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Jüdische Zeitung · 1911-08-11 · 32 (11.8.1911) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
5 (1911)
Issue
32 (11.8.1911)
Date
1911-08-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 32 Die Welt wundert sich über Rußland. Sie wundert sich darüber, daß es einem russischen Ministerpräsidenten einfalien kann, den Juden den Kredit zu entziehen, den Juden, welche durch ihre jahrelange Arbeit das Kreditwesen im Lande geschaffen und nusgestaltet haben. Ueber Galizien aber wundert sich niemand. In Rußland will man den Kredit begrenzen, in Galizien hat man ihn bereits beschränkt und kein Mensch1 verliert ein Wort darüber. Galizien und Rußland haben sich in ihrem Judenhasse begenet! S t olypin und Sagurski! m. f. Die Badeverwaltung und der Kaftan. Das Bad Grätenberg in Oesterreichisch- Sdhlesien zählt unter seinen Kurgästen zirka 70 Prozent Juden, darunter sehr viele, die aus den östlichen Provinzen Oesterreichs und Deutschlands stammen. Wie uns berichtet wird, hat sich die Gräfenberger Badeverwaltung folgendes famose Stücklein geleistet. Ein galizischer Jude erschien im K a 11 a n aut der Promenade! Die Badeverwaltung, die im Geldnehmen sehr liberal ist und auch die jüdischesten und galizisdhesten Gulden gerne einstreicht, geriet über diese „Kühnheit“ außer Rand und Band und beschloß durch Quartierverweigerung und andere Liebenswürdigkeiten den Frevler Zum Verlassen Gräfenbergs zu zwingen. Infolge der Intervention einiger Kurgäste Wurde der Deliquent begnadigt und die gestrenge Badeverwaltung begnügte sich damit, allen Kaftanträgem das Betreten der Kurpromenade zu verbieten. Unserer Ansicht nach hat eine Badeverwaltimg lediglich das Recht, von den Kurgästen zu verlangen, daß sie ordentliche und reinliche Kleider tragen. Ihnen einen bestimmten Zuschnitt der Kleider vorschreiben wollen oder das Tragen irgend einer landesüblichen Tracht zu verwehren, bedeutet einen unverschämten Eingriff i n das persönliche Recht des Kurgastes. Etwaige Beschwerden einiger antisemitischer Lümmel oder verkommener jüdischer Kurgäste, die sich ihrer östlichen Volksgenossen schämen, können dieses Vorgehen nicht rechtfertigen. Wir and überzeugt, daß 'sich die Badeverwaltung wohl gehütet hätte, einem Tschechen oder Polen das Tragen seiner landesüblichen Tracht zu verwehren. Lediglich den Juden gegenüber gestattet sie sich ein derartiges unqualifizierbares Vorgehen. Wenn man noch berücksichtigt, daß die überwiegende Majorität der Kurgäste Juden sind, so erscheint dieser Vorfall noch krasser. Es ist bedauerlich, daß die Juden in Gräfenberg nicht zur Selbsthilfe gegriffen |und den Herren schlesischen Antisemiten sofort den Brotkorb höher gehängt haben. Durch Publizierung dieses Vorfalles wollen wir das Versäumte nachholenund bitten alle unsere Leser und alle jüdischen Organs diesen! Vorfall der Öffentlichkeit zur Kenntnis Zu bringen. Ein ehrliebender Jude, auch wenn er übers Kaftantragen die oder jene Meinung hat, darf ein Bad, inwelchemseineVolksgenossen aus dem Osten unter 'demütigende Ausnahmsgesetze gesteift «werden, nicht aufsuchen. Es wird ein Leichtes sein, den Herren schlesischen Antisemiten beizubringen, ^aß!sie sich jüdischen Kurgästen (gegenüber nicht frech benehmen dürfen! Antisemitismus und Aerztemangel in Deutschland. In Deutschland vollzieht sich das gleiche Schauspiel fvZje in Oesterreich, der Mangel an Militärärzten nimmt große Dimensionen an, weil die Verwaltung keine Juden mehr anstellt. Sie muß allerdings diesen Sport mit der völligen Desorganisation des militärärztlichen Dienstes bezahlen. Im „Stuttgarter Beobachter“ sdhreibtü ber diesen Gegenstand ein Arzt: „Von den 20 württembergischen Truppenden — Regimentern und selbständigen Bataillonen — haben, wie ein hiesiges Blatt neulich mitgeteilt hat, neuen keinen Oberode r Assistenzarzt zumjärztlichen Truppendienst zur Verfügung, darunter allein fünf von den zehn Infanterieregimentern mit ihren meist drei Bataillonen; acht Kavallerie- und Feldatillerie-Regimenter des Armeekorps verfügen bei gänzlichem Mangel an Stabsärzten über insgesamt fünf Oberärzte. An An Assistenzärzten besitzt das ganze württembergische aktive Sanitätskorps nur vier. Dieser Mangel an aktiven Militärärzten ist gegenüber faer sonstigen Ueberflülung im ärztlichen Stande eine zu auffallende Erscheinung, als daß man der Ursache dieses Mißverhältnisses nicht nachgehen sollte, und so bringt auch das „Medizin. Korrespondenzblatt“ in seiner letzten Nummer eine Würdigung dieser Frage. Auf einen Hauptpunkt kommt aber weder das ärztliche noch das politische Blatt zu sprechen und deshalb mögen an dieser Stelle einige Ausführungen folgen, die zur Ergänzung und Klärung dienen sollen. Eine Erscheinung, die mindestens ebenso auffallend ist wie der jetzt bedrohliche Dimensionen annehmende Mangel lan Militärärzten, ist die T atsach des absoluten Ausschlusses der jüdischen Aeztevonder aktivenmilitärärztlichen Karriere in den letzten Jahrzehnten, und, so paradox, es klingen mag diese beiden Tatsachen stehen in einem direkten Verhältnis zu einander nicht etwa in dem Sinne, daß so der ganze Mangel an Militärärzten'aus jüdischen Aezten zu decken gewesen wäre, aber der Geist der Intoleranz und Unduldsamkeit, der aus dieser Zurücksetzung spricht, dürfte manchen christlichen Arzt abgehalten haben, in die militärärztliche Karriere einzutreten. Ein Arzt, dessen ganze Berufsfähigkeit in der Abschätzung und Beurteilung des Einzelindividuums besteht, wird sich nur schwer mit einer generellen Aburteilung aus religiösen Gründen befreunden können, und er wird sich sagen müssen, ^aß mit «derselben Härte und Entschiedenheit in analogen Fällen verfahren wird, wenn er etwa in wissenschaftlichen Dingen oder gegenüber den großen Fragen unserer Zeit einen Standpunkt vertreten würde, durch den er an irgendeiner Stelle Anstoß erregen könnte. Ohne daß er sich über das Unrecht, daß seine jüdischen Kollegen trifft die in der Reserve recht gerne verwendet werden, besondere Gedanken machen würde, muß er darin ein Symptom eines Systems der Unduldsamkeit und Unfreiheit sehen, dem er die besten Jahre seines Lebens nicht anvertrauen mag, und die berechtigte Furcht, daß ein selbständiges Urteil mit Zurücksetzungen in der Beförderung beantwortet werden kann, ist auch durch die schönste Aussicht auf sonstige Kommandos und Ausbildungsmöglichkeiten nicht zu beschwichtigen und hält viele ab, die nicht zu den schlechtesten Vertretern ihres Standes Zu zählen sind, als aktive Militärärzte dem Vaterlande zu dienen. Das beste upd sicherste Mittel, ein genügend zahlreiches und arbeitsfreudiges Sanitätsoffizierskorps heranzuziehen, wird darin bestehen, daß man an den maßgebenden Stellen jene Forderung erfüllt, die unser Landsmann Friedrich Schiller, der auch einstens so etwas wie Arzt war, in die kurzen Worte gefaßt hat: Geben Sie — Gedankenfreiheit.“ Das „M ed Vzi nj siche Korrespondenz b 1 a 11“ schreibt: „Die Ursache des Mangels an Militärärzten liegt andern bisher geübten System, einen großen Teil der Mediziner von der militärischen Laufbahn künstlich fennzuh alten, nämlich die jüdiscble;r, Konfession. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Heranziehung der jüdischen Aerzte sofort den Mangel an Militärärzten bedeutend verringern, Wenn jihht ganz verschwinden machen könnte, wie es auch ein offenes Geheimnis ist, daß dieser schon von vielen Seiten vorgeschlagene Weg nicht begangen werden soll.. Denn sonst braucht man nicht die gekünstelten Versuche zu machen, auf andere Weise den Zufluß zur militärischen Laufbahn zu heben.“ Klerikaler Antisemitismus in Italien. Ueber dieses Thema berichten reichsdeutsche Blätter: Der Antisemitismus ist bisher in Italien weder von Politikern noch von Pseudogelehrten öffentlich vertreten worden. Im staatlichen Leben herrscht eine Toleranz, die höchstens in England ihresgleichen hat. In denniedersten Volksschichten freilich ist der Jahrhunderte lang künstlich' genährte verachtungsvolle Haß gegen das Ghetto noch nicht ganz ausgerottet und in denjenigen Städten, wo auch heute noch die Juden in bestimmten Quartieren, wenn auch' freiwillig, beisammenwohnen, kommt es gelegentlich' zu Reibereien. In Rom' hat ein solcher Auftritt dieser Tage ein Menschenleben gefordert, da nach einem Wortgefecht zwischen christlichen und jüdischen Straßenjungen einer von diesen erstochen wurde. Man würde gewiß zu weit gehen, wenn man die Verantwortlichkeit für diese Tat, die pich nicht viel von gewöhnlichen Ronheitsverbrechen unterscheidet, der Religion des messerstechenden Jungen aufbürden wollte. Daß aber der Klerus puch in Italien die Feindschaft gegen die Juden pdhürt, geht aus einer Veröffentlichung des römischen „Messager o“ hervor, der einem von Pius X. genehmigten und in klerikalen Schulen eingeführten Lesebuch des Jesuiten R i n a 1 d i eine erbauliche Geschichte entnimmt, die von der Bekehrung einer Judenfamilie handelt. Zacharias und Rachel, so erzählt die Geschichte, haben ein einziges Kind, den neunjährigen Tobias, den der Vater gelehrt hat, Jesus zu verachten und das Kruzifix anzuspeien (!). Rachel aber neigt zum' Katholizismus und auf einer Reise in ach Frankreich, wo sie von Tobias und ihrem bereits übergetretenen Bruder begleitet ist, läßt sie sich taufen. Dem' kleinen Jungen wird sorglich eingeschärft, dem Vater von all dem ja nichts zu sagen. Nach der Rückkehr in die Heimat bemerkt zwar Zacharias, daß auch sein Sohn zum Christentum neigt, die volle Wahrheit aber entdeckt er nicht. Tobias iwill sich nun auch taufen lassen. Anfänglich rät der Onkel wegen der Jugend des Neophyten davon ab, schließlich aber gibt er nach und der neue Christ erzählt nun dem1 Vater den ganzen Hergang. Zacharias verreist zunächst in blinder Wut auf einige Tage, dann entführt er seinen Sohn und steckt ihn in eine protestantische Schule, wo er seinen christlichen Ideen abgelenkt werden sollt Seine Mutter Weiß nicht, wo er steckt, doch' verliert sie den Mut nicht. Ein zweiten Bruder dieser RaChel, die nunmehr Mariana, heißt, vermittelt zwischen dem Gatten und Tobias und wird dafür von diesem bekehrt. Nun bleibt nur noch der störische Vater übrig. Um auch diesen noch auf die von Jesuiten vorgezeichnete Bahn zu lenken, greift die „Hand Gottes“ höchstpersönlich ein. Zacharias erleidet auf seiner alltäglichen Wagenfahrt einen Sturz, der ihn aufs Krankenlager wirft. Nach einem Monat erliegt er seinen Verletzungen; die Hinterbliebenen aber haben den Trost, ihn zuletzt noch die Taufe und die letzte Oelung empfangen zu sehen. „Jesus und die Kinder“ 'heißt das erbauliche Buch des Jesuiten, der seine Leser glauben machen will, lein Jude halte eigens im1 Haus ein Kruzifix, um es von seinem Jungen beschimpfen zu lassen. Der italienische Klerus darf sich nach solchen Leistungen nicht wundern, wenn man ihn für die Ausbrüche (wilden Fanatismus mitverantwortlich macht. Aus dem jüdischen Leben. Polnischer Antisemitismus W arschau. Der Zwiespalt in den Reihen der polnischen Notionaldemokraten, die bisher als die nubeschränkten Herren der politischen Situation galten, nimmt in letzter Zeit immer größere Dimensionen an. Mit dem unbestrittenen Einfluß dieser Partei aut die weiten Volksmassen ist es nun zu Ende. Im Hinblick darauf wird zur Zeit in politischen Kreisen Polens die Frage der Schaffung eines politischen Blocks nach dem Vorbild der galizischen „Rada Narodowa“ lebhaft erörtert. Diesem Block sollen beide Fraktionen der Nationaldemokraten, ferner die Realisten, der Progressistenverband und die sog. „Ludowcy“ unter Aufrechthaltung ihrer parteimäßigen Selbständigkeit angehören. Die Hauptaufgabe des Blocks soll darin bestehen, die Wahl von Juden und Sozialdemokraten zu Abgeordneten von Polen zu verhindern. — Das sind die nämlichen Polen, Welche sich auf die Unterdrückten und

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