum Durchbruch kommen wird. Auch die anderen in die neue Leitung gewählten Gesinnungsgenossen stellen ganz bedeutende Potenzen dar, von denen jede speziellen Aufgaben sich widmen wird. Eine Würdigung dieser Persönlichkeiten behalten wir uns vor. Einen ganz besonderen Vorzug der neuen Leitung bedeutet erstens deren vollkommene Homogenität und dann der Umstand, daß unsere russischen Gesinnungsgenossen, die seit 4 Jahren von der Leitung ausgeschlossen waren, nunmehr durch 3 Personen vertreten sind. Dies wird zweifellos ein Ansporn für deren Arbeitseifer bedeuten. Auch die westösterreichischen Ggg. stehen der neuen Leitung mit wohlwollendem Vertrauen gegenüber und werden alles daran setzen, ihr bei ihren schweren Aufgaben eine treue Stütze zu bilden. Die neue zionistische Parteileitung. Engeres Aktionskomitee: Prof. O. Warburg, Dr. J Jacobsohn, RechtsanwartHantke,Nahum Sokolow, Dr. Ch. L e w i n. Der Sitz der Leitung ist in Berlin. Grosses Aktionskomitee: David Wolffsohn, Dr. Bodenheimer, Ad. Böhm, Jean Fischer, Dr. Friedemann, B. Goldberg, Dr. Halpern, Dr. Hausmann, A. Idelsohn, Jakobus Kann, Kessler, Dr. Klee, Ingenieur Krementzky, Dr. A. Marmorek, Leo Motzkin.N aidits ch, Podlischevsky, Rechtsanwalt Rosenbaum, Rossow, J.J. Simon, A. S t a ft d, Dr. Tschlenow. Ingenieur Ussischkin, Prof. Weitzm a n n. * Sitzung des engem und des großen Aktions-Komitees der zionistischen Organisation. Das neugewählte Engere Aktions- Komitee der zionistischen Organisation hielt am 16. und 17. August in Basel seine ersten Sitzungen ab Zum Vorsitzenden wurde Prof. Warburg, zum stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Jacobson gewählt. Es wurde beschlossen, die Kölner Bureaus möglichst bald, spätestens am 1. Oktober nach Berlin zu verlegen. In der am 16. August in Basel abgehaltenen Sitzung, des Großen Aktions- Komitees machte Prof. Warburg Mitteilung von der Konstituierung des E. A. C. und von den Beschlüssen, die in der vorangegangenen Sitzung des E. A. D. gefaßt worden waren. Es wurde,beschlossen, die nächste Sitzung des Großen] A. Cauf den 4. November abends nach Berlin einzuberufen. Die Bedeutung des zehnten Zionisten-Kongresses. Der Zehnte Kongreß wird in der Geschichte des Zionismus denkwürdig bleiben. Er hat einen Kampf, der jahrelang in der Organisation mit nicht geringer Heftigkeit tobte, zu Ende geführt. Er hat, wie kein anderer früherer Kongreß, die Richtlinien für die weitere Arbeit festgelegt und eine neue Leitung, bestehend aus verschiedenartig begabten Männern, an die Spitze gestellt. Damit erscheint eine neue Ära des Zionismus eingeleitet. Wollen wir dies richtig erfassen, so darf unser Blick nicht an der Oberfläche haften bleiben. Dem flüchtigen Betrachter erscheint der jahrelange Kampf innerhalb der Organisation bloß als ein solcher der Leitung, ja sogar um eine Person der Leitung. Aber in Wahrheit handelte es sich um mehr. Am zehnlen Kongreß sind endlich die beiden verschiedenen Richtungen des Zionismus, die westliche, mehr politische Form, die ihm Herzl gegeben hat, mit der kulturellnationalen, die im Osten schon lange vor Herzl als starke Volksströmung vorhanden war, zu einer höheren Einheit verschmolzen worden. Es ist bekannt, daß Herz! von dem Vorhandensein dieses Zionismus nichts wußte, als er sein epochemachendes Buch schrieb. Man weiß, wie er mit den »Zionsfreunden“ sich sofort verstand, da sie sich im Endziel einig wußten. Die Organisation wurde geschaffen, die ersten Machtmittel, Bank- und Nationalfonds ins Leben gerufen. Soweit war man einig. Aber bald wurde die große Differenz offenbar. Die östlichen Zionisten, beunruhigt wegen der Indifferenz der „Judenstaatler* betreffs der Arbeit in Palästina gingen nach Charkow und Herzi, der vor allem die große politische Aktion im Auge hatte, sandte seinen Blick nach Uganda. Die territorial-autonomistische Lösung. Seither klaffte der Riß, der umso schwerer wieder zu schließen war, als gerade im kritischen Augenblick der große Führer, der durch seine unbestrittene Autorität, seinen genialen Scharfblick und seinen eisernen Willen allein imstande gewesen wäre, die Einheit aufrecht zu erhalten und die Synthese herzustellen, der Bewegung entrissen wurde. Am siebenten Kongreß, dem ersten ohne Herzl, brach der Sturm los. Mit Gewaltmitteln, die heute als historisch notwendig erscheinen, schlugen die kulturellnationalen Zionisten mit ihrem stärksten Mann, Ussischkin an der Spitze, das Ugandaprojekt nieder und legten die Orgarisation endgültig auf Palästina fest Eine Anzahl „politischer Zionisten" gründeten die 11 o, die damals als eine Art Konkurrenz für die zionistische Organisation erschien. Diese selbst "erhielt eine Leitung, die heterogen aus Vertretern beider Richtungen zusammengesetzt war, mit einem Kompromißkandidaten, David Wolffsohn, an der Spitze. Wolffsohn, der sich später als stärkste Energie unter den .nur politischen* Zionisten erwies, war gleichwohl ein enragierter Palästinafreund. Aber diese heterogene Leitung konnte nichts schaffen. In der politischen Arbeit, die nach der Methode Herzls fortgesetzt wurde, konnte nichts erreicht werden, in praktischer Hinsicht geschah damals sehr wenig. Stand man doch damals bei den politischen Zionisten noch auf dem Standpunkt, der Nationalfonds dürfe nicht angerührt, müsse vielmehr aufgespeichert werden usw. Aber schon am siebenten Kongreß war ein Mann hervorgetreten, dessen Wirksamkeit es vor allem zu danken ist, daß auch die politischen Zionisten in steigendem Maße die bisher verachtete Arbeit in Palästina zu schätzen begannen und einsehen lernten, daß der Zionismus nicht durch ein paar diplomatisch geschickte Handstreiche zum Ziele kommen werde, sondern nur durch langsames, aber stetiges Aufbauen, daß die territoriale Autonomie nur ein Rahmen zur Lösung der Judenfrage sei, die Erneuerung des Volkstums aber ihr Inhalt sein müsse. Es war Prof. Warburg, Seine Richtung drang langsam vor und am achten Kongreß war sie schon so stark, daß sie wenigstens formell siegte, obzwar die „politischen“ Zionisten ihre besten Köpfe, darunter Dr. Marmorek und M o z k i n, ins Feld schickten. Aber auch diesem Kongreß wurde in der Frage der Leitung ein verhängnisvoller Fehler begangen. Die Vertreter •des kulturell-nationalen Zionismus wurden aus de- Leitung verdrängt, und wenn auch Warburg ins E. A. C.